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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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EDITH BRAEMER - Goethes Prometheus und die Grundpositionen des Sturm und Drang



Eine gewisse Belebung wies auch der literarische Markt auf, wobei noch keineswegs von einem 'freien Markt" die Rede sein konnte; als größte Behinderung erwies sich immer noch der Nachdruck, der es den Schriftstellern unmöglich machte, von den Erträgnissen ihrer Publikationen zu leben. Als Gegenmaßnahme gingen die Schriftsteller weitgehend dazu über, sich durch Subskription den finanziellen Ertrag ihrer Schriften zu sichern. [...] Der Weg der meisten von ihnen führte vom Theologiestudium, das als einziges durch Stipendien kostenfrei sein konnte, über eine Hofmeisterstelle, um im Glücksfall zum Pfarramt zu gelangen. Das Niederdrückende dieser Verhältnisse hat Lenz im 'Hofmeister" gestaltet, freilich nicht ohne kleine Ansatzpunkte mitzugeben, die für die Hebung des bürgerlichen und bäuerlichen Selbstbewußtseins charakteristisch sind, mochte das auch in skurriler Form hier zum Ausdruck kommen. Aber auch dort, wo plebejische und bäuerliche Schicksale nicht zum eigentlichen Thema wurden, finden wir die Aufnahme bäuerlicher und plebejischer Probleme, und die Helden der Sturm-und-Drang-Literatur werden fast alle weitgehend durch ihre Stellung zu Bauern und Plebejern bestimmt. Es war aber nicht einer, der selbst aus solchen Schichten stammte, dessen Dichtung die gesamte Bewegung in umfassender Weise repräsentiert, sondern die höchste Typik wurde von Goethe erreicht, dem persönlich die Bitternisse der meisten seiner Freunde erspart blieben und der die große Chance besaß, nicht im kleinen Kreis stecken bleiben zu müssen. Goethe gewann schon in seiner Jugendzeit eine sehr weitreichende Ãœbersicht über viele Kreise der Gesellschaft, die ihm den Weg zu einer nicht ständisch gebundenen, sondern nationalen Dichtung ebnete.

      Die Interessenverbindung zwischen Schriftstellern und bäuerlichen plebejischen Schichten würde nun die Aufnahme bestimmter Stoffe und Sujets, die Erweiterung des zur Darstellung gelangenden Personenkreises und sogar die Bevorzugung bestimmter Genres erklären, sie würde aber nicht ausreichen, um den außerordentlichen Aufschwung, den die Literatur nahm, und die Höhe, die sie erreichte, verständlich zu machen. Es war im realen Leben, trotz einiger Ansatzpunkte, doch so wenig Möglichkeit zu optimistischer Hoffnung gegeben, daß es unser Erstaunen erregen muß, wie die schwachen Wirklichkeitskeime in der literarischen Widerspiegelung zu solch großartigem Triumph gedeihen konnten. Die Erklärung dafür läßt sich nur in der Beziehung von Basis und Ãœberbau finden, zu deren Besonderheiten es gehört, daß schon geringe quantitative Veränderungen in den Produktionsverhältnissen qualitative Veränderungen im Ãœberbau oder in den Teilgebieten des Ãœberbaus hervorbringen können. [...] Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen Entwicklung im zersplitterten Deutschland bedingte auch das Maß des jeweiligen Einflusses, wie alle hier erörterten Ansatzpunkte nur unter dem Aspekt der außerordentlich ungleichmäßigen Entwicklung in den verschiedenen deutschen Gebieten gesehen werden dürfen. Derjenige Teil des Ãœberbaus, der ideologisch relativ am unabhängigsten von dem feudalabsolutistischen Staatsapparat sein konnte, war die Literatur, die infolgedessen am intensivsten die
Basisveränderungen widerzuspiegeln vermochte. Die Möglichkeit des Ãœberbaus, auf quantitative Basisveränderungen qualitativ zu reagieren, erweist sich in dieser Periode besonders an der Literatur. [...]
Es war die Aufgabe der Literatur als Bestandteil des werdenden Ãœberbaus über der werdenden kapitalistischen Basis, dafür zu kämpfen, daß diese Basis zum Durchbruch gelangen konnte. Das Mißverhältnis bestand aber gerade darin, daß diese Basis nur so keimhaft vorhanden war und daß bis zu ihrem Durchbruch noch sehr lange Zeit vergehen sollte; der literarischen Revolution folgte keine politische Revolution. So gesetzmäßig die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung von Basis und Ãœberbau auch sein mochte, so mußte diese Ungleichmäßigkeit doch auch in der Literatur zum Ausdruck kommen.
      Das geschieht in der Sturm-und-Drang-Literatur in zweifacher Weise, in negativer und in positiver. In negativer Weise, weil [...] auch der kommende Kompromiß bereits im Keim mit enthalten ist; in positiver Weise, weil die Helden dieser Literatur von unvergleichlichem Optimismus getragen sind, weil hier Triumphe gefeiert werden, die weit über die Grenzen hinausreichen, die bürgerlicher Entwicklung historisch gesetzt sind. Die Ansätze zum Kompromiß, die durchaus bemerkbar sind, ergaben sich notwendig aus der Situation Deutschlands, denn bei der ökonomischen und politischen Unentwickeltheit des Bürgertums mußte ein Weg gefunden werden, um zu gewissen Vereinbarungen mit dem Adel und mit den Fürsten zu gelangen. Da die Reformen nicht erzwungen werden konnten, wurde versucht, sie durch freiwilliges Entgegenkommen des Adels zu erreichen, und enthusiastisch wurden solche Fürsten gepriesen, die Entgegenkommen zeigten. Die ökonomische Zurückgebliebenheit hing eng mit der politischen zusammen; in dem aufgesplitterten Deutschland konnte kein einheitlicher Markt entstehen, und das Bürgertum konnte sich nicht entwickeln. Alle Bestrebungen mußten darauf gerichtet sein, die Einheit der Nation herzustellen, und sie war schwerlich gegen die Fürsten herzustellen; also wurde versucht, sie gemeinsam mit ihnen zu erreichen. [...] Die meisten Helden der Sturm-und-Drang-Dramen sind Adlige; Adlige, die bürgerlich denken, die sich mit Bürgern und Plebejern verbünden. Diese Adelsutopie beruhte einmal auf der Tatsache, daß es, wenn auch nur relativ wenige, solche Adlige gab, zum anderen auf der Hoffnung, daß es sie geben möge. Das Negative der Wirklichkeit wendet sich so in der Literatur zum Positiven: in der Dichtung wird die Nation hergestellt, indem Adlige sich mit Bürgern und Bauern verbünden. Dieses Bündnis trägt noch weitgehend privaten Charakter, da es vorwiegend Liebesbeziehungen zwischen Angehörigen verschiedener Stände sind. [...]
Die außerordentlich weitreichende Identifizierung mit den unteren Schichten, die den Sturm-und-Drang-Schriftstellern eigen ist, führt zu einer in der bürgerlichen Literatur einmaligen Volksverbundenheit. Diese Volksverbundenheit gestattet es dem jungen Goethe und später dem jungen Schiller, den physischen Untergang ihrer Helden unter dem Aspekt eines triumphierenden Zukunftssieges, einer strahlenden Perspektive zu formen, die als utopisches Element'in die Gestaltung einbezogen wird. Eine derartige Sicht wird durch die Wahl ihrer Helden begünstigt, deren Stellung in der 'großen Welt" die Möglichkeit aktiver Auseinandersetzung mit dem feudalabsolutistischen Gegner bietet. Wenn sich der Gegner auch in den meisten Fällen als der gegenwärtig noch mächtigere erweist, der den Helden zum Sterben verurteilt, so wird das Sterben zu einem Fanal gesellschaftlichmoralischer Ãœberlegenheit und zukünftigen Sieges.
      Anders dagegen nimmt sich die Perspektive in den Dichtungen der 'Naturpoeten" aus, jener Schriftsteller, die nicht aus der 'kleinen Welt" heraustreten können, die weder genügend praktische noch theoretische Erfahrungen besitzen, um die gesellschaftlichen Antagonismen an den entscheidenden Knotenpunkten erfassen zu können. So bleiben auch ihre Helden in den engen Maschen des kleinbürgerlich-plebejischen Netzes verstrickt und opponieren nicht gegen die exponierten Repräsentanten der Gegenseite, sondern gegen mehr oder weniger unbedeutende Nutznießer der feudalabsolutistischen Gesellschaft. Die Konflikte werden aus Konstellationen entwickelt, wie sie sich in einem engen Milieu ergeben können, und wenn dieses Milieu auch charakteristisch für die gesamte Gesellschaft ist und sie in begrenztem Maße widerspiegelt, so erscheint die Gesellschaft doch auf einen kleinen Kreis reduziert, in dem sich keine zentralen Konflikte entwickeln können. Dementsprechend ergibt sich die Perspektive mehr aus einer Verneinung der bestehenden, als aus der utopischen Vorwegnahme einer künftigen Gesellschaft, wobei die in solchen milieurealistischen Dichtungen geübte Kritik aber die breite Grundlage schafft für den entwickelten Realismus der klassischen Nationaldichtungen des Sturm und Drang, der Dichtungen des jungen Goethe und des jungen Schiller. Aber die in diesen Dichtungengestaltete Perspektive, die viel zu weit gespannt ist, um in der bürgerlichen Welt jemals realisiert werden zu können — weil die Emanzipation des Bürgertums nicht identisch ist mit der Emanzipation der Menschheit -, hängt ebenso eng mit den Basisfaktoren zusammen, wie sie sich von ihnen zu entfernen scheint. Sie hängt ebenso eng mit ihnen zusammen wie mit der latenten Bereitschaft zum Kompromiß, die auch im Sturm und Drang schon vorhanden ist. Das Positive und das Negative sind zwei Seiten desselben Komplexes: Weil in Deutschland keine realen Bedingungen für einen Sieg des Bürgertums vorhanden waren, mußte nach einem Kompromiß gestrebt werden; weil das Bürgertum ökonomisch und politisch so weit zurückgeblieben war, konnten Hoffnungen entstehen, die ein entwickelteres Bürgertum gar nicht hegen würde. Die Interessengemeinschaft zwischen Bürgern, Bauern und Plebejern war in Deutschland - zumindest in der künstlerischen Widerspiegelung, die die Quantität realer Beziehungen in die Qualität umsetzen konnte — ungleich stärker als etwa in Frankreich, wo das Bürgertum starke ökonomische Positionen besaß und darum kämpfte, die ökonomischen Positionen auch zu politischen werden zu lassen. In Deutschland, wo nur geringe Aussichten für die Emanzipation des Bürgertums bestanden, konnte die Identifizierung mit den unteren Schichten viel weiter getrieben werden als in einem Land, in dem das Bürgertum bereits Vorsorge treffen mußte, Forderungen einer nachstoßenden Klasse zurückzudrängen; das vorrevolutionäre ideologische Bündnis durfte nicht so eng geknüpft werden, daß es zum Hemmnis für das Bürgertum selbst werden konnte. [...]
Die Philosophie soll für das Volk da sein, nicht für besonders Gebildete und Gelehrte, deren Aufgabe es gerade ist, für das Volk zu schreiben. Aus dieser Haltung erwächst die Forderung, die als eine der beiden Grundpositionen des Sturm und Drang bezeichnet werden muß. [...]
Diese Forderung, die als ideologisches Ferment die Äußerungen des Sturm und Drang auf allen Gebieten bestimmt, auch und vor allem auf dem Gebiet der Ästhetik, sollte nur wenige Jahre nach Herders Niederschrift eine Erweiterung und Vertiefung nach allen Seiten hin erfahren, insbesondere dadurch, daß ein Begriff der 'Nation" in den Vordergrund trat, der durch das Streben nach Verschmelzung der Stände auf bürgerlicher Grundlage bestimmt wurde, wobei diese bürgerliche Grundlage weitgehend auch bäuerlich-plebejisch gedacht war. Der frühe Aufruf Herders zu einem Bündnis zwischen Philosophen und Plebejern aber war ein Auftakt uhd zugleich mehr als ein Auftakt; denn obwohl er noch weit stärker von der Philosophie ausgeht, als das einige Jahre später der Fall sein wird, wenn die realen Verhältnisse schon weit mehr berücksichtigt werden, ist das wichtige Moment der Solidarisierung mit den plebejischen Schichten hier bereits vorgebildet. Das Streben nach einem Bündnis, wie Herder es hier fordert, leitet nicht nur den Sturm und Drang ein, sondern bestimmt dessen eigentliches Wesen. [...]
Während sich bei Herders Beantwortung der Frage, wie die Philosophie zum Besten des Volkes allgemeiner und nützlicher werden kann, [...] eine Grundposition des Sturm und Drang herauskristallisierte, bedeutet das 'Journal meiner Reise im Jahre 1769" das Dokument, in dem [... eine - Red.] andere Grundposition manifestiert wird, die Grundposition des Strebens nach Aktivität. [...]
Das Streben, einen nach allen Seiten hin entwickelten Menschen auszubilden, der nicht nur mit dem Verstand die Dinge abstrakt, sondern sie mit seiner ganzen Empfindung allseitig erfaßt, führt zu einem Sensualismus besonderer Prägung. 'Empfindung", eines der Losungsworte des Sturm und Drang, wird [...] im 'Journal" [1] bereits keineswegs als Gegensatz zum verstandesmäßigen Denken aufgefaßt, sondern als ein umfassenderes und besonders auch aktiveres Aufnehmen aller gegebenen Einwirkungen, als nur durch den Verstand allein möglich wäre. Die Aktivität gibt sich aber besonders dadurch kund, daß auf die Einwirkungen selbst wiederum eingewirkt werden soll, daß nicht ein passives und wahlloses Aufnehmen gefördert wird, sondern daß die aufzunehmende Realität durchaus als gesellschaftliche Realität betrachtet und dementsprechend dort kritisiert wird, wo sie nicht geeignet ist, große Empfindungen als Vorbedingung der Aktivität zu erwecken.
      Der Begriff der 'Empfindung", so aufgefaßt, bringt zugleich den Begriff mit sich, der für den Sturm und Drang speziell charakteristisch ist, den Begriff des 'Genies", der, um es gleich vorwegzunehmen, keine besondere Eigentümlichkeit einzelner Individuen bedeutet, sondern die allgemein gültige Forderung nach einer Persönlichkeitsentfaltung darstellt, die auf Wirksamkeit gerichtet ist. [...] Bei Lessing wie bei Herder, der im 'Journal" die Geniekonzeptiondes Sturm und Drang formuliert, entspringt die Geniekonzeption aus bürgerlichem Selbstbewußtsein, beiden ist gemeinsam, daß 'Genie" nicht als Ausnahmeerscheinung angesehen wird, sondern als potentielle Möglichkeit, die unter bestimmten günstigen Umständen allgemein erreichbar sei, beide wünschen eine Änderung der elenden Zustände, die solche potentielle Möglichkeit verkümmern läßt. Diese Momente der Geniekonzeption findet der Sturm und Drang bereits vor, er bildet sie aber derart um und fügt ihnen so entscheidende Momente hinzu, daß eine neue Qualität entsteht. Vor allem wird die Bereitschaft zu praktischer Erfahrung gefordert, die durch aktive Teilnahme an den Geschehnissen erreicht werden soll; diese Teilnahme bedingt wiederum eine gleichmäßige Entfaltung aller menschlichen Kräfte und eine Reaktionsbereitschaft, die ebenso von den Sinnen wie vom Verstand getragen wird. Aus solcher Synthese, die nicht etwa nur aus Verstand plus Gefühl entsteht, sondern aus einer Legierung beider, entsteht die neue Qualität der 'Empfindung", die aktiver reagiert, als Verstand oder Gefühl jeweils für sich allein dazu fähig wären. Wenn Lessing die Verhältnisse anklagt, daß sie keine Genies entfalten können oder daß Genies zugrunde gehen müssen, so erdenkt Herder Pläne zur Reformierug der Gesellschaft, freilich Pläne besonderer Art. Es handelt sich hier nicht um Pläne eines Politikers, der zuerst die realen Möglichkeiten erwägt, sondern um die Pläne eines weitab vom öffentlichen Leben denkenden Mannes, der seine eigene Persönlichkeit für öffentliches Leben umzuprägen wünscht. Weder Lessing noch Herder waren in der Lage, reale Änderungen herbeizuführen, aber die Art und Intensität der Bestrebungen erhält bei Herder eine erweiterte und umfassendere Stoßkraft, die sich auf die Literatur im besonderen Maße auswirken sollte. [...]
Zunder zu großen Taten: hier ist [... eine weitere - Red.] Grundposition des Sturm und Drang, denn während das Handeln angestrebt wird, kann es tatsächlich nur ideologisch vorbereitet werden, und alles, was der Sturm und Drang in bezug auf die unmittelbare Realität leistet, liegt in dem Wort 'Zunder" beschlossen, dessen Wesen die Vorbereitung ist. [...]
Die beiden Grundpositionen des Sturm und Drang, das Streben nach einem Bündnis zwischen bürgerlichen Intellektuellen und Bauern und Plebejern und das Streben nach handelnder Aktivität, stecken das Spielfeld ab, in dessen Rahmen sich die Kraft dieser Bewegung ebenso entfalten wie ihre Grenzen finden sollte. Beide Bestrebungen empfingen ihre Impulse aus den realen Ansätzen zu einer neuen, bürgerlich werdenden Wirklichkeit; für beide Bestrebungen waren diese Ansätze zu schwach, um anders als ideologisch sich auswirken zu können.

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EDITH  BRAEMER  -  Goethes  Prometheus  Grundpositionen  Sturm  Drang    





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