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DIETER SCHILLER - Unser Traditionsverhältnis und das klassische Erbe



Doch zeigen schon die Debatten der dreißiger Jahre, daß [...] ein sozialistisches Verhältnis zu den Traditionen des progressiven bürgerlichen Humanismus, zum Erbe der bürgerlichen Emanzipationsbewegung nicht bei einer bloßen Identifikation stehenbleiben kann. Seine schöpferische Aneignung verlangt das Bewußtsein des historischen Abstands, sie muß historisch-konkret und kritisch sein, wenn sie dieses Erbe nicht als eine absolute Größe betrachten und die in ihm geronnenen emanzipatorischen Leistungen der bürgerlichen Klasse und aller ihr verbundenen antifeudalen Schichten nicht anachronistisch betrachten, sie nicht zum Maßstab der weitergreifenden Aufgaben der Epoche des Ãœbergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus machen will. Denn Traditionen sind nichts Starres, Unveränderliches. Sie werden zur Fessel, wenn sie sich nicht in der wirklichen, geschichtlichen Bewegung bereichern, sich nicht immer neu aufschließen lassen für, die Bedürfnisse der fortschrittlichen Kräfte in der Geschichte. Jede aufsteigende geschichtliche Bewegung muß zurückgreifen auf ihre Vorgeschichte, um sich ihres eigenen geschichtlichen Wesens bewußt zu werden.

      Sie muß aufarbeiten, was vor ihr an praktischen und geistigen Anstrengungen erbracht wurde in dem Prozeß der Aneignung der Natur durch den Menschen und in den Bemühungen, Herrschaft

über seine gesellschaftlichen Beziehungen zu erlangen. Ein solches Aufarbeiten ist immer zugleich ein Weiterführen und ein Verwerfen — was den Filter dieser Prüfung passiert, die alles Ãœberlieferte auf seine Verwertbarkeit für das kollektive geschichtliche Selbstverständnis der Klassen und Schichten hin betrachtet, das geht ein in ihr Traditionsbewußtsein. Von diesem Traditionsbewußtsein aus wird die Sicht auf das Erbe geprägt, wird dieses Erbe selbst gesellschaftlich verfügbar und handhabbar. [...]
Unser sozialistisches Traditionsverständnis sucht die wirkliche geschichtliche Beziehung des Erbes der Vergangenheit zur Gegenwart sichtbar zu machen. Marx und Engels betonten einmal, der Kommunismus, wie sie ihn begriffen, sei kein ausgedachtes Ideal, sondern die wirkliche geschichtliche Bewegung. Das Verhältnis zum Erbe der Vergangenheit wird also hier bestimmt von der wissenschaftlichen Einsicht in den fortschreitenden Gang der Geschichte, in ihre Triebkräfte und Widersprüche. Die Aktualität und Wirkungskraft des Erbes gründet sich auf die Kontinuität der historischen Konflikte, Kämpfe, auf das Wissen um die geschichtliche Einheit, das ein Wissen um den historischen Abstand einschließt. [1] Das Erbe wird hier nicht wie im bürgerlichen Bewußtsein dem Zweck unterworfen, gesellschaftliche Widersprüche zu verdecken oder ideologisch zu.paralysieren. Es wird — Brecht hat das in seinem Gedicht 'Fragen eines lesenden Arbeiters" modellhaft vorgeführt — kritisch nach seinen Aussagen über die geschichtliche Wirklichkeit befragt und nach seiner Stellung innerhalb der geschichtlichen Wirklichkeit, in der es wirkte und wirkt. Die Auseinandersetzung mit dem Erbe wird hier zu einem Medium, wissenschaftliches Geschichtsbewußtsein und historisches Selbstbewußtsein zu fördern und ein Persönlichkeitsbild zu entwickeln, das den Menschen als ein geschichtliches Wesen, das Individuum als ein Ensemble seiner gesellschaftlichen Verhältnisse begreifbar macht. Diese gesellschaftlichen Verhältnisse sind aber historisch gewordene, und sozialistisches Traditionsbewußtsein zu entwickeln heißt, dieses Werden in seiner objektiven Gesetzmäßigkeit durchschaubar zu machen und das Wissen darum zu einer Triebkraft des individuellen Handelns werden zu lassen.
     

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