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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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Die Überwindung der Romantik



Der obskur-reaktionren Romantik standen zu gleicher Zeit bereits knstlerische Krfte gegenber, die Gewhr und Ausdruck waren fr neue, progressiv-knstlerische Entwicklungen.
      Goethe hat sich lange und grndlich mit der Romantik als geistiger Konzeption sowie mit ihren Vertretern auseinandergesetzt, ehe er zum offenen Angriff berging. Dazu bewegten ihn die immer deutlicher zutage tretenden Tendenzen einer politisch-weltanschaulichen Apologie des Feudalismus und die von dieser Bewegung ausgehenden Gefahren fr die brgerlich-realistische Kunstentwicklung. Gleichwohl war er um ein mglichst differenzierendes und gerechtes Urteil bemht. So gelangte er zu durchaus positiver Beurteilung einzelner Teilleistungen der Romantik, besonders ihrer Bemhungen um die Volksliteratur der vergangenen Jahrhunderte . Im Laufe der Jahre trat jedoch die prinzipielle Unvereinbarkeit von Klassik und Romantik gerade in bezug auf die wichtigsten politischen, weltanschaulichen und sthetischen Fragen immer schrfer zutage.


      Der alte Goethe und die Romantiker standen vor ein und demselben Problem: der sthetischen Durchdringung der sich immer deutlicher als inhuman offenbarenden Gegenwart. Die Romantik erwies sich jedoch als unfhig, die Widersprche des Lebens realistisch zu bewltigen; sie konnte nur subjektive Reaktionen auf empirisch erfate Erscheinungen widerspiegeln oder regressive Lsungen anbieten. Der Realist Goethe befand sich mit seinem Glauben an den Fortschritt der Menschheit und mit seiner Anschauung vom Verhltnis der Kunst zur Wirklichkeit auf diametral entgegengesetzten Positionen. In seinen knstlerischen Werken wird deutlich, da fr Goethe eine Fluchtreaktion nicht in Frage kam, da er sich die Entfaltung des Individuums nur durch die schpferische Tat innerhalb der Gesellschaft denken konnte und da er sich zu der groen dialektischen Erkenntnis durchrang, da der Weg der Menschheit mit innerer Notwendigkeit zu immer hheren, vollkommeneren Stufen fhrt. Fr Goethe blieb die Kunst ein Mittel, die objektive Gesetzmigkeit der menschlichen Entwicklung zu erfassen; in seinem knstlerischen Schaffen gab es keinen Raum fr Agnostizismus und Subjektivismus; 'Solange er blo seine wenigen subjektiven Empfindungen ausspricht, ist er noch keiner zu nennen; aber sobald er die Welt sich anzueignen und auszusprechen wei, ist er ein Poet." Schlag auf Schlag folgten nun auch seine theoretischen Verteidigungen des Realismus, seine Kampfansagen an die Romantik: von der 1805 verffentlichten Schrift 'Winckelmann" bis zu 'Shakespeare und kein Ende" und bis zu seinem berhmten Ausspruch gegenber Eckermann: 'Das Klassische nenne ich das Gesunde und das Romantische das Kranke" . Goethes Verteidigung und Weiterentwicklung der progressiven brgerlichen Traditionen gegenber der Romantik haben eine magebliche Bedeutung fr die deutsche Nationalliteratur erlangt; sie halfen in hohem Mae bei der Überwindung der Romantik und boten die Gewhr dafr, da die groe realistisch-humanistische Traditionslinie unserer Literatur nicht abri.
      Die Notwendigkeit, nach der Konsolidierung der Restauration in Deutschland die eigenen Positionen zu berprfen, beschleunigte den Differenzierungs- und Zerfallsproze der romantischen Literatur, der einerseits durch unfruchtbare Versteifung romantischer Haltung, andererseits jedoch durch die immer strkere Hinwendung zum Realismus gekennzeichnet ist.
      Bereits relativ frh traten in diesem Sinne bei Chamisso unromantische, realistische Schaffenselemente auf; Ende des ersten und verstrkt im Laufe des zweiten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts sind hnliche Erscheinungen besonders im Sptschaffen E. T. A. Hoffmanns zu verzeichnen.
      Die literarische Romantik war innerhalb der damaligen 'Literaturgesellschaft" eine Strmung, die ihrer Funktion nach sowohl Bindeglied zwischen dem klassischen und dem kritischen Realismus als auch Sackgasse sein konnte, die den Weg in die nationalliterarische Entwicklung nicht mehr freigab; sie konnte aber auch Anla sein zu betonter knstlerischer und theoretischer Fixierung realistischer Positionen. Sie war entstanden als Ausprgung der schweren Krise, in die Teile einer jungen, nicht mehr fest in der aufklrerischen Tradition wurzelnden Generation gestrzt wurden, als die klassisch-humanistischen Trume sich als Illusion erwiesen und gleichzeitig keine neue reale, humanistische Perspektive sichtbar war. Diese Krisenzeit konnte erst ihr Endefinden durch einen neuen Aufschwung der brgerlichdemokratischen Bewegung; die romantische Literatur konnte nur berwunden werden durch das Entstehen einer Literatur, die mehr und mehr zum bewuten Ausdruck dieser Entwicklung wurde.
      Die entscheidende Voraussetzung dafr war eine strkere Profilierung der Klassensituation in Deutschland. Nach 1815 machte die Entwicklung der industriellen Revolution und der Kapitalisierung der Landwirtschaft langsame, aber - ungeachtet aller Differenzierungen in den verschiedenen Staaten Deutschlands — stetige Fortschritte. Eine nachhaltige Untersttzung fand das Brgertum dabei in der aufblhenden Naturwissenschaft. Einen nicht zu unterschtzenden Einflu auf die Festigung des brgerlichen Klassenbewutseins in Deutschland hatten auch die revolutionren Bewegungen in Spanien, Italien, vor allem in Griechenland und spter in Polen . Dennoch war es insgesamt der feudalen Reaktion gelungen, nach 1819 die freiheitlichen Bewegungen in Deutschland einzudmmen und auch das literarische Leben nachteilig zu beeinflussen. Leben und Werk des spten E. T. A. Hoffmann zeugen deutlich von dieser literaturgeschichtlichen Zsur.
      Erst der 'konomische Aufschwung in den zwanziger Jahren trug wesentlich zur Festigung der brgerlichen Klasse bei und bildete die Grundlage fr ihr bewuteres politisches Auftreten. Der Kampf um die nationale Einheit trat in ein neues Stadium, an dessen Beginn die Julirevolution in Frankreich steht [.. .]" . Bereits solche sozial aufgeschlossenen und brgerlich-freiheitlich gesinnten Dichter wie Hauff oder Waiblinger suchten in den zwanziger Jahren nach neuen produktiven sthetischen Positionen. Noch deutlicher aber wurde der oben genannte Aufschwung im Auftreten einer neuen oppositionellen Literatur, wie sie von Platen, Brne, Immermann und Heine vertreten wurde. Sie war zwar vorerst noch nicht imstande, sich die groen Errungenschaften der brgerlichen Aufstiegsbewegung voll nutzbar zu machen, wie es teilweise dann erst in den dreiiger Jahren Dichtern wie Heine und Bchner gelungen ist; dennoch stellte sie bereits eine neue Qualitt dar.
      So gewann Heinrich Heine bereits in den zwanziger Jahren eine grundstzlich neue Einstellung sowohl zur Wirklichkeit als auch zur Kunst hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Funktion. Er hate zwar die Bourgeoisie noch mehr als den Adel — lie sich aber dennochnicht den Blick fr die historischen Entwicklungstendenzen verbauen: 'Das Buch ist vorstzlich so einseitig. Ich wei sehr gut, da die Revolution alle sozialen Interessen umfat und Adel und Kirche nicht ihre einzigen Feinde sind. Aber ich habe, zur Festlichkeit, die letzteren als die einzig verbndeten Feinde dargestellt, damit sich der Ankampf konsolidiere. Ich selbst hasse die aristocratie bourgeoisie noch weit mehr." Sein in Zorn und Satire, in aller Zerrissenheit immer wieder hindurchleuchtender, lebensbejahender Optimismus wurde genhrt dadurch, da sich dem jungen Dichter bereits der Blick geffnet hatte auf neue, wahrhaft humanistische Potenzen in den einfachen, naturverbundenen Menschen - und da er der Natur selbst neue Funktionen abgewann, indem er sie sich zur Symbolisierung drngender gesellschaftlicher Prozesse eroberte, indem er sie sich erschlo als Quelle eines optimistischen Lebensgefhls.
      Die Pariser Julirevlution von 1830 leitete die zweite Welle der fortschrittlichen brgerlichen Bewegung nach 1815 ein; ihr Widerhall strkte die Volksbewegung und gab der liberalen Bourgeoisie auch in Deutschland Kraft, den Kampf um brgerliche Rechte aufzunehmen; sie markierte auch die endgltige Überwindung der Romantik als der herrschenden literarischen Strmung in Deutschland. Hatte Platen bereits 1826 sein Kampf stck gegen das romantische Schicksalsdrama, 'Die verhngnisvolle Gabel", geschrieben, so war das Jahr 1830 das Geburtsjahr des 'Jungen Deutschlands", und 1835 beendete Heine seine Kritik der 'Romantischen Schule".
      Mit Droste-Hlshoff, Grabbe und Bchner traten weitere Schriftsteller neben den schon genannten an die Öffentlichkeit, die der Restaurationsperiode kritisch gegenberstanden und deren Werke eine neue sthetische Qualitt in sich bergen.
      Textvorlage: Klaus Schaefer: Die Hoch- und Sptromantik — zwei Phasen einer neuen Entwicklungsetappe der deutschen Literatur. In: Erluterungen zur deutschen Literatur. Romantik. Volk und Wissen. Volkseigener Verlag, Berlin 1973, S. 231-243.
     

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