Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

Index
» Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte
» CHRISTIAN EMMRICH - Die sozialistische Kinderliteratur und die Aufgaben der siebziger Jahre

CHRISTIAN EMMRICH - Die sozialistische Kinderliteratur und die Aufgaben der siebziger Jahre



[...]
Die Herausarbeitung unseres sozialistischen Menschenbildes in der Dialektik von Kontinuität und Diskontinuität unseres geschichtlichen Werdens verlangt von der Kinderliteratur, unserer jungen Generation ein umfassendes und differenziertes Geschichtsbild zu vermitteln. Die großen Leistungen, die in den letzten Jahren insbesondere in der Vergegenwärtigung der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung vollbracht worden sind, setzen Maßstäbe für die dringend erforderliche künstlerische Erschließung weiterer progressiver und revolutionärer Epochen und Persönlichkeiten unserer National- und der Weltgeschichte. Besondere Aufmerksamkeit sollte der Antike, der Renaissance, der europäischen Aufklärung und der deutschen Klassik sowie den bürgerlichen Revolutionen in Europa und Amerika und den nationalen und sozialen Befreiungsbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert, vor allem in Süd- und Osteuropa, in Asien, Afrika und Südamerika gelten. Der Europazentrismus in der Betrachtungsweise ist endgültig zu überwinden und das im 'Kommunistischen Manifest" geforderte internationalistische Prinzip im historischen und künstlerischen Denken durchzusetzen. Neben den schon oft gewürdigten Büchern von Willi Meinck, Eduard Klein und Götz R. Richter haben in jüngster Zeit insbesondere Kurt David und Edith Bergner in dieser Beziehung Vorbildliches geleistet.

     
Kurt Davids Bücher über die Schicksale einfacher Menschen und welthistorischer Persönlichkeiten während der Entstehung des Mongolenreiches unter Dschingis Chan im frühen 13. Jahrhundert, 'Der schwarze Wolf" und 'Tenggeri" [1], befriedigen nicht nur das Bedürfnis nach Spannung und Abenteuer durch eine fesselnde, farbig ausgemalte Fabel. Sie schildern exzeptionelle Lebensschicksale in ihrer Gebundenheit an objektive gesellschaftliche Gegebenheiten und das wachsende Vermögen des Menschen, sich darüber zu erheben und sein Leben selbst zu bestimmen. Sie verteidigen ethische Werte, die das menschliche Zusammenleben glücklich und schön gestalten können: Wahrheitsliebe, Vertrauen, Freundestreue, Liebe und Opferbereitschaft. Davids Bücher besitzen über den hohen Informationsgehalt, über den außerordentlichen Bildungswert hinaus starke erzieherische Potenzen. Der jugendliche Leser begegnet einem humanen Ethos, das in den einfachen Menschen als Grundsubstanz individuellen Wertbewußtseins lebendig ist, während es den in der Klassengesellschaft zur herrschenden Klasse Aufsteigenden mit zunehmender Machtfülle verlorgengeht. [...]
Davids Bücher, die mit großer Sachkenntnis und innerer Anteilnahme geschrieben sind, regen die jugendlichen Leser an, über das Bleibende nachzudenken, das die menschliche Geschichte uns Heutigen überliefert hat. Sie lernen dadurch begreifen, worin die eigentlich humanen Werte unserer kulturellen Vergangenheit liegen und welche Konsequenzen daraus für ihren Entwurf von der Zukunft gezogen werden sollten. Davids Bücher, die eines der erstaunlichsten Phänomene der Menschheitsgeschichte des letzten Jahrtausends auf phantasievolle und damit realistische Weise abbilden, vermögen das Geschichtsbewußtsein unserer Jugend zu vertiefen und dadurch Entscheidungen vorzubereiten, die von dieser Generation einmal über die Weiterentwicklung menschlicher Existenz im gesellschaftlichen Zusammenleben der Völker getroffen werden müssen.
      Edith Bergner hat mit ihrer Erzählung 'Tosho und Tamiki" [2], •zweier Kinder von Hiroshima aus den Jahren 1945 und 1946, etwas unerhört Wichtiges in unsere sozialistische Literatur eingebracht: die Auseinandersetzung mit einem säkularen Ereignis, das der Gegenwart nicht mehr anzugehören scheint und noch nicht Geschichte geworden ist: Hiroshima und das, was den Menschen dieser Stadt durch den Vernichtungswahn der USA-Imperialisten angetan wurde, ist über die Koordinaten von Zeit und Raum hinaus zu einem Symbol geworden, das die ganze Menschheit vor die

Gewissensentscheidung stellt: tua res agitur! Was damals geschah, darf niemals vergessen werden. Das ist der Tenor der Erzählung.
      [...]â– 
Diese Härte des Lebenskampfes, die an entscheidenden historischen Wendepunkten im Leben der Menschheit große Opfer verlangt und dabei oft gerade die Besten fordert, spricht auch aus Erwin Bekiers künstlerischer Reportage 'Geboren am 8. Mai" [3]. [...]
Die von der Kinderliteratur zu stimulierende Vertiefung und Erweiterung des Geschichtsbildes unserer jungen Generation korrespondiert aufs engste mit der Verpflichtung, in wachsendem Maße die Erschließung und Pflege des kulturellen Erbes zu fördern. Die sozialistische Aneignung und Aufhebung des humanistischen Kulturerbes der Menschheit, von Lenin als Voraussetzung der gesetzmäßigen Weiterentwicklung unserer sozialistischen Kultur postuliert, muß in den 70er Jahren wesentlich verstärkt werden. Die qualitativ hochstehenden Ansätze bei Fühmann, Brezan, Ilse Korn, Lilo Hardel und Kurt David werden zwar in diesem Jahr durch das Beethoven-Buch von David und den Rembrandt-Roman von Gloger fortgeführt, bedürfen aber in der Zukunft systematischen Ausbaues. [...]
Unsere Kinderliteratur wird die in den 70er Jahren auf sie harrenden Aufgaben nur dann erfolgreich lösen, wenn sie die Dialektik von Wirklichkeit und Möglichkeit meistert, indem sie ein Bild des Menschen entwirft, das als ästhetisches Ideal zu wirken vermag und Denk- und Verhaltensweisen modellhaft vorführt, die in naher Zukunft Wesensmerkmale aller Bürger unseres Staates sein werden. Unsere Autoren müssen in ihren Werken der 70er Jahre über das Gegenwärtige hinausgreifen und ästhetische Wertvorstellungen entwickeln, die den sozialistischen Menschen von morgen prägen, der sich selbst und die Welt verändert. Das Kinderbuch von morgen soll vom Reichtum und der Schönheit unseres Lebens künden, die in der Phantasie der jungen Leser erstrebt und mit zunehmender Erfahrung allseitig verwirklicht werden, ohne die Schwierigkeiten und Mühen unseres Aufstiegs zu verkürzen. Auf solche Weise wird es in unserer jungen Generation auch die Bereitschaft festigen, dieses selbsterzeugte Leben gegen alle Anschläge zu verteidigen.
     

 Tags:
CHRISTIAN  EMMRICH  -  Die  sozialistische  Kinderliteratur  Aufgaben  der  siebziger  Jahre    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com