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BERTOLT BRECHT - Wie man Gedichte lesen muß



Liebe Pioniere,ihr beschäftigt euch mit meinen Gedichten. Da ich nun ab und zu über Gedichte ausgefragt werde und da ich aus meiner Jugend weiß, wie wenig Spaß uns Kindern die meisten Gedichte in unseren Lesebüchern machten, will ich ein paar Zeilen darüber schreiben, wie man nach meiner Ansicht Gedichte lesen muß, damit man Vergnügen daran haben kann.
      Es ist nämlich mit Gedichten nicht immer so wie mit dem Gezwitscher eines Kanarienvogels, das hübsch klingt und damit fertig. Mit Gedichten muß man sich ein bißchen aufhalten und manchmal erst herausfinden, was schön daran ist.
      Als Beispiel nehme ich eine Strophe aus J. R. Bechers Lied

'Deutschland", das einige von euch wohl in der Vertonung durch Hanns Eisler schon gesungen haben.
      'Heimat, meine Trauer, Land im Dämmerschein, Himmel, du mein blauer, du, mein Fröhlichsein."
Was ist daran schön?
Dieser Dichter besingt seine Heimat als ein 'Land im Dämmerschein". Dämmerung ist die Tageszeit zwischen Tag und Nacht oder zwischen Nacht und Tag, wenn die Helle dem Dunkel oder das Dunkel der Helle weicht. Es ist die graue Zeit des Tages, die Zeit, welche die Franzosen entre chien et loup nennen, auf deutsch 'zwischen Hund und Wolf", die Zeit, wo man das Gute und das Böse nicht recht unterscheiden kann. Der Dichter hat solche Dämmerungen über seinem Land erlebt, da war eine, als es dem Faschismus anheimfiel, der Unmenschlichkeit, und eine, als nach der Zerschmetterung des Faschismus der Morgen des Sozialismus begann. Deshalb ist für ihn das Land sowohl 'Heimat, meine Trauer" als auch 'Du, mein Fröhlichsein". Und immer blieb in seinem Gedächtnis, den er im dritten Vers besingt 'Himmel, du mein blauer", nämlich die Schönheit seines Lands, die unberührbar ist, auch wenn die Wölfe herrschen.
      Das ist das Inhaltliche, und es ist schön, weil die Empfindungen des Dichters tief und von edler Art sind, weil er seine Heimat liebt mit Trauer, wenn das Böse in ihr herrscht, und mit Fröhlichkeit, wenn das Gute zur Macht kommt.
      Aber dann ist da auch noch Schönes in der Art, wie er spricht. 'Heimat, meine Trauer", das kann man nicht schöner sagen, noch 'du, mein Fröhlichsein". Es ist, wie wenn einer in Trauer geht, schwarz gekleidet, unter andern, die in gewöhnlichen Kleidern gehen, und, gefragt, warum er trauert, antwortet: Mein Land ist unter die Mörder gefallen. Und wie wenn einer lustig ist und singt, und, gefragt warum, antwortet: Mein Land wird friedlich aufgebaut. Das ist ein Mensch, dessen ganzes Glück vom Glück anderer Menschen abhängt! 'Himmel, du mein blauer" ist schön, weil es so zärtlich klingt; der Dichter braucht nur das eine Wort 'blau", und schon strahlt dieser Himmel.
      Und sehr schön ist der Rhythmus des Gedichts. Es ist eine große Ruhe darin. Wenn ihr es vor euch hin sagt, werdet ihr merken, was ich meine, und besonders leicht, wenn ihr es singt in der schönen Vertonung von Eisler.
      Ich glaube nicht, daß es dem Gedicht schadet, daß ich es ein wenig auseinandergeklaubt habe. Eine Rose ist schön im ganzen, aber auch jedes ihrer Blätter ist schön. Und glaubt mir, ein Gedicht macht nur wirkliche Freude, wenn man es genau liest. Allerdings muß es auch so geschrieben sein, daß man das tun kann.
      Enstanden: Dezember 1952.
      Erstdruck unter dem Titel: Von der Poesie und dem Frieden. Brief an die Thälmannpioniere. Aufbau, H. 12, Berlin 1952. Textvorlage: Bertolt Brecht: Schriften zur Literatur und Kunst. Bd. 2. Aufbau-Verlag. Berlin und Weimar 1966, S. 309-311.
     

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BERTOLT  BRECHT  -  Wie  man  Gedichte  lesen  muß    


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