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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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BERTOLT BRECHT - Was ist Formalismus?



Die bürgerliche Freiheit ist für die Proletarier ein Formalismus, etwas 'auf dem Papier", eine leere Phrase, etwas zum Augenauswi-schen; denn*sie sind nur 'der Form nach" frei. Der pompöse Satz der Weimarer Verfassung 'Jeder kann ein Grundstück erwerben" ist nur ein formaler Fortschritt gegenüber Zeiten, wo nur bestimmte Klassen Grundstücke erwerben konnten; denn die Proletarier kön-nen sich immer noch kein Grundstück erwerben — es ist einfach der weniger pompöse Satz 'Wenn er das nötige Kleingeld hat" weggelassen. Der eventuell mögliche Erwerb eines Laubengrundstücks macht den Proletarier auch nicht zum Grundbesitzer.

      Der ärgste Formalismus war der Sozialismus der Nazis, dieser Sozialismus schreit geradezu nach Anführungszeichen; er hat viele angeführt. Da war die 'Volksgemeinschaft" zwischen den Unternehmern und den Unternommenen, den Verdienern und Verdienten, da war der 'wirtschaftliche Aufschwung", das 'Wirtschaftswunder" durch die Rüstung. Und auf dem Papier hatte das Volk einen Volkswagen, in der rauhen Wirklichkeit wurde es ein Tank.
      Ihr seht, man kann mit der Form allerhand anfangen, allerlei Betrug treiben und Verbesserungen vortäuschen, die dann nur in der 'äußeren Form" bestehen.
      In der Kunst spielt die Form eine große Rolle. Sie ist nicht alles, aber sie ist doch so viel, daß Vernachlässigung ein Werk zunichte macht. Sie ist nichts Äußeres, etwas, was der Künstler dem Inhalt verleiht, sie gehört so sehr zum Inhalt, daß sie dem Künstler oft selbst als Inhalt vorkommt, denn beim Machen eines Kunstwerks tauchen ihm gewisse Formelemente meist zugleich mit dem Stoff und manchmal sogar vor dem Stofflichen auf. Er kann Lust verspüren, etwas 'Leichtes" zu machen, ein Gedicht mit vierzehn Zeilen, etwas 'Finsteres" mit schweren Rhythmen, etwas Langgestrecktes, Buntes und so weiter. Er mischt Wörter von besonderem Geschmack, verkuppelt sie arglistig, spielt ihnen mit. Beim Konstruieren spielt er herum, probiert dies und das, führt die Handlung so und anders. Er sucht Abwechslung und Kontraste. Er wäscht die Wörter, sie verstauben leicht; er frischt die Situationen auf, sie verfahren sich leicht. Er weiß nicht immer, nicht jeden Augenblick, wenn er 'dichtet", daß er immerzu an einem Abbild der Wirklichkeit formt oder an einem 'Ausdruck" dessen, was die Wirklichkeit außer ihm in ihm bewirkt. Zum Nachteil seines Werks bleibt er mitunter dabei stecken, aber die Gefahren des Verfahrens machen das Verfahren noch nicht zu einem falschen, vermeidbaren. Die 'großen Formkünstler" sind oft in der Gefahr, sie gehen mitunter unter. Ãœbermäßiges 'Glätten" runiert manche Dichtung, freilich ruiniert auch 'vulkanisches Herausschleudern" manche Dichtung. Jedenfalls sollte man festhalten, daß die Dichter nicht 'reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist", es sei denn, man rechnet mit recht seltsam gewachsenen Schnäbeln. Sie formen und formulieren. Dies macht sie aber noch nicht zu Formalisten.
      Es wäre barer Unsinn, zu sagen, man müsse auf die Form und die Entwicklung der Form in der Kunst kein Gewicht legen. Man muß. Ohne Neuerungen formaler Art einzuführen, kann die Dichtung die neuen Stoffe und neuen Blickpunkte nicht bei den neuen Publikumsschichten einführen. Wir bauen unsere Häuser anders wie die Elisabethaner, und wir bauen unsere Stücke anders. Wollte man an der Bauweise des Shakespeare festhalten, so müßte man etwa das Entstehen des ersten Weltkrieges auf das Geltungsbedürfnis eines einzelnen zurückführen. Das wäre aber absurd. In der Tat wäre das Formalismus: Man verzichtete so auf einen neuen Blickpunkt in eine veränderte Welt, nur um eine bestimmte Bauweise festzuhalten. Denn es ist ebenso formalistisch, alte Formen einem Stoff aufzuzwingen wie neue.
      Die scharfe Kritik des Formalismus ist bei uns allerdings entstanden angesichts neuer Formen in den Künsten, welche nichts Neues brachten als eben formal Neues. Beispielsweise: das Psychische wurde weiterhin als Motor des Weltgeschehens betrachtet, da blieb alles beim alten, aber die Psychologie wurde geändert, indem Psychoanalyse oder Behaviourismus eingeführt wurde, das war das Neue. Zugrunde lag diesem Prozeß die Unruhe, die in die depra-vierte bürgerliche Kultur gekommen war — die erschöpfte Stute Psychologie wurde zu neuen Kapriolen und Rennleistungen gepeitscht. In der Malerei wurden die Äpfel zu einem Färb- und Formproblem. Zugrunde lag eine neue Ungeduld mit der Natur, welche andernorts, in der Biologie, zur Schaffung neuer Obstsorten führte. Ein amerikanischer Presbyterianer benutzte gewisse Neuerungen der Schauspieltechnik, welche zur revolutionären Darstellung sozialer Probleme ausgearbeitet worden war, zu einer beschaulichen Apotheose einer neuenglischen Gemeinde. Zu gleicher Zeit führten seine Brüder auf der Kanzel den Film und den Jazz in den seine Zugkraft verlierenden Gottesdienst ein. Die sogenannten Existentialisten entdeckten, daß die Existenz des bürgerlichen Menschen etwas fragwürdig geworden ist, und da eine Entscheidungsschlacht geschlagen werden muß , aber um diesem neuen und interessanten Gedanken die Schärfe zu nehmen, sprachen sie nur von der Existenz des 'Menschen", ohne das Adjektiv 'bürgerlich" zu bemühen, und so blieb es beim alten Trick in neuem Gewand, und man empfahl den Pessimismus als neues Genußmittel. Kurz, allenthalben wurde das Alte durch formale Neuerungen wieder schmackhaft gemacht, die abgewetzte alte Hose wurde gewendet, sie wurde dadurch nicht wärmer, sah aber hübscher aus.
     
Kein Wunder, daß formale Neuerungen am Ende in Mißkredit gerieten. Man sah zu deutlich, daß es etwas gibt, was man Selbstbewegung der Form nennen könnte und was sehr gefährlich ist. Es werden einige Prinzipien gefunden, sie machen von sich reden, eine neue Gasse scheint entdeckt. Am Anfang verspricht die neue Form dies und das, aber bald beginnt sie dies und das zu fordern, unabhängig von Stoff und Funktion. Wenn dies eintritt, kann man sicher sein, daß es eine Sackgasse war, daß man sich jetzt nur noch häuslich in ihr einrichtet. Die neue Richtung in der Kunst entsprach keiner neuen Richtung in der Politik, in den öffentlichen Angelegenheiten. Die neue Form war eine neue Ordnung, wie man sie im Nationalsozialismus erlebt hat, eine neue, frappante, gefällige Anordnung der alten Dinge, ein Formalismus.
      Es ist klar, daß man solche Scheinneuerungen bekämpfen muß in einem Augenblick, wo alles darauf ankommt, daß sich die Menschheit den Sand aus den Augen reibt, der da eingestreut wird. Es ist ebenso klar, daß man nicht zum Alten zurückkehren kann, sondern zu den wahren Neuerungen fortschreiten muß. Was für immense Neuerungen gehen gerade jetzt um uns her vor sich. In Territorien, so volkreich wie Frankreich und England zusammengenommen, eroberten neue Klassen den Boden und die Produktionsmittel, das alte China, so groß wie das englische Weltreich zur Zeit seiner höchsten 'Blüte", tritt mit neuen sozialen Prinzipien in die Weltgeschichte ein und so weiter und so weiter - wie sollen die Künstler mit den alten Kunstmitteln Abbilder von all dem herstellen?

Entstanden: um 1950.
      Erstdruck u. Textvorlage: Bertolt Brecht: Schriften zur Literatur und Kunst, Band 2,

Aufbau-Verlag. Berlin und Weimar 1966, S. 328-333.
     

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