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BERTOLT BRECHT - Volkstümliche Literatur



Ob ein literarisches Werk volkstümlich ist oder nicht, das ist keine formale Frage. Es ist keineswegs so, als ob man, um vom Volk verstanden zu werden, ungewohnte Ausdrucksweise vermeiden, nur gewohnte Standpunkte einnehmen müßte. Es ist nicht im Interesse des Volkes, seinen Gewohnheiten diktatorische Macht zuzusprechen. Das Volk versteht kühne Ausdrucksweise, billigt neue Standpunkte, überwindet formale Schwierigkeiten, wenn seine Interessen sprechen. Es versteht Marx besser als Hegel, es versteht Hegel, wenn es marxistisch geschult ist. Rilke ist nicht volkstümlich; um das zu sehen, braucht man nicht seine komplizierten, formal überspitzten Gedichte zu lesen; auch jene seiner Gedichte, die im Volksliedton geschrieben sind, sind nicht volkstümlich. Lukäcs zieht da eine sehr illustrative Strophe ans Tageslicht ; sie ist formal verständlich, weit verständlicher als Majakowskis Strophen. Aber es ist nicht das drinnen, was das Volk Verstand nennen würde. Sie ist formalistisch, indem in mitleidigem Tonfall von Bestialitäten gesprochen wird und das Mitleid auf den Verbrecher gelenkt ist. Da ist eine Trauer so ausgedrückt, als ob jeder sie teilen könnte, was nicht der Fall ist. Es wird, auf dem Papier, formal, durch einfache Formwahl, durch einen ästhetischen Kniff, der Eindruck erzeugt, solches könne das Volk singen, das heißt meinen und fühlen. Fühlte und meinte das Volk so, so würde es seine Interessen verraten. Bei den 'komplizierteren", 'sublimeren" Gedichten desselben Menschen wird man die gleiche Gegnerschaft zum Volk feststellen können, in anderer Form. Da ist die Flucht aus der Banalität in den Snobismus. Da wird aus nichts etwas gemacht. Dem Gehalt nach ist es nichts, der Form nach ist es etwas. Dem Gehair nach ist es alt, der Form nach ist es neu. Diese Gedichte 'sagen dem Volk nichts", teils auf verständliche, teils auf unverständliche Art.



      Entstanden:, um 1937.
      Erstdruck und Textvorlage: Bertolt Brecht: Schriften zur Literatur und Kunst. Redaktion: Werner Hecht. Bd. 2. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1966, S. 72-73.
     

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BERTOLT  BRECHT  -  Volkstümliche  Literatur    





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