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BERTOLT BRECHT - Kleine Liste der beliebtesten, landläufigsten und banalsten Irrtümer * über das epische Theater




Es ist eine ausgeklügelte, abstrakte, intellektualistische Theorie, die nichts mit dem wirklichen Leben zu tun hat. In Wirklichkeit ist sie entstanden in und verbunden mit langjähriger Praxis. Die Stücke, auf denen sie beruht, sind in vielen deutschen, eines, 'Die Dreigroschenoper", ist in fast allen Großstädten der Welt gelaufen. Zitate daraus dienten als headlines politischer Leitartikel, wurden benutzt von berühmten Anwälten in Plädoyers. Einige Stücke wurden von der Polizei verboten, eines erhielt den höchsten deutschen Preis für Dramatik — den Kleist-Preis —, die Theorie wurde in Universitätsseminaren durchgenommen und so weiter. Gespielt wurden sie von Arbeitergruppen und Stars; es gab ein eigenes Theater, das Schiff bauerdammtheater, mit einer Truppe von Schauspielern wie Weigel, Neher, Lorre und so weiter, die diese Prinzipien ausbildeten. Dazu kamen die zwei Theater Piscators, welche einzelne der Prinzipien ausbildeten.


     
Man soll nicht Theorie machen, sondern Dramen schreiben. Alles andere ist unmarxistisch.
      Primitive Verwechslung der Begriffe Ideologie und Theorie. Stützt sich meist stolz auf Äußerungen von Marx oder Engels, welche selber theoretischer Natur sind. Auf anderem Gebiet bezeichnet Lenin solches als 'kriechenden Empirismus".

     
Das epische Theater bekämpft alle Emotionen. Man kann aber Vernunft und Gefühl nicht trennen.
      Das Epische Theater bekämpft nicht die Emotionen, sondern untersucht sie und macht nicht halt bei ihrer Erzeugung. Der Trennung von Vernunft und Gefühl macht sich das durchschnittliche Theater schuldig, indem es die Vernunft praktisch ausmerzt. Seine Verfechter schreien beim geringsten Versuch, etwas Vernunft in die Theaterpraxis zu bringen, man wolle die Gefühle ausrotten.

     
Die Ideen Brechts sind nicht neu. Wird meist so gedruckt: die 'neuen" Ideen Brechts.
      Das wird meist von denen gesagt, die diese Ideen nicht etwa angreifen, weil sie alt sind und sie selber neuere haben, sondern weil sie alte Ideen verfechten und ein Interesse daran haben, daß andere Ideen ebenfalls alt sein sollen. In Wirklichkeit versuchen die Verfechter des epischen Theaters ständig, einige ihrer Prinzipien in der Theatergeschichte nachzuweisen und tun alles, den Neuheitscharakter zu verwischen, der ihnen etwas Modisches verleihen würde. Die Prinzipien des epischen Theaters haben wenig zu tun mit der Ästhetik der deutschen Philosophen aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, jedoch steht diese Ästhetik , wie auch Marx ständig versichert, meist turmhoch über den ästhetischen Anschauungen vieler 'Marxisten", die in Wahrheit diese Ästhetiken weder kennen noch verstanden haben, von den Lehren Marx' ganz zu schweigen.

     
Wir Amerikaner müssen unsere Ästhetik aus unseren amerikanischen Dramen aufbauen.
      Die schweizerische Dramatik existiert nicht, die französische hat existiert, die amerikanische und dänische Dramatik kommt dem Europäer absolut europäisch vor. Das epische Theater wurde in Deutschland lange als 'undeutsch" bezeichnet, die Nationalsozialisten bezeichnen es als einfach entartet. Andererseits ist der Kapitalismus etwas erstaunlich Internationales und hat, wie man hört, zu einer erstaunlichen Angleichung der Verhältnisse der verschiedenen Länder geführt. Darüber, wie man aus fremden Fehlern zu lernen vermag, vergleiche Lenins 'Kinderkrankheiten".
      Entstanden: um 1937.
      Erstdruck und Textvorlage: Bertolt Brecht: Schriften zum Theater. Redaktion: Werner
Hecht. Bd. 3. Aufbau-Verlag. Berlin und Weimar 1964, S. 75-78.
     

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