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AUTORENKOLLEKTIV - Skizze zur Geschichte der deutschen Nationalliteratur von den Anfängen



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Die Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands, das wichtigste Ergebnis der Novemberrevolution, führte zu einer Neuformierung der sozialistischen Literatur, die durch den Einfluß des Reformismus jahrelang stagnierte. Eine Reihe von Verlagen und Zeitschriften werden von der Partei gegründet oder stehen unter ihrem unmittelbaren Einfluß ; damit ist die Möglichkeit der Veröffentlichung und der Förderung literarischer Werke gegeben, die vorbehaltlos die revolutionären Ziele des Proletariats teilen. Das Zentralorgan der KPD, 'Die Rote Fahne", ist in diesen Jahren das Zentrum der literaturpolitischen Tätigkeit der Partei. Die KPD knüpft an die von Mehring, Luxemburg und Zetkin theoretisch und praktisch geschaffenen Traditionen revolutionärer marxistischer Literaturpolitik an und geht von der grundlegenden These aus, daß die sozialistische Literatur Bestandteil des Befreiungskampfes der Arbeiterklasse ist und sich nur in und mit ihm entfalten kann; sie kämpft gegen die reformistische Kulturpolitik der SPD. In dieser Periode des härtesten Kampfes gegen die Konterrevolution und der ideologischen und organisatorischen Festigung der Partei entwickelt die KPD erste konzeptionelle Ansätze einer revolutionären kulturpolitischen Massenarbeit.

      Der Einfluß der revolutionären Arbeiterbewegung auf die literarische Entwicklung in Deutschland geht jedoch bereits in dieser Zeit weit über die unmittelbar mit der KPD verbundenen Schriftstellerkreise hinaus. Zahlreiche humanistische bürgerliche Schriftsteller verfolgen mit Aufmerksamkeit und Sympathie den Verlauf der revolutionären Umwälzung im jungen Sowjetstaat und sehen den tiefen humanistischen Gehalt der sozialistischen Revolution im kulturellen Aufschwung der Sowjetvölker. Die sowjetischen Erfolge auf dem Gebiete der Kultur erregen großes Aufsehen. Sie werden bis 1933 im Rahmen der 'Gesellschaft der Freunde des neuen Rußland" von Angehörigen der fortschrittlichen bürgerlichen Intelligenz propagiert und wecken Verständnis für die kulturschöpferischen Möglichkeiten der Arbeiterklasse .

     

[...]
Mit der beginnenden relativen Stabilisierung des Kapitalismus in der Weimarer Republik setzt auch eine neue Etappe der literarischen Entwicklung ein. In ihrem Verlauf formiert sich die sozialistische deutsche Literatur zu einer bedeutenden nationalliterarischen Potenz, die alle Bereiche des literarischen Prozesses beeinflußt und in der Dramatik und in einigen lyrischen und epischen Genres dominiert.
      Geleitet von der KPD, die sich unter der Führung des Thälmannschen Zentralkomitees zur marxistisch-leninistischen Massenpartei entwickelt und die revolutionäre Kulturbewegung umfassend organisiert, eignen sich die sozialistischen Schriftsteller die wissenschaftliche Weltanschauung des Proletariats an, lösen sich von den kulturellen Auffassungen und Einrichtungen der herrschenden Klasse und nehmen unmittelbar am proletarischen Klassenkampf teil. Sie gelangen dadurch sowohl zu einer wachsenden Einsicht in die gesellschaftlichen Zusammenhänge als auch zu direkter Anschauung des Lebens der werktätigen Massen.
      Nach dem Vorbild der jungen Sowjetliteratur entdeckt auch die sozialistische deutsche Literatur in der Kollektivbeziehung des revolutionären proletarischen Kämpfers die Perspektive eines neuen humanistischen Menschenbildes und bereichert damit entscheidend die Nationalliteratur.
      Die theoretische Klärung des Prinzips der 'Parteiliteratur" und die rasche künstlerische Entfaltung jener Literatur, 'die Herz und Hirn der Arbeiterklasse und der breiten werktätigen Massen für die Aufgaben des Klassenkampfes, für die Vorbereitung der proletarischen Revolution gewinnt, entwickelt und organisiert" , öffnet der Annäherung von Kunst und Leben neue Wege. Schriftsteller bürgerlicher Herkunft, die sich der revolutionären Arbeiterklasse angeschlossen haben, und literarisch begabte schreibende Arbeiter vereinen sich in der ersten sozialistischen deutschen Literaturorganisation, dem 'Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller". Diese Zusammenarbeit bereichert beide Teile. Die Tätigkeit des Bundes beschleunigt den Prozeß der politischen und künstlerischen Konsolidierung und Reife der sozialistischen Schriftsteller; die sozialistische Literatur in Deutschland wird zu einem wichtigen Bestandteil der sozialistischen Weltliteratur.
      Als entscheidendes Kriterium für den proletarisch-revolutionären Schriftsteller wird der politische und weltanschauliche Standort des Autors, die Ãœbereinstimmung des Ideengehalts der Werke mit den 'höchstentwickelten Formen der proletarischen Ideologie und die tatsächliche Unterstützung des proletarischen Klassenkampfes", das Verhältnis der Kunst zur Wirklichkeit betrachtet . Die sozialistische Parteilichkeit wird als höchste Form der objektiven und realistischen Beurteilung und Gestaltung der gesellschaftlichen Prozesse von der 'Tendenz" unterschieden. Die in Deutschland erstmalige Veröffendichung wichtiger Feststellungen der Klassiker des Marxismus-Leninismus zu ästhetischen Fragen und ihre Auswertung in der 'Linkskurve", der Zeitschrift des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller, fördern wesentlich die konkrete Bestimmung der eigenen Schaffensmethode und trägen zur Klärung der Kriterien des sozialistischen Realismus bei.
      Die Notwendigkeit der kritischen schöpferischen Aneignung des nationalen und internationalen Kulturerbes wird erkannt und betont, proletkulthafte Auffassungen vom Ende der großen literarischen Formen usw., die zeitweilig eine beträchtliche Rolle spielen, werden im Laufe der Diskussion als Unterschätzung der künstlerischen Möglichkeiten des Proletariats theoretisch verurteilt und im Prozeß der literarischen Praxis überwunden. Zu Beginn der dreißiger Jahre finden die sozialistischen Schriftsteller auch ein richtiges Verhältnis zu Verbündeten der kämpfenden Arbeiterklasse unter den bürgerlich-humanistischen Literaturschaffenden. Sektiererische Tendenzen, die sich in unsachlicher Polemik und Ãœberschätzung der eigenen Leistungen äußern, werden verurteilt. In der Folge setzt sich die marxistische Kritik mit jungen, aus dem Bürgertum stammenden Schriftstellern prinzipiell und zugleich kameradschaftlich auseinander und fördert wirksam ihren Ãœbergang auf die Positionen des revolutionären Proletariats.
      Die Entwicklung eines mit der KPD verbundenen Verlagswesens ermöglicht, daß sich die sozialistischen Schriftsteller trotz verschärfter Klassengegensätze und zunehmender Terrormaßnahmen gegen die proletarisch-revolutionäre Kulturbewegung vom bürgerlich-anarchistischen Literaturbetrieb befreien. [...]
In einigen großen epischen Werken gewinnt der kritische Realismus in Deutchland neue Züge. In der Zeit der Weltwirtschaftskrise verstärkt sich in der bürgerlich-humanistischen Literatur die historische Konkretheit und die Gesellschaftskritik. Nach der offensichtlich gewordenen Untauglichkeit abstrakter Weltverbes-serungsideale setzen sich künstlerische Prinzipien durch, die die Realität der sozialen Welt und die materiell-technische Seite des modernen Lebens stärker ins Auge fassen. Als sichere Tatsachen erscheinen die schnelle Entwicklung der Produktivkräfte und die technische Perfektionierung sowie die Existenz scharfer sozialer Gegensätze, die besonders durch den Kampf der KPD und durch das Beispiel der unterschiedlichen Entwicklung in der Sowjetunion augenfällig werden. Dem 'technischen Zeitalter" erscheint eine nüchterne, sachliche Schreibweise mehr angemessen als das expressionistische Pathos. Film- und funkeigene Mittel werden zur Erweiterung literarischer Gestaltungsmittel verwandt. Hand in Hand damit geht die schnelle Entwicklung des Hörspiels; viele namhafte Schriftsteller erproben die neu geschaffene literarische Mischform. Viele Anregungen empfangen die deutschen Schriftsteller aus der zeitgenössischen internationalen Literatur, von Gorki, Scholochow, Gladkow und anderen Sowjetschriftstellern, aber auch von J. Dos Passos, U. Sinclair, E. Hemingway, J. Joyce u. a.
      Die Verschärfung der Klassengegensätze führt auch zu einer literarischen Polarisierung, Die reaktionäre imperialistischapologetische Literatur wird von Monopolkonzernen der Presse und des Verlagswesens beherrscht und verbreitet. Die faschistische Ideologie wird direkt und indirekt zur Hauptwaffe und zur Grundkonzeption dieser Art Literatur. Die faschistische und chauvinistische Literatur gibt ein verlogenes Bild von den Lebensinteressen des deutschen Volkes und verfälscht die Wirklichkeit. Nahmhafte aristokratisch-arbeiterfeindliche und dekadent-nihilistische Schriftsteller, deren ästhetische Auffassungen mit den imperialistischen Modephilosophien von Spengler, Jaspers u. a. übereinstimmen, werden objektiv kaum weniger zu Wegbereitern des Faschismus.
      Die in der kulturellen und wirtschaftlich-politischen Entwicklung der Sowjetunion wie auch im Anwachsen der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung sichtbar gewordene nationale Perspektive trägt angesichts der wachsenden faschistischen Gefahr zur Annäherung vieler humanistischer bürgerlicher Schriftsteller an die Position der sozialistischen Literatur bei. Sie beziehen in vielen entscheidenden politischen Aktionen eine gemeinsame antifaschistische Frontstellung und erkennen in zunehmendem Maße,daß es zwischen Sozialismus oder Barbarei zu entscheiden gilt. Der gemeinsame Kampf gegen den heraufziehenden Faschismus bereitet in mancher Hinsicht die große Gemeinsamkeit der nationalliterarischen Front der folgenden Jahre vor. [...]
In diesen Jahren erscheinen zahlreiche bedeutsame kritischrealistische Prosawerke. In den Essays und politischen Aufsätzen von Thomas und Heinrich Mann wird immer deudicher die Arbeiterklasse bzw. der Sozialismus als humanistische Alternative gegenüber den gesellschaftlichen Widersprüchen des Kapitalismus hervorgehoben. Thomas Mann nennt ein Bündnis zwischen 'Hölderlin und Marx, Griechenland und Moskau" wünschenswert und kennzeichnet damit die neue Stufe des historischen und weltanschaulichen Denkens; dabei darf nicht übersehen werden, daß er wie viele seiner Bundesgenossen den reformistischen Teil der Arbeiterbewegung als eine die Demokratie stützende Kraft versteht.
      Heinrich Mann führt in seinem literarischen Schaffen die entlarvende Kritik der imperialistischen Gesellschaft weiter . Gestützt auf seine Autorität als Dichter hohen Ranges kann H. Mann in seinem publizistischen und kulturpolitischen Auftreten gegen die reaktionären Kräfte in der Weimarer Republik auf suchende bürgerliche Intellektuelle eine beträchtliche Wirkung ausüben.
      Thomas Mann warnt mit der symbolhaften Handlung der Novelle 'Mario und der Zauberer" Vor der Gefährlichkeit faschistischer Demagogie und Massenpsychose. Mit der Gestalt des 'Herrn aus Rom" wird die Unentschiedenheit und individualistische Position bürgerlicher Intellektueller angeprangert, die sich ausschließlich auf die humanistischen Traditionen der Vergangenheit orientieren. [...]
Auch von einzelnen sozialistischen Schriftstellern wird nach dem Vorbild von John Dos Passos versucht, durch die Aufnahme von Fakten den dokumentarischen Charakter und damit den Wirkungsgrad ihrer Werke zu erhöhen . Im Falle des Romans 'Levisite" gibt diese Technik den Anlaß zum Hochverratsprozeß gegen Johannes R. Becher.
      Das Bestreben, die Tatsachen des Lebens selbst in der Literatur sprechen zu lassen, erhöht die Bedeutung der Reportage als selbständiges literarisches Genre. Zum großen Meister der sozialistischen Reportage wird der Prager Schriftsteller Egon Erwin Kisch. Eine umfangreiche sozialistisch-realistische Reportagelite-ratur entsteht über den sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion, der angesichts der Weltwirtschaftskrise besonders aufmerksam beachtet wird . Sie konfrontiert die kleinbürgerlichen, vom Antikommunismus genährten Vorstellungen über den Sozialismus mit der sozialistischen Wirklichkeit und trägt wesendich zur Formung eines sozialistischen neuen Menschenbildes bei.

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In der dramatischen Dichtung bringt die sozialistische Literatur die besten Leistungen dieser Jahre hervor. Sie sind nicht zu trennen von den großen Impulsen, die ihre Schöpfer - Friedrich Wolf und Bertolt Brecht - aus der revolutionären Arbeitertheaterbewegung empfangen haben. Die kulturelle Selbstbetätigung der Arbeiterklasse und die Tätigkeit revolutionärer Regisseure und Schauspieler macht eine Vielzahl neuer literarischer Formen fruchtbar . Bei Unvollkommenheiten im einzelnen zeigt das Auftreten zahlreicher proletarischer Spielgruppen im ganzen doch Wesenszüge einer aufstrebenden neuen Kultur; die unmittelbar schöpferische kulturelle Selbsttätigkeit vieler Werktätiger ist durch zahlreiche Fäden eng mit der Tätigkeit führender literarischer Gruppen verbunden, so daß beide wechselseitig dadurch bereichert werden. Erwin Piscator versucht, 1927 ein revolutionäres Berufstheater zu schaffen. [...] Als Massenfestspiele für revolutionäre Gedenkfeiern schreibt Berta Lask 'Thomas Müntzer" und 'Leuna 1921" , mit denen dramatisches Neuland erobert wird und die trotz dramaturgischer Schwächen wichtige Vorstufen des sozialistischrealistischen großen Dramas werden.
      Die Agit-Prop-Bewegung gewinnt im Zusammenhang mit der Revolutionierung der Massen und dem Wachstum der KPD an Breite und erhöht ihr künstlerisches Niveau. Die proletarischen Spielgruppen greifen mit ihren Programmen unmittelbar und sehr wirkungsvoll in den politischen Kampf ein. Durch Zusammenarbeit von Schriftstellern und arbeitslosen revolutionären Schauspielern entstehen abendfüllende Szenenfolgen und Schauspiele, die sich auch der sozialen Probleme des Kleinbürgertums, der Bauern und Angestellten annehmen und die Massen gegen den drohenden imperialistischen Ãœberfall auf die Sowjetunion mobilisieren . Ernst Toller schreibt sein bedeutendes Stück 'Feuer aus den Kesseln" , das dem Andenken der ermordeten Matrosen Köbis und Reichpietsch gewidmet ist. Im Gegensatz zu allen anderen Dramen Tollers gelingt dem Dichter hier eine durchgängig realistische Darstellung, wenn auch bei begrenzter historischer Einsicht in die Ursachen für das Scheitern des Aufstandes. An der Entwicklung des sozialistischen Dramas hat Friedrich' Wolf durch sein künstlerisches Schaffen wie seine theoretischen Arbeiten großen Anteil. Durch die Teilnahme an den revolutionären Kämpfen der Arbeiter und am Leben armer Bauern überwindet Wolf die ästhetische Konzeption seiner frühen expressionistischen Schaffensphase. Bereits 1924 gelingt ihm mit dem Stück 'Der arme Konrad" der Vorstoß zum realistischen Drama und zur Gestaltung eines Themas von nationaler Tragweite; mit den Kämpfern des Bauernkrieges bringt Wolf mit dem Kollektiv eng verbundene Helden auf die Bühne. In der Folge wendet er sich der unmittelbaren dramatischen Gestaltung zeitgenössischer Konflikte zu. 1928 hält Wolf als leitender Funktionär des Arbeiter-Theaterbundes seine programmatische Rede 'Kunst ist Waffe", die nicht nur seine eigenen dramentheoretischen Auffassungen enthält und für sein weiteres Schaffen aufschlußreich ist, sondern deren Gedanken maßgeblich zu Grundlinien der kommunistischen Kulturpolitik werden. Die Grundforderung, mit dramatischen Mitteln den Kampf der Arbeiterklasse unmittelbar zu unterstützen, verwirklicht er bereits in seinem folgenden Drama 'Cyankali" , das ein großer Schritt in Richtung auf die Gestaltung eines aktuellen Gegenstandes, in der differenzierten Darstellung proletarischer Charaktere ist und eine ungewöhnliche politische Massenwirkung erzielt. Auch mit seinen anderen Stücken unterstützt er den praktischen politischen Tageskampf der KPD. Höhepunkt dieser Reihe sind 'Die Matrosen von Cattaro" . Mit der konzentrierten Gestaltung eines großen tragischen Konflikts geht dieses Stück weit über die noch überwiegend didaktische Tendenz der vorhergenannten Werke Wolfs hinaus und markiert eine neue Stufe in der Entwicklung der sozialistischrealistischen Dramatik.
      Seit der Mitte der zwanziger Jahre beschäftigt sich Brecht intensiv mit dem Marxismus und mit Problemen der Arbeiterbewegung. Im Verlaufe dieses Prozesses wird er zum größten deutschen Dramatiker der modernen Zeit. In parabelartigen Stücken versucht Brecht, den Mechanismus der kapitalistischen Gesellschaft bloß-zulegen und ihre ökonomischen Gesetze als herrschende Mächte zu zeigen. [...] Mit der 'Dreigroschenoper" , frei nach John Gays 'Bettleroper", erringt Brecht seinen ersten Welterfolg. Die Wesenseinheit von Bourgeoisie- und Gangsterwelt arbeitet er noch stärker in dem 'Dreigroschenfilm" heraus, so daß er damit auf den Widerstand der kapitalistischen Filmgesellschaft stößt. Basierend auf Erfahrungen des proletarischen Theaters und diese seinerseits bereichernd, experimentiert Brecht in den folgenden Jahren mit 'Lehrstücken", in denen es vornehmlich um den Kampf gegen den Individualismus, die Einordnung in ein noch abstrakt aufgefaßtes Kollektiv geht. Mit der 'Maßnahme" überträgt Brecht diese Konzeption auf den Kampf der Kommunisten, für den er damit ostentativ Partei ergreift. Mit seinem tragisch auf die Spitze getriebenen Konflikt von Gefühl und Verstand geht 'Die Maßnahme" am humanistischen Wesen des proletarischen Klassenkampfes allerdings vorbei. Realer erfaßt Brecht diesen Widerspruch in dem Stück 'Die heilige Johanna der Schlachthöfe" , indem er ihn an der Entwicklung der Heldin gestaltet, die in Schlachthöfen Chikagos die Wirkung von Ãœberproduktion, Krise und verschärfter Konkurrenz auf die Arbeiter erlebt. [...] Eine weitere große dramatische Frauengestalt schafft Brecht in Anlehnung an Gorkis Romanheldin in dem Stück 'Die Mutter". Mit der Pelagea Wlassowa, die sich zur klugen und furchtlosen Kämpferin entwickelt, und mit einigen anderen Gestalten des Stücks hat Brecht die starr maskenhafte Menschendarstellung der 'Lehrstücke" schon hinter sich gelassen. Als Kommentare zu diesen Stücken formuliert Brecht aus entschiedener Ablehnung des spätbürgerlichen Kunstbetriebs seine Theorie vom epischen Theater, die er später bedeutend weiterentwickelt und modifiziert. [...]
Den Aufschwung der großen politischen Lyrik trägt vor allem die sozialistische Literatur. Mit scharfer gesellschaftskritischer Satire greifen aber auch die linksbürgerlich-oppositionellen Lyriker Walter Mehring, Erich Kästner und vor allem Kurt Tucholsky in die aktuellen Prozesse ein. Die sozialistische Dichtung verfügt nach dem Verstummen der Sänger der Revolution wieder über eine große Zahl junger lyrischer Begabungen, die aus der Arbeiterklasse hervorgegangen sind; ihre Gegenständlichkeit, ihr proletarisches Lebensgefühl, das sie in vielen ungeschulten Versen aussprechen, beeinflußt auch die künstlerische Entwicklung der bedeutendsten sozialistischen Dichter. In der Entwicklung der sozialistischen Literatur nimmt Johannes
R. Becher eine zentrale Stellung ein. Als einer der ersten Vertreter der bürgerlichen Intelligenz reiht er sich aktiv in den proletarischen
Kampf ein, er erkennt, daß ein neues Deutschland und eine neue Kultur nur durch Verwirklichung der Ziele der Arbeiterklasse entstehen könne .
      Sein Weg zur revolutionären Arbeiterklasse, zur Ãœberwindung der Kluft zwischen seinem Kunstschaffen und dem Leben des Volkes ist typisch für jene Autoren, die den Ãœbergang vom bürgerlichen zum sozialistischen Schriftsteller vollziehen. Am Anderswerden des eigenen Lebens erfaßt Becher den Charakter der Ãœbergangsepoche. In seinen lyrischen Arbeiten trennt sich Becher von expressionistischen Gestaltungsmethoden und gewinnt mit der kämpfenden Arbeiterklasse als neuem Gegenstand seiner Dichtung nach und nach bewußt eine einfache dichterische Sprache und Form . Dabei beginnt er sektiererische Auffassungen vom literarischen Erbe und eine gewisse Beschränkung auf soziale und politische Themen zu überwinden. Das Gedicht 'Der an den Schlaf der Welt rührt - Lenin" weist bereits die Merkmale reifer sozialistischer Poesie auf. In Lenin und in den Menschen der Sowjetunion, die er 1927 erstmals besucht und tief beeindruckt verläßt, sieht und bejaht Becher die menschliche Zukunft. Er wird zum bedeutendsten Mitschöpfer, Organisator und Programmatiker der sozialistischen Literatur. In seinem Werk wird besonders deutlich, daß jene Schriftsteller, die sich zum Programm der proletarisch-revolutionären Literatur bekennen, in ihrer Gesamtheit den Grundstein zu einer zeitgenössischen Höherentwicklung des Realismus legen, deren weltanschauliche Basis der Marxismus-Leninismus ist.
      In zahlreichen Gedichten Johannes R. Bechers zeigen sich seine häufigen und widerspruchsvollen Bemühungen, den neuen Stoff in volkstümlicher Form zu bewältigen. Als erster Dichter wendet er sich in seiner groß angelegten lyrischen Auseinandersetzung mit der sowjetischen Wirklichkeit der kommunistischen Perspektive aus der Sicht des deutschen Proletariats zu .
      Erich Weinert wird zum beliebtesten Autor der deutschen Arbeiterklasse und zur herausragenden sozialistischen Dichtergestalt dieser Jahre. Weinert vereinigt scharfe Satire auf die bestehende


Gesellschaft mit dem Pathos proletarischer Siegeszuversicht. Er erfaßt künstlerisch gültig den Kampf der Arbeiterklasse, ihre nationale und welthistorische Perspektive. Seinen größten Widerhall findet Weinert in seiner konkreten, aggressiven satirischen Abrechnung mit dem Klassengegner. Er sucht nach neuen Sujets und Aussagemöglichkeiten des politisch-agitatorischen Gedichts, mit dem er schnell auf aktuelle Ereignisse in den unterschiedlichsten Sphären des gesellschaftlichen und individuellen Lebens reagiert und leidenschaftlich im Sinne der Arbeiterklasse Stellung bezieht. Er entwickelt ein echtes revolutionäres Pathos, das auf den Optimismus und das neue Lebensgefühl der revolutionären Arbeiterklasse gegründet ist. [...]
Die nazistischen Machthaber betrauen unmittelbar nach ihrer Machtübernahme exponierte literarische Chauvinisten und Anti-kommunisten mit offiziellen Kulturfunktionen und beginnen, die gesamte Verlags-, Presse- und Kulturarbeit im Sinne der imperialistisch-apologetischen Pseudoliteratur 'gleichzuschalten". Führende faschistische Ideologen diffamieren offiziell die Begriffe Kultur, Humanismus, Vernunft, Geist als 'undeutsch". Mit der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 demonstriert das faschistische Regime vor aller Welt seine Entschlossenheit zur Vernichtung aller humanistischen Kulturleistungen des deutschen Volkes wie der anderen Völker. Gestützt auf die 'völkischen" Gesetze setzt eine Terrorwelle gegen sozialistische und fortschrittliche demokratisch-humanistische Literaturschaffende ein. Bewährte Kämpfer im Ringen um die friedliche Zukunft des deutschen Volkes und um die Bewahrung humanistischer Traditionen und andere Hidergegner unter den Literaturschaffenden werden eingekerkert , einige bestialisch umgebracht , andere des Landes verwiesen. Die Mehrheit der repräsentativen deutschen Schriftsteller wendet sich demonstrativ von diesem Unrechtsstaat ab und ist gezwungen, das Land zu verlassen und ins Exil zu gehen.

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Der Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller Deutschlands arbeitet unter diesen schweren Bedingungen weiter. Obwohl sich der Kreis der kommunistischen Schriftsteller um die große Gruppe der aus Deutschland vertriebenen oder eingekerkerten Genossenverringert hat, leistet er aktive literarische und politische Widerstandsarbeit. Neben eigenen illegalen Veröffentlichungen ermöglicht die Verbindung mit Auslandsgruppen des Bundes, insbesondere mit der in Prag erscheinenden Zeitschrift 'Neue Deutsche Blätter", den Abdruck einer Reihe literarischer Beiträge von illegal in Deutschland lebenden Schriftstellern über die Zustände im faschistischen Deutschland. Als größeres Werk entsteht der chronikartige Roman 'Unsere Straße" , der den Helden des antifaschistischen Widerstandskampfes in Deutschland ein würdiges Denkmal setzt. Sein Verfasser, Jan Petersen, nimmt als Vorsitzender des illegalen Bundes am Kongreß der Internationalen Schriftsteller-Vereinigung in Paris teil; sein Auftreten wird zu einem Höhepunkt des Kongresses. Gleichzeitig wird die Arbeit der Berliner Gruppe des Bundes durch die Gestapo aufgedeckt und dadurch beendet. [...]
Die Kraft, die dem Faschismus entschiedenen Widerstand leisten kann, sehen die bürgerlich-humanistischen Schriftsteller mit zunehmender Klarheit in der antifaschistischen Volksbewegung und in deren stärkster Potenz, der von der KPD geführten Arbeiterklasse; sie erkennen sie auch in der sozialistischen Sowjetunion. Die sozialistischen Kräfte und in weiterem Sinne die Volksmassen üben auf sie eine Anziehung aus, die beträchtlich stärker als früher ist. Wichtige politische Erkenntnisse werden aus dem Kampf der österreichischen Arbeiter und aus dem unmittelbaren Kontakt mit der französischen Volksfrontbewegung gewonnen. Viele Illusionen über die westlichen Demokratien werden zerstört, als die imperialistischen Mächte das republikanische Spanien dem internationalen Faschismus preisgeben. Die Mehrzahl der antifaschistisch-demokratischen Schriftsteller unterstützt tätig die von der KPD geführte Volksfrontbewegung. In Paris wirkt Heinrich Mann, eng verbunden mit leitenden Funktionären der KPD und mit sozialistischen Schriftstellern, als Vorsitzender des Ausschusses zur Schaffung einer deutschen Volksfront. Den Aufruf zur Bildung einer antifaschistischen Volksfront unterzeichnen neben Johannes R. Becher, Bodo Uhse, Egon Erwin Kisch und anderen auch Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Arnold Zweig, Ernst Toller, Klaus Mann und andere Repräsentanten der antifaschistischen Literatur.

     
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Die Existenz des proletarischen antifaschistischen Kämpfers und des Widerstandskampfes, an dem sich sozialistische und bürgerliche antifaschistische Dichter beteiligen, ist die Grundlage für die Gewinnung eines neuen Menschenbildes in der Literatur. Wurde in der vorangegangenen Periode die Sowjetunion von sozialistischen Schriftstellern als Vorbild eines sozialistischen Deutschlands gesehen, so wird sie, der entschiedenste Widerpart des Faschismus, nun in umfassender Weise von sozialistischen und in größerem Maße auch von bürgerlichen antifaschistischen Autoren als Land, das 'Freiheit und Glück für alle hat" , als 'Friedensmacht" , als Heimat des Humanismus und als Rückhalt des antifaschistischen Kampfes erkannt. [...] Von den sozialistischen Autoren, besonders den Lyrikern, wird die Sowjetunion mit einbezogen in die Gestaltung des antifaschistischen Kampfes; das Wissen um die Einheit mit der Sowjetunion im Ringen der Menschheit prägt das hymnische Bekenntnis des Helden, gibt ihm Zuversicht und Gewißheit für die Zukunft . Durch die Existenz der Sowjetunion kann auch der deutsche Widerstandskämpfer nicht als bloßer Märtyrer, sondern als Vorkämpfer einer besseren Zukunft begriffen werden.
      In der sozialistischen Literatur kann der proletarische Held seine positiven Qualitäten stärker als zuvor in der Handlung entfalten, er zeigt sich gegenüber den herrschenden menschenfeindlichen Kräften in seiner moralisch-politischen Ãœberlegenheit, die in seiner Bewußtheit vom Sinn und Zusammenhang seines Kampfes begründet ist. Er ist als Gegenspieler der herrschenden Klasse nicht nur politisch profiliert wie bereits in der vorangegangenen Periode, sondern erhält eine reichere geistig-seelische Physiognomie.
      Seine Positivität kommt dadurch zur Wirkung, daß er auf andere Gestalten verändernd einwirken, durch sein vorbildliches Handeln Anstöße geben kann, weil er sich den zeitweilig stärkeren imperialistischen Kräften nicht unterwirft . [...]
Auch für die weltanschauliche und künstlerische Konzeption der kritischen Realisten hat das im antifaschistischen Kampf der Arbeiterklasse entstehende Bild des neuen Menschen weitreichende Bedeutung. Teils in politischen Bekenntnissen, teils in künstlerischer Gestaltung kommt zum Ausdruck, daß die Arbeiterklasse die entscheidende geschichtliche Kraft ist, als deren Verbündeter der fortschrittliche Intellektuelle seinen Platz findet. So vor allem in den Fortsetzungen des Weltkriegszyklus von Arnold Zweig. [...] Noch systematischer als schon im 'Streit um den Sergeanten Grischa" begreift Zweig in 'Erziehung vor Verdun" den imperialistischen Krieg als Ausdruck des Klassenkampfes. Auch bei Feuchtwanger erscheinen sozialistische Arbeiter als Kommentatoren der Entwicklung der bürgerlichen Hauptgestalt. Gestalten wie Joseph der Ernährer und Henri Quatre mit ihrer Aktivität im Sinne einer progressiven Umgestaltung der Gesellschaft basieren ebenfalls auf diesen neuen Zügen im nationalen Leben.
      Die Bedeutung des neuen Menschen erschöpft sich aber nicht darin, daß er direkt als literarische Gestalt auftritt. Als wesendiche neue ästhetische Qualität beeinflußt er vielmehr die gesamte Struktur der kämpferischen antifaschistischen Literatur. [...]
Der nationalliterarische bedeutsame Aufschwung der sozialistischen Literatur zeigt sich darin, daß es ihr in allen literarischen Genres gelingt, zur großen Form vorzustoßen und die besten national- und weltliterarischen Traditionen schöpferisch weiterzuführen, während die Entwicklung des kritischen Realismus auf die erzählende Literatur beschränkt bleibt. Sie äußert sich ferner in der inhaltlichen Aufnahme von Problemen, die der nationale Kampf der Arbeiterklasse aufwirft, und in ihrem anregenden Einfluß auf die Entwicklung des kritischen Realismus, der neue Züge in der Stoff-, Sujet- und Heldenwahl aufweist . [...]
In der Lyrik tritt die führende Rolle der sozialistischen Literatur innerhalb der Nationalliteratur dieser Periode besonders deutlich hervor.
      In der sozialistischen Poesie dieser Zeit wird in vollem Maße deutlich, wie das neue Menschenbild der sozialistischen Literatur, ihre Welt- und Geschichtsauffassung, die inhaltliche Enge der spätbürgerlichen Lyrik überwinden, und wie mit diesem neuen Gehalt, dem Reichtum an Stoffen und Themen, der Vielseitigkeit des lyrisch gestalteten Menschen und seiner gesellschaftlichen Beziehungen auch die lyrischen Formen wieder in klassischer Vielfalt in Erscheinung treten. Besonders die Dichtungen Bechers, Brechts und Fürnbergs demonstrieren diese Verbindung der humanistischen Traditionen mit dem Neuen der revolutionären
Arbeiterbewegung und des Sozialismus sowohl in den Motiven und Sujets als auch in der Formgebung, ohne daß sie die Erfahrungen und positiven Ergebnisse der neuesten europäischen Lyrikentwicklung verleugnen .
      In der sozialistischen Lyrik dieser Periode werden die bedeutenden Ergebnisse der proletarisch-revolutionären Literatur bei der Entwicklung einer spezifisch-politischen Kampfdichtung fortgesetzt. Das Neue zeigt sich darin, daß unter den neuen gesellschaftlichen Bedingungen und durch die größere künstlerische Reife ihrer Verfasser die spezifisch politische Auseinandersetzung mit der nationalen Frage Deutschlands sogleich in große patriotische Dichtung hinüberwächst.
      Die illegalen antifaschistischen Kämpfer in Deutschland, die Mitglieder der Internationalen Brigaden in Spanien und das vorbildliche Verhalten Dimitroffs und Thälmanns werden in bedeutenden Porträtdichtungen als die wahrhaft nationalen Helden der Epoche gefeiert . In den Liedern und Gedichten über den spanischen Krieg und über den sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion sind die Ideen des proletarischen Internationalismus lebendig, der ein fester Bestandteil des sozialistischen Nationalbewußtseins ist. Die Untaten der Faschisten werden angeklagt und satirisch gestraft . Einen starken Aufschwung nimmt die echte patriotische Heimatdichtung. Fern jeglicher provinzieller Enge und in Verbindung mit den entscheidenden nationalen Fragen werden die deutsche Landschaft und die Natur lyrisch gestaltet und damit den literarischen Trommlern des faschistischen Blut- und Bodenmythos die realistische Konzeption in diesem Bereich der Dichtung entgegengestellt .
      In elegischen Dichtungen fassen Becher und Brecht die Trauer um das geschändete Vaterland unter dem Aspekt des 'anderen Deutschland", mit dem sie sich emotional identifizieren [...]
Auf hohem Niveau wird die Tradition der Balladendichtung fortgesetzt. Dieses Genre findet sich bei allen sozialistischen Dichtern, vor allem bei Brecht, Becher und Weinert, der in ihm seine bedeutendsten Leistungen erreicht. Der volkstümliche Charakterder Ballade und ihre direkte Widerspiegelung der Aktivität als eines entscheidenden Wesenszuges des neuen Menschenbildes bedingen ihre zentrale Stellung in der sozialistischen Dichtung. Das kennzeichnend neue Element in der sozialistischen Lyrik dieser Zeit ist die starke Ausweitung der empfindungslyrischen und weltanschaulichen Aussage, die sich allen Formen und Sujets mitteilt und damit an die wichtigsten Traditionen der deutschen und der europäischen Lyrik anknüpft. [...]
Das konkrete Beispiel des sich in der Sowjetunion verwirklichenden realen Humanismus und die klare Konzeption der revolutionären Partei der Arbeiterklasse für den patriotischen Kampf gegen die faschistischen und imperialistischen Feinde der Nation ermöglichen einen Aufschwung der Hymnendichtung . In der Tendenz zur epischen Ausweitung , zum Gedichtzyklus und zur bewußten künstlerischen Anordnung der Gedichtbände wird das erfolgreiche Bemühen um umfassende Verallgemeinerung und echte Vertiefung der Aussage sichtbar. [...]
Seit 1939/41 stellt sich die sozialistische Lyrik direkt in den Dienst der Aufklärung vor allem der deutschen Soldaten über den ungerechten Charakter des Krieges, besonders gegen die Sowjetunion. Neben den erprobten Formen rhetorischer Mahnung und satirischer Entlarvung treten neue, aus der konkreten Situation geborene Versuche unmittelbar operativer Wirkung: . Im Zusammenhang mit den Niederlagen der faschistischen Armee wird die herannahende nationale Katastrophe mahnend beschworen und zum Kampf gegen Hitler aufgerufen. [...]
Eine bemerkenswerte Weiterentwicklung des Dramas gibt es nur durch sozialistische Autoren. Das sozialistische deutsche Drama findet in den Jahren der Emigration seine bisher reifste Ausprägung. In den besten Werken Wolfs, Brechts und Bechers erreicht es im Erfassen der Wirklichkeit eine Höhe und Weltbedeutung, wie sie das deutsche Drama in der Klassik, bei Büchner und beim jungen Hauptmann hatte. Friedrich Wolf gelingt in seinem 'Professor
Mamlock" eine bedeutende Vertiefung seiner dramaturgischen Konzeption. Die Tragödie des bürgerlichen Intellektuellen, dessen Illusionen über einen politisch ungebundenen, konservativen Humanismus an der faschistischen Barbarei zerschellen, konfrontiert im Sujet der Judenverfolgung die gesellschaftlichen Hauptgegner realistisch. Das 'bürgerliche Trauerspiel" wächst ins große Zeitgeschichtsdrama hinüber. Das auf dem direkten Zusammenprall von Spieler und Gegenspieler beruhende Drama, zu dem sich Wolf bekennt, gelingt dort, wo hochentfaltete Klassenkämpfe im gewählten Wirklichkeitsausschnitt gegeben sind. [...]
Den großen Schwierigkeiten dramatischer Gestaltung unter den Bedingungen der faschistischen Herrschaft und Emigration begegnet Bertolt Brecht auf andere Weise. Aufführungen seiner Werke und praktische Theaterarbeit sind auch ihm nur in Ausnahmefällen möglich. In der direkten Darstellung der deutschen Gegenwart liegt der Hauptakzent darauf, das subjektive Versagen breiter Schichten unseres Volkes als Bedingung der faschistischen Macht eindringlich zu zeigen , doch bleiben dabei die objektiven Triebkräfte der Entwicklung im Hintergrund. Den Gesamtzusammenhang der herrschenden Gesellschaft und ihrer Triebkräfte gestaltet Brecht in Form von Gleichnissen, in denen nicht nur die Unmenschlichkeit der Klassengesellschaft, sondern auch die Bereitschaft der 'kleinen Leute", sich mit ihr abzufinden, oder ihre Unfähigkeit, sich aus ihr zu befreien, satirisch oder elegisch kritisiert werden. Durch die Einarbeitung epischer und lyrischer Stilmittel ins Drama sucht Brecht den echten geschichtlichen Gegenspieler, der als Bühnengestalt nicht auftaucht, im Zuschauer wachzurufen . Brecht geht erneut auf Traditionen der Komödie zurück und entwickelt sie weiter. In der Mischung tragischer und komischer Züge kommt sowohl die heutige Stärke und Bedrohlichkeit der kapitalistischen Gesellschaft als ihre weltgeschichtliche Ãœberlebtheit und Ãœberwindbarkeit zum Ausdruck. Im Gleichnis einer Gangsterstory gelingt Brecht die in der bisherigen deutschen Literatur immer in Ansätzen steckengebliebene große politische Komödie . Geschichtliche Antagonisten als Träger der Handlung gestaltet Brecht in Stücken, deren Stoffe dem außerdeutschen Kampf gegen den Faschismus oder der Geschichte entnommen sind. Im Gegensatz zu den 'Parabelstücken", die einen Zustand analy-sieren, zeigt 'Das Leben des Galilei" am Vorabend des zweiten Weltkrieges 'die Geburt einer neuen Zeit". Die weltgeschichdiche Konstellation, in der trotz der noch wachsenden Macht des Faschismus durch die Existenz der Sowjetunion und den Kampf aller antifaschistischen Kräfte der endliche Triumph einer neuen, menschlicheren Zeit gewiß ist, bildet die Grundlage für die Entstehung dieses großen Geschichtsdramas, des größten, das die deutsche Literatur seit Schiller und Büchner aufzuweisen hat.
     

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