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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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AUTORENKOLLEKTIV - Skizze zur Geschichte der deutschen Nationalliteratur von den Anfängen der deutschen Arbeiterbewegung bis zur Gegenwart



Die literarische Entwicklung von den Anfängen der Arbeiterbewegung bis zur bürgerlich-demokratischen Revolution


[...]
Die klassische deutsche Literatur setzte voraus, daß die künstlerischen Repräsentanten bürgerlicher Interessen mit historischem Recht sich zugleich als Sprecher des gesamten Volkes, der Mensch-' heit in ihrer Entwicklung, fühlten . Das politische Auftreten der Arbeiterklasse stellt die historische Berechtigung einer solchen Position für die nun anbrechende Epoche sogleich entschieden in Frage. Vertretung der Gesamtinteressen des Volkes und Vertretung spezifisch bürgerlicher Klasseninteressen geraten in offenen Widerspruch.
      In Deutschland kompliziert sich die Lage dadurch, daß das Bürgertum die im Interesse der Gesamtnation liegende Aufgabe, eine moderne kapitalistische Basis und einen bürgerlichen Staat zu schaffen, noch vor sich hatte, während ideell — als philosophische, publizistische, künstlerische Aufnahme der Probleme der englischen und französischen Arbeiterbewegung — und seit den vierziger Jahren auch praktisch der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit schon die weltgeschichtlich wesentlichste Frage geworden ist. Aus diesem Widerspruch ergibt sich die objektive Aufgabe der Nationalliteratur in dieser Periode: Sie erreicht dort ihre größte Höhe, wo sie auf den Prozeß der Bildung einer bürgerlichen Nation fördernd einwirkt und zugleich den schon aufbrechenden Antagonismus von Kapital und Arbeit sichtbar macht.
      Das ganze System ästhetischer Anschauungen der deutschen Klassik erweist sich unter diesen Bedingungen als nicht gradlinig fortsetzbar. Wo die unkritische Fortsetzung versucht wird, entsteht alsbald die Gefahr des Epigonentums, des Anachronismus, des Steckenbleibens in Provinzialismus und Enge . Der Roman spielt im ganzen eine sekundäre, das Drama nur in wenigen Ausnahmefällen eine hervorragende Rolle. Wo die Literatur sich auf der Höhe der rascher und stürmischer werdenden Entwicklung der Gesellschaft befindet, geschieht es im ideellen, oft auch im praktischen Bündnis mit den aktiven demokratischen Kräften. Auch im Formalen werden neue Impulse künstlerischen Schaffens aus der Berührung mit der progressiven Presse, dem Flugblatt, der Volksdichtung gezogen. Die Verschärfung des Klassenkampfes, die systematische Unterdrückung der fortschrittlichen Literatur verstärkt die Verlagerung des Schwerpunktes der Literatur auf solche Gattungen, die möglichst wenig an herrschende Institutionen gebunden sind. Es entsteht in großer Breite eine direkt politische Literatur, namentlich eine politische Lyrik, die eine bedeutende Wirkung ausübt. Als weltanschaulich-künstlerisches Erbe spielt die Klassik eine bedeutende Rolle.
      Die revolutionären Ereignisse des Jahres 1830 in Frankreich und Polen, die internationale historische Bedeutung haben, lösen in Deutschland einen neuen Aufschwung der antifeudalen Oppositionsbewegung aus. Die Reaktion versucht, mit verschärften Zensur- und Unterdrückungsmaßnahmen die oppositionelle Welle abzufangen und einzudämmen. Mehrere führende Repräsentanten der progressiven Literatur werden ins Exil getrieben und gehen an verschiedene Zentren der revolutionären Bewegung in Europa, besonders in Paris, in die Schule der Revolution, wobei sie als erste den Gegensatz von Bourgeoisie und Proletariat reflektieren und Probleme, die der utopische Sozialismus aufgeworfen hat, erfassen . In der verschiedenartig gerichteten und unterschiedlich konsequenten bürgerlichen Oppositionsbewegung verstärkt sich das allgemeine Bewußtsein, daß das europäische 'ancien regime" historisch überholt und durch eine revolutionäre Volksbewegung überwindbar sei.
      Heinrich Heines Theorie vom 'Ende der Kunstperiode" drückt das Bedürfnis nach einer neuen Grundkonzeption der Literatur am umfassendsten aus. In dieser Diskussion geht es vor allem um das Verhältnis von ästhetischer und politischer Theorie und Praxis. In diesem Zusammenhang setzt sich Heine mit den Ãœberresten der Romantik auseinander. Die unmittelbar politische Haltung wird dabei in der Kritik Goethes gelegentlich ungerechtfertigt überbetont. Die Kunstperiode wird als 'überlebt", als 'volksfremd" kritisiert und jedenfalls als unzeitgemäß empfunden. Dieser Drang zur ästhetischen Selbstverständigung ist bei nahezu allen Dichtern des deutschen Vormärz mehr oder weniger stark ausgeprägt. In den Reihen der deutschen Vormärzdichter wird die Notwendigkeit empfunden, das eigene künstlerische Ausdrucksvermögen als orga-nischen Bestandteil eines liberalen oder demokratischen Programms zu kennzeichnen, an dessen Verwirklichung gerade der schönen Literatur ein erheblicher Anteil zugedacht wird.
      Die Stellungnahmen zum klassischen und romantischen Erbe sind Ausdruck der sofort nach 1830 notwendigerweise beginnenden Auseinandersetzung zwischen Liberalismus und revolutionärem Demokratismus gerade auch auf dem Felde der Literatur und Literaturtheorie. Die Aufnahme der materiellen Forderungen des Volkes in die literarische Darstellung bestimmt sowohl die Kritik Georg Büchners an der Konzeption des 'Jungen Deutschland" -einer losen, kurzlebigen, intellektuellen und wenig volksverbundenen liberalen Schriftstellergruppierung - als auch den in den dreißiger Jahren geführten Streit zwischen Börne und Heine, den letzterer von einer prosozialistischen Position aus führt. Derartige Auseinandersetzungen nehmen besonders dort prinzipielle Form an, wo mit publizistischen Mitteln schnell und unmittelbar auf Bedürfnisse des politischen Kampfes reagiert werden muß, um den Gegner in seiner Ideologie und politischen Praxis zu entlarven und die oppositionellen Ideen unter die Volksmassen zu tragen.
      Schon vor 1830 waren sich die führenden oppositionellen Schriftsteller in Deutschland wie Börne und Heine der großen Wirkungsmöglichkeiten bewußt, welche die Publizistik bietet. Börne propagierte in der Ankündigung seiner Zeitschrift 'Die Waage" einen 'lebhaften Austausch der Gedanken" und eine 'freie und schnelle Mitteilung". Heine schuf sich in der Form seiner 'Reisebilder" die Möglichkeit, seine kritischen Auffassungen auszusprechen. Zwar engte die Zensur den Radius solcher Ideenverbreitung immer mehr ein, je gefährlicher ihre Wirkungen zu werden begannen; doch entwickelten die deutschen Publizisten ebenso rasch die Fähigkeit, in offener oder verhüllter Sprache die Zensur zu überspielen . Durch das Wirken Heines und Börnes treten nach 1830 die publizistischen und halbpoetischen Formen an die Spitze der Literatur und leiten eine Periode der geistigen und literarischen Vorbereitung auf die kommende Revolution in Deutschland ein. [...)
Auch Georg Büchner greift mit dem 'Hessischen Landboten" in die Entwicklung der deutschen Publizistik ein und schafft für diese Zeit Einzigartiges. Die Flugschrift, mit der Büchner die armen Bauern seiner hessischen Heimat unmittelbar für revolutionäre Aktionen zu gewinnen sucht, will weniger mit pathetischer Gebärde als mit Mitteln der Statistik und durch Darstellung sozialer Fakten die Volksmassen über ihre feudalen und kapitalistischen Unterdrücker und Ausbeuter aufklären und zum Widerstand aktivieren.
      Die deutsche politische Lyrik zu Anfang der dreißiger Jahre schöpft ihre Anregungen wie ihre wichtigste Thematik zunächst noch wesentlich aus den nationalen und sozialen Kämpfen anderer Völker, vor allem aus der französischen Julirevolution und dem polnischen Novemberaufstand. Beide Ereignisse lassen eine Fülle agitatorischer Gedichte entstehen, deren Haupttendenzen gegen die Heilige Allianz, gegen den Partikularismus und auf die Begründung einer liberalen Politik gerichtet sind. Einer der bedeutenden politischen Dichter ist Platen. Seine Romantikkritik erwächst nicht - wie bei Heine - aus der kritischen und schöpferischen Aufnahme Hegels und der Klassik, sondern hält am starren und fiktiven Schönheitsideal Winckelmanns fest. Sie ist eng verbunden mit der Kritik an den muffigen Verhältnissen in Deutschland und erreicht ihren weltanschaulichen Höhepunkt in den 'Polenliedern" , in denen die Rolle Rußlands als eines Gendarms Europas erkannt und die Anwendung des polnischen Beispiels zum revolutionären Sturz Metternichs gefordert wird. Unter dem Einfluß Berangers und der französischen Klassenauseinandersetzungen in den dreißiger Jahren wendet sich Chamisso sozialen Motiven zu, wobei er die Tradition Bürgers weiterführt. Er macht als erster die Deutschen mit dem Ka mpf der russischen Dekabristen bekannt. Als Lyriker setzt Heine der deutschen Idyllik eine vom modernen großstädtischen Paris inspirierte erotische Lyrik entgegen, mit der er nicht nur die herrschende christliche, sondern auch die liberal-'tugendhafte" Moral herausfordert . Deutschland wird von dem Emigranten zugleich als Gegenstand der Sehnsucht besungen und als rückständiges 'Philisterland" kritisiert , das empfindungslyrische Gedicht bezieht direkt historisch-politische Grundpositionen mit ein und geht in Vorläufer der späteren großen politischen Lyrik Heines über .
      Der wachsende Widerspruch, in den das empfindende Subjekt zu seiner gesellschaftlichen Umwelt gerät, äußert sich nicht nur im politischen Gedicht, sondern gleichzeitig in der Entwicklung einer Lyrik, die sich gegen die Folgen des ökonomischen und gesellschaftlichen Unwandlungsprozesses abzuschirmen sucht. Ihre hervorragenden Vertreter sind Eduard Mörike und Annette von Droste-Hülshoff.
      Mörike beschränkt sich bewußt auf die Gestaltung einer idylli-sehen, von den Einwirkungen des Kapitalismus noch weitgehend unberührten Welt. Im Bereich dieser eng gezogenen Grenzen vermag er seinem Natur- und Liebeserlebnis einen wahren und tief gefühlten Ausdruck zu verleihen und ihm eine schöne und harmonische Form zu geben, die durch ihre Bindung an das Volkslied und in den Balladen und epischen Gedichten an das Schaffen Goethes ausgezeichnet ist. Der große weltanschauliche Gehalt klassischer Lyrik geht allerdings verloren. [...]
Die bedeutsame Naturlyrik der Anette von Droste-Hülshoff erwächst aus einer ausgesprochen konservativen Lebenshaltung. Ihre Naturgedichte sind ein Protest gegen die vorrückende Technik und die alles 'überleimende" Zivilisation des Kapitalismus; sie sind ein Bekenntnis zur Naturwahrheit, wie sie die Dichterin in den fast noch patriarchalischen Zuständen ihrer engeren Heimat, des Münsterlandes, zu sehen glaubt. [...]
Bereits seit den zwanziger Jahren werden Bemühungen deutscher Dichter sichtbar, die seit dem Tode Schillers und Kleists unterbrochene Entwicklung eines deutschen Nationaldramas fortzuführen und die Auswirkungen des romantischen Schicksalsdramas zu überwinden. Die nur schwach vorhandene Einsicht in die nationale Entwicklung, die zumal vor 1830 auch schwer erkennbar war, führt z. B. bei Immermann und Grabbe zunächst zu einer starken Unsicherheit in der Sujetwahl und in der Aufnahme der dramatischen Tradition. [...]
Erst im Werk Georg Büchners erhebt sich das deutsche Drama wieder zu nationalem und weltliterarischem Rang. Büchners revolutionär-demokratische Gesinnung, seine materialistisch fundierte Weltanschauung, seine tiefe Verbundenheit mit dem Volke und die Größe seines Talents befähigen ihn, die vor sich gehenden Veränderungen in der Gesellschaftsstruktur seiner Zeit tiefgründig zu erfassen. Das organisierte Auftreten der historisch progressivsten Klassenkräfte , die sich gegen Ausbeutung überhaupt wenden, bringt ihn zu der Erkenntnis, daß die Lösung der nationalen Frage ohne die revolutionäre Lösung der sozialen Frage unmöglich ist. Die Einsicht in diesen Zusammenhang und in die Bedeutung der Volksmassen im geschichtlichen Prozeß schlägt sich dichterisch in der nach Gehalt und Form neuartigen Erscheinung des Büchnerschen Dramas nieder, welches Programm und Richtung der deutschen Sturm-und-Drang-Bewegung weltanschaulich und ästhetisch fortführt. Büchner unterzieht in 'Dantons Tod" - die Fraktionen Dantons und Robespierres nur als politisch-ideologischen Ausdruck von Kräften der bürgerlichen Revolution wertend, die nicht willens oder fähig sind, die soziale Unterdrückung und Ausbeutung des Volkes zu beseitigen - die bürgerliche Revolution einer historischen Kritik, wobei er implizite die Grundprobleme der kommenden Revolution auf wirft. Mit dem Dramenfragment 'Woyzek" rückt in der Gestalt des geschundenen plebejischen Helden, den die gesellschaftlichen Verhältnisse zugrunde richten, zum ersten Mal in der deutschen Literatur der Gegensatz von arm und reich in den Mittelpunkt der dramatischen Handlung. In 'Leonce und Lena" , dem gelungensten Versuch, eine politische Komödie zu schaffen , wird nicht nur die deutsche Kleinstaaterei verspottet, sondern auch in der Enthüllung der moralischen Physiognomie der Feudalklasse deren Existenzberechtigung verneint.
      Nach 1830 werden neue Ansätze zur Entwicklung eines deutschen Gesellschaftsromans sichtbar. Das allmähliche Anwachsen des Kapitalismus und sein Einfluß auf die sozialen Verhältnisse führt in der erzählenden Dichtung gleichzeitig zu besorgten Erörterungen über die Perspektive der menschlichen Gesellschaft. Während für die Jungdeutschen der Roman vornehmlich Vermittler ihres dem Liberalismus verpflichteten politischen und moralischen Ideengutes ist, sucht Immermann, der bedeutendste Epiker dieser Epoche, darüber hinausgehend, ihn zu einem Spiegel der deutschen Gesellschaft werden zu lassen. In seinen Romanen will Immermann nicht nur die Lebensverhältnisse des Adels, der Indu--striebourgeoisie und der bürgerlichen Intelligenz, sondern auch die der Bauern und des Industrieproletariats widerspiegeln. Er empfindet seine Zeit als eine Periode des Ãœbergangs, in der ihm eine eindeutige Orientierung versagt ist. [...]
An den Thronwechsel in Preußen knüpfen sich für kurze Zeit illusionäre Hoffnungen auf liberale Reformen. Sie zerbrechen rasch, als Friedrich Wilhelm

I

V.

bestrebt ist, angesichts revolutionärer Vorzeichen überholte Privilegien der Junker zu sichern. Auf kulturellem Gebiet veranlaßt oder protegiert er aggressive Maßnahmen der Reaktion . Eine Reihe feudalstaatlicher Verordnungen hemmen die rasche Entwicklung der neuen Produktivkräfte und verschärfen zugleich die vorhandenen ökonomischen Widersprüche; für die deutsche Bourgeoisie ist es zu einer Existenzfrage geworden, diese

Hemmnisse zu beseitigen. Daher kommt es nicht nur zu einer energischen Wiederaufnahme der politischen Volksagitation aus den dreißiger Jahren, sondern zu einer Verbreiterung und Verstärkung dieser Bewegung auch insofern, als sich die bürgerliche Klasse Preußens, die bisher keinen Anteil an ihr genommen hatte, jetzt aktiv einschaltet, wenn auch vornehmlich auf der Linie eines schwankenden Reformliberalismus. Es reift eine akute re: volutionäre Krise heran, die in einer neuen Phase des Vormärz ihre literarische Entsprechung findet.
      In dieser Phase erhält die Diskussion über die Weiterführung der Hegeischen Philosophie große Bedeutung. Die Teilung der Hegel-Schule in eine konservative Rechte und eine liberale Linke führt dazu, daß auf erkenntnistheoretisch und politisch höherer Stufe heftige Religionskritik als Kritik an einer wesentlichen Stütze der feudalen Reaktion und des feudalen Staates geübt wird. Ludwig Feuerbach führt diese Kritik auf materialistischer Grundlage weiter und wirkt mit seinen Kardinalthesen außerordentlich stark auf die schöne Literatur . Materialistische, von Feuerbach wesentlich bestimmte Positionen sind es auch, die um 1843 Marx und Engels veranlassen, unter dem Aspekt einer revolutionären Veränderung der Welt die 'Kritik des Himmels" in eine 'Kritik der Erde", die 'Kritik der Religion" in eine 'Kritik des Rechts", die 'Kritik der Theologie" in eine 'Kritik der Politik" zu verwandeln.
      Das Heranreifen einer vorrevolutionären Krise im internationalen Maßstab beschleunigt die Bildung von revolutionär-demokratischen Zentren exilierter deutscher Ideologen und Literaten in der Schweiz und besonders in Paris. Zumal hier, aber auch innerhalb Deutschlands führt die Verschärfung aller Widersprüche dazu, daß die Verflechtung des Widerspruchs zwischen Feudalismus und Kapitalismus und zwischen Kapital und Arbeit erkannt und theoretisch tiefer verarbeitet wird. Die politische Publizistik erreicht eine neue Höhe, vergrößert ihren Aktionsradius und findet zeitweilig materielle und ideelle Unterstützung bei Teilen der Bourgeoisie .
      Der Ausbruch des Weberaufstandes , der ersten großen Auseinandersetzung des deutschen Proletariats mit dem Kapitalismus, führt zu einem Aufschwung der politischen Massenbe- wegung in Deutschland. Der Vormärz tritt in seine letzte entscheidende Phase, die unmittelbare Vorbereitung und Durchführung der Revolution, ein. Das revolutionäre Zentrum Europas verlagert sich nach Deutschland, und eine Reihe führender 'Bourgeoisideologen, welche zum theoretischen Verständnis der ganzen geschichtlichen Bewegung sich hinaufgearbeitet" haben, begibt sich auf die Position der Arbeiterklasse; allen voran Marx und Engels, mit ihnen Ernst Dronke, Wilhelm Wolff, Georg Weerth und zeitweise Heine und Freiligrath. Deutschland wird zum Geburtsland des wissenschaftlichen Kommunismus. Mehrere Frühschriften von Marx und Engels, so die 'Thesen über Feuerbach" , 'Die deutsche Ideologie" und die Abrechnung mit den Junghegelianern unter dem Titel 'Die heilige Familie" vollenden die 'philosophische Revolution", dienen der Abgrenzung von allen Lehren und Sekten des bürgerlichen und kleinbürgerlichen deutschen 'Sozialismus" und bereiten die in den Jahren 1846/47 erfolgende Verschmelzung des wissenschaftlichen Kommunismus mit dem Vortrupp der deutschen Arbeiterklasse vor . Unter dem Einfluß der Ideen von Marx und Engels entstehen Ansätze und erste Meisterwerke überwiegend sozialistischen Inhalts, in denen die humanistischen Ideen und ästhetischen Errungenschaften der Blütezeit bürgerlicher deutscher Nationalliteratur bewahrt und weiterentwickelt sind.
      Mit Beginn der vierziger Jahre erblüht die politische Lyrik in größerer Fülle und Vielfalt. [...]
Die erste Entwicklungsphase erstreckt sich über die Zeit von 1840 bis 1843/44; die politische Lyrik formiert sich. Dabei treten durchaus unterschiedliche Repräsentanten und Meinungen auf: Neben den pathetischen 'Gedichten eines Lebendigen" von Her-wegh stehen die skeptisch-satirischen 'Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters" von Dingelstedt. Die ständig wachsende Oppositionsbewegung duldet kein Ausweichen vor der Entscheidung mehr. Der Streit um die Parteinahme des Dichters zwischen Herwegh und Freiligrath endet mit einem überzeugenden Siege Herweghs: Freiligrath tritt 1844 öffentlich auf die Seite der Opposition und widmet in der Folgezeit seine besten Gedichte dem revolutionären Kampf. Dennoch ist gerade diese Phase nicht frei von politischen und ästhetischen Mängeln. Die politische Lyrik der frühen vierziger Jahre ist zwar antifeudal und antiabsolutistisch und fordert die deutsche Einheit; dennoch bleibt sie dort, wo die politischen Probleme noch nicht als Klassenprobleme erkannt undsoziale Fragen ignoriert werden, in einem liberal-illusionären Reform appell oder in einem durch seine Abstraktheit übersteigert und unecht wirkenden Freiheitspathos stecken. Die Unklarheit über die Kraft der revolutionären Bewegung und über die Perspektive der Entwicklung äußert sich häufig in einem elegischen, teilweise sentimentalen Charakter dieser Lyrik. Dichter wie Prutz und Hoffmann von Fallersieben, die in ihren Werken zwar die demokratischen Kräfte wirkungsvoll unterstützen und zum Kampf gegen den Feudalismus aufrufen, vermögen, in den ideologischen Grenzen des Kleinbürgertums befangen, die historische Rolle der vorrevolutionären Bewegung nicht zu begreifen, so daß die Gegenstände ihrer politischen Dichtung relativ eng bleiben.
      Die zweite Entwicklungsphase wird vor allem durch eine wachsende Konkretisierung und eine Verschärfung der Satire gekennzeichnet. Die Dichter finden Anschluß an die breiter werdende Oppositionsbewegung; sie werden durch die wachsende Aktivität der Volksmassen zu klareren Standpunkten geführt. Das Aufbrechen der Klassenfragen weitet ihr Blickfeld und führt sie zur Aufnahme neuer, dem Ringen des Proletariats entnommenen Sujets . Gegenüber der volkstümlich-satirischen Lyrik Glasbrenners wirken Herweghs Gedichte anfangs blaß und verschwommen; aber auch bei Herwegh selbst findet sich im zweiten Teil seiner 'Gedichte eines Lebendigen" ein Anwachsen satirischer Elemente. In den Schöpfungen Heines und Weerths erreicht die politische Lyrik des Vormärz ihren Höhepunkt.
      Heines Lyrik ist?zu Beginn der vierziger Jahre mehr von Kritik an den Schwächen der literarischen Oppositionsbewegung als von einer gemeinsamen Frontstellung mit der Opposition gegen die herrschenden Kräfte in Deutschland bestimmt . Er sieht aber bald ein, daß eine ernsthafte, ständig kräftiger und konkreter werdende Opposition heranwächst, und er begreift, daß es sich lohnt, mit den vorher bespöttelten Feinden seiner Feinde gemeinsam Front zu machen. Freilich hört er nicht auf, die Irrtümer seiner Mitstreiter ironischsatirisch zu korrigieren. Aber er richtet jetzt den Generalangriff gegen den politischen Hauptgegner in Deutschland, gegen den Feudalabsolutismus und seine Ideologie. Beeindruckt von den Kämpfen der französischen Arbeiterklasse, konkretisiert Heine seine politische Konzeption, die schon in den dreißiger Jahren von utopisch-sozialistischen Ideen beeinflußt war. Auf dieser Grundlage projiziert er die Perspektive einer radikalen, im Interesse der Volksmassen durchgeführten Revolution auf die deutschen Ver-hältnisse. Während seiner engen freundschaftlichen Beziehungen zu Marx vertieft und präzisiert er diese Auffassungen. Die Erkenntnis der geschichtlichen Rolle der Arbeiterklasse, die Perspektive des Sozialismus als Ergebnis einer revolutionären Umgestaltung der Gesellschaft wird zur Grundlage seiner überlegenen politischen Dichtung. In dem Gedicht 'Die schlesischen Weber" zeigt er das deutsche Proletariat drohend und kraftvoll, als Totengräber der alten Gesellschaft.
      Er propagiert die Einheit von revolutionärer Idee und Tat und entwirft das Bild einer befreiten, alle Glücksgüter der Welt genießenden Menschheit . Die politisch und sozial orientierende, vorwärtsweisende Macht seiner Dichtung beruht immer auf klarer Erkenntnis der Klassenfragen, und das Zukunftsbild erwächst stets aus der konkreten Kritik der alten herrschenden Kräfte und Verhältnisse. Bis zu den Revolutionsjahren hin bleibt dieser Charakter seiner politischen Lyrik erhalten, wenngleich er sich nach dem 'Weber"-Lied und dem 'Wintermärchen" mehr auf die aggressive Satire gegen den politischen Hauptgegner konzentriert. Die Weltbedeutung von Heines politischer Dichtung besteht darin, daß sie einer überlegenen satirischen Haltung gegenüber dem 'ancien regime" entspringt und aus einer historisch gültigen Erkenntnis der modernen kapitalistischen Klassenentwicklung geschrieben ist. Seine Dichtung ist der satirisch-komödische, jeglichem Sentimentalismus abholde Abschied von anachronistisch gewordenen, zum Untergang verurteilten geschichtlichen Kräften im Namen einer kommenden Zeit. Sie stellt die Parität der praktisch rückständigen deutschen Entwicklung und der internationalen Entwicklungshöhe im Bereich der literarisch-künstlerischen Widerspiegelung her und ermöglicht so die weltliterarische Aktualität Heines.
      In 'Deutschland - ein Wintermärchen" , der hervorragendsten Dichtung der Periode, nimmt Heine das bereits erprobte, den deutschen Bedingungen besonders angemessene Reisebild wieder auf, gibt ihm aber eine noch publikumswirksamere, volkstümlichere lyrisch-epische Gestalt. Die subjektive Form der Spiegelung ermöglicht es ihm, die rückständigen Verhältnisse aus dem Aspekt der welthistorischen Entwicklung zu kritisieren , die in der Oppositionsbewegung vorhandenen Illusionen zu zerstören und zugleich die heranreifende revolutionäre Umwälzung als Potenz zu zeigen . [...]

Gegenüber der politischen Lyrik, die das Gesicht der Literatur in den vierziger Jahren prägt, bleiben alle anderen dichterischen Gattungen an Bedeutung zurück. [...] Neben der revolutionären wirkt in der deutschen politischen Lyrik der vierziger Jahre eine bürgerlich-philanthropische Linie, die im wesentlichen mit der Dichtung des 'wahren Sozialismus" identisch ist. Marx und Engels kritisierten diese Richtung mit aller Schärfe, weil sie 'mit den positiven Seiten der bestehenden Gesellschaft vollkommen einverstanden ist und nur darüber jammert, daß auch die negative Seite der Armut daneben steht." Diese Literatur, auf einem 'Mangel wirklicher ... Parteikämpfe in Deutschland" beruhend, stellte sich mit ihrer Kritik objektiv nicht an die Seite des kämpfenden Proletariats, sondern wandte sich 'an die Kleinbürger und ihre philanthropischen Illusionen" und konnte die sozialen Widersprüche und Kämpfe nur sentimental verschwommen und auf illusionäre Weise widerspiegeln.
      Der zunehmende Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit als literarisches Thema führt zur Herausbildung von sozialistischen Elementen in der Literatur. Diese Elemente finden sich einmal in den anonymen politischen Liedern und Handwerksliedern, in denen die Kampferfahrungen aus den politischen Auseinandersetzungen mit dem reaktionären Staat und der Bourgeoisie ihren Niederschlag finden. Hervorragendstes Zeugnis dafür ist das episch-lyrische Gedicht 'Das Blutgericht" , in dem das Bewußtsein des unüberbrückbaren Gegensatzes von Bourgeoisie und Proletariat ausgesprochen ist, die wirklichen Lebensbedingungen des Proletariats in der Sphäre der Produktion und das System der Ausbeutung realistisch dargestellt sind und in der illusionslosen Anklage die kommende Rebellion sich ankündigt.
      Sie finden sich zum anderen in der Lyrik der revolutionären Demokraten des Vormärz, in der die kommende Revolution als Revolution des Volkes begriffen wird, die mit Notwendigkeit aus dem politischen Klassenantagonismus erwächst. Freiligraths Gedicht 'Von unten auf" ist eine Prophetie der kommenden Umwälzung des Staates durch das Proletariat.
      Bereits in den Anfängen der sozialistischen Literatur zeigt es sich, daß nicht nur die Erfahrungen der englischen und französischen Arbeiterklasse, sondern auch deren poetische Gestaltung mitverarbeitet bzw. vermittelt werden . Marx und Engels schafften seit 1844 mit ihren theoretischen Arbeiten wesentliche Grundlagen für einemarxistische Ästhetik. Ihre Auseinandersetzung mit den 'wahren Sozialisten" und die Aufmerksamkeit, welche sie literarischen Zeugnissen des kämpfenden Proletariats entgegenbringen, fördern die Entwicklung einer revolutionär-demokratischen und sozialistischen deutschen Literatur. Aus ihren zustimmenden oder ablehnenden Urteilen ergeben sich richtungweisende Bestimmungen der 'Tendenz" bzw. der 'Parteilichkeit". Als Grundbedingung einer ästhetisch bewältigten sozialistischen Tendenz, die aus der Darstellung der wirklichen, praktischen menschheitsbefreienden Kämpfe des Proletariats herauswächst und innerhalb dieser wirklichen Bewegung der Massen die Momente der Bewußtheit zu erfassen vermag, fordern Marx und Engels vom Künstler theoretische Einsicht und wachsendes Verständnis der historischen Gesamtentwicklung sowie persönliche, bewußte Teilnahme an den Kämpfen der Arbeiterklasse.
      Literarischer Höhepunkt der Revolution von 1848/49 sind die Dichtungen von Ferdinand Freiligrath und Georg Weerth. Sie erhalten diese Bedeutung in erster Linie durch die realistische Spiegelung des Kampfes des Proletariats um seine Befreiung innerhalb der bürgerlichen Revolution. Beide Dichter zählten zu den Mitgliedern des Bundes der Kommunisten und waren eng mit Marx und Engels befreundet; beider literarisches Schaffen gipfelt in ihrer Tätigkeit als Redakteure der 'Neuen Rheinischen Zeitung". Ihre Dichtungen unterscheiden sich jedoch stark voneinander. Die in weitausladenden Rhythmen sich ergießende Rhetorik Freiligraths vermag am meisten in den Gedichten zu überzeugen, die die einzelnen Schritte und Rückschritte der Revolution begleiten . Sie brachten ihm den Namen 'Trompeter der Revolution" ein. Bei Freiligrath liegt jedoch stets die Gefahr der Maniriertheit und der Ãœberspannung der Bilder nahe.
      Weerth, der sich selbst als Schüler Heines bezeichnet, wurde in den vierziger Jahren zum 'ersten und bedeutendsten Dichter des deutschen Proletariats" im 19. Jahrhundert. Die politischen und sozialen Erfahrungen,- die Weerth in England gewonnen hat, verleihen seiner Lyrik ihre soziale, klassenmäßige Konkretheit, und das Wissen um den unausbleiblichen Sieg der Volksmassen gestattet dem Dichter, ähnlich wie Heine die deutschen Zustände mit überlegener Satire darzustellen und zu kritisieren. Doch schon in den 'Liedern von Lancashire" geht Weerthin der Darstellung proletarischer Menschen über Heine hinaus und erweist sich allen anderen politischen Schriftstellern seiner Zeit überlegen. Gerade an Weerths Dichtung aus der Zeit der 'Neuen Rheinischen Zeitung" wird deutlich, wie die Literatur unter dem Einfluß von Marx und Engels in die theoretischen und praktischen proletarischen Auseinandersetzungen einbezogen wird, so daß hier zum ersten Male die Organisiertheit der proletarischen Literatur sichtbar wird. Weerth wird Parteischriftsteller im engeren Sinne des Wortes. Seine literarischen Mittel sind neben der Lyrik die Skizze, die Glosse und das Pamphlet. In den 'Humoristischen Skizzen aus dem deutschen Handelsleben" knüpft Weerth an die satirische Charakterisierung bei Heine an und führt die revolutionär-demokratische Kritik am Kapitalismus weiter. Sie bilden den Höhepunkt von Weerths Prosaschaffen und stehen unter den Satiren in der deutschen Literatur einzig da. Dank der Ãœberlegenheit seines proletarischen Ständpunktes erschließt er der Literatur auch neue komische Eigenschaften der gesellschaftlichen Wirklichkeit . In der Person eines jungen Revolutionärs schildert er im Fragment eines Romans zum ersten Male den Typ des kämpfenden Arbeiters in der deutschen Prosa.
      Früh schon erkannte Weerth in der Arbeiterklasse den Schöpfer einer neuen Literatur und Kunst. Er war überzeugt, daß die Arbeiterklasse einst 'eine frische Literatur, eine neue, gewaltige Kunst durch die Welt zu führen" imstande sein werde. Seine besten Schöpfungen stehen am Beginn dieser neuen Literatur und sind ein Teil von ihr. Das Scheitern der Revolution von 1848/49 konnte diese neue Literaturbewegung zwar zunächst unterbrechen, auf die Dauer aber ihr Wachstum nicht aufhalten.
      Die literarische Entwicklung von der Niederlage der bürgerlichdemokratischen Revolution bis zur Gründung des preußischdeutschen Kaiserreiches

[...]
Dem Proletariat, das in der bürgerlich-demokratischen Revolution von 1848/49 noch nicht reif war, die politische Führung zu übernehmen, bleibt die Aufgäbe, auf allen Gebieten des politischen und geistigen Lebens zur führenden Kraft der Nation zu werden. Das Gedankengut der klassischen deutschen Philosophie und Literatur sowie die Ideen des Vormärz werden von der Arbeiterklasse als geistiges Erbe in Besitz genommen; sie gehen in das wissenschaftliche Werk von Marx und Engels ein.

     
Nach 1848 entwickelt die Bourgeoisie, entsprechend ihrer veränderten Klassensituation, eine Ideologie, die mehr und mehr mit den fortschrittlichen Ideen aus ihrer aufsteigenden Phase bricht und deren Hauptanliegen die Verteidigung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung wird. Diese Apologetik erfolgt in dieser ersten Periode vor allem in indirekter Weise. Die deutsche Bourgeoisie greift auf reaktionäre Ideologien ihrer eigenen Klasse zurück, die vor der Revolution ohne größere Wirkung geblieben waren.
      Arthur Schopenhauer, Vertreter einer irrationalistischen, lebensverneinenden Philosophie, und Leopold von Ranke, der Wegbereiter einer objektivistischen, den gesellschaftlichen Fortschritt leugnenden Geschichtsschreibung, gewinnen zu Beginn der fünfziger Jahre einen beherrschenden Einfluß auf das deutsche Geistesleben. Noch deutlicher spricht sich die gewandelte Weltanschauung des Bürgertums in den nach 1848 entstandenen Auffassungen von Jacob Burckhardt und Friedrich Theodor Vischer aus, die mit ihren Ideen einen besonders starken Einfluß auf die Literatur ausüben. Beide sind von Zweifel und tiefer Besorgnis über die Auswirkungen der kapitalistischen Entwicklung erfüllt, stehen aber zugleich so fest auf dem Boden ihrer Klasse, daß sie nicht Kritiker dieser Erscheinungen werden, sondern diese mittelbar verteidigen. [...]
Zu den wenigen Theoretikern, die, zumindest während des ersten Jahrzehnts nach der Revolution, den demokratischen Ideen verpflichtet bleiben, zählt Hermann Hettner, dessen in der 'Geschichte der deutschen Literatur im achtzehnten Jahrhundert" entworfenes Klassikbild im Gegensatz zu Burckhardts und Vischers Auffassungen aus den wirklichen Beziehungen dieser bedeutenden Literaturperiode zur Gesellschaft hergeleitet wird.
      Spezielle Bedeutung für die Beurteilung der Entwicklung deutscher Dichtung und für die Entstehung einer marxistischen Literaturtheorie haben die literaturkritischen Beiträge und Äußerungen der marxistischen Klassiker. In beispielhafter Weise erscheint diese produktive Kritik, die Anwendung des historischen Materialismus auf die Literaturtheorie in dem Briefwechsel, den Marx und Engels 1859 mit Lassalle über dessen Drama 'Franz von Sickingen" führen. Sie erkennen das literarische Verdienst Lassalles darin, daß er anders als die bürgerlichen Dramatiker seiner Zeit am geschichtlichen Stoff ein wichtiges Gegenwartsthema abhandelt. Indem er das Scheitern der Demokratie in der deutschen Revolution darzustellen versucht, gestaltet er eine zu diesem Zeitpunkt zentrale Frage der deutschen Geschichte. In ihrer Analyse weisen aber Marx und Engels zugleich nach, daß der gewählte Stoff

dem Thema nicht angemessen ist. Sie decken vor allem durch ihre Kritik der falsch dargestellten Verbindung des Helden zur bäuerlichen und plebejischen Bewegung der Bauernkriege die kleinbürgerliche Position Lassalles auf und weisen damit auf den Zusammenhang von weltanschaulicher und ästhetischer Problematik hin. Marx und Engels gehen auf das Wesen des Geschichtsdramas und des tragischen Konflikts ein, knüpfen dabei an die ästhetischen Erörterungen der deutschen Klassik an und formu- Heren, diese weiterentwickelnd, konzeptionelle Gesichtspunkte für ein sozialistisch-realistisches Geschichtsdrama.
      Die bürgerliche deutsche Literatur verliert nach 1848 ihren weltliterarischen Rang, den sie fast ein Jahrhundert hindurch innegehabt hatte. Der progressive gesellschaftliche und nationale Gehalt sowie die Völkerverbundenheit, welche die Dichtung von Lessing bis Heine während der aufsteigenden Epoche des deutschen Bürgertums auszeichnete, werden stark eingeschränkt. [...]
Der Sieg der Konterrevolution hat zur Folge, daß die Gruppierungen der progressiven, insbesondere der revolutionärdemokratischen Schriftsteller zerstreut werden. Die konsequentesten von ihnen gehen ins Exil und verlieren dadurch den unmittelbaren Kontakt mit größeren Kreisen zeitgenössischer Leser in Deutschland. Das Verbot der fortschrittlichen Presseorgane beraubt auch diejenigen, die im Lande bleiben, einer direkten öffentlichen Wirkungsmöglichkeit. Nach 1848 verliert die politische Lyrik die überragende Bedeutung, die sie in den vierziger Jahren gehabthatte. Die Vertreter der politischen Lyrik und Publizistik des Vormärz verstummen zum Teil nach der Niederlage der Revolution ; viele von ihnen schwenken auf den antirevolutionären Kurs des liberalen deutschen Bürgertums ein. Hoffmann von Fallersieben, Robert Prutz und selbst Ferdinand Freiligrath akzeptieren schließlich die Bismarcksche Reichseinigung wenigstens teilweise als Erfüllung ihrer nationalen Wünsche.
      Mit Weerths Verstummen ist auch die erste Phase der sozialistischen Literatur abgeschlossen. Erst nach Zuspitzung der ökonomischen und politischen Widersprüche in der Krise am Ende der fünfziger Jahre und im Prozeß der Loslösung der deutschen Arbeiterbewegung von der kleinbürgerlichen Demokratie lebt sieneu auf.
      Von den großen Dichtern des Vormärz bleiben allein Heinrich Heine und Georg Weerth Verfechter der revolutionären Demokratie und der Revolution. Heines Dichtung aus seinen letzten Lebensjahren ist von Schmerz, Trauer und Verzweiflung über die Niederlage der Revolution erfüllt. Die ästhetische Konzeption des späten Heine erfaßt die sozialen Grundprobleme der nachrevolutionären Epoche mit außerordentlicher Klarheit und Tiefe. Die Herrschaft des Kapitalismus bedeutet für ihn den Triumph des Gemeinen und Häßlichen, die Zerstörung alles Edlen und Schönen. Als einziger deutscher Dichter wendet er sich nach der Revolution mit unverminderter Kraft gegen die alte Gesellschaft. Seine aggressive Satire, die sich jetzt noch eindeutiger gegen die deutsche und europäische Bourgeoisie richtet, bildet einen direkten Gegensatz zu allen Tendenzen humoristischer oder resignierender Versöhnung mit dem Sieg der Konterrevolution. Georg Herwegh verbündet sich als konsequenter Demokrat zu Beginn der sechziger Jahre mit dem revolutionären Proletariat. [...]
Die bedeutendsten Repräsentanten einer bürgerlich-demokratischen Erzählliteratur neben Gottfried Keller sind in diesem Zeitraum Fritz Reuter, Theodor Storm und Wilhelm Raabe. Sie spiegeln in ihrer Dichtung Erfahrungen solcher Schichten des Volkes, die von dem wirtschaftlichen Aufschwung der fünfziger und sechziger Jahre nur bedingt profitieren, ja großenteils selbst unter den Folgen der ökonomischen Ausbeutung leiden, die sich durch die Zuspitzung der kapitalistischen Widersprüche in jenen Jahrzehnten verschärft. Jene Schriftsteller üben Kritik an den sozialen und moralischen Auswirkungen der fortschreitenden Kapitalisierung und sympathisieren zugleich mit den unterdrückten Klassen. Diese Tendenzen verstärken sich seit dem Ende der fünfziger Jahre, als mit der weiteren Formierung der Arbeiterklasse und dem wachsenden Verlangen nach nationaler Einigung die politischen und sozialen Kämpfe an Ausmaß und Erbitterung zunehmen. Zu Beginn der sechziger Jahre zeigen die Werke von Storm und Raabe, aber auch die von Spielhagen, eine verstärkte gesellschaftskritische Tendenz. Dessen ungeachtet erreichen diese Schriftsteller nicht den Rang der bedeutenden realistischen Erzähler des Auslands ... Die Ursachen dafür liegen in der Unausgereiftheit der kapitalistischen Verhältnisse, in der noch nicht überwundenen territorialen Zersplitterung und nicht zuletzt auch darin, daß das deutsche Kleinbürgertum und große Teile der Intelligenz nach der Revolution mehr und mehr aus dem Zentrum der großen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen verdrängt werden. Die klassenbedingte Isolierung selbst der demokratisch gesinnten literarischen Vertreter des deutschen Kleinbürgertums äußert sich im Unverständnis fürdas Wesen des Kapitalismus — der oft als fatal, als eine Art von spezifischem 'Unglücksfall" für Deutschland auf gefaßt wird — und für die historische Rolle der Arbeiterklasse. Zur gleichen Zeit, da Marx in der ökonomischen Analyse des Kapitals den Schlüssel zum Verständnis der modernen Gesellschaft erkennt, und da bedeutende Schriftsteller anderer Länder wesentliche Seiten dieser Problematik reflektieren, bleiben diese Dichter in der Erkenntnis der sozialen Kernfragen weit hinter Heine zurück. [...]
Der Aufschwung, den die deutsche Arbeiterbewegung zu Anfang der sechziger Jahre nimmt, führt auch zu einem neuen Aufschwung der sozialistischen Literatur. An seinem Beginn stehen Herweghs 'Bundeslied" und Audorfs 'Arbeiter-Marseillaise" , die erste Kampfhymne und das meistgesungene Lied des deutschen Proletariats im 19. Jahrhundert. Die Anfänge dieses Aufschwungs bleiben aber noch stark durchdrungen von den Auffassungen Lassalles. Audorf nennt in seinem Lied das 'freie Wahlrecht" das einzige Mittel zum Sieg des Proletariats und den 'Unverstand der Massen" den Hauptfeind der Arbeiterbewegung. Schweitzer proklamiert in dem Roman 'Lucinde oder Kapital und Arbeit" die Lösung der sozialen Frage durch Hilfe des bour-geoisen Staates für Produktionsgenossenschaften. Hasenclevers Gedichte huldigen abstrakten, allgemeinen Ideen. Doch in gleichem Maße wie in Folge der Aufnahme des Marxismus durch die Arbeiterbewegung die falsche Orientierung Lassalles in der Zielsetzung und Taktik des proletarischen Klassenkampfes attackiert und zurückgedrängt und das Ringen um einen revolutionären Weg zur nationalen Einheit Deutschlands geführt wird, erhält die sozialistische Literatur das ihr gemäße Profil. Herweghs weitere Entwicklung auf die Positionen Bebeis und Liebknechts und der I. Internationale ist typisch für eine ganze Gruppe von Schriftstellern .
      Die literarische Entwicklung von der Gründung des preußischdeutschen Kaiserreichs bis zum Beginn des Imperialismus um die Jahrhundertwende [...]
Unter dem Eindruck der Bismarckschen Einigungspolitik und angesichts des Erstarkens der revolutionären Arbeiterbewegung vollzieht sich im politischen und philosophischen Denken der Bourgeoisie ein Umschwung. Das Bürgertum geht überwiegend zum Nationalliberalismus über, der die liberalen Ideen endgültig ihresprogressiven Inhalts entleert, und bricht entschieden mit der klassischen deutschen Philosophie. Die bürgerliche Philosophie und Literaturwissenschaft werden zunehmend von den verschiedenen Spielarten eines empirisch verengten und eklektischen Positivismus beherrscht. Während sich Schopenhauer noch mit indirekter Apologetik begnügt hatte, wenden sich jetzt viele Philosophen, vor allem Neukantianer und Neuhegelianer, direkt gegen das Proletariat und dessen Weltanschauung, wobei sie sich nicht selten liberaler und pseudosozialistischer Phrasen bedienen.
      In dem Maße, da sich Teile der Bourgeoisie trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs der objektiven Grenzen der weiteren Entwicklung des Kapitalismus bewußt werden, verstärkt sich der Einfluß von Schopenhauers Weltpessimismus . Eine andere Erscheinungsform der tiefgehenden geistigen und kulturellen Krise, in die das deutsche Bürgertum gerät, ist die Philosophie Friedrich Nietzsches, die bezeichnenderweise in den neunziger Jahren zu wirken beginnt. In ihr finden sich nicht nur die imperialistisch werdenden Machtansprüche der herrschenden Klasse bestätigt, sondern auch die allgemeine weltanschauliche Unsicherheit, der die deutsche Bourgeoisie zunehmend verfällt. Demgegenüber offenbaren sich in den wissenschaftlichen Leistungen von Marx und Engels die schöpferische Kraft und Geschlossenheit der Weltanschauung des Proletariats. Das Gedankengut des wissenschaftlichen Kommunismus setzt sich — wenn auch der Lassalleanismus als eine Strömung erhalten bleibt und während der neunziger Jahre in den Reformismus Bernsteins einfließt - in der deutschen Sozialdemokratie im wesentlichen durch und dringt gegen Ende des Jahrhunderts in das Bewußtsein fortschrittlicher bürgerlicher Intellektueller ein. Gleichzeitig schaffen die wissenschaftlichen Arbeiten und brieflichen Ratschläge der Klassiker des Marxismus sowie Franz Mehrings kritische Veröffentlichungen die Grundlagen einer marxistischen Ästhetik und Literaturwissenschaft.
      Während ein Teil der bürgerlichen Dichter die herrschenden Klassen durch direkte und indirekte Apologie unterstützt, während es andererseits für die demokratisch und humanistisch gesinnten bürgerlichen Schriftsteller immer schwieriger wird, sich mit ihrer Klasse zu identifizieren, nimmt die sozialistische Literatur seit Gründung der Eisenacher Partei einen bedeutenden Aufschwung. Sie setzt die Traditionen der sozialistischen und der revolutionärdemokratischen Literatur des Vormärz und der Revolution fort und erschließt der Nationalliteratur neue Gegenstände und Stoffe. Ihr

Einfluß reicht jedoch im wesentlichen nicht über die Arbeiterklasse hinaus.
      Die moralischen Verfallserscheinungen und die Verschärfung der sozialen Widersprüche, welche der Monopolisierungsprozeß hervorruft, nicht zuletzt auch die heroische Standhaftigkeit, welche die deutsche Arbeiterbewegung der immer brutaler werdenden Unterdrückung des Proletariats entgegensetzt, erleichtern es den bürgerlich-humanistischen Schriftstellern, die realen Klassenbeziehungen klarer als vor 1870 zu erkennen. Besonders seit den achtziger Jahren setzen sie sich kritischer mit den sozialen und nationalen Problemen Deutschlands auseinander. Namentlich bei Fontane, in geringerem Umfange auch bei Raabe, Storm und anderen älteren Schriftstellern, läßt sich diese kritischere Haltung erkennen, ebenso, mit größerer Betonung der vom Klassenkampf aufgeworfenen Probleme, bei jenen jüngeren Schriftstellern, die sich in sehr unterschiedlicher Weise der naturalistischen Bewegung zugehörig fühlen.

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In der Geschichte der sozialistischen Literatur seit Beginn dersiebziger Jahre drückt sich der kontinuierliche wie widerspruchsvolle Prozeß des ideologischen und organisatorischen Wachstums der sozialdemokratischen Partei aus.
      Hauptgegenstand der sozialistischen Literatur dieser Periode und ihr wichtigster Beitrag zur Nationalliteratur ist die Darstellung des Arbeiterschicksals, des Arbeitermilieus und der Auflehnung gegen die soziale und politische Unterdrückung. Die von Weerth in die Literatur eingeführte Gestalt des revolutionären Arbeiters wird um neue moralische Eigenschaften, die sich im Klassenkampf herausbilden, bereichert. Ebenfalls von national-literarischer Bedeutung ist ihre prinzipielle Auseinandersetzung mit der preußischdeutschen Gesellschaft und die Kritik am deutsehen Kaiserreich als einem Militär- und Zuchthausstaat, der revolutionär überwunden werden muß. In den Höhepunkten erfaßt diese Literatur die historische und soziale Bedeutung der proletarischen Bewegung als Stufe der Menschheitsentwicklung. Das literarische Schaffen wird befruchtet durch die fortschreitende Aneignung des Marxismus. Da jedoch der Großteil der sozialistischen Schriftsteller weder den Lassalleanismus noch die Tradition der kleinbürgerlichen Tendenzliteratur des Vormärz restlos überwindet, kommt es nur zu einer abgeschwächten Aufnahme des wissenschaftlichen Sozialismus und zu partiellem Anknüpfen an realistische Traditionen. Typisch für die sozialdemokratischen Schriftsteller dieser Periode ist ihre unmittelbare Beteiligung an den Kämpfen der Klasse undder Partei, der sie zumeist als schreibende Funktionäre angehören.
      Größte Breite und Wirkung erreicht die Lyrik. Als Massenlied und als Agitationsgedicht ist sie stets auf ein bestimmtes Publikum gerichtet, dessen vielfältige Erfahrungen in den Auseinandersetzungen mit den Ausbeuterklassen sie aufgreift und dessen Haltung zu wichtigen politischen Ereignissen sie erfaßt. Zwei Linien poetischer Aussage sind in ihre erkennbar: eine rhetorisch-bekenntnishafte, die deutlich in der Vormärz-Tradition steht, und eine satirische, deren beste Äußerungen an die Heine-Weerth-Tradition anknüpfen. Als Grundthema erscheint die Zeitenwende. Dem entspricht eine durchgehende Tendenz zum Hymnischen und der Beginn einer neuen Weltanschauungsdichtung, die auch die Perspektive, die Errichtung der sozialistischen Gesellschaft, zu gestalten sucht.
      In den ersten siebziger Jahren ist Herwegh, dessen von bürgerlichen Literaturwissenschaftlern mißachtetes Spätwerk große Bedeutung hat, der hervorragende Lyriker. Die reale und parteiliche Einschätzung der Entwicklung nach 1871 in Deutschland führt ihn zu der Erkenntnis: 'Die Wacht am Rhein wird nicht genügen - Der schlimmste Feind steht an der Spree", und macht ihn zum schärfsten Kritiker des deutschen Kaiserreichs. Eine weit größere Gegenständlichkeit als in den früheren Gedichten und eine satirische Gestaltung bezeichnen die gewachsene weltanschauliche Erkenntnis Herweghs, der sich damit zum Fortsetzer der politischen Lyrik Heines aus den vierziger Jahren erhebt.
      Einen Höhepunkt der Lyrik dieser Periode bilden die Gedichte auf die Pariser Kommune, deren Kampf nicht mehr allgemein als Freiheitskampf, sondern bereits als spezifisch proletarische Revolution gesehen wird . Dabei gelingt am Sujet dieses weltgeschichtlichen Ereignisses sowohl eine prinzipielle Kritik an der Entstehung Preußen-Deutschlands als auch vor allem die realistische Perspektivgestaltung der gegenwärtigen Kämpfe in Richtung auf die revolutionäre Lösung der nationalen Frage, Erringung der Macht durch das Proletariat und Errichtung eines sozialistischen Staates.
      Nennenswerte Lyriker der Arbeiterklasse, die in den siebziger Jahren zu schreiben begannen, sind Max Kegel, Leopold Jacoby und Rudolf Lavant. Kegel stellt sein Schaffen völlig in den Dienst der täglichen Parteiarbeit. Seine Gedichte zeigen Ziel und Methode des proletarischen Kampfes, wobei jedoch häufig nur die parlamentarischen und ideologischen Formen gesehen werden. Kegelhat viel dazu beigetragen, die Arbeiterklasse für die Ideen des Sozialismus zu begeistern. Sein 'Sozialistenmarsch" wurde zum programmatischen Lied. Am gelungensten sind seine satirischen Dichtungen, in denen er - ein Vorläufer Erich Weinerts und sich wie dieser auch an abseits stehende Arbeiter und an Kleinbürger wendend — die Heuchelei der herrschenden Klassen entlarvt. Jacoby gehört zu den Dichtern, die bereits in den siebziger Jahren durch ihre Lebenserfahrungen und theoretischen Studien zur Einsicht in die Gesetzmäßigkeit der Geschichte kamen und die historische Mission der Arbeiterklasse erkannten. Er will mit seinen Dichtungen die Arbeiter über die Ursachen ihres Elends aufklären und zu aktiven Handlungen führen. Auf der Grundlage einer materialistischen und dialektischen Sicht der Geschichte gelingen ihm Ansätze zum großen hymnischen Weltanschauungsgedicht. Er erfaßt dabei die Gegenwart als eine entscheidende Phase der Menschheitsentwicklung. Lavant ist einer der Formbegabtesten. In seinen Gedichten wird die Gestalt des proletarischen Kämpfers mit der ganzen Skala seines Gefühlslebens als neuer Menschentyp erfaßt. Von großer Wirkung und vorbildlich in der Auswahl war die von ihm besorgte Anthologie proletarischer Dichtung 'Vorwärts" .
      Die Prosa erreicht zumeist noch nicht die Bedeutung der Lyrik. Kleine Erzählformen herrschen vor. In der Aufnahme der Bauernkriegs- und Weberaufstandsthematik wird aber auch durch sie die Frage nach der politischen Neuorientierung der Nation aufgeworfen. Robert Schweichel ist der beste Prosaschriftsteller jener Jahre. 1898/99 krönt er sein Schaffen mit dem Bauernkriegsroman 'Um die Freiheit". Damit durchbricht er den provinziellen Charakter der herkömmlichen deutschen Bauerngeschichte und entwickelt sie zum großen sozialen Roman weiter. Otto-Walster schildert in dem Roman 'Am Webstuhl der Zeit" die Entwicklung der Arbeiterbewegung in einer modernen Großstadt bis zum bewaffneten, im Bündnis mit der Bauernschaft durchgeführten Aufstand und der Errichtung eines 'freien Volksstaates" in Gestalt einer demokratischen Republik. Zahlreiche Leser unter den deutschen Arbeitern fand die österreichische Schriftstellerin Minna Kautsky. In ihren Romanen, besonders in 'Victoria" und 'Helene" gestaltet sie den Widerspruch zwischen Proletariat und Bourgeoisie als Hauptkonflikt. Sie erfaßt die Kompliziertheit und Widersprüchlichkeit des proletarischen Klassenkampfes jedoch nur partiell, was die Gestaltung ihrer Helden stark beeinflußt.

     
Es entstehen die Anfänge einer sozialistischen Dramatik, vorwiegend in Gestalt von Agitationsstücken und kleinen Ein- und Mehraktern . Formen und Inhalte werden durch den Versuch bestimmt, die Arbeiter mit ihren eigenen Problemen vertraut zu machen. Ein starker Zug zur Didaktik beherrscht diese Anfänge. Manfred Wittichs historisches Spiel 'Ulrich von Hütten" repräsentiert den ersten Versuch eines Geschichtsdramas der sozialistischen Literatur von einiger Bedeutung. [...]
Der weitere Aufschwung der sozialistischen Literatur in den achtziger und neunziger Jahren beruht nicht zuletzt auf der Hilfe, die Marx und Engels der deutschen Arbeiterklasse geben. Zwischen 1885 und 1895 unterstützen sie die deutsche Arbeiterklasse und ihre Schriftsteller sowohl durch ihre wissenschaftlichen Werke als auch unmittelbar durch briefliche Ratschläge . Verschiedene ästhetische Schriften der russischen revolutionären Demokraten haben für diesen Aufschwung ebenfalls eine Rolle gespielt. Dem revolutionären Flügel der sozialdemokratischen Partei gelingen [...] Ansätze einer sozialistischen Literaturpolitik. Aber nicht klar genug wird die Aufgabe formuliert, eine spezifisch sozialistische Literatur zu schaffen. Meist wird die Meinung vertreten, ein Aufblühen der Kunst sei erst nach dem Sieg des Proletariats möglich. So wird zugelassen, daß in Publikationen der Partei Dichter, die auf den Positionen Lassalles stehen, sowie naturalistische, kleinbürgerliche und bürgerlich-reaktionäre Unterhaltungsschriftsteller zu Wort kommen, ohne nennenswerte Kritik zu erfahren.
      Während der Jahre 1878-1890 dokumentiert sich die Parteinahme der sozialistischen Schriftsteller in einer Fülle größtenteils satirischer, in äsopischer Verhüllung gehaltener Angriffe auf das Sozialistengesetz. Neue Schriftsteller, vorwiegend aus dem Proletariat stammend, werden wirksam . Ihre literarischen Zeugnisse vermitteln die unerschütterliche Zuversicht in den endgültigen Sieg des Proletariats und verdeutlichen, daß alle Versuche, die Sozialdemokratie zu unterdrücken, gegen das gesamte Volk gerichtet sind. Die notwendigen Auseinandersetzungen mit dem kleinbürgerlichen Demokratismus und dem Lassalleanismus können in der Phase der Illegalität jedoch nicht grundsätzlich zu Ende geführt werden. Dem

Opportunismus bleiben breite Einbruchsstellen geöffnet. Nur die politisch Konsequentesten von ihnen unterstützen dabei literarisch den marxistischen gegenüber dem revisionistischen Flügel der Partei.
      Nach dem Sieg über das Sozialistengesetz, der auch das legale Erscheinen der sozialistischen Literatur sichert, treten, vor allem in der Lyrik, Themen in den Vordergrund, die durch das Vordringen des Imperialismus in Deutschland gekennzeichnet sind. Kolonialpolitik und militärische Aufrüstung, Nationalismus und Chauvinismus sowie die Vision eines kommenden Weltkrieges einerseits, verschärfte Ausbeutung und Verelendung des Proletariats durch Monopolbildung andererseits bilden die wesentlichsten Zielpunkte der literarischen Kritik. Demgegenüber wird das Koalitionsrecht der Arbeiter verteidigt und die internationale Solidarität gepriesen, wird eine friedliche Menschheit gefordert und in der sozialistischen Gesellschaft der einzige Ausweg gezeigt . Diese Dichtungen bilden die entschiedenste literarische Antithese gegenüber der antinationalen Politik der deutschen Bourgeoisie.
      Von hervorragender Bedeutung für die Entfaltung der sozialistischen Literatur und die Weiterentwicklung der marxistischen Literaturtheorie war das Wirken Franz Mehrings. Mit der Ãœbernahme der 'Freien Volksbühne" schuf er Voraussetzungen für die Bildung eines sozialistischen Theaters und einer sozialistischen Theaterliteratur und vermittelte im Gegensatz zur bisherigen Leitung, die ein einseitiges naturalistisches Programm vertrat, den Arbeitern durch die Aufführungen großer Werke der Weltliteratur wichtige Schätze des Kulturerbes.
      Mit Mehrings Wirken in der 'Volksbühne" fällt der erste Höhepunkt einer seit Mitte der achtziger Jahre organisiert vorhandenen sozialistischen Literatur- und Kunstkritik zusammen. In der Auseinandersetzung mit Werken der sozialistischen wie der bürgerlichen Literatur und Kunst aus Vergangenheit und Gegenwart stellt sie die Frage nach der Einbeziehung von Literatur und Kunst in den proletarischen Kampf. Mit seiner 'Lessing-Legende" und kritischen Artikeln und Aufsätzen in der Parteipresse schafft Mehring Grundlagen für die marxistische Literaturwissenschaft als einem selbständigen Zweig der marxistischen Theorie. Aber auch er vertrat die Auffassung, daß erst nach dem Sieg des Proletariats eine Blüte der sozialistischen Kunst möglich sei. Von hervorragender Bedeutung war Mehrings Kritik des Naturalismus sowie seine Arbeiten zur Interpretation und Popularisation derdeutschen Klassik. Er verteidigte die Klassik sowohl gegen die Entpolitisierung durch die zeitgenössische bürgerliche Wissenschaft wie gegen eine scheinradikale Ablehnung. Er lenkte auch ständig den Blick auf weitere wichtige Erscheinungen der Weltliteratur.
      In Gotha-Siebleben 1896 standen in einer breiten Debatte über den Naturalismus zum ersten Mal Probleme der Literatur und Kunst im Mittelpunkt eines sozialdemokratischen Parteitages. Der Parteitag zeigte sich aber nicht in der Lage, einen Klassenstandpunkt durchzusetzen. Die in den Debatten aufgetretenen unterschiedlichen Meinungen - einer kleinbürgerlich-philisterhaften Kritik am Naturalismus und einer vorbehaltlosen Bejahung dieser Bewegung stand, von der Mehrheit der Delegierten vertreten, eine grundsätzliche Ablehnung seiner Elendsmalerei und die Forderung nach einer optimistischen, das revolutionäre Proletariat in den Mittelpunkt rückenden Kunst gegenüber - werden nicht prinzipiell ausdiskutiert. Deutlich spiegelt sich darin der Einfluß des Opportunismus, der sich nun auch immer mehr in der sozialistischen Literatur breit macht und ihre Wirksamkeit lähmt.
     

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