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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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AUTORENKOLLEKTIV - Historisch-inhaltliche Konzeption der Geschichte der deutschen Literatur von der Aufklärung bis zur Gegenwart



Die literarische Bewegung des Sturm und Drang basierte auf der vor der Französischen Revolution letzten akuten Krisenphase der deutschen Feudalordnung um 1770. Ihren verschiedenen Gruppen ist gemeinsam, daß der Antagonismus von feudalständischer Ordnung und den Lebensinteressen des dritten Standes in der Konkretheit seiner sozialen Erscheinungsformen erfaßt wurde. Die bedeutendsten realistischen Leistungen des Sturm und Drang beruhten auf der Verarbeitung der fortgeschrittensten Positionen der deutschen Aufklärung und auf den internationalen Erfahrungen des antifeudalen Kampfes sowie der Rezeption ihres ideologischen und literarischen Ausdrucks. Damit wurde ein historisches Bewußtsein vom Ende der Feudalgesellschaft entwickelt, das als Grundlage des Literaturprogramms auf die Beförderung einer gesellschaftlichen Epochenwende in Deutschland gerichtet war. So wurde eine konkrete Geschichtskonzeption der Literatur gewonnen, die auf die Erfassung von Grundzügen nationaler Geschichte und der ganzen sozialen Breite des Widerspruchs von feudalabsolutistischer Ständeordnung und Nation sowie auf die Bedeutung der Volksmassen und ihrer literarischen Kultur orientiert war. Es wurden bedeutsame Bezüge zur frühbürgerlichen Revolution des 16. Jahrhunderts hergestellt. Das Menschenbild des Sturm und Drang war der erste Versuch historisch konkreter Erfassung des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft, das zur Erfassung der gesamten Wirklichkeitsbezüge des Menschen vertieft und zum sozial Typischen erklärt wurde. Dieses Menschenbild war durch den Willen gekennzeichnet, alle ständischen Bindungen einschließlich die der Abdrängung in den Privatbereich zu durchbrechen. Es berief sich auf die neospinozistisch formulierte Erkenntnis des objektiven Weltfort-schr'itts. Mit dem Beginn des Sturm und Drang machte sich immer stärker das Bemühen geltend, den Zusammenhang zwischen dem Individuum und der gesellschaftlichen Entwicklung zu erfassen. Für die Funktion der Literatur folgte daraus, daß sie durch die Aufdek-kung des historischen Charakters der Gesellschaft sowie durch das Verhältnis des aktiven antifeudalen Menschen zu ihr bestimmt war. Die Gattungen und Genres waren durch den Erkenntnisaspekt, d. h. durch ihre spezifischen Möglichkeiten bestimmt, den Forderungen eines dem historischen Prozeß gemäßen Realismus zu entsprechen. Das fand seinen Ausdruck unter anderem darin, daß solche konstituierenden ästhetischen Kategorien, wie z. B. das Tragische und Komische, nunmehr gesellschaftliche Konstellationen in ihrem historischen Ablauf zu erfassen vermochten.

      Der entscheidende Beitrag des Sturm und Drang zum Realismus lag in dieser historisierten und individuell wie sozial umfassenderen Aufdeckung des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft. Seine historische Grundlage war eine Zeit verstärkter Auflösungserscheinungen der Feudalordnung in Deutschland. Teilnehmend an den Erfahrungen epochalen revolutionären Fortschritts, waren die Vertreter des frühklassischen Realismus nicht an eine entwickelte bürgerliche Klassenpraxis gebunden und sahen sich am Vorabend einer grundlegenden gesellschaftlichen Neuordnung. Sie konnten deshalb zum Teil die Interessen des dritten Standes einschließlich seiner untersten Schichten sozial konkret zum Ausdruck bringen und insgesamt den Widerspruch von schöpferischer Persönlichkeitsentfaltung und bestehender Feudalordnung mitsamt ihren bürgerlich-kapitalistischen Momenten in einer Schärfe herausstellen, die über die Klassengesellschaft hinausweist.
      Der frühklassische Realismus des Sturm und Drang baute auf den Traditionen und zeitgenössischen Leistungen der Volksliteratur und den entwickeltsten Positionen der deutschen und westeuropäischen Aufklärung auf und fand vor allem in der Rezeption Shakespeares entscheidende Anregungen für die theoretische Formulierung und künstlerische Formung der neuen Elemente des Realismus. Seine besten Leistungen waren wesentliche Beiträge zur sich entwickelnden bürgerlichen Weltliteratur. Insbesondere der Vergleich von 'Völkern mit Völkern, Jahrhunderten mit Jahrhunderten"

, wie er als Methode der literarischen Bewältigung aktueller Epochenwendeprobleme nach dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg weiter ausgebaut wurde, bewährte sich als weltliterarisch produktives Denk- und Gestaltungsmodell.
     

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