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AUTORENKOLLEKTIV - Entscheidung für den Sozialismus und Gewinnen eines neuen Gegenstandes



Mit Beginn der sechziger Jahre tritt eine Gruppe von Autoren in die Literatur ein, die Faschismus und Krieg zwar noch aus eigenem Erleben kennen, deren Werden als Persönlichkeit jedoch bereits wesentlich von der Entwicklung in der DDR gekennzeichnet ist. Zu ihnen gehören Christa Wolf und Brigitte Reimann, Erik Neutsch, Dieter Noll, Herbert Otto, Hermann Kant, Karl-Heinz Jakobs, Max Walter Schulz, Günter de Bruyn, Werner Bräunig, Joachim Knappe — um nur einige zu nennen und auch durch die Aufzählung anzudeuten, daß die Lücke zwischen der älteren Generation, deren Schaffen bereits vor dem Faschismus eingesetzt hatte, und der jüngeren sich zu schließen begann. [...]

Anfang der sechziger Jahre erschienen zahlreiche Werke, in denen das Problem des Zurechtkommens suchender Gestalten mit den neuen Lebensumständen als Gerüst der Fabel nicht mehr vorrangig aus der Konfrontation mit der Vergangenheit, sondern mit der unmittelbaren Gegenwart abgeleitet wurde. Das zwang die Autoren zu neuen künstlerischen Lösungen. Der Sozialismus konnte jetzt nicht mehr nur ideell, sondern mußte — wie in der Wirklichkeit selbst - realiter als Alternative erscheinen. So ist die Entscheidung für den Sozialismus zum Beispiel in Karl-Heinz Jakobs' Erzählung 'Beschreibung eines Sommers" zugleich eine Entscheidung gegen die Vergangenheit. Der Akzent der Darstellung hat sich in diesen

Werken - deutlich sichtbar — verschoben. Die Konflikte der Hauptgestalten entstehen durch ihre Begegnung mit der sozialistischen Wirklichkeit und mit Menschen, die eine sozialistische Lebenshaltung haben. Die Abrechnung mit der Vergangenheit ist nicht mehr die bestimmende Komponente der Konfliktgestaltung. Brigitte Reimanns kleiner Roman 'Ankunft im Alltag" gab bald eine bequeme Metapher für die Literatur dieses Zeitraums und dieser Tendenz: Es wurde von 'Ankunftsliteratur" gesprochen, ein Begriff, der mehr der schnellen Verständigung diente, der jedoch literaturwissenschaftlich-ästhetischen Anforderungen nicht genügen kann. Zudem hat Brigitte Reimann durch ihren nachgelassenen Roman 'Franziska Linkerhand" die mit dem Begriff Ankunftsliteratur gegebene vorschnelle Verallgemeinerung selbst sichtbar gemacht. Dieses bedeutendste Werk aus ihrer Feder faßt die wesentlichen Motive ihrer früheren Arbeiten zusammen und vereint sie zu einem in sich geschlossenen Romankunstwerk, von dem man mit Recht sagen kann, es signalisiert nun nicht mehr die Ankunft im Alltag, sondern es ordnet diesen Vorgang als Teilaspekt der Ankunft in die neue sozialistische Epoche ein. 'Franziska Linkerhand" ist in diesem Sinne die Abrechnung, wenn man so will, der Abschied von der bürgerlichen Vergangenheit. Die Titelgestalt, eine junge Architektin aus einem bildungsbürgerlich-humanistischen Haus, gelangt hier mit dem Besitz der bürgerlichen Kultur als Aktivposten und in Erkenntnis der Grenzen dieser Kultur zur Ãœberwindung dieser Schranken, sie geht auf den Boden der neuen Klasse über, sie vereint Wissen und Haltung und befähigt auf diese Weise sich und ihre Umgebung zu einem revolutionären Verhalten, das die neue Epoche aktiv herbeiführt.
      Am prägnantesten kommt diese Entwicklung in der Prosaliteratur zum Ausdruck. Wenn sie hier in den Mittelpunkt der Betrachtung rückt, so bedeutet dies keineswegs, daß auf anderen Gebieten nicht ähnlich bedeutsame Wandlungen zu verzeichnen waren. [...] Die beginnenden sechziger Jahre zeichnen sich jedoch durch eine Dominante der Prosaliteratur aus, die ihre vielfältigen Möglichkeiten, ihren Formenreichtum in den Dienst der Aneignung der neuen Wirklichkeit stellt. So entfaltet sich einerseits — dem Impuls aus Bitterfeld folgend — eine umfangreiche Reportageliteratur, in der zum Beispiel Franz Fühmann seine Begegnung mit der sozialistischen Wirklichkeit aufzeichnet. Andererseits treten junge Autoren mit einer Reihe interessanter Erzählungen in die Literatur ein. Erik Neutsch legt einen Erzählungsband unter dem Titel 'Bitterfelder Geschichten" vor, in dem die Wirklichkeit oft noch recht unvermittelt, teilweise aber schon in poetischer Umsetzung gestaltet wird. Im gleichen Jahr erscheint Christa Wolfs 'Moskauer Novelle", in der in gelungener künstlerischer Form ein Thema angeschlagen wird, das für die Literatur der DDR seitdem von ständig wachsender Bedeutung war. Es ist jedoch speziell der Roman, der das Antlitz dieser Prosa bestimmt. Sein gehäuftes Auftreten geht einher mit einer thematischen Differenzierung und mit dem Suchen und Erproben neuer Form- und Gestaltungsmittel.
      In einer Reihe wichtiger Romane werden Genesis und Probleme der neuen sozialistischen Wirklichkeit aufgegriffen. 1961 erscheinen 'Herbstrauch" von Bernhard Seeger und 'Beschreibung eines Sommers" von Karl-Heinz Jakobs, 1962 Jurij Brezans 'Liebesgeschichte", 1963 Brigitte Reimanns 'Geschwister", 'Der geteilte Himmel" von Christa Wolf und Erwin Strittmatters 'Ole Bien-kopp", 1964 'Die Spur der Steine" von Erik Neutsch und Hermann Kants 'Aula".
      Charakteristisch für diese Gruppe von Werken ist, daß sie die historische Umwälzung in ihrem Wesen und mit ihren Auswirkungen auf menschliches Verhalten gestalten. Gegenstand von Seeger und Strittmatter ist die sozialistische Umgestaltung auf dem Lande. Jakobs und Neutsch greifen Konflikte aus dem Bereich der Industrie auf. Brigitte Reimann und Christa Wolf wenden sich der Problematik von zwei deutschen Staaten zu und gestalten moralische Verhaltensweisen junger Menschen, ihren politischen Reifeprozeß, wie er sich aus der Existenz zweier deutscher Staaten ergibt. Kant endlich unternimmt dann als erster den Versuch, die geschichtliche Umwälzung nacherlebbar zu machen, die sich in knapp zwei Jahrzehnten im Bildungswesen vollzogen hat. Sein Thema ist aber nicht einfach die Entstehung einer neuen, sozialistischen Intelligenz, sondern vielmehr das Erwachen und das Wachstum der Intelligenz eines ganzen Volkes, das seine Angelegenheiten in die eigenen Hände nimmt und beherrschen lernt.
      Die ästhetische Leistung dieser Werke besteht im Aufgreifen des neuen sozialistischen Gegenstandes und in ihrem Beitrag zum sozialistischen Menschenbild. Sie sind inspiriert von der schöpferischen Rolle des Volkes. Ihre Helden sind der Arbeiter Hannes Balla und seine Brigade , die ihre Spuren auf vielen Baustellen der Republik hinterlassen haben und nach vielen Erfahrungen und Konflikten begreifen, daß diese Spur — die von ihnen errichteten Häuser und Werke — einen Teil ihrer Persönlichkeit ausmacht, und indem sie den Wert des von ihnen Geschaffenenbegreifen, lernen sie sich selbst als bewußte Mitgestalter dieser Gesellschaft begreifen.
      Ole Bienkopp aus dem gleichnamigen Roman von Erwin Strittmatter' gehört zu den Pionieren des Sozialismus auf dem Lande. In dieser an psychologischen Schattierungen reichen Gestalt hat der Autor die kraftvolle Persönlichkeit einer aufstrebenden, zukunftsgewissen Klasse geschaffen, die tiefe Menschenliebe und konsequenten Kampf für das Neue in sich vereinigt, Phantasie und Erfindungsreichtum, eine produktive Beziehung zur Natur und parteiliche Haltung in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Die Souveränität dieser Gestalt beweist sich nicht nur in den zugespitzten Situationen im Verlauf der Handlung - den Auseinandersetzungen mit dem Klassengegner, aber auch mit der Kleingläubigkeit der eigenen Genossen und mit bürokratischen Bremsern —, sondern auch in der sprachlichen Gestaltung, die durch Mittel des Komischen und der Satire die historische Ãœberlegenheit über das Alte zum Ausdruck bringt.
      Nehmen sondern auch in der sprachlichen Gestaltung, die durch Mittel des Komischen und der Satire die historische Ãœberlegenheit über das Alte zum Ausdruck bringt.
      Nehmen wir als ein letztes Beispiel für die Reihe dieser volksverbundenen Gestalten Robert Iswall und seine Freunde aus der 'Aula". Am Beginn seiner Existenz hatte der junge Staat sie an der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät zusammengeführt. Nun soll diese Bildungsstätte der neuen Intelligenz geschlossen werden — Anlaß und Gelegenheit zum Rückblick und zur Rechenschaft. Kant vermittelt aus der subjektiven Sicht seines Helden — also aus der Figurenperspektive — in einer Vielzahl ernster und heiterer Episoden einen überzeugenden Eindruck vom Werden der jungen Republik. Und wenn der Elektriker studiert und Journalist wird, der Zimmermann Philologe, die Schneiderin Ärztin und der Waldarbeiter Förster und leitender Staatsfunktionär, so sind damit nicht einfach Lebenswege aufgezeichnet worden, sondern der Aufstieg der Arbeiterklasse zur herrschenden, machtausübenden Klasse. In den hier genannten und in vielen anderen Werken manifestiert sich die führende Rolle der Arbeiterklasse, wird die schöpferische Rolle der Werktätigen bei der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft dargestellt, werden Züge des sozialistischen Bildes vom Menschen sichtbar, eines Menschen, der sich selbst verändert, indem er seine Umwelt verändert, der neue Beziehungen in der Gesellschaft, im Kollektiv erprobt, der sich assoziiert und damit seine Kräfte vervielfältigt, der vom zufälligen zum persönlichen Individuum [1] aufsteigt und mit dem Reichtum seiner Realbeziehungen seinen eigenen Reichtum als Persönlichkeit ausbildet.
      Es kann und soll hier nicht der Eindruck erweckt werden, als hätten diese Züge eines neuen Bildes von Mensch und Gesellschaft in den Werken dieser Jahre in reiner, gewissermaßen vollkommener Form Gestalt gewonnen. In mehr oder minder starker Form ist diesen Gestalten eine Verabsolutierung ihres individuellen Anspruchs keineswegs fremd. Immer wieder ergab sich in den Diskussionen, die diese Werke auslösten, Anlaß zu Kritik, weil die Dialektik individueller und gesellschaftlicher Momente zugunsten der individuellen verschoben wurde. Ausprägung des individuellen Anspruchs geriet mitunter in die Nähe des Individualismus oder der Isolierung vom Kollektiv, zeigt sich hier und dort auch als intellektuelle Ãœberheblichkeit. Diese Züge sind in einigen Fällen durchaus als Reflex auf die wirkliche soziale Situation zu verstehen. Beispielsweise hat ein Roman wie 'Ole Bienkopp" mit seiner Hauptfigur zweifellos auch einen realen Zustand kritisiert, indem hinsichtlich notwendiger gesellschaftlicher Veränderungen von Kommunisten zuwenig Initiative entwickelt wurde, zuwenig Selbständigkeit im Denken und im Handeln, ja, mitunter sogar solche Entwicklungen behindert wurden. In den dabei entstehenden Konflikten, in den auch grundsätzliche philosophische Fragen berührenden Auseinandersetzungen ist das historische Recht auf Seiten des Helden, wenn auch seine Art, dieses Recht durchzusetzen, nicht frei von Zügen des Selbsthelfertums ist.
      Das wachsende Selbstbewußtsein der Gesellschaft der DDR kam jedoch nicht nur in diesen Zügen des Menschen- und Gesellschaftsbildes zum Ausdruck. Mehrere der hier genannten Werke bemühten sich, die Totale der Gesellschaft zu erfassen, das heißt literarisch transparent zu machen, daß die Umwälzung der Gesellschaft mit einer Revolutionierung aller ihrer Bereiche und Sphären verbunden ist. Dieser Totalitätsbegriff könnte zunächst einmal im rein quantitativen Sinn verstanden und damit mißverstanden werden. Tatsächlich ist einer der ersten Versuche dieser Art, Erik Neutschs 'Spur der Steine", dadurch gekennzeichnet, daß er diese Totalität in gewisser Weise auf extensive Weise anstrebt, so daß das Ergebnis eher der Summe als der Totalen gleicht. Einerseits um die Breite der Umwälzung zu demonstrieren, andererseits um die Wandlung seiner Hauptgestalt, Hannes Balla, ausreichend zu motivieren, führt ihn der Autor durch alle wesentlichen Bereiche der Gesellschaft. Der Leser erlebt Balla nicht nur als Zimmermann auf der Großbaustelle eines Chemiegiganten, sondern auch in der Landwirtschaft, inseiner Freizeit, in der Konfrontation mit bildender Kunst und Musik, in seinen sportlichen Interessen, in der Kampfgruppe, auf einer Studienreise in Sibirien usw. Da dieses Ausschreiten der ganzen Gesellschaft nicht immer in Beziehung zum Anliegen des Romans gebracht wird beziehungsweise werden kann, ergeben sich Längen, die an die in der vorangegangenen Etappe vorherrschende Methode der Beschreibung erinnern. Im Unterschied zur mehr naturalistischen Beschreibung enthält der Roman jedoch einen echten Gewinn an Realismus, weil der Autor in der Gestaltung seiner Figuren und ihrer Konflikte nicht an der Oberfläche verharrt, sondern in tiefere Schichten vordringt. So ist sein Bemühen deutlich, die Wandlung Bailas nicht nackt zu behaupten, sondern echt zu motivieren.
      In den zentralen Gestalten seines Romans geht Neutsch zweifellos bereits den Weg, Totalität auf intensive Weise zu erreichen, einen Weg, der im Schaffen von Christa Wolf, Hermann Kant, Erwin Strittmatter und anderen deutliche Konturen gewinnt. Sie konzentrieren sich auf die Gestaltung der Persönlichkeit des Individuums, das als Schöpfer seiner Welt und seiner selbst begriffen wird. Ins Zentrum der Ãœberlegungen rücken Begriffe wie Selbstverwirklichung des Menschen. Totalität wird in erster Linie als die vom Menschen, von der Gesellschaft erzeugte und beherrschte Wirklichkeit erkannt. Dementsprechend werden Gestalten wie Rita Seidel, Ole Bienkopp, Robert Iswall reicher und vielschichtiger. Das Beziehungssystem der literarischen Gestalten reduziert sich nicht mehr einfach darauf, ein Äquivalent zum objektiven sozialen Zustand zu liefern. Im literarischen Helden wird deutlich, daß der Mensch im Begriff ist, aus einem Objekt zum Subjekt des historischen Prozesses zu werden.
      Es kann ganz und gar nicht als Zufall angesehen werden, daß zum Beispiel in Christa Wolfs 'Geteiltem Himmel" und in Brigitte Reimanns 'Die Geschwister" gerade in dieser Zeit erstmals die nationale Frage, die Existenz zweier deutscher Staaten und die daraus entstehenden Folgen zum Vorwurf, zur ideellen Achse dieser Werke genommen wurde. Indem die Literatur sich dieser bedeutsamen Problematik stellte, wurde sie nicht nur einem gesellschaftlichen Bedürfnis gerecht, sondern erhöhte auch den Anspruch an sich selbst. Aus dörflicher Abgeschiedenheit kommend, begegnet Rita Seidel im 'Geteilten Himmel" nicht nur der Stadt, der Wissenschaft, nicht nur ihrer ersten Liebe, sondern sieht diese Liebe, ihr Glück bedroht, als Manfred die DDR verläßt. Rita aber hat begreifen gelernt, daß Glück mehr umfaßt als Liebe, daß aus der Beschränkung auf sich selbst nur ein kleines Glück erwachsen kann. In ihrer Entscheidung, Manfred nicht zu folgen, liegt die Erkenntnis, daß die Gesellschaft am Glück des einzelnen beteiligt ist. Ihre Entscheidung für die DDR ist ein Akt der Selbstbestimmung. Ähnliches kann von Ole Bienkopp gesagt werden, der das von ihm als wahr Erkannte auch um den Preis des eigenen Lebens nicht preisgeben möchte. Selbstverwirklichung liegt bei ihm in dem Bewußtsein, daß sein Ziel in der Gesellschaft weiterlebt und von ihr verwirklicht wird.
      Ähnlich auch bei Robert Iswall, in dem die Selbstbestimmung des Subjekts in das Kompositionsprinzip der 'Aula" hinüberwächst. Die Rückblicke in die Vergangenheit zum Zweck der Erschließung ihres Sinns für die Gegenwart sind ganz Iswalls Rückblicke, subjektiv, ohne in Subjektivismus abzugleiten. Denn hier organisiert jemand 'die Vergangenheit", an deren Zustandekommen er selbst mitbeteiligt gewesen ist. Deshalb ist der Rückblick nicht nur Rückblick, sondern zugleich Vorausschau; deshalb geht von den Akteuren dieses Romans die Gewißheit aus, daß ihr Anteil, ihr Wirken die Zukunft mitbestimmen wird.
      Ãœberhaupt erscheint uns die 'Aula" eine wichtige Station dieser Entwicklung Mitte der sechziger Jahre zu markieren. Zum einen ist der Sozialismus für die Gestalten etwas Vertrautes, in dem sie sich bereits wohnlich eingerichtet haben, der also nicht erst nach mühevollem Suchen erreicht wird. Zum anderen hat in Kants Roman das sozialistische Heute bereits eine Vergangenheit. Zumindest die künstlerische Souveränität und Reife, mit der dies gestaltet wird, ist neu. Auch ist die Vielfalt und Differenziertheit komischer Gestaltungsmittel - mit dieser Konsequenz gehandhabt - für unsere Literatur neu. Die Mittel komischer Distanzierung reichen von der satirischen Absage an Altes und Ãœberlebtes, in uns und um uns, über die ironische, oft selbstironische Auseinandersetzung mit unseren eigenen Fehlern und Schwächen, bis hin zur humoristischen Bejahung, nichtsdestoweniger aber kritischen Ãœberprüfung unseres heutigen Wollens und Tuns. Insgesamt überwiegt der heitere Grundton, dessen Stimmigkeit der ästhetisch adäquate Ausdruck des sozialen Ãœberlegenheitsgefühls unserer sozialistischen Ordnung ist. Zum Humor - als Dominante ästhetischer Wertung - gehört eben das soziale Ãœberlegenheitsgefühl einer Klasse, eine Epoche nach ihren Maßstäben gestalten zu können. Die Misere des deutschen Bürgertums als Klasse besteht ja unter anderem darin, daß es dieses soziale Ãœberlegenheitsgefühl niemals erlangt hat. Als es die Revolution 1848 durchführte, 'kompromisselte" das Bürgertum aus Angst vor der Arbeiterklasse mit einem Teil der

Feudalklasse, den Junkern. Das sprichwörtliche Defizit an Komödien und Humor in der bürgerlichen deutschen Literaturentwicklung hat in diesen historischen und sozialen Tatsachen seine eigentliche Ursache. Seit Kants 'Aula" hat der Humor in der sozialistischen Literatur, im Film und im Fernsehspiel weiter an Boden gewonnen - zum Beispiel bei Strittmatter, Helmut Baierl, Horst Salomon , Jurek Becker , Claus Hammel, Günter de Bruyn und anderen. Das ist zwar noch keine Massenerscheinung, jedoch angesichts der negativen Tradition, die wir dabei zu überwinden haben, doch ein verheißungsvoller Silberstreif am Horizont.
      Kants in der 'Aula" unternommene Aufarbeitung von DDR-Geschichte ist zugleich charakteristisch für einen Zug der Prosa der beginnenden sechziger Jahre. Die Vertiefung des Menschen- und Gesellschaftsbildes, der Anspruch auf die Darstellung des Ganzen, das Aufgreifen von Epochenproblemen usw. - all dies war undenkbar ohne Geschichtsbewußtsein, ohne vertieftes Verständnis für die Vergangenheit, die Voraussetzung unseres Heute.
      Es ist - unseres Erachtens zu Recht - bemängelt worden, daß in einigen Werken dieser Etappe die Gestalten nicht oder ungenügend als Werdende dargestellt sind, so zum Beispiel der Meister Hamann . Mit dieser Statik einiger Gestalten geht einher, daß die Gegenwart des Sozialismus in einigen Darstellungen 'flächig", geradezu 'eindimensional" wirkt, da auf die Einbeziehung der Vergangenheit verzichtet wurde. Deshalb waren jene Autoren gut beraten - die nachhaltige Wirkung ihrer Bücher bestätigt das -, die als Vorbedingung der 'Ankunft" im Sozialismus die Bewältigung der Vergangenheit mitgestaltet haben. Bei allen Einwänden in Detailfragen war die künstlerische Darstellung der 'Ankunft" im Sozialismus ästhetisch außerordentlich produktiv. Sie schuf die Möglichkeit, an Hand des Lebensweges irrender und suchender Gestalten von einem Ausgangspunkt, der noch abseits der gesellschaftlichen Bewegung zum Sozialismus lag, zu einem bestimmten Ziel, der Entscheidung für den Sozialismus, die Grundrichtung menschheitlicher Entwicklung in unserer Epoche zu zeigen.

     

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