Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

Index
» Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte
» AUTORENKOLLEKTIV - Die literarische Entwicklung von der Befreiung Deutschlands vom Faschismus bis zur Bildung der beiden deutschen Staaten

AUTORENKOLLEKTIV - Die literarische Entwicklung von der Befreiung Deutschlands vom Faschismus bis zur Bildung der beiden deutschen Staaten



Mit dem Ende des zweiten Weltkrieges und der Zerschlagung des deutschen Faschismus waren die geschichtlichen Voraussetzungen für die Entwicklung und Wirksamkeit einer humanistischen, antifaschistischen und demokratischen Literatur als der herrschenden Literatur in Deutschland gegeben.

      Die historische Aufgabe der deutschen Nationalliteratur nach 1945 bestand in ihrem Beitrag zur demokratischen Erneuerung der deutschen Kultur auf der Basis des Bündnisses der Arbeiterklasse mit allen Künstlern und Schriftstellern, die zur ehrlichen Mitarbeit bereit waren. Die zentrale Kulturtagung der KPD im Februar 1946 beschloß die Erfüllung dieser Aufgabe als wichtigste Zielsetzung der Partei auf dem Gebiet der Kultur in den kommenden Jahren. Durch die Herstellung der Einheit der Arbeiterklasse in der Sowjetischen Besatzungszone war dafür eine Grundlage von entscheidend neuer Qualität gegeben.
      Die Auseinandersetzung mit dem Schicksal des deutschen Volkes unter der Herrschaft des Imperialismus und Faschismus und die Ãoberwindung der faschistischen Ideologie im Bewußtsein der Menschen sind der Hauptgegenstand der Nationalliteratur in dieser Entwicklungsphase. Auch die thematische Beschäftigung mit Problemen der Gegenwart, der schweren Nachkriegszeit, des demokratischen Neuaufbaus und der restaurativen Entwicklung in Westdeutschland geschieht unter dem Aspekt der notwendigen Ãoberwindung von Imperialismus und Faschismus.
      Die literarische Entwicklung knüpft 1945 unmittelbar an die seitden dreißiger Jahren von antifaschistischen Schriftstellern - größtenteils im Exil - geschaffenen Werke an. Die Hauptkraft der Literatur in dieser Periode bilden die aus der Emigration in die Sowjetische Besatzungszone heimkehrenden Schriftsteller, deren Schaffen die Kontinuität der Literaturentwicklung sichert und die als 'Aktivisten der ersten Stunde" Vorbild der nachfolgenden jungen Autoren sind. Der auf den Beschlüssen von Bern und Brüssel beruhende gemeinsame Kampf der sozialistischen und der antifaschistisch-demokratischen Schriftsteller wird unter den neuen Bedingungen der Nachkriegszeit auf höherer Stufe fortgesetzt. Viele Schriftsteller - voran die sozialistischen - arbeiten in politischen Parteien, Massenorganisationen und Kulturinstitutionen mit. So gewinnt der Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands unter der Leitung Johannes R. Bechers, seines ersten Präsidenten, auch für die Schriftsteller eine organisierende Funktion. Ihren großen operativen Aufgaben werden die Schriftsteller in vielfältigen publizistischen und essayistischen Formen gerecht. In Reden, Aufsätzen, Essays und historisch-publizistischen Darstellungen konnten die brennenden nationalen Probleme unmittelbar und sofort wirksam dargestellt werden . In Versammlungen, Feiern und im Rundfunk werden der antifaschistischen Literatur neue Wirkungsmöglichkeiten erschlossen.
      Die literarische Entwicklung vollzieht sich unter den Bedingungen der Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen. In gegensätzlicher Weise nehmen die Sowjetunion einerseits und die drei Westmächte andererseits aktiven Einfluß auf die deutsche Literaturentwicklung.
      Die Sowjetunion fördert im Geiste des Potsdamer Abkommens die Rückkehr und die Arbeit der Schriftsteller. Mit ihrer Unterstützung vollziehen sich in der Sowjetischen Besatzungszone die politischen, ökonomischen und kulturellen Umwälzungen, in deren Verlauf die sozialistische deutsche Literatur erstmals aus einer Literatur der unterdrückten zur Literatur der herrschenden Arbeiterklasse wird. Die Arbeiterpartei kann ihren führenden Einfluß in qualitativ neuartiger Weise auf die gesamte Literaturentwicklung ausüben. Druck und Verbreitung der faschistischen und militaristischen Literatur werden verboten, statt dessen werden die besten Werke der National- und Weltliteratur neu verlegt. Insbesondere der Aufbau-Verlag und der Verlag der Sowjetischen Militär-Administration machen der deutschen Bevölkerung eine große Zahlbisher verbotener oder unterdrückter humanistischer Werke zugänglich. Eine Reihe neuer Kulturzeitschriften werden herausgegeben und in ganz Deutschland gelesen. Die verdummende 'unpolitische Massenliteratur" wird zunächst aus Schulen und staatlichen Bibliotheken ausgesondert und in der Folgezeit schrittweise aus dem gesamten öffentlichen Leben verdrängt. Besondere Bedeutung für die demokratische Umerziehung gewinnt die Sowjetliteratur. Die Werke Gorkis, Majakowskis, Scholochows, Makarenkos, Ostrowskis und A. Tolstois finden starke Verbreitung; sie helfen bei der Klärung historischer und ästhetischer Fragen und werden zum Vorbild für zahlreiche junge Autoren. Der demokratische Umerziehungsprozeß der deutschen Jugend wird durch die in diesen Werken gestalteten Vorbilder maßgeblich gefördert, indem sie mithelfen, die faschistischen Vorstellungen im Bewußtsein der jungen Menschen durch echte, historisch gültige Ideale zu ersetzen. Vor allem aber verschafft die Sowjetliteratur vielen Menschen Einblick in die historische Perspektive auch der deutschen Nation. Unter diesem Gesichtspunkt übernimmt die Sowjetliteratur zeitweilig Aufgaben, die von der deutschen Nationalliteratur erst allmählich erfüllt werden können. Es beginnt die in der Sowjetunion entstandene marxistische Ã"sthetik und die Ã"sthetik der russischen revolutionären Demokraten zu wirken. Das dient der Klärung grundlegender historisch-ästhetischer Zusammenhänge und fördert die Diskussion über so zentrale Themen wie Realismus, Volksverbundenheit, Parteilichkeit, Tradition - Neuerertum und sozialistisches Menschenbild.
      Während die Anstrengungen in der sowjetischen Besatzungszone auf die Demokratisierung der Literatur und auf die Einheit der deutschen Literatur gerichtet sind, hemmen die Westmächte in ihrem Herrschaftsbereich vielfach die Entfaltung einer antifaschistisch-demokratischen Literatur. Durch die Verhinderung oder die unvollkommene Durchführung demokratischer Reformen entstand von vornherein nicht der gesellschaftliche Boden für eine kontinuierliche demokratische Literaturentwicklung. Statt dessen begünstigen die imperialistischen Besatzungsmächte das Eindringen spätbürgerlicher philosophischer Anschauungen und die Ãobernahme verschiedener Modeformen der dekadenten Literatur aus den imperialistischen Ländern, besonders die Verbreitung existen-tialistischer Werke, in denen das Erlebnis der Isolierung und Vereinsamung des Menschen unter den Bedingungen der kapitalistischen Spätphase verabsolutiert wird. Das spiegelte sich be-sonders in den Theaterspielplänen wider. Die militaristische und faschistische Literatur wird zwar anfangs auch in den westlichen Besatzungszonen verboten, aber mit der fortschreitenden restaura-tiven Entwicklung bald wieder zugelassen. Die jungen demokratischen Autoren werden frühzeitig in die Opposition gedrängt; so kommt es 1947 zur Gründung der 'Gruppe 47" durch Hans Werner Richter, Alfred Andersch, Wolfgang Weyrauch u. a., ohne daß aus der gemeinsamen 'nonkonformistischen" Haltung eine einheidiche weltanschauliche und ästhetische Zielsetzung erwächst.
      Die restaurative Entwicklung in Westdeutschland, bei der die Vereinbarungen von Potsdam bewußt verletzt werden, und die 1949 bis zur politischen Spaltung Deutschlands getrieben wird, zerstört den gemeinsamen Ansatzpunkt für die Entfaltung der antifaschistisch-demokratischen deutschen Literatur nach 1945, der durch die gemeinsame geschichtliche Aufgabenstellung gegeben war, von Jahr zu Jahr mehr. Der ungehinderte literarische Austausch wird mit der Zurückdrängung der antifaschistischen Literatur in Westdeutschland erschwert und schließlich unmöglich gemacht. Der erste deutsche Schriftstellerkongreß 1947 vereinigt zwar noch die überwiegende Mehrheit der deutschen Schriftsteller, die sich in einem Manifest für die antifaschistische Erziehung des deutschen Volkes verantwortlich erklären, gleichzeitig wurde auf diesem Kongreß aber der Angriff der 'reaktionären Kräfte offen vorgetragen. Im Streit um Thomas Mann, in der Auseinandersetzung um eine Literatur, die an die Exilliteratur anknüpft und die nationale Selbstkritik fordert, traten einzelne Gruppen mit Programmen auf, die die antifaschistisch-demokratische Einheit der Literatur verhindern sollten. Der Kongreß spiegelte die heftigen geistigen Auseinandersetzungen wider, die in diesen Jahren ausgetragen wurden und die zu einer ausgeprägten Differenzierung führten. Einerseits wurde ein publizistischer Feldzug gegen das politische und künstlerische Engagement geführt, der vorwiegend gegen die sozialistische Literatur gerichtet war und sich auf den Anti-kommunismus gründete. Als Bestandteil des kalten Krieges wurde die imperialistische Ideologie aktiv vorgetragen, wurden offen antinationale Theorien propagiert, die besonders auf Kunst und Literatur zugeschnitten waren. Andererseits vollzog sich in der sowjetischen Besatzungszone ein Zusammenschluß aller antifaschistisch-demokratischen Kräfte in der Literatur. Diese Zu-sammenführung demokratischer Autoren mit im einzelnen sehr unterschiedlichen Vorstellungen ist im wesentlichen Kennzeichen dieser Phase und war die Grundlage der gesamten kulturpolitischen Arbeit.
      Die bedeutendsten Werke sozialistischer Autoren bestimmen in dieser Periode die historische Qualität der Nationalliteratur. Vertieftes Geschichtsbewußtsein und Einblick in die gegenwärtige Entwicklung ermöglichen eine größere künstlerische Verallgemeinerung der dargestellten Menschen und Prozesse. Viele bürgerliche Autoren setzen sich ebenfalls kritisch mit dem verhängnisvollen Weg der Nation auseinander, ohne in allen Fällen bis zu den entscheidenden Problemen vorzustoßen. Trotz subjektiver Ehrlichkeit leisten einige von ihnen durch ihre existen-tialistische Interpretation der Wirklichkeit oder durch die Reduzierung der historischen Problematik auf das Rein-Private den restaurativen Kräften objektiv Vorschub. Dabei spielt der Einfluß amerikanischer, französischer und englischer Autoren eine wichtige Rolle.
     

 Tags:
AUTORENKOLLEKTIV  -  Die  literarische  Entwicklung  der  Befreiung  Deutschlands  vom  Faschismus  bis  zur  Bildung  der  beiden  deutschen  Staaten    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com