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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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AUTORENKOLLEKTIV - Die literarische Entwicklung in der Deutschen Demokratischen Republik



Gegen Ende der vierziger und zu Beginn der fünfziger Jahre begann eine Reihe fortschrittlicher Schriftsteller in der Deutschen Demokratischen Republik sich der Gestaltung der neuen menschlichen Beziehungen zuzuwenden, die aus der revolutionären Umgestaltung der Gesellschaft in diesem Teil Deutschlands erwuchsen. Diese Schriftsteller standen damit vor einer Aufgabe, für die es in der nationalen Literatur keinerlei unmittelbare Vorbilder gab. Sie hatten Pionierarbeit zu leisten, echtes Neuerertum zu beweisen. Die literarische Aneignung des sich sprunghaft verändernden gesellschaftlichen Lebens vollzog sich in einem komplizierten, widersprüchlichen und teilweise sogar rückschlägigenkollektiven Prozeß des Aufstiegs von einfachen und ästhetisch häufig nicht befriedigenden Versuchen zu insgesamt schon reiferen, umfassenderen, bedeutenderen Werken. Diese Entwicklung hält auch heute noch an. Doch ging in den Jahren 1957/58 eine erste wichtige Phase zu Ende, auf die dann ein Neuansatz erfolgte, der sich auf die bisherigen Erfahrungen stützen konnte. Dieser Prozeß des Aufstiegs entspricht einer literaturhistorischen Gesetzmäßigkeit, die bei der Ablösung einer gesellschaftlichen Formation durch eine neue auftritt. 'Bis ein einzelner oder einige neue Künstler den neuen Inhalt reif und mitreißend dargestellt hatten, war dieser neue Inhalt immer in vielen Versuchen ausgedrückt worden, in vielerlei manchmal plumpen, manchmal phantastischen, unzulänglichen Formen." In diesem Prozeß spielte die Partei der Arbeiterklasse durch die Klärung wichtiger politischideologischer Probleme und durch die nachdrückliche Förderung der in dieser Hinsicht zukunftsträchtigen Tendenzen eine wesentlich stimulierende Rolle. Die historische Entwicklung der Sowjetliteratur besonders in ihren Anfängen wirkte als Lehrbeispiel.


      Eine spezifische Prägung bekam diese literarische Entwicklung in der DDR dadurch, daß sie sich unter den Bedingungen des Kampfes mit der in Westdeutschland herrschenden imperialistischen Ideologie vollzog, daß sie gegen die westdeutsche Remilitarisierung und auf die friedliche Wiedervereinigung der Nation gerichtet war. Das führte zur bewußten Betonung des nationalen Elements in der Literatur und zu der - allerdings nicht allseitig genutzten -Möglichkeit, an die reichen Traditionen des kritischen Realismus und des sozialistischen Realismus der dreißiger und vierziger Jahre bei der Darstellung des Kampfes um den Frieden und gegen die imperialistischen Feinde der Nation anzuknüpfen. Das führte weiter dazu, daß eine ständige intensive Auseinandersetzung mit den Einflüssen der imperialistischen Ideologie notwendig war, die im Bereich der Kunst und Literatur vor allem versuchte, spätbürgerliche Auffassungen über das Wesen des Menschen, sein Verhältnis zur Natur und Technik, zur Nation und zum Staat, überhaupt zu den zwischenmenschlichen Beziehungen zur Geltung zu bringen und als das entscheidende Charakteristikum der Epoche nicht den Ãœbergang vom Kapitalismus zum Sozialismus, sondern die einseitige Verabsolutierung des 'technischen Zeitalters" als der 'modernen Welt des 20. Jahrhunderts" sehen zu lassen. Das war verbunden mit der Propaganda einer bestimmten literarischen Entwicklungslinie als aktuelles Erbe . Demgegenüber gab bereits die fünfte Tagung des Zentralkomitee der SED im Jahre 1951 die entscheidende Orientierung, als sie die Schriftsteller und Künstler aufforderte, 'anknüpfend an dem kulturellen Erbe eine neue deutsche demokratische Kultur zu entwickeln". Deshalb konnten die falschen Auffassungen in der Folgezeit zwar einzelne Schriftsteller beeinflussen und besonders in den Jahren 1955/56 den Aufstiegsprozeß hemmen, aber sie haben die Linie der Literatur in der DDR nicht bestimmend zu verändern vermocht. Dabei waren die Erfahrungen einer bedeutenden Gruppe älterer sozialistischer Schriftsteller aus den ideologischen Kämpfen und literarischen Auseinandersetzungen der zwanziger und dreißiger Jahre von wesentlicher Bedeutung. Die besondere nationale Situation trug schließlich dazu bei, daß die literarische Darstellung des Neuen in Deutschland in ihrer Bedeutung besonders stark empfunden und deutlich erkannt wurde.
      Die literarische Aneignung der neuen Züge im Leben der Menschen in der DDR erforderte von den Autoren, sich auf die Zentren der Veränderung in der Industrie und Landwirtschaft zu konzentrieren. Dazu war es nötig, die herkömmliche Lebensweise der Künstler und Schriftsteller zu überwinden. In dieser Hinsicht war in den ersten fünfziger Jahren der meistens noch kurzfristige Studienaufenthalt und die kulturpolitische Tätigkeit einzelner Schriftsteller in Betrieben, Dörfern und auf Bauplätzen charakteristisch. Diese Entwicklung bekam jedoch Mitte der fünfziger Jahre eine stark rückläufige Tendenz, so daß die literarische Darstellung des sich im sozialistischen Aufbau herausbildenden neuen Menschen erheblich zurückging und die Literatur in der Bewältigung der neuen Erscheinungen ernsthaft zurückblieb. Die Ursachen dafür lagen in den Einflüssen der bürgerlichen Ideologie und in den Unklarheiten zahlreicher Schriftsteller über die nationale Frage und über die Perspektiven des Sozialismus in Deutschland. Diese Einflüsse und Unklarheiten wurden begünstigt durch dogmatische Anschauungen. Sie traten vor allem in konservativen, einseitig auf bestimmte Traditionen des 19. Jahrhunderts orientierten Auffassungen vom Realismus, in einer undifferenzierten oberflächlichen Auffassung von Dekadenz und in einer starren, das Epigonentum nicht ausschließenden Behandlung des Verhältnisses von Tradition und Neuerertum in Erscheinung. Dieser Zustand des Zurückbleibens wurde in dem 'Brief der Nachterstedter Kumpel" , der eine umfangreiche, die zunehmende Formierung der sozialistischen Literaturgesellschaft anzeigende Diskussion auslöste, scharf kritisiert. Jedoch brachte der

I

V.

Deutsche Schriftstellerkongreß 1956 noch keine grundsätzliche Klärung der herangereiften Fragen. Der

Weg zur neuerlichen engen Verbindung von Kunst und Literatur mit dem Leben des sozialistischen Aufbaus wurde erst frei, nachdem auf der 30. Tagung des ZK der SED Anfang 1957 die revisionistischen Auffassungen über die nationale Frage prinzipiell widerlegt wurden und nachdem die Auseinandersetzung mit den Positionen von Georg Lukäcs - der bei vielen Schriftstellern und Literaturwissenschaftlern großen Einfluß hatte — begonnen wurde. Neben der dogmatischen Auffassung vom Realismus war für diese Positionen vor allem charakteristisch, daß sie die Unterschiede zwischen dem kritischen und dem sozialistischen Realismus verwischten. In diesem Klärungsprozeß spielten die Auswirkungen des XX. Parteitages der KPdSU und die neuen Ergebnisse der marxistisch-leninistischen Ästhetik in der Sowjetunion [...] eine wesentlich fördernde Rolle.
      Die Entwicklung der sozialistischen Literatur als einer herrschenden Literatur in einem Arbeiter-und-Bauern-Staat, als einer Literatur also, die sehr vielseitige ästhetische Bedürfnisse zu erfüllen hat, führte in dieser Phase zu einer größeren Breite überhaupt -zwischen 1951 und 1957 wurden rund 700 Millionen Bücher gedruckt - sowie zu einer zunehmenden thematischen, stofflichen und formalen Vielfalt und zur stärkeren Ausbildung bisher in der sozialistischen deutschen Literatur wenig entwickelter Zweige des literarischen Schaffens. In bedeutendem Umfang und unter Mitwirkung einiger der besten Schriftsteller entstand eine sozialistische Kinder- und Jugendliteratur. Es bildete sich eine fortschrittliche und saubere Unterhaltungsliteratur heraus. Die literarische Arbeit für den Film, den Rundfunk und — beginnend - für das Fernsehen wurde gepflegt, wenn auch nicht in ausreichendem Maße. Seit Beginn der fünfziger Jahre trat neben jene Schriftsteller, die schon unter kapitalistischen Bedingungen wesentlichen Anteil an der Ausbildung der sozialistischen Literatur hatten, eine Reihe neuer , die bis dahin ihr Talent nicht hatten entwickeln können. Gleichzeitig begannen zahlreiche jüngere Autoren zu schreiben. In den Werken kritisch-realistischer oder religiös beeinflußter Autoren gewann die sozialistische Ideologie und die sozialistisch-realistische Methode an Boden oder setzte sich durch . Erstmals in einem deutschen Staat entfaltete sich frei die Literatur der sorbischen nationalen Minderheit. In der Gründung und in der Tätigkeit des Deutschen Schriftstellerverbandes fand diese größere Breite und Vielseitigkeit der sozialistischen Literatur in der DDR ihren organisatorischen Ausdruck.

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