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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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AUTORENKOLLEKTIV - Die Gestaltung der Arbeiterklasse in einigen Literaturen der sozialistischen Staatengemeinschaft



Unternimmt man den Versuch, die Gestaltung der Arbeiterklasse in der Literatur der sechziger und siebziger Jahre zu umreißen, wird man in ganz besonderem Maße auf die Notwendigkeit verweisen, von vornherein die ganze Vielfalt der Möglichkeiten ins Auge zu fassen, die sich aus dem ästhetischen Reflex des zunehmenden Einflusses dieser Klasse und ihrer revolutionären Partei, ihrer Moral und ihrer Weltanschauung, auf alle Lebensbereiche in der entwik-kelten sozialistischen Gesellschaft ergeben. [1] Dann kommt man nicht umhin, zunächst festzustellen, daß sich die bestimmende Rolle dieser Klasse in den grundlegenden Entwicklungstendenzen der sozialistischen Literatur, ihrer 'Hauptentwicklungsrichtung", wie es Georgi Markow auf dem jüngsten Sowjetischen Schriftstellerkongreß im Jahre 1971 formulierte [2], in sehr vielseitiger und insgesamt überzeugender Weise äußert. Sie äußert sich vor allem in dem die ganze Literatur durchdringenden angespannten Bemühen, das sozialistische Menschenbild, ein sozialistisches Welt- und Geschichtsverständnis in lebendiger, widerspruchsvoller Auseinandersetzung mit den neuen Fragen des heutigen Gesellschaftsprozes-ses zu behaupten, weiter, tiefer und auch auf neue Art auszuprägen. Das Erscheinen der Arbeiterklasse selbst auf der Bildfläche literarischen Schaffens ist in diese grundlegenden Vorgänge eingeschlossen. Insofern muß die Wertung der Gegenwartsliteratur unter dem hier interessierenden Aspekt zuerst einmal von dem Gesamtbild sich bietender Entwicklungstendenzen und deren Beitrag zum umfassenden Selbstverständnis des Menschen im reifen Sozialismus ausgehen. Was in der unmittelbaren Gestaltung von Arbeitergestalten und -kollektiven zu leisten ist, wird nicht nur im Rahmen dieses engeren Gebietes, sondern von der gesamten literarischen Bewegung mitentschieden; namentlich durch die wesentlichen Vorstöße bei der Weiterentwicklung des sozialistischen Menschenbildes.

      Ist das Vorankommen auf diesem Wege etwa ohne die bedeutenden Leistungen denkbar, die in den verschiedenen sozialistischen Literaturen bereits seit den fünfziger Jahren bei der Darstellung großer Klassenschlachten und historischer Prüfungen der Vergangenheit vollbracht worden sind? Wir nennen hier als Beispiel die ein weites Feld bildende kraftvoll gestaltete Thematik des Großen Vaterländischen Krieges in der multinationalen Sowjetliteratur -von Simonow über Bondarew und Baklanow zu Gontschar und Bykau - oder die Plejade bulgarischer Romanciers , die sich mit dem historischen Weg ihres Volkes vom ersten Weltkrieg bis zum September 1944 befassen und vor allem immer wieder die le-benserneuernde Kraft der kommunistischen Ideen und das Bündnis mit der Bauernschaft als Lebensfrage der Arbeiterbewegung ins Blickfeld rücken. Aus der tschechischen und slowakischen Literatur sind u. a. Heckows 'Das hölzerne Dorf" , Zäpotockys Erinnerungsromane aus der Geschichte der Arbeiterbewegung sowie Otcenäseks 'Zeit der Entscheidung" - ein Roman über das Entscheidungsjahr 1948 - hervorzuheben.
      Vergangenes wurde hier nicht bloß 'wiederbelebt" und bebildert, sondern als kritische Wertung und Fundierung heute anwendbarer ethischer Kriterien und Normen in den Beziehungen zwischen Persönlichkeit und Gesellschaft ins Feld geführt. Die Weiterführung dieser Entwicklung stand [...] zur Debatte, als sich der Rat für Literaturkritik beim Sowjetischen Schriftstellerverband mit der historischen und revolutionsgeschichtlichen Thematik in der Sowjetliteratur beschäftigte. Der Referent dieser Tagung, W. Bara-now, konnte auf interessante Erscheinungen verweisen, die dafür sprechen, daß Geschichte und Gegenwart im literarischen Schaffen der letzten Jahre noch näher aneinandergerückt sind, einander noch intensiver zu durchdringen beginnen. Am überzeugendsten zeigt sich das in der Tatsache, daß die relative Arbeitsteilung zwischen 'Spezialisten" für historische Stoffe und solchen für Gegenwartsthemen, die noch für die zwanziger und dreißiger Jahre charakteristisch war, aufgehoben scheint, denn es ist heute kein Ausnahmefall mehr, daß Autoren von dem einen zum anderen Gebiet überwechseln - und zwar in beiden Richtungen. Baranow führte als Beispiel typische Gegenwartsautoren wie W. Schukschin oder J. Trifonow an, die sich scheinbar unmotiviert historischen Themen zugewandt haben - der eine der Gestalt Stepan Rasins , der andere im Roman 'Ungeduld" der Volkstümlerbewegung. [3] Dasselbe ist bei mehreren Autoren zu beobachten, die im Rahmen der sogenannten 'jungen Prosa" an der Wende der fünfziger/sechziger Jahre ihr literarisches Debüt gaben. [4] Der wohl bekannteste von ihnen, W. Axjonow, ist jetzt mit einem auch bei uns erschienenen Roman über den Mitstreiter Lenins, Leonid Krassin, 'Die Liebe zur Elektrizität", herausgekommen. Der umgekehrte Fall zeigt sich bei Sergej Salygin, bisher als Gestalter von Themen aus der Zeit des Bürgerkriegs und der Kollektivierung bekannt: durch seinen jüngsten Roman 'Südamerikanische Variante" hat er einen vielumstrittenen Beitrag zur Stellung der Persönlichkeit in der wissenschaftlich-technischen Revolution geliefert.

     
Uns scheint, hier handelt es sich um eine der wichtigsten internationalen Entwicklungstendenzen der Literatur in unserer sozialistischen Welt; denn wer wollte leugnen, daß gerade aus diesem tieferen Ausschöpfen bestimmter historischer Wegstrecken, die wesentlich sind als Epochenerfahrung, also im Sinne nachhaltig wirkender Grunderlebnisse vornehmlich unserer Epoche — wichtige Aufschlüsse für den realen Humanismus in der heutigen und morgigen gesellschaftlichen Praxis gewonnen werden? Das Beispiel eines Franz Fühmann, den die persönliche Erfahrung mit dem Faschismus nicht losläßt, sondern zu immer tieferer Analyse der Wandlungsproblematik veranlaßt , oder dasjenige eines Herbert Nachbar, der in seinem überraschend 'neuartig" geschriebenen autobiographischen Buch 'Ein dunkler Stern" nach den Ansatzpunkten für die Ausbreitung faschistischer Unmenschlichkeit und dem Bestand humanistischer Werte fragt — sie sprechen ebenfalls dafür, daß einem der Hauptanliegen der heutigen sozialistischen Literatur, nämlich der Sicherung und Differenzierung unseres Wissens vom Menschen als historischem Subjekt weltweiter Prozesse gerade im Schnittpunkt von Geschichtlichem und Gegenwärtigem, ein bedeutendes Kraftpotential zugeführt wird. Dieser ganzen Arbeitsrichtung kommt nicht zuletzt auch die Bedeutung einer inneren Polemik mit solchen Autoren zu, die sich bei der Behandlung heutiger Beziehungen zwischen Persönlichkeit und Gesellschaft einseitig auf die Artikulation bestimmter Ansprüche verlegen. Nicht zufällig mündet die schonungslose Auseinandersetzung eines Granin , eines Simo-now mit dem in seiner ganzen Widersprüchlichkeit und Schwere Erlebten und Durchlittenen immer wieder in dem Bewußtsein der Verantwortung, die die Heutigen tragen - Verantwortung in jenem umfassenden Sinne, wie es der Dichter Alexander Twar-dowski im Poem 'Ferne über Fernen" beispielhaft formuliert hat: 'Wir sind verantwortlich/ für alles auf der Welt/ bis zu Ende ..." [5]
Wir sehen hier also einen der wichtigsten Ströme in den sozialistischen Literaturen der letzten Jahrzehnte, der auch heute keinesfalls verebbt ist, sondern sich in neuen Verzweigungen und Varianten darbietet. Dies ist auch zweifellos ein Hauptfeld, auf dem das für den heutigen Sozialismus charakteristische, bedeutend gereifte historische Bewußtsein der Arbeiterklasse, das in unermüdlicher Arbeit ihrer revolutionären Partei ständig vertiefte und präzisierte

Wissen um den realen Verlauf, die Widersprüchlichkeit und Leit-barkeit historischer Prozesse ihren Niederschlag gefunden haben. Werke, die bei der Gestaltung der Arbeiterklasse einen zentralen Platz einnehmen, schließen sich vor allem an diesen, das Geschichtliche bewußt machenden Strom an oder stehen ihm nahe. Nehmen beispielsweise die Romane Anna Seghers' 'Die Entscheidung" und 'Das Vertrauen" nicht gerade deshalb einen so gewichtigen Platz in der Gestaltung der Arbeiterklasse ein, weil die Autorin hier den Weg der Klasse und die persönlichen Schicksale vieler ihrer Angehörigen bei ganz kurzer zeitlicher Distanz aus geschichtlicher Sicht darzubieten verstand? Der überragende Beitrag, den Autoren wie Anna Seghers oder Hermann Kant oder - auf andere Art - Julius Fucik für die Festigung grundlegender Positionen der sozialistisch-realistischen Literatur im Sinne des marxistisch-leninistischen Geschichtsbewußtseins der Arbeiterklasse geleistet haben, wird vielleicht auch dadurch deutlich, daß die Konterrevolution in der CSSR einen ihrer Hauptstöße gerade darauf richtete, ein solches Geschichtsbewußtsein durch Gegenmodelle zu zerstören. Der Roman 'Der Scherz", mit dem der tschechische Autor Milan Kundera im Jahre 1967 hervortrat, bietet sich als revisionistisches Gegenstück zu Kants 'Aula" dar, vergleichbar deshalb, weil hier mit äußerlich ähnlichen Mitteln ein entgegengesetztes Ziel verfolgt wurde. Ironie und Komik - bei Kant Ausdruck historisch überlegener, aber mit Sympathie anteilnehmender Sichtung des Vergangenen, damit der Parteilichkeit des Schiftstellers - werden von Kundera dazu benutzt, um die eigene Vergangenheit der fünfziger Jahre destruktiv zu werten, das Erbe Fuciks zu verleumden und Ideologie im Verschwommen-Allgemeinmenschlichen aufzulösen, kurz: das historische Selbstbewußtsein der Arbeiterklasse durch Verlachen ihrer Errungenschaften zu untergraben. Das skeptische Lachen des Autors diente letztlich, wie J. Taufer in überzeugender Analyse nachwies, dazu, den Sozialismus 'der Unwissenschaftlichkeit zu bezichtigen", ihm 'den Hundekopf des Antihumanismus aufzusetzen, der Kulturlosigkeit, der Rückschrittlichkeit, ja sogar des Van-dalismus" [6].
      Das besondere Gewicht der hier bezeichneten Entwicklungstendenz, der hohe künstlerische Rang dazugehöriger Werke — sie ergeben sich auch aus der einfachen Tatsache, daß jeder Gegenstand der Literatur im Grunde in dem Maße gestalterisch gewinnt, wie die in ihm steckende Geschichtlichkeit entdeckt und einseitig gemacht wird. Die Arbeiterklasse als großer Gegenstand der Darstellung bildet dabei nicht nur keine Ausnahme, sondern fordert, im Gegenteil, in besonderem Maße zu geschichtlicher, ja weltgeschichtlicher Behandlung heraus. Die Wege zu brauchbaren künstlerischen Lösungen sind jedoch, auch wenn wir an die Gegenwart denken, nicht leicht zu finden, ja es stellen sich nicht wenige ernste Hindernisse objektiver und subjektiver Natur heraus. Und so bleibt so manches Werk unterhalb dessen, was der Leser von der Behandlung dieses wichtigen Gegenstandes erwartet.
      Die gegenwärtige Situation ist die eines allgemeinen Neuansatzes bei der unmittelbaren Auseinandersetzung mit der Arbeiterklasse als literarischem Helden. Die abgestimmte Politik der kommunistischen und Arbeiterparteien in den Ländern der sozialistischen Staatengemeinschaft hat in den letzten Jahren dazu geführt, daß die Rolle, Struktur und Entwicklung der Arbeiterklasse in der entwickelten sozialistischen Gesellschaft und beim Ãœbergang zum Kommunismus überall gründlicher untersucht, konkreter analysiert, nachdrücklicher herausgestellt wird. Damit wurden auch für die Literatur wichtige Ausgangsbedingungen, d. h. ein günstiges gesellschaftliches Klima geschaffen, aber auch entsprechende gesellschaftliche Anforderungen an die Literatur stimuliert. [...]
Die Situation stellt sich, wie immer bei solchen Neuansätzen, in doppelter Hinsicht kompliziert dar: sowohl hinsichtlich der literarisch zu bewältigenden veränderten Wirklichkeit als auch im Verhältnis zu den Leistungen der vorangegangenen Jahrzehnte. Ein Neuansatz wurde nicht nur deshalb notwendig, weil neue gestalterische Verfahren zur Wirklichkeitsaneignung gefunden werden mußten, sondern auch, weil Leistungen, an die unmittelbar angeknüpft werden konnte, verschiedentlich fehlten. Die Gründe dafür waren in den verschiedenen Nationalliteraturen natürlich unterschiedlicher Natur. In der russischen Sowjetliteratur beispielsweise gab es zwar die oben skizzierte bedeutende Tradition in der Gestaltung der Arbeiterklasse, aber in den sechziger Jahren war dieser Gegenstand in seinen konkreten Konturen gegenüber anderen Anliegen zeitweilig zurückgetreten. Wenn es bei diesen gesellschaftlich durchaus bedeutenden Anliegen vor allem darum ging, an den von der Arbeiterklasse geprägten moralischen Kriterien Reife und Schöpfertum von Menschen aller Bevölkerungsschichten beim Ãœbergang zum Kommunismus zu messen und das Erreichte zu analysieren, so drückte sich darin natürlich der hohe Stand bei der Entwicklung der moralisch-politischen Einheit des Sowjetvolkes und der Annäherung aller Klassen und Schichten aus. Aber die Dialektik zwischen dem 'Aufgehen" der Arbeiterklasse in dieser

Einheit und Geschlossenheit des Sowjetvolkes und ihrer spezifischen Rolle beim weiteren gesellschaftlichen Voranschreiten kam bei dieser Sachlage nicht genügend zum Ausdruck. Insofern wurde, inspiriert durch den XX

I

V.

Parteitag der KPdSU, ein Neuansatz mit merklicher Verstärkung des . gegenständlichen Eigenanteils der Arbeiterklasse an der Thematik der Literatur notwendig. Diese Ausgangssituation ist jedoch nicht auf alle anderen sowjetischen Nationalliteraturen übertragbar. Vielmehr handelt es sich bei Literaturen derjenigen Völker, die sozial und kulturell unter dem Sozialismus eine 'beschleunigte Entwicklung" durchliefen und dabei in wenigen Jahrzehnten einen Rückstand von Jahrhunderten aufholten, nicht selten darum, daß sie überhaupt erst in den sechziger/siebziger Jahren zur literarischen Ausprägung der Rolle kamen, die die Arbeiterklasse im Leben der sozialistischen Nation spielt. Der Neuansatz war also hier nicht nur relativer Natur. [...]
Ergibt sich also hinsichtlich der literarischen Vorbedingungen und Vorleistungen des Neuansatzes ein sehr heterogenes Bild, so kann demgegenüber von größerer Ähnlichkeit der Probleme gesprochen werden, die sich aus der Bewältigung heutiger Wirklichkeit, d. h. aus den heutigen Konturen des Gegenstandes Arbeiterklasse ableiten. Daraus entstanden nicht nur ähnliche Lösungsversuche bei bereits vorliegenden Werken, sondern auch große Möglichkeiten für eine internationale Verständigung über Hauptfragen des literarischen Schaffens, für eine gegenseitige Anregung und Bereicherung der verschiedenen sozialistischen Nationalliteraturen — wie sich das in den gemeinsamen Beratungen der Leitungen der einzelnen Verbände, von Autoren und Kritikern bereits abzeichnet. Die weitgreifenden Folgen der sozialistischen ökonomischen Integration, der gegenseitigen Annäherung der sozialistischen Bruderländer auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens machen sich auch hier in differenzierter Weise bemerkbar. Vor allem haben wir es natürlich damit zu tun, daß sich die sozialistischen Literaturen bei der Gestaltung der Arbeiterklasse heute mit den umfassenden Auswirkungen und moralischen Anforderungen konfrontiert sehen, die die wissenschaftlich-technische Revolution unter sozialistischen Bedingungen, die Aufgabe ihrer bewußten Verbindung mit den Vorzügen des Sozialismus hervorbringen. [7] Dies ist der tiefere soziale Grund für einen notwendigen Neuansatz der Literatur in der hier besprochenen Thematik.

     

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