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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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AUGUST WILHELM SCHLEGEL - Vorlesungen über schöne Literatur und Kunst



Definition des Wesens der Kunst
[...] Das Schöne ist eine symbolische Darstellung des Unendlichen [...]. Man halte das Unendliche nicht etwan für eine philosophische Fiktion, man suche es nicht jenseits der Welt; es umgibt uns überall, wir können ihm niemals entgehen; wir leben, weben und sind im Unendlichen. Freilich haben wir seine Gewähr nur in unsrer Vernunft und Phantasie; mit den äußern Sinnen und dem Verstände können wir es nie ergreifen, denn diese bestehen eben nur durch ein beständiges Setzen von Endlichkeiten und Verneinen des Unendlichen. Das Endliche macht die Oberfläche unsrer Natur aus, sonst könnten wir keine bestimmte Existenz haben; das Unendliche die Grundlage, sonst hätten wir überall keine Realität.

      Wie kann nun das Unendliche auf die Oberfläche, zur Erscheinung gebracht werden? Nur symbolisch, in Bildern und Zeichen. Die unpoetische Ansicht der Dinge ist die, welche mit den Wahrnehmungen der Sinne und den Bestimmungen des Verstandes alles an ihnen für abgetan hält; die poetische, welche sie immerfort deutet und eine figürliche Unerschöpflichkeit in ihnen sieht. [...] Dadurch wird erst alles für uns lebendig. Dichten ist nichts andres als ein ewiges Symbolisieren: Wir suchen entweder für etwas Geistiges eine äußere Hülle, oder wir beziehen ein Ã"ußres auf ein unsichtbares Innres. [...]
Wie wir eben sahen, geht die Sprache vom bloßen Ausdruck durch willkürlichen Gebrauch zur Darstellung fort; wenn aber die Willkür ihr herrschender Charakter wird, so verschwindet die Darstellung, d. h. der Zusammenhang des Zeichens mit dem Bezeichneten; und die Sprache wird alsdann nichts als eine Sammlung logischer Ziffern, tauglich die Rechnungen des Verstandes damit abzumachen. Um sie wieder poetisch zu machen, muß also ihre Bildlichkeit hergestellt werden, weswegen allgemein das Uneigentliche, Ãobertragene, Tropische als dem poetischen Ausdrucke wesentlich betrachtet wird. Gewöhnlich macht man aber in den Vorschriften der Dichtkunst den bloßen Verstand zum Richter über die Schicklichkeit dieser, wie man meint, erlaubten Zieraten: es sollen Bilder und Vergleichungen gebraucht werden, aber sie dürfen nicht zu kühn sein, sondern sich nur eben über die nüchterne Prosa erheben. Manerkennt nicht an, daß die Poesie hierin überschwenglich und absolut ist, daß sie, nachdem ihr jedesmaliger Charakter es mit sich bringt, auch das Entfernteste verknüpfen und ineinander übergehen lassen kann. Die gegenseitige Verkettung aller Dinge durch ein ununterbrochenes Symbolisieren, worauf die erste Bildung der Sprache sich gründet, soll ja in der Wiederschöpfung der Sprache, der Poesie, hergestellt werden; und sie ist nicht ein bloßer Notbehelf unsers noch kindischen Geistes, sie wäre seine höchste Anschauung, wenn er je vollständig zu ihr gelangen könnte. Denn jedes Ding stellt zuvörderst sich selbst dar, d. h. es offenbart sein Innres durch sein Ã"ußeres, sein Wesen durch die Erscheinung ; demnächst das, womit es in näheren Verhältnissen steht und Einwirkungen davon erfährt; endlich ist es ein Spiegel des Universums. In jenen schrankenlosen Ãobertragungen des poetischen Stils liegt also [...] die große Wahrheit, daß eins alles und alles eins ist. Die Wirklichkeit liegt zwischen ihr und uns und zieht uns unaufhörlich davon ab; die Phantasie räumt dieses störende Medium hinweg und versenkt uns in das Universum, indem sie es als ein Zauberreich ewiger Verwandlungen, worin nichts isoliert besteht, sondern alles aus allem durch die wunderbarste Schöpfung wird, in uns sich bewegen läßt. [...]
Ãober das Verhältnis zwischen Kunst und Natur
[...] Die Unbestimmtheit und Vieldeutigkeit der Begriffe Natur und Nachahmen hat [...] die größten Mißverständnisse verursacht und in mannigfaltige Widersprüche verwickelt.
      Bei Natur denken sich viele nichts weiter als das ohne Zutun menschlicher Kunst Vorhandne. Wenn man nun zu diesem negativen Begriff der Natur einen ebenso passiven vom Nachahmen hinzufügt, so daß es ein bloßes Nachmachen, Kopieren, Wiederholen bedeutet, so wäre die Kunst in der Tat ein brotloses Unternehmen. Man sieht nicht ein, da die Natur schon vorhanden ist, warum man sich quälen sollte, ein zweites jenem ganz ähnliches Exemplar von ihr in der Kunst zustande zu bringen, das für die Befriedigung unsers Geistes nichts voraus hätte als etwa die Bequemlichkeit des Genusses. [...] Aber man stelle sich wie man will, so kann man höchstens die unglücklichen bildenden Künste in diesem Sinne zur bloßen Nachahmung der Natur machen; die Erscheinungen der übrigen bringt man auf keine Weise heraus. [...]
Da es, der beste Beweis ist, etwas sei gut nachgemacht, wenn man die vorgestellte Sache für die wirkliche halten kann, so fließt aus dem kraß verstandenen Prinzip der Nachahmung natürlich her, daß man sich in der Kunst die Täuschung zum Ziel setzen müsse und daß alles, was die Täuschung stört, fehlerhaft sei. Man hat den spielenden Schein, welchen die echte Kunst sucht und welchem sich das bezauberte Gemüt freiwillig hingibt, wiewohl es sich der Fiktion sehr gut bewußt ist, worüber es auch in Momenten so wie über bloß inneren Vorstellungen die nähere Gegenwart ganz vergessen kann, mit dem materiellen Irrtum verwechselt, mit der gänzlich passiven Berückung, die dem Geist alle Freiheit der Betrachtung rauben würde, indem die Wirklichkeit nun ernsthaft auf ihn eindränge. Dieses Prinzip der Täuschung ist dem Wesen echter Kunst so fremd, daß es fast nur auf die Malerei und die Poesie mit Schauspielkunst verbunden hat angewandt werden können. [...]
Mit der Täuschung ist die Forderung der Wahrscheinlichkeit nahe verwandt, welche hauptsächlich in der Poesie, vor allem in der dramatischen gemacht worden, und dahin geführt hat, alles Kühne, Große, Wunderbare und Außerordentliche daraus zu verbannen und das Triviale, Alltägliche für den wahren Gegenstand derselben auszugeben. Ganz verkehrter Weise: die eigentliche Wahrscheinlichkeit beruht auf Berechnungen des Verstandes, die auf ein schönes Kunstwerk nicht anzuwenden sind; in der Poesie kann von keiner andern die Rede sein, als daß etwas wahr scheine, und dies kann sehr gut, auch was nimmer wahr werden mag. Es kommt nur darauf an, daß ein Dichter uns durch den Zauber der Darstellung in eine fremde Welt zu versetzen weiß, so kann er alsdann in ihr nach seinen eignen Gesetzen schalten. [...]
In einem andern Sinne nennt man auch das Natur, was im Menschen von selbst und ohne Anstrengung zum Vorschein kommt, im Gegensatz mit dem künstlich Angebildeten. Diese Natur hat man der Kunst auf eine doppelte Art empfohlen: in betreff der dargestellten Menschen und in betreff der Person des Künstlers. Bei den übrigen Künsten leuchtet es zu sehr in die Augen, daß ihre Ausübung, wegen ihrer durchaus künstlichen Mittel, ein gründliches methodisches Studium erfordert; so hat denn dieser schlimme Rat, sich blindlings seinem Naturell und einer wilden Begeisterung zu nicht bloß scheinbar, sondern wirklich kunstlosen Ergießungen zu überlassen, am meisten in der Poesie auf Irrwege geführt. Diesem Prinzip der Natürlichkeit, welches eigentlich die Kunst ganz aufhebt, steht als das entgegengesetzte Extrem gegenüber das der Künstlichkeit, welches ein Kunstprodukt bloß nach dem Maße der darin auf der Oberfläche erscheinenden Kunst und Mühe schätzt. [...]

Wenn man aus dieser subjektivsten Verengerung das Wort Natur wieder bis zum Inbegriff aller Dinge erweitert, so leuchtet freilich ein, daß die Kunst aus dem Gebiete der Natur ihre Gegenstände hernehmen muß, denn es gibt alsdann eben nichts anders. Die Phantasie kann in ihren kühnen Flügen zwar übernatürlich, aber niemals außernatürlich werden: die Elemente ihrer Schöpfungen, wie sie auch durch ihre wunderbare Tätigkeit verwandelt sein mögen, müssen immer aus einer vorhandnen Wirklichkeit entlehnt sein. In diesem Sinne braucht man aber gar nicht der Kunst vorzuschreiben, daß sie die Natur nachahmen solle, sondern sie muß es, es hat gar keine Gefahr, daß sie etwas andres können wird. Der Satz [von der Nachahmung der Natur] würde daher richtiger lauten: die Kunst muß Natur bilden, wo er alsdann bloße Tatsache und berichtigter Ausdruck von dem des Aristoteles wäre. [...]
Durch bloßes Nachmachen, Kopieren wird man doch immer gegen die Natur den Kürzeren ziehen, die Kunst muß also etwas anderes wollen, um diesen Nachteil zu vergüten, und das ist reine Heraushebung des Bedeutsamen in der Erscheinung mit Ãobergehung der störenden Zufälligkeiten. [...]
Wird nun Natur in dieser würdigsten Bedeutung genommen, nicht als eine Masse von Produkten, sondern als das Produzierende selbst, und der Ausdruck Nachahmung ebenfalls in dem edleren Sinne, wo es nicht heißt, die Ã"ußerlichkeiten eines Menschen nachäffen, sondern sich die Maximen seines Handelns zu eigen machen, so ist nichts mehr gegen den Grundsatz einzuwenden noch zu ihm hinzuzufügen: die Kunst soll die Natur nachahmen. Das heißt nämlich, sie soll wie die Natur selbständig schaffend, organisiert und organisierend, lebendige Werke bilden, die nicht erst durch einen fremden Mechanismus, wie etwa eine Pendeluhr, sondern durch inwohnende Kraft, wie das Sonnensystem, beweglich sind und vollendet in sich selbst zurückkehren. Auf diese Weise hat Prometheus die Natur nachgeahmt, als er den Menschen aus irdischem Ton formte und ihn mit einem von der Sonne entwandten Funken belebte. [...]
Erstdruck und Textvorlage: A. W. Schlegels Vorlesungen über schöne Literatur und Kunst. Gehalten zu Berlin in den Jahren 1801-1804. Erster Teil : Die Kunstlehre. Hg. v. J. Minor. Verlag von Gebr. Henninger. Heilbronn 1884, S. 90-102.
     

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