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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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AUGUST WILHELM SCHLEGEL - Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur




Vom Geist des romantischen Schauspiels
[...]â- 
Formlos zu sein darf also den Werken des Genius auf keine Weise gestattet werden, allein es hat damit auch keine Gefahr. Um dem Vorwurfe der Formlosigkeit zu begegnen, verständige man sich nur über den Begriff der Form, der von den meisten, namentlich von jenen Kunstrichtern, welche vor allem auf steife Regelmäßigkeit dringen, nur mechanisch und nicht, wie er sollte, organisch gefaßt wird. Mechanisch ist die Form, wenn sie durch äußere Einwirkung irgendeinem Stoffe bloß als zufällige Zutat ohne Beziehung auf dessen Beschaffenheit erteilt wird, wie man z. B. einer weichen Masse eine beliebige Gestalt gibt, damit sie solche nach der Erhärtung beibehalte. Die organische Form hingegen ist eingeboren, sie bildet von innen heraus und erreicht ihre Bestimmtheit zugleich mit der vollständigen Entwicklung des Keimes. Solche Formet! entdek-ken wir in der Natur überall, wo sich lebendige Kräfte regen, von der Kristallisation der Salze und Mineralien an bis zur Pflanze und Blume und von dieser bis zur menschlichen Gesichtsbildung hinauf. Auch in der schönen Kunst wie im Gebiete der Natur, der höchsten Künstlerin, sind alle echten Formen organisch, d. h. durch den Gehalt des Kunstwerkes bestimmt. Mit einem Worte, die Form ist nichts andres als ein bedeutsames Ã"ußres, die sprechende, durch keine störenden Zufälligkeiten entstellte Physiognomie jedes Dinges, die von dessen verborgenem Wesen ein wahrhaftes Zeugnis ablegt.

      Hieraus leuchtet ein, daß der unvergängliche, aber gleichsam durch verschiedene Körper wandernde Geist der Poesie, sooft er sich im Menschengeschlechte neu gebiert, aus den Nahrungsstoffen eines veränderten Zeitalters sich auch einen anders gestalteten Leib zubilden muß. Mit der Richtung des dichterischen Sinnes wechseln die Formen, und wenn man die neuen Dichtarten mit den alten Gattungsnamen belegt und sie nach deren Begriffen beurteilt, so ist dies eine ganz unbefugte Anwendung von dem Ansehen des klassischen Altertums. Niemand soll von einer Gerichtsbarkeit belangt werden, unter die er nicht gehört. Wir können gern zugeben, diemeisten dramatischen Werke der englischen und spanischen Dichter seien im Sinne der Alten weder Tragödien noch Komödien: es sind eben romantische Schauspiele. [...]
Die antike Kunst und Poesie geht auf strenge Sonderung des Ungleichartigen, die romantische gefällt sich in unauflöslichen Mischungen; alle Entgegengesetzten: Natur und Kunst, Poesie und Prosa, Ernst und Scherz, Erinnerung und Ahndung, Geistigkeit und Sinnlichkeit, das Irdische und Göttliche, Leben und Tod, verschmilzt sie auf das innigste miteinander. Wie die ältesten Gesetzgeber ihre ordnenden Lehren und Vorschriften in abgemessenen Weisen erteilten, wie dies schon vom Orpheus, dem ersten Besänftiger des noch wilden Menschengeschlechts, fabelhaft gerühmt wird: so ist die gesamte alte Poesie und Kunst gleichsam ein rhythmischer Nomos, eine harmonische Verkündigung der auf immer festgestellten Gesetzgebung einer schön geordneten und die ewigen Urbilder der Dinge in sich abspiegelnden Welt. Die romantische hingegen ist der Ausdruck des geheimen Zuges zu dem immerfort nach neuen und wundervollen Geburten ringenden Chaos, welches unter der geordneten Schöpfung, ja in ihrem Schöße sich verbirgt: der beseelende Geist der ursprünglichen Liebe schwebt hier von neuem über den Wassern. Jene ist einfacher, klarer und der Natur in der selbständigen Vollendung ihrer einzelnen Werke ähnlicher; diese, ungeachtet ihres fragmentarischen Ansehens, ist dem Geheimnis des Weltalls näher. Denn der Begriff kann nur jedes für sich umschreiben, was doch der Wahrheit nach niemals für sich ist; das Gefühl wird alles in allem zugleich gewahr. [...]
Der Wechsel der Zeiten und örter, vorausgesetzt, daß sein Einfluß auf die Gemüter mit geschildert ist und daß er der theatralischen Perspektive in bezug auf das in der Ferne Angedeutete oder von deckenden Gegenständen halb Versteckte zustatten kommt; der Kontrast von Scherz und Ernst, vorausgesetzt, daß sie im Grade und der Art ein Verhältnis zueinander haben; endlich die Mischung der dialogischen und lyrischen Bestandteile, wodurch der Dichter es in der Gewalt hat, seine Personen mehr oder weniger in poetische Naturen zu verwandeln: sind nach meiner Ansicht im romantischen Drama nicht etwa bloß Lizenzen, sondern wahre Schönheiten. In allen diesen Punkten und noch in manchen andern werden wir die englischen und spanischen Werke, welche vorzugsweise diesen Namen verdienen, einander vollkommen ähnlich finden, wie weit sie auch sonst voneinander abstehen mögen. [...]

Erstdruck: Ãober dramatische Kunst und Literatur. Vorlesungen von August Wilhelm Schlegel. 3 Bde. Heidelberg 1809-1811. - Ein Zyklus von 15 Vorlesungen, die August Wilhelm Schlegel im Frühjahr 1808 in Wien gehalten hatte. Ãobersetzungenins Französische , Englische und Italienische förderten die weite Wirkung dieses Werks, durch welches das Literaturgeschichtsbild des 19. Jahrhunderts entscheidend mitgeprägt wurde.
      Textvorlage: August Wilhelm von Schlegel's Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur. Kritische Ausgabe. Eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Giovanni Vittorio Amoretti. Band

II.

Kurt Schroeder Verlag. Bonn und Leipzig 1923,S. 111-116.

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