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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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ARISTOTELES - Poetik



2. Kapitel
Da aber die Nachahmenden handelnde Menschen nachahmen, diese aber notwendigerweise gut oder schlecht sind — die Charaktere nämlich lassen sich fast immer allein auf eins von beiden zurückführen, denn durch Schlechtigkeit und Tugend unterscheiden sich alle —, so stellen sie die Menschen entweder besser oder schlechter dar, als wir heute im allgemeinen sind, oder auch uns ähnlich [...]

In demselben Gegensatz steht aber die Tragödie zur Komödie; die eine nämlich will schlechtere, die andere bessere Menschen als die heutigen nachahmen.

      3. Kapitel
[...] Daher behaupten auch manche, daß solche Dichtungen deshalb 'Dramen" heißen, weil sie tätige Personen darstellen.

      5. Kapitel
[...] Die epische Dichtung stimmt mit der Tragödie insoweit überein, als sie eine Nachahmung ernsthafter Gegenstände in metrischer Rede ist. Darin aber, daß die epische Dichtung nur ein einheitliches Versmaß hat und nur Bericht ist, unterscheiden sie sich. Ferner aber in der Ausdehnung. Daß nämlich die Tragödie ihre Handlung möglichst innerhalb eines Sonnenumlaufs [1] abzuwickeln oder doch nur wenig darüber hinauszugehen versucht, während die epische Dichtung der Zeit nach unbegrenzt ist: auch darin liegt ein Unterschied. [...]

6. Kapitel
[...] Eine Tragödie ist also Nachahmung einer ernsthaften und in sich abgeschlossenen Handlung, die einen gewissen Umfang hat, in einer durch Zutaten gewürzten Sprache, wobei jede Art [eidos — nämlich der würzenden Zutaten] gesondert in den einzelnen Teilen [moria — nämlich der Tragödie] zur Anwendung kommt; sie ist Nachahmung tätiger Menschen, also nicht in Form bloßer Erzählung, und dadurch, daß sie Mitleid erregt, bewirkt sie die ihr eigentümliche Reinigung derartiger Affekte [2]. Ich nenne aber 'durch Zutaten gewürzte Sprache" eine solche Sprache, die Rhythmus und Harmonie und damit Melodie enthält; unter 'den Arten nach gesondert" verstehe ich, daß bei einigen [Teilen die Würzung] nur durch Verse, bei anderen dagegen auch durch die Melodie erfolgt.
      Da aber handelnde Personen die Nachahmung bewirken, so muß in erster Linie die für das Auge bestimmte Ausstattung eine Art Bestandteil der Tragödie sein, sodann die musikalische Komposition und der sprachliche Ausdruck; denn mit diesen Mitteln führt man die Nachahmung aus. Ich verstehe aber unter 'sprachlichem Ausdruck" hier den Bau der Verse; was aber unter musikalischer Komposition zu verstehen ist, ist ohne weiteres klar.
      Da die Tragödie nun Nachahmung einer Handlung ist, diese aber von bestimmten handelnden Personen ausgeführt wird, die nach ihrem Charakter und ihrem Denken so oder so geartet sein müssen — denn erst dadurch sind ja, meinen wir, auch ihre Handlungen so oder so geartet —: so ergeben sich naturgemäß für ihre Handlungen zwei Ursachen, nämlich Charakter und Denken, und je nach diesen Ursachen haben alle entweder Erfolg oder Mißerfolg. Die Fabel aber ist die Nachahmung der Handlung; ich verstehe nämlich unter 'Fabel" hier die Verknüpfung der Handlungen , unter 'Charakter" dasjenige, im Hinblick worauf wir sagen, daß die handelnden Personen so und so geartet seien, unter Denken alles, vermöge dessen die sprechenden Personen etwas darlegen oder auch einen allgemeinen Gedanken äußern. Notwendigerweise gibt es also in jeder Tragödie sechs Bestandteile, denen zufolge die Tragödie von einer bestimm-ten Beschaffenheit ist. Es sind dies die Fabel, die Charaktere, der sprachliche Ausdruck, das Denken, die Ausstattung und die musikalische Komposition. [...]
Das wichtigste aber von diesen ist die Verknüpfung der Handlungen , denn die Tragödie ist nicht Nachahmung von Menschen, sondern von Handlung und Leben, von Glück und Unglück; Glück und Unglück sind im Handeln beschlossen, und das Endziel besteht in einem gewissen Handeln, nicht in einer Beschaffenheit. Nach ihrem Charakter sind die Menschen so oder so beschaffen, nach ihren Handlungen jedoch glücklich oder das Gegenteil. Nicht also um die Charaktere nachzuahmen, lassen die Dichter sie handeln, sondern die Charaktere nehmen sie mit [in die Darstellung] auf um der Handlungen willen. Daher sind die Handlungen und [damit] die Fabel das Endziel der Tragödie; das Endziel aber ist die Hauptsache.
      Ferner dürfte es ohne Handlung keine Tragödie geben, wohl aber ohne Charaktere, sind doch die Tragödien der meisten neueren Dichter ohne Charakterzeichnung. [...]
Außerdem sind die stärksten Mittel, durch die die Tragödie einen Reiz auf die Seele ausübt, Teile der Fabel, nämlich Peripetien und Erkennungsszenen. [...]
Die Tragödie ist die Nachahmung einer Handlung und nur gerade dadurch auch eine Nachahmung handelnder Personen [...]

7. Kapitel
[...] Folglich dürfen die gut aufgebauten Fabeln weder an einem beliebigen Punkt anfangen noch an einem beliebigen Punkt enden, sondern müssen sich nach den genannten Gesichtspunkten richten. Ferner muß das Schöne — sowohl ein Lebewesen als auch jede Handlung , die aus Teilen zusammengesetzt ist — nicht nur Teile in einer bestirnten Ordnung enthalten, sondern auch einen bestimmten und nicht zufälligen Umfang haben. Denn das Schöne beruht auf Umfang und Ordnung ; deswegen kann weder ein ganz kleines Lebewesen schön sein noch ein ganz großes . Wie bei Körpern und Lebewesen ein gewisser Umfang vorhanden, dieser aber fürs Auge gut zu übersehen sein muß, so muß es auch bei den Fabeln eine bestimmte Länge geben; diese aber muß man gut im Gedächtnis behalten können. Eine Begrenzung der Länge im Hinblick auf die Aufführungen und das Auffassungsvermögen [der Zuschauer] ist nicht Sache der Kunst. Denn wenn man hundert Tragödien im Wettstreit miteinander aufführen müßte, so würde man sie eben nach der Wasseruhr aufführen müssen - wie man bei anderer Gelegenheit zu sagen pflegt. Die Begrenzung aber, die sich aus der Natur der Handlung ergibt, ist diese: immer ist die umfangreichere Fabel, soweit sie übersichtlich ist, hinsichtlich des Umfangs schöner. Um aber überhaupt eine Begrenzung auszusprechen, so kann man sagen: eine Begrenzung des Umfangs, innerhalb deren sich die Handlung Zug um Zug nach Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit entwickeln und dabei ein Schicksalswechsel vom Unglück ins Glück oder vom Glück ins Unglück erfolgen kann, genügt für die Länge [der Fabel] [...]

8. Kapitel
Wie sich in den anderen nachahmenden Künsten eine einheitliche Nachahmung auch auf etwas Einheitliches bezieht, so muß also auch die Fabel, da sie Nachahmung einer Handlung ist, Nachahmung einer einheitlichen und vollständigen Handlung sein, und die Teile der Handlungen müssen so miteinander verbunden werden, daß im Falle einer Umstellung oder Wegnahme irgendeines Teiles das Ganze zerstört und erschüttert würde. Denn was - vorhanden oder nicht vorhanden - keine merkliche Wirkung tut, ist kein Teil des Ganzen.

      9. Kapitel
[...] Denn der Geschichtsschreiber und der Dichter unterscheiden sich nicht dadurch, daß der eine in Versen, der andere ohne Verse spricht ; sondern darin liegt der Unterschied, daß der eine berichtet, was wirklich geschehen ist, der andere, was geschehen könnte. Deshalb ist auch die Dichtkunst etwas Philosophischeres und Gewichtigeres als die Geschichtsschreibung. Denn die Dichtkunst behandelt mehr das Allgemeine, die Geschichtsschreibung das Einzelne. Das Allgemeine besteht aber darin, daßes einem Menschen von der oder der Art zukommt, dies oder das zu sagen oder zu tun w als wahrscheinlich oder notwendig; hierauf zielt die Dichtung, obwohl sie den Personen Namen gibt. [...]
Daher muß man nicht unter allen Umständen darauf aus sein, sich an die überlieferten Fabeln zu halten, die die Tragödien gewöhnlich behandeln. Denn es wäre lächerlich, darauf auszugehen, da auch das Bekannte nur wenigen bekannt ist, aber doch alle gleichermaßen erfreut. Aus diesen Erwägungen wird nun aber klar, daß der Dichter mehr ein Dichter der Fabeln als der Verse sein muß, insofern er nämlich ein Dichter nur kraft seiner Nachahmung ist und das, was nachgeahmt wird, Handlungen sind. Und wenn er nun in die Lage kommt, bereits Geschehenes darzustellen, so ist er nichtsdestoweniger ein Dichter. Denn nichts hindert, daß von dem bereits Geschehenen einiges derart ist, wie es sich 'als wahrscheinlich und möglich" zutragen könnte, und insoweit ist ein solcher Dichter auch der Dichter jenes Geschehenen. [...]
Nun ist aber die Tragödie die Nachahmung nicht allein einer in sich geschlossenen Handlung, sondern auch von etwas, was Furcht und Mitleid erregt. Furcht und Mitleid aber treten ganz besonders dann auf, wenn sie wider Erwarten aus dem inneren Zusammenhang erwachsen, denn so wird das Wunderbare eindrucksvoller, als wenn es nur von selbst und aus reinem Zufall geschieht. Auch von den zufälligen Ereignissen erscheinen nämlich alle die am wunderbarsten, die gleichsam absichtlich geschehen zu sein scheinen. [...]

13. Kapitel
[...] Der Aufbau der vollkommen schönen Tragödie soll aber nicht einfach, sondern verwickelt sein, und dabei soll sie Furcht und Mitleid erregende Handlungen nachahmen, denn das ist dieser Art von Nachahmung eigen.
      Daher ist zuerst klar, daß keine vortrefflichen Männer gezeigt werden dürfen, die vom Glück ins Unglück geraten, denn das erregt nicht Furcht und auch nicht Mitleid, sondern Abscheu. Auch dürfen keine Bösewichter vom Unglück ins Glück geraten, denn das ist von allem am untragischsten; es enthält nämlich nichts, was [für die Tragödie] nötig ist: weder erregt es menschliche Anteilnahme noch Mitleid, noch Furcht. Auch der ganz Schlechte darf wiederum nicht vom Glück ins Unglück geraten, denn ein derartiger Aufbau könnte zwar menschliche Anteilnahme erregen, aber weder Mitleid noch Furcht; denn Mitleid bezieht sich auf den, der unverdient Unglückhat, Furcht auf den, der uns selbst ähnlich ist; also wird ein solcher Vorgang weder Mitleid noch Furcht erregen.
      Es bleibt also nur eine Person übrig, die in der Mitte zwischen diesen beiden steht. Von dieser Art aber ist der, der sich weder durch Tugend und Gerechtigkeit auszeichnet, noch wegen Schlechtigkeit und Verworfenheit ins Unglück gerät, sondern wegen irgendeines Fehltrittes ; und zwar muß er zu denen gehören, die in hohem Ansehen stehen und sich in einer glücklichen Lebenslage befinden, wie zum Beispiel Oidipus, Thyestes [4] und die berühmten Männer aus solchen Geschlechtern. Eine gute aufgebaute Fabel muß also lieber einen einfachen als — wie manche meinen — einen doppelten Ausgang haben, und der Umschlag darf nicht aus dem Unglück ins Glück, sondern muß im Gegenteil aus dem Glück ins Unglück erfolgen, und zwar nicht wegen einer Schlechtigkeit, sondern wegen eines folgenschweren Fehltritts, begangen von einem Menschen, der entweder so ist, wie er oben gekennzeichnet wurde, oder eher noch von einem besseren als von einem schlechteren. [...]

18. Kapitel
Zu jeder Tragödie gehören die Schürzung und die Lösung. Was außerhalb des Stückes liegt und einige Teile im Stück selbst bilden häufig die Schürzung, der Rest die Lösung. Ich verstehe aber unter 'Schürzung" den Teil einer Tragödie, der vom Anfang bis zu dem Punkt reicht, der die äußerste Grenze bildet, von dem an der Umschlag ins Glück oder Unglück erfolgt; 'Lösung" aber nenne ich den Teil vom Beginn dieses Umschlages bis zum Schluß. [...]

23. Kapitel
Was aber die erzählende und nur in einem Versmaß nachahmende Dichtung anlangt, so ist klar, daß man die Fabeln wie in den Tragödien dramatisch anlegen muß, also gruppiert um eine einheitliche, vollständige und in sich abgeschlossene Handlung mit Anfang, Mitte und Ende, damit das Werk, einheitlich und abgeschlossen wie ein Lebewesen, den ihm eigentümlichen Genuß bereite. Ferner ist klar, daß der Aufbau der Handlungen nicht historischen Darstellungen gleichen darf, in denen es darauf ankommt, nicht eine Handlung, sondern einen Zeitabschnitt darzustellen, nämlich alles, was sich in diesem Zeitraum um eine oder mehrere Personen abspielt, wobei die Einzelvorgänge nur in einem zufälligen Verhältnis zueinander stehen. [...]

24. Kapitel
[...] Um den Umfang weit ausdehnen zu können, hat aber die epische Dichtung eine Eigentümlichkeit. In der Tragödie ist es nämlich nicht möglich, viele Teilhandlungen gleichzeitig nachzuahmen, sondern allein das eine Stück, das auf der Bühne von den Schauspielern gespielt wird. Da aber die epische Dichtung eine Erzählung ist, ist es in ihr möglich, viele Teilunternehmungen gleichzeitig darzustellen, durch die dann, falls sie zum Ganzen passen, das Gewicht der Dichtung gehoben wird. So hat dies das Gute, daß es zur Großzügigkeit der Darstellung beiträgt, dem Hörer Abwechslung bietet und die Dichtung durch verschiedenartige Episoden erweitert. Denn da die Gleichförmigkeit schnell ermüdet, laßt sie viele Tragödien durchfallen.
      Als Versmaß hat sich durch die Erfahrung das heroische [5] als angemessen erwiesen. Denn wollte man in irgendeinem anderen Versmaß oder gar in mehreren verschiedenen Versmaßen eine erzählende Nachahmung abfassen, so würde das unpassend erscheinen. Das heroische Versmaß ist nämlich das ruhigste und gewichtigste unter den Versmaßen, deshalb nimmt es auch am ehesten 'fremde Wörter", Metaphern und jede Art von Dehnungen auf; denn auch darin übertrifft die erzählende Nachahmung die anderen. Der jambische Trimeter und der trochäische Tetrameter dagegen sind voller Bewegung, der eine paßt zum Tanz, der andere zum Handeln. [...]
Entstehungszeit: Die unvollständig überlieferte Lehrschrift des griechischen Philosophen Aristoteles über die Poetik ist wahrscheinlich um 330 v. u. Z. in Athen entstanden.
      Textvorlage: Aristoteles: Poetik. Nach einer Rohübersetzung bearbeitet von Friedrich Bassenge. In: Ästhetik der Antike. Hg. v. Joachim Krueger. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1964, S. 263-302.
      Erläuterungen: [1] Ein Sonnenumlauf, also 24 Stunden! Die Stelle wurde im 17. Jh. zum Ausgangspunkt für die Lehre von den 'drei Einheiten" . Die Einheiten 'Ort" und 'Zeit" waren die logischen Folgerungen aus der Anwesenheit des Chors auf der griechischen Bühne. Darauf wies Lessing anläßlich der Analyse des Aufbaus klassischer französischer Dramen in seiner 'Hamburgischen Dramaturgie" hin. Die Franzosen hatten die drei Einheiten ohne den Chor, d. h. bloß äußerlich, übernommen. - Aristoteles spricht, wie die Stelle zeigt, die 24-Stunden-Regel nicht als Forderung aus, und eine 'Einheit des Ortes" erwähnt er überhaupt nicht. - [2] Die Auffassung dieser berühmten Tragödiendefinition des Aristoteles ist umstritten. Der griechische Wortlaut kann 'Reinigung dieser Gefühle" oder 'Reinigung von diesen Gefühlen " bedeuten. Die seit Lessing traditionelle Obersetzung 'Furcht und Mitleid" gibt den Sinn der griechischen Begriffe 'phobos" und 'eleos" nicht völlig genau wieder. — [3] Stadion : Griechisches Längenmaß von etwa 192 m. — [4] Sagenhafter König von Argos. Sein Bruder Atreus tötet ihm die Kinder und setzt sie ihm zum Mahle vor. Thyestes erkennt das Geschehene zu spät. Eine Tragödie 'Thyestes" schrieb Euripides. — [5] Man nannte die Hexameter, in denen die Epiker ihre Helden besangen, das 'heroische Versmaß".
     

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