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ANNA SEGHERS - Der wichtigste 'Ismus



Der sozialistische Realismus wird bejahend oder polemisch von Menschen erwähnt, die in Verlegenheit kommen, wenn man sie genau fragt, was das ist.
      Die Sowjetschriftsteller handhaben auch diesen Begriff nicht wie ein Meßinstrument.

      Der Realismus eines Rabelais war anders als der eines Balzac. Fadejew ist realistischer Künstler, sein Realismus ist von anderer Substanz als der eines Balzac oder Rabelais.
      Die Kinder und Narren sagen: Schon gut, aber was ist Realismus? - Für Balzac, der in der bürgerlichen Gesellschaft lebte, war etwas anderes real als für Rabelais. Der Realismus eines Alexei Tolstoi oder eines Fadejew hat wieder ein anderes Element. Sie leben im Sozialismus; trotzdem, zu meiner eigenen Realität gehört etwas, was für sie gar nicht zählt.
      Sie waren sicher erleichtert, als Fadejew erklärt hat, man soll sich davor hüten, den sozialistischen Realismus schablonenhaft eng und dinglich zu nehmen. Zum Realismus gehören auch Träume, auch Märchen, auch Phantasien.
      Mir fiel in der 'Eremitage", dem Museum in Leningrad, ein Artikel ein, der in der Spanischen Internationalen Literatur kurz nach dem Krieg erschienen ist.
      Die Eremitage wurde nach der Blockade neu eröffnet. Die Menschen strömten hinein, um ihre Lieblingsbilder wiederzusehen. Drei Besucher treffen sich vor dem Portal. Ein Maler, ein Historiker, ein Funktionär. Es war aufschlußreich, sagt der Historiker, zu beobachten, welches Bild jeder Besucher zuerst wiederzusehen wünschte. Der Funktionär gesteht, er sei zuerst zu Valesquez gelaufen. Er bewundert den großen realistischen Maler vor allen anderen.
      Der Künstler gesteht, daß es ihn vor allem danach verlangt hat, Greco wiederzusehen.
      Er muß für dieses Geständnis die Kritik des Funktionärs einstekken. Wie kann man Greco neben Velasquez einen großen realistischen Maler nennen? Seine übertriebenen Maße, seine unwahrscheinlichen Farben, seine unklaren extravaganten Gesichter. — Wir republikanischen Soldaten, sagt der Künstler, wir haben im Krieg die Bilder des Prado gerettet, Velasquez und Greco. — Du aber, du hättest sicher Greco zuerst gerettet. — Da gibt ihm der Maler eine Erklärung, die zu der Erklärung Fadejews gehört:
'Sie lebten beide, Velasquez und Greco, im Goldenen Zeitalter der spanischen Kunst. In diese Epoche der Geschichte gehörten Erfindungen und Entdeckungen, gehört die Conquista. Die ungeheure Veränderung des äußeren Weltbildes war ohne Zweifel mit einer Veränderung der Gedankenwelt verbunden. Die geographische Ausdehnung mit der inneren Eroberung von Phantasien und nie gedachten Gedanken. Velasquez hat die Staatsmänner, hat die Hofleute dieser Jahre gemalt, die dem äußeren Tatbestand ihre Namen gaben. Greco hat die Eroberung in das Innere des Menschen gemalt. Das war nichts Idealistisches, das war nichts Abstraktes, das Innere war ebenso konkret, ebenso realistisch, ebenso wahr."
Er hätte noch hinzufügen können: Er, Greco, hat also in seiner Zeit den Realismus erweitert, der ihr entsprach, wie der Sowjetschriftsteller heute dem Begriff des 'Sozialistischen Realismus" seine Enge und Starrheit nimmt, die man ihm aus Irrtum oder aus Unwissenheit oder aus Böswilligkeit zuschieben will.

     
Entstanden: 1948.
      Erstdruck: Anna Seghers: Sowjetmenschen. Lebensbeschreibungen nach ihren Berichten. Berlin 1948.
      Textvorlage: Anna Seghers: Ãœber Kunstwerk und Wirklichkeit. Bd. 1: Die Tendenz in der reinen Kunst. Herausgegeben von Sigrid Bock. Akademie-Verlag. Berlin 1970, S. 216-217.
     

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