Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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ANDOR ÄBOR - Ãœber proletarisch-revolutionäre Literatur



Man fragt uns oft: 'Was soll denn eure proletarisch-revolutionäre Literatur sein? Ist sie Kunst wie die andere landläufige Literatur? Oder wollt ihr darunter eure tendenziösen Traktätchen verstehen, mit denen ihr Agitation und Propaganda treibt?" Wir antworten: Unsere Literatur ist Kunst, wenigstens sind wir bestrebt, sie als Kunst zu gestalten, wobei wir wissen, daß Künstler weder in acht Tagen noch in acht Monaten ausgebildet werden; gleichzeitig ist aber unsere Literatur, unter der wir nicht politische Traktätchen verstehen, die Tendenz, womit wir Agitation und Propaganda betreiben. Damit sind wir aber keine mächtigen Neuerer, nur die bewußten Erben der bürgerlichen Literaturpraxis, damit wenden wir nur die proletarische Wissenschaft, den Marxismus-Leninismus, auf dem Gebiete der Literatur an.

      Es gibt keine 'Menschheit" im allgemeinen, es gibt nur eine konkrete Menschheit, die aus Klassen zusammengesetzt ist, und — wie es geschrieben steht — ist die Geschichte dieser Menschheit gerade die Geschichte der Klassenkämpfe. Die Literatur ist keine Einblasung des Heiligen Geistes, sie ist ein geschichtliches Gebilde, sie ist Klassenproduk o, gehört zu der einen oder anderen Klasse, deren Gedanken und Gefühle sie schildert, organisiert und weiterentwickelt. Mehr noch: sie gestaltet das Weltbild vom Standpunkt der Klasse, die sie erzeugte. Wer solches behauptet, verleumdet die Literatur nicht, sagt nicht, daß sie eine Hure sei, nennt das Kind nur beim richtigen Namen. Hatte jede historische Klasse, die ein bestimmtes materielles und geistiges Niveau erreichte, ihre Literatur als Spiegelung ihres Seins, dann muß das revolutionäre Proletariat, der Träger der tiefstgehenden Umwälzung in der menschlichen

Geschichte, ebenfalls seine eigene Literatur haben. Diese Literatur, die wir meinen, ist ebenso - aber bewußt — Klassenliteratur, wie es die Literaturen der vergangenen oder untergehenden Klassen waren.
      Daraus geht klar hervor, daß, wenn wir heute von unserer proletarisch-revolutionären Literatur sprechen, darunter nicht die Literatur der zukünftigen, sozialistischen, kommunistischen, also klassenlosen Gesellschaft verstehen, die eben klassenlos sein wird. Im Gegenteil: unsere Literatur ist die höchste Stufe der Klassenliteratur, ist durch und durch klassenkämpferisch. Sie entsteht nicht zufällig gerade im Zeitalter des Imperialismus, der letzten Etappe des Kapitalismus.
      Sie entsteht parallel mit dem Klassenkampf, der den imperialistischen Kapitalismus stürzen und mit der Klassenherrschaft des Proletariats, mit der Rätediktatur, den Ãœbergang zur klassenlosen Gesellschaft ermöglichen wird. Unsere Literatur ist also eine Waffe des vorwärtsschreitenden sich verschärfenden Klassenkampfes. Da die Diktatur des Proletariats die höchste — bewußte - Form der Klassenherrschaft ist, muß die proletarisch-revolutionäre Literatur, entsprechend der Weltlage der Weltrevolution, die Literatur zweier Zeitabschnitte sein: die der vorweltrevolutionären und die der Diktatur des Proletariats . Die Tatsache einer proletarisch-revolutionären Literatur in Sowjetrußland mußte allmählich anerkannt werden. Für die kapitalistischen Länder wird aber noch immer die Frage gestellt: Ist die revolutionäre Arbeiterschaft vor der Machtergreifung in der Lage, sich eine Literatur zu schaffen? Soll sie es tun? Soll sie nicht lieber alle Kräfte zum Kampf um die Macht konzentrieren, alle ihre Kräfte ausschließlich auf wirtschaftlich-politischem Gebiet einsetzen?
Versuchen wir es mit einer Beweisführung a contrario . Sagen wir, daß das Proletariat keine eigene Literatur zu schaffen hätte, daß es eine Zersplitterung der klassenkämpferischen Kräfte wäre, sich auch noch mit dieser Aufgabe, die gar nicht so kinderleicht ist, zu beschäftigen. Was machen wir aber dann mit unseren Zeitungen, die tatsächlich da sind und Feuilletonrubriken und Romanspalten besitzen, die wohl irgendwelchen Bedürfnissen ihrer Leser entsprechen? Diese Leser sind keine Kaffeetanten und Stiftfräuleins, sondern klassenkämpfende Revolutionäre. Was machen wir mit unseren Verlagsanstalten, die ebenfalls Tatsachen und keine Hirngespinste sind? Oder wären unsere Zeitungen und Verlage Ausgeburten eines Reformismus in unseren Reihen, der schleunigst abzustellen ist? Ist es falsch, daß wir, je mehr Zeitungen und Verlage wir haben, um so leichter an die Massen herankommen? Oder — die Behauptung mit den Zeitungen und Verlagen als richtig unterstellend — sollen wir sie nicht ausschließlich mit wirtschaftlich-politischem Inhalt füllen, da es nur ein Irrtum dummer Redakteure ist, dem Arbeiter und der Arbeiterin mit Produkten der schönen Literatur dienen zu wollen? Sollen wir nicht lieber einen Kreuzzug gegen die schöne Literatur beginnen, unseren Genossen und auch den Sympathisierenden einpauken, daß es eine Schande ist, ein Gedicht, eine Erzählung, einen Roman zu lesen? Wir können versuchen, das zu verkünden. Vielleicht schadet es nichts..Doch, es wird uns schon schaden. Der revolutionäre Arbeiter, gerade der klassenbewußte, wird uns auslachen. Denn er weiß, daß der Besitzer der Ware Arbeitskraft kein nacktes Muskelbündel ist, sondern ein Mensch mit Bedürfnissen. Und zwar auch mit Kulturbedürfnissen, zu denen das Lesen von Gedichten, von Romanen, Geschichten und Erzählungen gehört. Der revolutionäre Arbeiter kennt auch die Geschichte der Arbeiterbewegung, und er klärt uns auf, daß noch nie eine revolutionäre Partei vor die Massen getreten ist mit der Losung: Schraubt eure Bedürfnisse zurück! Seid anspruchslos! Eure Kulturbedürfnisse sind von Ãœbel! Nicht nur die Kapitalisten, auch wir wollen, daß die Arbeiterklasse eine möglichst zurückgebliebene Masse sei!
Das ist natürlich blanker Unsinn. Bleibt auch die überwiegende Mehrheit der Arbeiterklasse vor der Machtergreifung verhältnismäßig kulturlos: erreichen gerade im Prozeß des Klassenkampfes ihre besten — nämlich klassenbewußt gewordenen, klassenkämpfenden — Schichten ein höheres Kulturniveau. Stimmt das nicht, wofür wäre das Geschrei über den Kulturkampf, den wir ganz richtig auf allen Gebieten der Kultur führen? Führen wir ihn lediglich zum Vorwärtsspornen linksbürgerlicher Elemente, zur Zersetzung der Kleinbourgeoisie? Nein. Wir führen ihn hauptsächlich im Interesse des Proletariats, wir wollen einige Fesseln der Kultur zerhauen, damit Teile dieser Kultur auch dem Proletariat zukommen. Ja, es könnte zu einem faulen Kompromiß ausarten, wenn wir meinten, daß die Kultur noch im Schöße der kapitalistischen Gesellschaft von allen ihren Ketten zu befreien wäre. Auf dem Wege der Reform, ohne die soziale Revolution. Es fällt uns aber nicht im Traum ein, so etwas zu denken. Im Gegenteil: wir sind überzeugt, daß jedes Bröckchen der Kultur von der herrschenden Klasse geradeso in zähem Klassenkampf abgerungen werden muß, wie der höhere Lohn, der kürzere Arbeitstag, die erträglicheren Arbeitsbedingungen.
     
Gut, werden unsere Genossen sagen, wir führen den Kulturkampf, der doch wirklich Klassenkampf ist, auf der ganzen Linie. Die Literatur ist aber eine Verzierung, ein Schnörkel, eine Nebensächlichkeit, zu der wir, die wir mit den ernsteren Aufgaben des Klassenkampfes beschäftigt sind, keine Zeit haben. Die Literatur, wie alle Künste, geht aufs Gemüt. Uns interessiert das Bewußtsein. Wir überlassen das Gemüt den anderen. Eine hohe Weisheit! So hoch, daß wir sie gar nicht erklimmen können. Vor allem wissen wir nicht so genau, wo das Gemüt aufhört und das Bewußtsein beginnt. Außerdem sind wir Kommunisten nicht der Ansicht, daß es nur etwas in der Klasse gäbe, was wir 'den anderen" überlassen dürften. Wir denken nicht, daß der Arbeiter wirtschaftlich-politisch zu kämpfen hat, 'sonst aber" mag er tun, was er will, er mag über Gott und Welt denken, wie er will, im allgemeinen: er darf glücklich werden 'nach seiner Facon". Am wenigsten sind wir der Ansicht, daß er seine Zerstreuungen und Kulturgenüsse holen soll, woher er will. Deshalb dürften wir, auch wenn diese 'anderen" da wären, die Literatur ihnen nicht überlassen. Wer sollen aber diese anderensein?
Man speise uns nicht immer wieder mit dem Hinweis auf die klassische Literatur ab! Gerade der revolutionäre Arbeiter, der ausschlaggebende Faktor der Gegenwart und der Zukunft, soll sich auf dem Literaturgebiet auf die Vergangenheit beschränken? Seit wann verstehen wir unter Literatur nicht eine fortlaufende Produktion, sondern ein Museum? Die literarischen Waffen des Klassenkampfes sollen aus den altehrwürdigen Zeughäusern geholt werden? Das bedeutet, auf ein anderes Gebiet übersetzt: gegen die Tanks und Flammenwerfer der kapitalistischen Armeen soll das Proletariat mit Hinterladern losziehen! Hat das klassenkämpfende Proletariat Literaturbedürfnisse, dann müssen sie befriedigt werden. Wer soll sie befriedigen? Schriftsteller der anderen Klasse? Sind wir also der Meinung, daß Abtrünnige der feindlichen Klasse soweit für die Unterdrückten eintreten, daß die Selbstbetätigung der Unterdrückten überflüssig wird? Nicht nur, daß sie für uns eintreten, sondern auch die Waffen zu unserem Klassenkampf liefern? Parallel damit müßten wir dann der Meinung sein, daß auf dem wirtschaftlichpolitischen Gebiet die revolutionäre Theorie genüge, die in das Proletariat 'hineingetragen" wurde . Haben wir nicht von jeher verkündigt, daß die Befreiung der Arbeiterklasse nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein kann?
Was ist aber Literatur? Ist sie Praxis oder Theorie? Für die vergangenen Literaturen war sie immer Praxis, fast hundertprozentig klassenmäßige Praxis, fast vollkommen ohne Theorie, oder mit beinahe lächerlich anmutenden Theorie versuchen, die den Anschein haben, daß sie das Wesentliche gar nicht herausfinden wollen. Auch für uns muß die Literatur Praxis sein, d. h. Produktion; selbstverständlich: revolutionäre Praxis. Da wir aber keine Praxis ohne Theorie kennen, muß unsere Literatur eine auf revolutionärer Theorie beruhende revolutionäre Praxis sein. Diese Forderung mag selbst Genossen, die oft, wegen ihrer hohen bürgerlichen Kultur, auf dem Geistesgebiet ihre bürgerlichen Gedankengänge noch nicht abgestreift haben, hanebüchen erscheinen. Uns ist das Gegenteil eine krause Vorstellung. Eine revolutionäre Literaturpraxis ohne Kenntnis der revolutionären Theorie! Woher soll diese Praxis sprudeln? Ist der Dichter ein leeres Gefäß, dem einmal dieser, das andere Mal jener Inhalt von den Musen eingegossen wird?
Nachdem wir das Feld abgesteckt und dabei erkannt haben, daß unsere Literatur eine revolutionäre Praxis auf Grund revolutionärer Theorie sein muß, können wir das Gebiet ruhig den 'anderen" überlassen. Aber mit der Frage: Wo wimmeln die Schriftsteller, die gewillt sind, eine revolutionäre Praxis zu betreiben? Denn zu einer Literatur genügen nicht ein, zwei Schriftsteller, da muß man schon mehrere, sogar viele haben. Sollten sie sich bei der Bourgeoisie befinden, von der wir behaupten, daß sie keine revolutionäre Klasse mehr ist? Oder in den Abbröckelungsgebieten der bourgeoisen Literatur, im Lager der halbbürgerlich, viertelbürgerlich und noch-weniger-bürgerlich Unzufriedenen? In den Höhlen der revoltierenden Titanen, die sich bereits vom bürgerlichen Joch befreiten und so 'frei" sind, daß sie ihr stolzes Haupt auch ins Parteijoch nicht beugen können, oder nur mit dem Vorbehalt: 'Die Partei, wie ich sie meine"? Gesetzt den Fall, daß sie von morgen ab ihren ganzen Literaturbetrieb auf uns 'umstellen", werden sie das Partei'joch", das sie selbst nicht ertragen können, dem proletarischen Leser 'empfehlen"? Das ist nicht zu erwarten. Sie werden immer wieder die Revolution 'empfehlen", ohne den Weg aber zu zeigen, der dahin führen kann. Nehmen wir an, daß sie 'zu allem bereit" sind: Woher nehmen sie die Kenntnis des Klassenkampfes, der kämpfenden Klasse? Dichterphantasie ist eins der materiegebundensten Dinge der Welt. Es gibt keine Zeile Literaturohne Erlebnis. Kann der Klassenkampf und die kämpfende Klasse - das sind Gebiete von tausendfältiger Buntheit der Einzelerscheinungen — aus Zeitungsnotizen erlebt werden? Oder: Kann ein Schriftsteller dadurch, daß er Marx, Engels und Lenin gründlich kennt, einen revolutionären Arbeiter zu Hause, auf der Straße, im Betrieb, in der Zelle, in der Versammlung, im Aufstand konkret schildern? Einerseits. Andererseits: Kann er den Inhalt des revolutionären Arbeiters ohne Marx und Lenin erfassen? Wenn nicht, dann ist es ihm in beiden Fällen unmöglich, den revolutionären Arbeiter künstlerisch zu gestalten.
      Die Arbeiterklasse und ihr Klassenkampf muß also erlebt werden. Jetzt kommt noch die Frage: Auf welcher Grundlage erlebt? Ein Klassengegner der Arbeiterschaft, ein Hasser, kann die Arbeiterschaft ebenfalls erleben. Das wird wohl nicht unsere Literatur sein. Es ist denkmöglich, daß ein bürgerlicher Schriftsteller sich für die Arbeiterklasse - da sie ein brennendes 'Problem" der Gegenwart ist - soweit 'interessiert", daß er ihre Kämpfe 'studiert", und, um sie inhaltlich zu verstehen, auch ihre Theorie 'kennenlernt". Wird auf diese Weise ein proletarisch-revolutionäres Literaturprodukt entstehen? Nein, das ist nur objektive Literatur über das Proletariat, das Erlebnis kam auf bürgerlichem psychischen Boden zustande. Unsere Literatur kann nicht anders entstehen, als dadurch, daß der Schriftsteller die proletarische Wissenschaft nicht nur 'kennenlernt", sondern sie zu seiner Ãœberzeugung erhebt, sich für die Kämpfe der Klasse nicht nur 'interessiert", sie 'studiert", sondern als eigene Sache mitfühlt und mitkämpft. Die proletarischrevolutionäre Literatur muß auf dem Standpunkt des proletarischrevolutionären Klassenkampfes erlebt werden.
      Infolgedessen ist der Löwenanteil der uns gestellten Aufgabe, die literarische Selbstbetätigung des revolutionären Proletariats auszulösen und zu fördern. Um einem der Mißverständnisse, die massenhaft entstehen werden, vorzubeugen, erklären wir im vorhinein, daß wir damit nicht Arbeiter meinen, die 'gleichzeitig" Schriftsteller sind. Eine solche Gleichzeitigkeit ist heute, wo der Beruf des Schriftstellers auf Arbeitsteilung beruht, auf die Dauer unmöglich. Wir meinen Schriftsteller, die aus den Reihen der revolutionären Arbeiterschaft herangebildet werden. Die Zukunft -schon die nächste — spricht für sie. Nur sie haben die volle Möglichkeit, die Klasse und ihren Befreiungskampf vom revolutionären Klassenstandpunkt aus zu erleben und sich auch die revolutionäre Theorie in ihrer vollwertigen Entwicklung - mit der revolutionären Praxis im Zusammenhang — anzueignen.

Diese Möglichkeit, die heute nur eine latente, gebundene, von tausend Schwierigkeiten verhinderte ist, haben wir zu entfalten, um zum Aufblühen der proletarisch-revolutionären Literatur zu gelangen.

      Das ist unsere Aufgabe.
      Erstdruck: Die Linkskurve. Hg. v. Johannes R. Becher, Andor Gabor, Kurt Kläber, Kläber, Erich Weinen, Ludwig Renn. Berlin 1929, H. 3.
      Textvorlage: Zur Tradition der sozialistischen Literatur in Deutschland. Eine Auswahl von Dokumenten. Hg. und kommentiert von der Deutschen Akademie der Künste. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 21967, S. 153-160.
     

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