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Neuzeitliche Texte



Die Entscheidung über das angemessene Editionsverfahren hängt von den jeweils unterschiedlichen Bedingungen ab, die sich von Fall zu Fall, aber auch im Laufe der Zeit grundsätzlich wandeln. Die Ãoberlieferungslage literarischer Werke verändert sich vor allem im Zusammenhang mit dem aufkommenden Buchdruck deutlich und unterscheidet sich bald gravierend von derjenigen antiker und mittelalterlicher Texte. Je jünger die zu edierenden Texte sind, desto häufiger stehen dem Herausgeber eigenhändige Manuskripte des Autors, vom Autor diktierte und korrigierte Niederschriften sowie im Normalfall vom Autor veranlaßte und überwachte Drucke zur Verfügung. Die Situation des Herausgebers neuzeitlicher Texte ist damit gegenüber der des Klassischen Philologen grundlegend verändert, da seine Gegenstände zum überwiegenden Teil nicht rekonstruiert werden müssen: sie liegen in originalen Fassungen vor.
      Aber auch Originale können den Editor vor Probleme stellen. Abgesehen von den textkritischen Aufgaben im Zusammenhang mit der Entlarvung von Fälschungen oder der Identifikation anonymer Autoren weisen auch die Texte der neueren Literatur in den meisten Fällen bereits Textverderbnisse auf. Gemessen an der Intention des Autors können selbst Autographe Fehler enthalten ; vom Autor veranlaßte und autorisierte Niederschriften oder Drucke enthalten fast immer schon die ersten Ãoberlieferungsfehler in Gestalt von Hör-, Schreib- oder Druckfehlern. Werden Neu-, Nach- oder Raubdrucke des Textes veranstaltet, nimmt die Zahl der Korruptelen weiter zu. Neben solchen auf Versehen beruhenden Fehlern sind beabsichtigte Eingriffe Dritter möglich . In vielen Fällen schließlich sind mehrere Originale erhalten, also mehrere gleichermaßen auf den Autor zurückgehende, aber unterschiedliche Fassungen eines Werkes. Ãoberliefert sind häufig nicht nur überarbeitete Auflagen und neue Ausgaben, sondern auch die Vorarbeiten und Entwürfe, Vorstufen und Parali-pomena zu einem Werk.
      Damit kommt eine Dimension des zu edierenden Werkes in den Blick, die aufgrund mangelnden Materials bei der Herausgabe älterer Texte keine Rolle spielt: die Dimension seiner Genese. Haben es die Editoren der älteren Literatur fast ausschließlich mit Ãoberlieferungsvarianten {LesarteN) zu tun - Abweichungen vom originalen Text also, die unterschiedliche Lektüren des einen Textes dokumentieren -, so verfügt der Editor neuerer Werke häufig über eine Vielzahl von Entstehungsvarianten, die die unterschiedlichen, auf die Arbeit des Autors am Text zurückgehenden und seine Genese dokumentierenden Fassungen ausmachen. Ihre Erforschung und adäquate editorische Präsentation, d. h. die Darstellung der Textgenese, gehört zu den zentralen Aufgaben des Herausgebers neuerer Texte. Besondere Schwierigkeiten sind mit der Edition von solchen Texten verbunden, die der Autor nicht für die Publikation vorgesehen hatte und bei denen es sich häufig um nicht abgeschlossene Werke , Entwürfe oder Vorarbeiten handelt. Anders als die von einer dem Autor zu Lebzeiten nahestehenden Person veranstalteten Nachlaßausgaben, die das Werk des Autors zu vollenden oder abzurunden suchen und damit verändernd und verfälschend eingreifen , muß die wissenschaftliche Nachlaßedition auf der sorgfältigen Dokumentation des Ãoberlieferten beruhen.
      Nicht zuletzt aufgrund der im einzelnen sehr unterschiedlichen Ãoberlieferungsverhältnisse im weiten Bereich der >neueren Literatur« gibt es über die angemessenen Verfahren und Ziele ihrer wissenschaftlichen Edition unterschiedliche Auffassungen, die zur Entwicklung verschiedener Editionsverfahren und -modeile geführt haben. Eine im Interesse der Benutzer der Ausgaben wünschenswerte Vereinheitlichung der verwendeten Abkürzungen, Siglen und Apparatmodelle hat sich nicht im angestrebten Maße durchgesetzt, da unterschiedliche Problemlagen immer wieder unterschiedliche Lösungen herausforderten. Die Entwicklung von Editionskonzepten steht außerdem in direktem, wenn auch lange kaum reflektiertem Zusammenhang mit literaturtheoretischen Positionen. Die Bedeutung theoretischer, ja ideologischer Grundannahmen über das Wesen des literarischen Kunstwerks und seine Beziehungen zu zentralen Größen wie Autor und Leser für das editorische Verfahren wurden in den letzten Jahren intensiver diskutiert. Ob ein Kunstwerk als perfekte, dauerhafte, vollendete Gestalt oder aber als Prozeß von grundsätzlicher Offenheit aufgefaßt wird, ob es als Schöpfung eines Künstlers oder als Ergebnis verschiedener sozialer Determinanten gesehen wird, hat Konsequenzen für die Anlage einer Edition. Von zentraler Bedeutung ist hier der sehr unterschiedlich gebrauchte Textbegriff, der sowohl für eine bestimmte dokumentierte Textgestalt verwendet wird, als auch für die Summe aller Fassungen eines Textes oder aber für die Idee eines Textes im Kopf seines Autors, die von einzelnen, selbst autographen Zeugen, nur unvollkommen wiedergegeben werden kann .
     

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