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Neugermanistische Edition



Die kritische Auseinandersetzung mit den Prinzipien der Mischtextedition wurde Mitte des Jahrhunderts zum entscheidenden Impuls in der Entwicklung der neugermanistischen Editionsphilologie. Unter dem Einfluß der sowjetischen >Textologiebesten Text< setzten und geprägt von einer strukturalistischen Literaturauffassung , wurde an die Stelle der Konstitution kritischer Mischtexte die Edition historisch dokumentierter Textfassungen gesetzt. Die von Ernst Grumach nach »copy-text«-Grundsät-zen begonnene neue Ausgabe der Werke Goethes wurde unter der Leitung von Siegfried Scheibe ab 1959 nach den veränderten Prinzipien fortgeführt . Zugrunde liegt eine gewandelte Auffassung vom Charakter der überarbeiteten Fassungen eines Werkes, die nicht länger als zu überwindende Stationen auf dem Weg zu dem einen vom Autor intendierten und gewollten Text des vollendeten Kunstwerks gesehen werden, sondern als prinzipiell gleichwertige historische Ausformungen des Werkes, wie sie von Goethes Uberarbeitungsweise nahegelegt wird .

     

Die Konstruktion einer eklektischen Idealfassung durch den Herausgeber wird entsprechend als ahistorische und die Struktur des Kunstwerks verfälschende Kontamination kritisiert. Impliziert ist damit auch ein gewandeltes Selbstverständnis des Herausgebers: Aufgabe des Editors kann es nicht sein, die verschiedenen autorisierten Fassungen ineinander zu arbeiten und so stellvertretend für den Autor die - mutmaßlich - intendierte Idealfassung des Werkes herzustellen; der dokumentierende Herausgeber beschränkt sich darauf, die verschiedenen autorisierten Textfassungen wiederzugeben und auf diese Weise das Werk, das auch in der Varianz seiner unterschiedlichen historischen Realisationsformen existiert, angemessen darzustellen. Als Textfassungen gelten dabei »vollendete oder nicht vollendete Ausführungen eines Werkes, die voneinander abweichen. Sie sind durch Textidentität [...] aufeinander beziehbar und durch Textvarianz voneinander unterscheidbar. Sie sind zu einem konkreten Zeitpunkt entstanden und stellten jeweils innerhalb eines bestimmten Zeitraums für den Autor das Werk dar.« An die Stelle des editorischen Leitkriteriums der Autorintention wird damit die historisch nachweisbare Tatsache der Autorisation einer bestimmten Textfassung gesetzt - Als autorisiert gilt ein Text dann, wenn die unmittelbare Beteiligung eines Autors an der Entstehung des entsprechenden Textzeugen erwiesen ist . Je nach der Art dieser Beteiligung läßt sich der Autorisationsgrad unterscheiden in Formen genereller , punktueller und delegierender Autorisation. Vorgeschlagen wurde auch, auf das Konzept der Autorisation ganz zu verzichten und stattdessen von der »Faktizität der Texte« als editorisch relevanter Größe auszugehen .
      Für die Erstellung des edierten Textes rückt also vor allem die Frage nach der dafür auszuwählenden Fassung in den Vordergrund. Prinzipiell sollen in einer wissenschaftlichen Ausgabe alle autorisierten überlieferten Fassungen verzeichnet sein, nur in bestimmten Fällen gravierender Abweichungen aber ist es möglich und sinnvoll, mehr als eine Fassung im Ganzen wiederzugeben; in allen anderen Fällen werden die Abweichungen der übrigen Fassungen im Variantenverzeichnis des Apparats dokumentiert. Statt der letzten Fassung als Höhepunkt und Vollendung eines Werkes wird heute für den Textteil meistens eine >Fas-sung früher Hand< gewählt. Unterschiedliche Ansichten gibt es darüber, ob dies am besten eine eigenhändige Reinschrift des Autors o. ä. sein sollte, in der die ursprüngliche Konzeption bzw. wichtige Konzeptionsveränderungen am deutlichsten zum Audruck kommen , oder ob generell eine Fassung von besonderer historischer Wirksamkeit, wie etwa der Erstdruck eines Werkes, zu bevorzugen ist . Tatsächlich wird diese Frage heute meistens von Fall zu Fall - »aus den Eigenheiten der Text- und Ãoberlieferungsgeschichte« - entschieden. Der Text einer historisch-kritischen Ausgabe beschränkt sich nun jedoch nicht auf den bloßen diplomatischen Abdruck bzw. die Transkription oder Faksimilierung des Originals einer einmal gewählten historischen Fassung: Auch für den dokumentierenden Herausgeber gibt es Textbefunde, die seinen - auf jeden Fall im Apparat zu verzeichnenden und zu begründenden - Eingriff erlauben, ja verlangen.
      Ein solcher vom Herausgeber zu emendierendei oder zumindest im Text zu kennzeichnender Textfehler liegt nach der restriktiven Definition von Scheibe und Zeller nur dann vor, wenn eine Stelle »eindeutig fehlerhaft« ist, d. h. »wenn sie der Struktur des Textes widerspricht« bzw. »wenn sie im Zusammenhang ihres weiteren Kontextes keinen Sinn zuläßt« . Eine Veränderung, von der sich zeigen läßt, daß sie nicht auf den Autor zurückgeht und also als Textverderbnis eingestuft werden muß, ist dagegen nach dieser Auffassung nicht zwangsläufig ein zu emendie-render Textfehler. Gerade solche nicht autorisierten Abweichungen, die einen neuen Sinn ergeben , müssen im Text stehenbleiben. Diese umstrittene Position wurde von Zeller später selbst revidiert und das textanalytische Kriterium wieder mit einem überlieferungsanalytischen verknüpft: Ein zu emendierender Textfehler liegt demnach auch dann vor, wenn sich für eine im Kontext sinnvolle Stelle zeigen läßt, daß sie nicht autorisiert ist. Textfehler können jedoch immer nur fassungsbezogen bestimmt werden: Sie sind als stellenweises Aussetzen der Autorisation einer Fassung zu betrachten . Der emendierende Herausgeber muß dabei beachten, daß es in der neueren Literatur Fälle gibt, in denen ein Autor Textverderbnisse geradezu provoziert oder zumindest nachträglich akzeptiert und so zum autorisierten Bestandteil seines Werkes macht .
      Konsens besteht darin, daß der Editor im Textteil keine Kontamination unterschiedlicher autorisierter Versionen, sondern eine historische Fassung wiedergeben sollte. Ebenso wird übereinstimmend der Verzicht auf eine Modernisierung bzw. Normalisierung gefordert. Die edierten Texte sollen in unveränderter historischer Orthographie und Interpunktion gedruckt werden, da hier jeder normalisierende oder modernisierende Eingriff eine Veränderung der Semantik eines Textes bedeuten kann und interpretatorische Entscheidungen des Herausgebers voraussetzt.
      Während diese Forderung in wissenschaftlichen Grundlagenausgaben weitgehend erfüllt wird, streben immer noch zahlreiche Verlage im Interesse einer angeblich größeren Leserfreundlickeit für die sogenannten Studienausgaben eine »behutsame Modernisierung« historischer Texte an. Editionsphilologen halten dagegen, daß eine auf diesem Wege erreichbare >leichtere Lesbarkeit« lediglich über den tatsächlichen historischen Abstand hinwegtäusche und so Mißverständnissen und Fehldeutungen Vorschub leiste , S. 228; vgl. auch Oellers 1982, Zeller 1985, Kraft 1990).
      Eine allgemein akzeptierte differenzierte Ausgabentypologie steht derzeit nicht zur Verfügung . Ãoblich ist folgende Unterscheidung der drei häufigsten Ausgabentypen.
      1. Die historisch-kritische Ausgabe ist eine wissenschaftliche Grundlagenausgabe des Werkes neuerer Autoren. Sie bietet einen kritisch erarbeiteten Text, dessen Konstitutionsprinzipien in einem editorischen Bericht dargelegt werden; alle Herausgebereingriffe werden nachgewiesen. Neben dem gesicherten Text stellt sie dem Forscher das Material zu Entstehungs- und Ãoberlieferungsgeschichte vollständig und kritisch aufbereitet zur Verfügung. Ihre aufwendige Erarbeitung wird in den meisten Fällen von öffentlichen Geldern getragen.
2. Die Studienausgabe ist eine für ein breiteres Publikum angelegte Ausgabe mit wissenschaftlichem Anspruch. Auch sie bietet einen gesicherten Text und einen Bericht des Herausgebers über die gewählte Textgrundlage sowie ein Verzeichnis aller Herausgebereingriffe. Darüber hinaus enthält sie einen ausführlichen Sachkommentar und häufig auch ausgewählte Materialien zur Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte eines Werkes .
      3. Die Leseausgabe beschränkt sich auf einen Textabdruck ohne weitere Erläuterungen, gelegentlich von einem einführenden Herausgeber-Vorwort begleitet.
      Angestrebt wird die Entwicklung eines Ausgabenspektrums nach dem Baukastenprinzip: Der in der historisch-kritischen Grundlagenausgabe vor dem Hintergrund der vollständigen Dokumentation und Sichtung des Materials erarbeitete Text sollte als zuverlässige Grundlage in alle anderen Ausgabentypen übernommen und wahlweise mit anderen Elementen kombiniert werden .
     

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