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Die Gestaltung des genetischen Apparats



Die mit einem strikten Textfehlerbegriff und der Orientierung an einer Fassung verbundene radikale Beschränkung des Spielraums editorischer Eingriffsmöglichkeiten wurde als Abdankung des kritischen Herausgebers aufgefaßt und angegriffen . Tatsächlich haben sich die Ziele des dokumentierenden Herausgebers gegenüber dem kritischen Herausgeber alter Prägung verschoben; das Gewicht der Herausgebertätigkeit hat sich von der kritischen Konstitution des Textes verlagert auf die Analyse und Darstellung seiner unterschiedlichen autorisierten Fassungen, d. h. seiner Genese. In diesem Zusammenhang rückt die Gestaltung des Varianten-Apparats in den Mittelpunkt des Interesses, dessen Aufgabe im wesentlichen nun nicht mehr darin besteht, die Textkonstitution des Herausgebers zu rechtfertigen, sondern die Entwicklung des Textes zu dokumentieren.
      Dafür ist nur in sehr einfachen Fällen der traditionelle Apparat geeignet, der in den Ausgaben der Klassischen Philologie die für die Herstellung des Stemmas relevanten Lesarten enthält und Ende des letzten Jahrhunderts in Ausgaben neuerer Literatur auch für die Auflistung von Entstehungsvarianten eingesetzt wurde . Dieser Apparat verzeich-net am Fuß der Seite oder in einer dem Textteil folgenden Liste zu jeder Stelle des edierten Textes die überlieferten Abweichungen. Er ist häufig als lemmatisierter Apparat angelegt: Auf das Stichwort aus dem edierten Text - und von diesem meist getrennt durch das Lemmazeichen - folgen die verschiedenen überlieferten Varianten zur betreffenden Textstelle, die zur Kennzeichnung ihrer Herkunft mit der Sigle des entsprechenden Ãoberlieferungsträgers gekennzeichnet sind: Hund] Kamel Hi, Affe H2. Entsprechend der Ausrichtung auf den edierten Text ist die Anlage dieses Apparats meist retrospektiv; wird er zur Verzeichnung von Entstehungsvarianten verwendet, geben die auf das Lemmastichwort folgenden Varianten die jeweils vorangehenden Vorstufen an. Der Nachteil des lemmatisierten Apparats liegt darin, daß er die Varianten einzeln verzeichnet und daher den Zusammenhang gleichzeitig vorgenommener Ã"nderungen, der bestimmte Phasen oder Stufen der Textgenese ausmacht, nicht darzustellen vermag.
      Auf die Notwendigkeit, die Varianten im Zusammenhang zu präsentieren, hat als einer der ersten Seuffert aufmerksam gemacht: »eine Ã"nderung, die zwei getrennte Wörter zugleich ergreift«, darf nicht »getrennt behandelt und so aus einer Variante zwei gemacht werden« . In der kritischen Auseinandersetzung mit den damals üblichen Verfahren der Variantendarstellung betonte dann Backmann die Notwendigkeit der Darstellung sowohl der absoluten Chronologie - »die zeitliche Abfolge aller Ã"nderungen zu einer und derselben Stelle ohne Rücksicht auf umgebende Teile der Handschrift« - und der relativen Chronologie, die »mehrere absolute Chronologien zueinander in Beziehung zu setzen« versucht und im Idealfall »überall die ganze Handschrift im Auge« behält . Für den Nachvollzug der Genese ist es notwendig, nicht nur die Varianten/b/ge , sondern auch den jeweiligen Variantenzusammenbang zu erkennen und zu dokumentieren.
      Die Entwicklung der verschiedenen genetischen Apparate war von der Absicht geleitet, diese Anforderung einzulösen. Dem traditionellen lemmatisierten Listenverzeichnis stehen heute unterschiedliche Modelle integraler Apparate gegenüber, die eine Darstellungdes gesamten Textes einschließlich seiner Varianten - also eine gemeinsame Darstellung von variantem und invariantem Text -zum Ziel haben . In bestimmten Fällen der editorischen Praxis hat es sich als sinnvoll erwiesen, integrale Darstellungsweisen mit Listenverzeichnungen zu kombinieren.
      Rein deskriptive Angaben über den handschriftlichen Befund bietet das Faksimile bzw. seine diplomatische Transkription, die sich mit interpretierenden Apparatmodellen kombinieren lassen. Einzelapparate verzeichnen die auf einem Textzeugen überlieferten Varianten , synoptische Apparate geben mehrere Zeugen wieder, deren Fassungen aufeinander beziehbar sind {AußenvarianZ). Für die Darstellung mehrerer Zeugen ist auch der Paralleldruck mit graphischer Kennzeichnung der Variation eine mögliche Lösung. Lineare Apparatversionen blenden die Varianten fortlaufend in den invarianten Text ein , während räumliche Darstellungen das Variantenparadigma in vertikaler, das Syntagma des jeweiligen Kontexts in horizontaler Richtung verzeichnen. Zu diesem Typ gehören die treppenartige Darstellung der Varianten bei Beißner und die kolumnierende Darstellung Zellers.
      Das von Friedrich Beißner vor allem im Zusammenhang mit seiner Hölderlin-Ausgabe entwickelte Verfahren der Variantenverzeichnung besteht aus einem treppenartig angelegten und mit Leitziffern und -buchstaben versehenen Stufenmodell.
      Beißners bahnbrechendes Verfahren der integralen Darstellung wurde vor allem in zwei Punkten kritisiert:

1. Es ist jeweils auf die letzte Arbeitsstufe ausgerichtet und bleibt damit einem teleologisch-organischen Modell der Entstehung des Kunstwerks verhaftet.
      2. Es beschreibt nicht den realen Arbeitsprozeß des Dichters, sondern »das ideale Wachstum vom ersten Keim des Plans und Entwurfs bis zur endgültigen Gestalt« .
      Das Ziel ist die »Erklärung des Seins aus dem Werden« . Es geht Beißner nicht um die deskriptive räumliche Beschreibung eines handschriftlichen Befundes, sondern um eine diesen Befund deutende, die »zeitlichen Schichten der Entstehung unterscheidende] und voneinander abheben[de]« und dabei übersichtlich bleibende Darstellung der Entwicklung eines Textes
Dagegen verlangt vor allem Hans Zeller als editorisches Prinzipdie Trennung von Befund und Auswertung des Befundes , um auf diese Weise die zwangsläufig interpretierenden Entscheidungen eines Herausgebers nachprüfbar und kritisierbar zu machen. Zellers eigenes, für die Erstellung einer historisch-kritischen C. F. Meyer-Ausgabe in der Auseinandersetzung mit Beißners Verfahren entwickelte Modell will dieser Forderung Rechnung tragen; deskriptive und interpretierende Information sollen für den Benutzer der Ausgabe unterscheidbar bleiben, so daß er in der Lage ist, die Deutung des Herausgebers anhandnotwendig und führt schließlich doch nicht zur Ãoberprüfbarkeit aller Herausgeberentscheidungen. Grundsätzlich wurde diesem Ziel Zellers - der Trennung von Befund und Deutung - entgegengehalten, daß jede Befunddarstellung zwangsläufig bereits Deutung enthalte und die Aufgabe eines Variantenapparats entsprechend nicht in der Rekonstruktion, sondern nur in der Enträtselung und damit Deutung eines handschriftlichen Befunds bestehen könne .
      Einen Zellers Grundannahmen teilenden neuen Lösungsvorschlag macht D. E. Sattler in seiner Hölderlin-Ausgabe . Sattler verzichtet auf die Trennung von Apparat und Text und bemüht sich sowohl um Ãobersichtlichkeit als auch um die Trennung von Befund und Deutung. Seine Ausgabe bietet fotomechanische Reproduktionen von allen Handschriften und eine das Bild der Handschrift nachbildende Transkription sowie eine lineare genetische Darstellung der Texte in einem Zellers Verfahren modifizierenden integralen Apparat. Dieser kann auf die deskriptiven Elemente verzichten, die von Reproduktion und Transkription übernommen werden. Zusätzlich nimmt er den Vorschlag eines Lesetextes auf, der - wie die genetische Deutung - vom Benutzer an den in der Ausgabe gebotenen Materialien selbst überprüft werden können soll. Kritische Einwände gegen Sattlers Konzept beziehen sich vor allem auf die hypothetische und für den Benutzer häufig kaum nachvollziehbare genetische Interpretation des Befundes, dessen Darstellung die charakteristische Offenheit Hölderlinscher Entwürfe wiederum verfehle .
      Mit dem Verzicht auf den explizit deutenden Teil und der Beschränkung auf die Wiedergabe des Faksimiles und seiner Transkription wurde ein weiteres editorisches Modell eingeführt - Die Entscheidung für einen Apparattyp beruht schließlich vor allem auch auf den Gegebenheiten des überlieferten Materials. Diese sind zu einem wesentlichen Teil von der Arbeitsweise des jeweiligen Autors bestimmt. Unter Arbeitsweise versteht man die »allgemeine und spezifische Form des schöpferischen Produktionsprozesses eines Autors« , gemeint ist die konkrete Weise, in der ein Autor an einem Werk arbeitet. Ob ein Autor zunächst vor allem >im Kopf< arbeitet oder gleich >auf dem Papiers hat ebenso Konsequenzen für die Gestalt seiner Arbeitshandschriften wie die unterschiedlichen Verfahren beim Niederschreiben selbst. Häufig lassen sich verschiedene Arbeitsphasen ausmachen, denen bestimmte Handschriftentypen zugeordnet werden können . Die auf den Papieren dokumentierten Korrekturvorgänge lassen sich unterscheiden nach der Art der Korrektur und dem Zeitpunkt der Korrektur: Sofortkorrekturen, die gleich nach der Niederschrift eines begonnenen Wortes, Satzes, Absatzes erfolgen, oder Durchsichtkorrekturen , die auf eine nachträgliche Ãoberarbeitung des bereits vollständig niedergeschriebenen Manuskripts oder Manuskriptteils zurückgehen. Ansätze zu einer Typologie möglicher Arbeitsformen finden sich ausgehend von der Beobachtung solcher konkreten Vorgänge etwa in der von Hay vorgeschlagenen Unterscheidung zwischen >programmiertem< und >immanentem Schreibens eine Gegenüberstellung von Autoren, die zunächst Pläne und Gliederungen entwerfen, um diese dann Schritt für Schritt auszuarbeiten, und solchen, die ohne vorhergehende strategische Ãoberlegungen einen Text direkt aus einem ersten Satz oder Vers entfalten . Offensichtlich von Bedeutung für die Konzeption genetischer Texteditionen ist auch das Kriterium der Zielgerichtetheit verschiedener Arbeitsverfahren, nach dem sich die Produktion von >Werk< oder >Schrift< bzw. rezeptions- oder produktionsbezogene Arbeitsweisen unterscheiden lassen. Auf der einen Seite stehen hier die auf die Vollendung eines bestimmten Werkes hinarbeitenden Autoren, auf der anderen Seite Schriftsteller, die ihre Texte immer wieder verwandeln, ohne sie dabei auf eine bestimmte Endgestalt hin zu verbessern. Dieser Gegensatz spiegelt unterschiedliche ästhetische Konzepte: die klassische Auffassung des Kunstwerks als vollkommene Gestalt und geglückte Endstufe eines Schöpfungsvorgangs auf der einen, eine moderne Position, für die der Entstehungsprozeß selbst als das eigentliche ästhetische Ereignis im Mittelpunkt steht, auf der anderen Seite.
      Der Darstellung der Genese eines Kunstwerks fällt hier jeweils eine sehr unterschiedliche Rolle zu; und die Konzeption eines genetischen Apparats hängt nicht zuletzt davon ab, welche Funktion dem »Einblick in die Werkstatt des Dichters«, den die textgenetische Edition ermöglichen soll, zugeschrieben wird. Steht das Kunstwerk als Resultat eines Schöpfungsprozesses im Mittelpunkt des Interesses, wird die Rekonstruktion seiner Entstehung vor allem in den Dienst seiner Interpretation gestellt. Der Rückgriff auf frühere Fassungen des Textes soll seinen Sinn zu erschließen helfen, allerdings nicht durch eine einfache Kontamination der Fassungen (>x bedeutet y, weil in der früheren Fassung y stand

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