Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Textkritik und textedition

Index
» Textkritik und textedition
» Textkritik und Textedition
» Critique genetique

Critique genetique



Das Interesse an den Varianten als ein Interesse für die Vorgänge in der »Werkstatt des Dichters« und die Ãoberzeugung von der ästhetischen und semantischen Eigenwertigkeit der Vorstufen steht im Mittelpunkt der critique genetique, die in den siebziger Jahren entstand und seit 1982 am I.T.E.M. des CNRS institutionalisiert ist. Ihr Gegenstand sind die Arbeitshandschriften der Dichter , die mit Hilfe verschiedener, zum Teil rechnergestützter Laborverfahren analysiert werden. Untersucht werden Textträger, Schreibstoffe, Schriftzüge und ihre Veränderungen, um nach Möglichkeit aus den in der Handschrift erhaltenen Spuren den Schreibprozeß selbst zu rekonstruieren . Das Forschungsgebiet der »critique genetique« verbindet neue Verfahren empirischer Handschriftenforschung mit einer poststrukturalistisch gewandelten Auffassung vom Text : An die Stelle der strukturalistischen Konzeption des Textes als einer geschlossenen Gestalt tritt die Vorstellung vom Text als »produetivite« . Dieses Interesse am Text als Vorgang und Spielraum unterschiedlicher Möglichkeiten spiegelt einen Wandel ästhetischer Konzeptionen und knüpft an die Vorstellungen verschiedener Autoren der Moderne an, für die das Werk nur noch die »Totenmaske der Konzeption« ist: »Das Werk des Geistes existiert nur im Vollzug.« . Wie Valery in der Deutung T. S. Eliots hat auch die »critique genetique« »aufgehört, an Ziele zu glauben«, und ist »nur noch an Prozessen interessiert«. Nicht das Ergebnis des Schreibens ist ihr Gegenstand, sondern das Schreiben selbst . Forschungsziele der »critique genetique« liegen etwa in der Erarbeitung einer »Geschichte der Schreibweisen« und in der Entwicklung einer »Ã"sthetik literarischer Produktion« . Indem sie also nicht mehr Textkritik im traditionellen Sinne ist, zielt die »critique genetique« auch nicht auf die Edition literarischer Werke, sondern auf die Untersuchung und Präsentation von Vorstufen und Skizzen . In den von >Gene-tikern< erarbeiteten Editionen geht es nicht um die Beschreibung einer Entwicklung bis zu einem endgültigen und stabilen Ergebnis, sondern um die Wiedergabe von Entstehungsstadien bzw. des Prozesses der Schreib- und Arbeitsweise selbst .
      Neue Aspekte für die Realisierung solcher genetischer Editionen, die den Prozeß der Entstehung zur Darstellung bringen wollen, bieten die Möglichkeiten elektronischen Edierens. Schon seit Beginn der Textverarbeitung auf dem Computer wurde wiederholt auf die -heute bei der Erarbeitung herkömmlicher Bucheditionen vielerorts bereits eingesetzte - Unterstützung der Editionsarbeit durch elektronische Datenverarbeitung hingewiesen , die sich nicht auf die Hilfe bei der Erfassung, Korrektur und Vervielfältigung von Texten beschränkt, sondern darüber hinaus durch automatisches Vergleichen, Zerlegen und Sortieren von Texten bei der Kollationierung oder der Erstellung jeder Art von Listen eine wichtige Rolle spielt. Eine neue Stufe im Einsatz der EDV ist mit der Realisation elektronischer Editionen erreicht, durch die große Datenmengen dem Benutzer kostengünstig zur je individuellen Verfügung gestellt werden können . Durch den Einsatz von Hypertext-Systemen kann dabei das lineare Nacheinander der Schrift durch ein mehrdimensionales dezentralisiertes Informationsnetzwerk ersetzt werden, in dem alle eingegebenen Dokumente vom Benutzer auf jede gewählte Weise miteinander verbunden werden können . Solche Verfahren bieten gerade für die Darstellung der »dritten Dimension der Literatur« - der Dynamik des Schreibvorgangs -Möglichkeiten, die keine Papier-Edition zu erreichen in der Lage ist, und eröffnen neue Spielräume auch für die Integration unterschiedlichster kommentierender Texte. Leistungsfähige neue Rechner erlauben inzwischen die Erstellung von Hypermedia-Vrojekten, in deren Informationsraum dann nicht nur Texte, sondern auch Bilder und Töne zur Verfügung gestellt werden können, womit einer Edition weitere Dimensionen eröffnet werden .

 Tags:
Critique  genetique    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com