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Antike Texte



Entwickelt wurde die Textkritik im Zusammenhang mit der Arbeit an Texten, deren Originale nicht mehr zur Verfügung stehen. Die Rekonstruktion ihrer Gegenstände war die zentrale Aufgabe der ältesten philologischen Disziplin, der Klassischen Philologie . Wir besitzen kein vom Verfasser eigenhändig niedergeschriebenes oder auch nur von ihm autorisiertes Dokument antiker Dichtung. Viele Texte sind ganz verloren gegangen; von Sophokles etwa sind 132 Dramen dem Titel nach bekannt, vollständig überliefert davon aber nur sieben. Erhaltene Texte kennen wir nur durch viel spätere Abschriften ganz unterschiedlicher Zuverlässigkeit, meist liegen Jahrhunderte zwischen der ersten erhaltenen Abschrift eines Textes und seiner Entstehungszeit; nur in wenigen Fällen reichen Papyrusfunde deutlich näher an sie heran. Eine bis zum Aufkommen des Buchdrucks im 15. Jahrhundert auf immer neuem Abschreiben beruhende Tradierung der Texte hat das Original in der Regel mehr oder weniger entstellt. Neben Fehler aus Unkenntnis oder Unaufmerksamkeit treten dabei auch absichtliche Veränderungen, die etwa aus weltanschaulichen, pragmatischen oder auch textkritischen Gründen vorgenommen worden sein können: den jeweiligen Erfordernissen entsprechend kann ein Text gekürzt oder ergänzt, zensiert oder >verbessert< worden sein. Die Erforschung der Ãoberlieferungsgeschichte eines Werkes kann dabei wichtige Hinweise geben auf die ursprüngliche Funktion bestimmter Textzeugen und damit auf mögliche Typen von Ã"nderungen: Schauspielerexemplare etwa lassen andere Eingriffe in den Text vermuten als für die Lektüre in Schulen gedachte Texte usw.
      Um den Wortlaut des Originals wieder herzustellen bzw. ihm möglichst nahe zu kommen, müssen die im Verlauf der Ãoberlieferung entstandenen Veränderungen des Textes erkannt und wieder rückgängig gemacht werden.
      Zu diesem Zweck müssen zunächst in einem traditionell als Heuristik bezeichneten Arbeitsschritt die verschiedenen überlieferten Abschriften oder Drucke des zu edierenden Werkes,die Textzeugen, systematisch gesucht und gesammelt werden. Neben der Hauptüberlieferung, den vollständigen oder fragmentarischen Kopien des zu edierenden Textes, ist dabei die Nebenüberlieferung eines Textes zu beachten: Zitate und Exzerpte in anderen Werken, in Lexika oder Kommentaren, Parodien, Paraphrasen oder Ãobersetzungen etwa können wertvolle Hinweise geben; manche Autoren sind überhaupt nur aus solchen Quellen bekannt.
      Schon das Lesen von antiken Texten erfordert Spezialwissen, die Entzifferung der zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Schriften fixierten Textzeugen eines Werkes setzt Kenntnisse der Geschichte der Schrift voraus. Diese ist Gegenstand einer eigenständigen Disziplin, der Paläographie, mit deren Hilfe es gelingen kann, Handschriften aufgrund ihrer Schrift zu datieren und bestimmten Regionen, Schreibschulen oder sogar bestimmten Schreibern zuzuordnen. Die Paläographie kann auch helfen, Ãoberlieferungsfehler zu erkennen und zu beseitigen, wenn diese auf bestimmte mißverständliche Besonderheiten verwendeter Schriften zurückzuführen sind.
      Nach der Sammlung und Lesung aller Textzeugen setzt die eigentlich textkritische Arbeit ein, der Versuch der Rekonstruktion des authentischen, originalen Textes aus dem überlieferten Material . Bis in das vorige Jahrhundert wurde die textkritische Arbeit nach weitgehend vom jeweiligen Editor bestimmten individuellen Regeln durchgeführt. Meist wurde dafür eine besonders zuverlässige Abschrift ausgewählt, die dann an den Stellen, an denen es notwendig schien, und teilweise anhand anderer Ãoberlieferungsträger, ausgebessert wurde.
      Die Entwicklung eines textkritischen Verfahrens, das vom subjektiven Urteil des einzelnen Editors weitgehend unabhängig machen sollte, wird auf die theoretischen und editionspraktischen Arbeiten Karl Lachmanns zurückgeführt , dessen Grundsätze in der Folge zu einem festen Regelsystem ausgebaut wurden . Diesem System entsprechend vollzieht sich die textkritische Arbeit in mehreren Schritten, die traditionell als »recensio«, »examinatio« und »emendatio« bezeichnet werden.
      In der auf die Heuristik folgenden recensio werden die verschiedenen überlieferten Textzeugen im Hinblick auf Ãobereinstimmungen und Abweichungen sorgfältig miteinander verglichen , mit dem Ziel, ihre Beziehungen zueinander zu ermitteln. Die auf dem Wege der Kollation festzustellenden >Verwandtschafts-verhältnisse< zwischen den überlieferten Textzeugen werden dann in Form eines Stemmas verzeichnet, d. h. eines Stammbaumes, der die Verzweigungen der Ãoberlieferung als ein Beziehungssystem zwischen den überlieferten Handschriften graphisch darstellt. Textzeugen, die sich als Abschriften anderer erhaltener Zeugen erweisen, können dabei unberücksichtigt bleiben, sie sind für die stemmatologische Rekonstruktion der Ãoberlieferung ohne Belang {eliminatio codicum descriptoruM).
      Aufgrund der ermittelten Abhängigkeitsverhältnisse der überlieferten Textzeugen glaubte Lachmann, nach objektiven Regeln zur Rekonstruktion des sogenannten Archetypus gelangen zu können, von dem sich alle überlieferten Abschriften herleiten lassen und der »entweder der ursprüngliche [Text] selbst seyn oder ihm doch sehr nahe kommen muss« . Die Beziehungen zwischen mehreren vorliegenden Zeugen lassen sich vor allem durch die zwischen ihnen auftretenden Veränderungen feststellen. Abweichungen, die Aufschluß geben über die Abhängigkeitsverhältnisse zwischen verschiedenen Textzeugen, heißen Leitfehler. Solche, die die Unabhängigkeit eines Zeugen von einem anderen zeigen, werden als Trennfehler bezeichnet, solche, die die Abhängigkeit eines Zeugen von einem anderen beweisen, entsprechend als Bindefehler. Bei den für die Textkritik relevanten Fehlern handelt es sich vor allem um Auslassungen oder Zusätze {InterpolationeN) eines Bearbeiters, Verwechslungen oder Umstellungen im überlieferten Text. Solche >Fehler< müssen dabei keineswegs Irrtümer sein, häufig handelt es sich auch um von einem Schreiber aus unterschiedlichsten Gründen absichtlich eingeführte Varianten.
      Die bis weit ins 20. Jahrhundert maßgebend gebliebene Lach-mannsche Methode wurde bald auch Gegenstand grundsätzlicher Kritik . Die Kritiker machten deutlich, daß die Rekonstruktion des Archetypus aus dem Stemma nur unter ganz bestimmten Bedingungen möglich ist. Angenommen werden muß die Existenz nur eines Originals -hat schon der Autor selbst zwei voneinander abweichende Versionen in Umlauf gebracht , kann das stemmatologische Rekonstruktionsverfahren nicht funktionieren. Natürlich ist diese Methode auch dann nicht anwendbar, wenn ein Text nur durch einen einzigen Ãoberlieferungsträger {Codex unicuS) bezeugt ist. Stehen dagegen mehrere Textzeugen zur Verfügung, muß eine geradlinige Entwicklung zwischen ihnen gesichert sein, was bedeutet, daß jeweils nurvon einer Abschrift abgeschrieben wurde und keine kontaminierten Textzeugen hergestellt wurden, womit in der Ãoberlieferungsgeschichte tatsächlich jedoch häufig gerechnet werden muß. Ist eine Abschrift nämlich aus mehreren abweichenden Vorlagen hergestellt {Codex mixtuS), hat der Schreiber also zwei oder mehr Textzeugen zu Rate gezogen und jeweils die ihm besser scheinenden Varianten ausgewählt, sind klare Abhängigkeitsverhältnisse kaum noch auszumachen und ist ein Archetypus nicht mehr zuverlässig zu rekonstruieren .
      Die stemmatologische Methode der »recensio« setzt also ideale Ãoberlieferungsbedingungen voraus - und ist damit häufig nicht anwendbar. In solchen Fällen wird der Herausgeber es vorziehen, einen urkundlich bezeugten Text zu edieren, und darauf verzichten, einen >kritischen< Text herzustellen, der das Original zu rekonstruieren versucht.
      Auf die »recensio« folgt die examinatio, die qualitative Bewertung der ermittelten Ãoberlieferung. Anhand von Kriterien wie Sprachrichtigkeit, Angemessenheit des Stils oder Wahrscheinlichkeit der Gedanken wird geprüft, inwieweit das in der »recensio« Ermittelte als original anzusehen ist.
      Der letzte Schritt auf dem Weg zur Wiederherstellung des originalen Wortlauts ist der der emendatio: Der Herausgeber versucht, die von ihm in der »examinatio« als fehlerhaft erkannten Stellen im Sinne des Originals zu >heilen Hermeneutische ModellE) wird zu einem Teufelskreis, wenn ein Her-ausgeber aufgrund von Hilfsmitteln emendiert, die selbst wiederum auf den Texten emendierter Ausgaben beruhen.
     

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