Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Textkritik und textedition

Index
» Textkritik und textedition
» Textkritik und Textedition
» Angloamerikanische Edition

Angloamerikanische Edition



Dem Selbstverständnis des Editors antiker Werke am nächsten steht heute der Editor angloamerikanischer Prägung. Er sieht seine Aufgabe vor allem in der kritischen Erstellung des idealen Textes, also eines Textes, der der endgültigen - vom Editor zu rekonstruierenden - Autorintention entspricht, die in den überlieferten Textzeugen nur unzulänglich realisiert ist. Diese im englischen Sprachraum bis Ende der achtziger Jahre dominierende Auffassung editorischer Arbeit ist geprägt von einem ihrer zentralen Gegenstände, dem Werk Shakespeares, dessen Ãoberlieferungslage durch das Fehlen autographer Zeugen gekennzeichnet ist und damit wesentlich von den für die >neuere Literatur« typischen Bedingungen abweicht. Von einigen Dramen Shakespeares sind ganz unterschiedlich zuverlässi-ge Drucke zu Lebzeiten erhalten, ein großer Teil jedoch ist überhaupt nur in einem posthumen Druck überliefert, dem berühmten »First Folio« von 1623. Da Originale nicht erhalten sind, besteht eine zentrale Aufgabe der Shakespeare-Philologie im Versuch ihrer Rekonstruktion. In diesem Zusammenhang entwickelte sich in England die analytical bibliograpby, eine analytische Buch- und Druckkunde, die Bücher in ihrer Eigenschaft als materielle Gegenstände erforscht . Die Untersuchung der technischen Vorgänge bei der Herstellung und Ãoberlieferung literarischer Werke liefert wichtige Informationen für die textkritische Analyse der überlieferten Zeugen eines verlorenen Originals. Die Ergebnisse der analytischen Druckforschung machten die Notwendigkeit einer internen Kollation deutlich, die im Gegensatz zur historischen Kollation nicht die verschiedenen Ausgaben oder Auflagen eines gedruckten Werkes miteinander vergleicht, sondern die verschiedenen Exemplare einer Ausgabe, die durch das Vorkommen von Preßvarianten , Kartons und Doppeldrucken ebenfalls voneinander abweichen können. Ziel der internen Kollation ist die Ermittlung des Originaldrucks als zuverlässiger Textgrundlage der Neuedition. Im Zusammenhang mit den druckanalytischen Arbeiten an Shakespeares »First Folio«, die zu spektakulären Erfolgen und der Rekonstruktion seiner intendierten, aber nie realisierten >Idealgestalt< führten , entwickelte Charlton Hinman einen mit reflektierenden Spiegeln arbeitenden Apparat zur Beschleunigung der internen Kollation, den sogenannten »Hinman Collator« .
      Mit Blick auf Shakespeare und auf die Edition elisabethani-scher Dramen im allgemeinen wurden von W. W. Greg Mitte des 20. Jahrhunderts die Grundprinzipien einer »theory of copy-text« formuliert, die angloamerikanische Editionsverfahren bis heute wesentlich mitbestimmen. Gegen eine strikte Befolgung des damals sowohl in England als auch in Frankreich favorisierten Leithandschriftenprinzips, der »tyranny of copy-text«, plädiert Greg für die Erstellung eines kritischen Mischtextes mit Hilfe einer analytischbibliographischen Methode. Der als Grundlage und pragmatischer

Ausgangstext vom Editor zu wählende copy-text soll lediglich für die accidentals, die Gestaltung von Orthographie und Interpunktion des zu edierenden Textes, verbindlich sein, während der Herausgeber hinsichtlich des genauen Wortlauts des Textes, der sogenannten Substantive readings, gerade nicht an den »copy-text« gebunden ist: Der Editor ist aufgefordert, den >idealen< Text aus den verschiedenen überlieferten Versionen wählend oder auch frei emendierend nach seinem Urteil kritisch herzustellen.
      Dieses Verfahren wurde in der Folge auch auf die Edition von Texten des 19. und 20. Jahrhunderts übertragen und zur maßgeblichen Grundlage für die editorischen Richtlinien der Zentralstellen für wissenschaftliche Editionen unter dem Dach der »Modern Language Association« , nach deren Maßgabe in den letzten Jahrzehnten zahlreiche >definitive editions< der Werke neuerer Autoren erarbeitet worden sind . Voraussetzung ist die Vorstellung, daß der Text in seiner eigentlich gemeinten idealen Gestalt nicht in den immer fehleranfälligen Materialisationen verschiedener Textzeugen, sondern hinter und über den überlieferten Dokumenten existiert. An die Stelle der Rekonstruktion des nicht erhaltenen Originals tritt so die Rekonstruktion eines der endgültigen Intention< des Autors entsprechenden Textes als Ziel des kritischen Editors, den dieser aufgrund seiner Kenntnis des Autors, seiner Sprache und seiner Zeit aus den unterschiedlichen zur Verfügung stehenden autorisierten Versionen eines Textes herzustellen unternimmt.
      Aufgrund der veränderten Ãoberlieferungsbedingungen und der wachsenden Einsicht in die Bedeutung auch der »accidentals« für die Struktur eines literarischen Textes, ist die von Greg getroffene Unterscheidung zwischen »accidental« und »Substantive readings« für die Edition neuerer Texte inzwischen weitgehend obsolet geworden. Die konsequente Fortführung des seit Greg als »copy-text«-Verfahren bekannten Editionsprinzips besteht heute also folgerichtig in einem »editing without a copy-text« : Auf den »copy-text« als die vor allem mit Rücksicht auf die »accidentals« von Greg geforderte pragmatische Grundlage läßt sich verzichten. In genauem Gegensatz zu dem von einer bestimmten Leithandschrift ausgehenden Verfahren historisch dokumentierenden Edierens ist der Ausgangspunkt des konsequenten »copy-text«-Herausgebers ein leeres Blatt Papier, auf dem der ideale Text anhand der verschiedenen überlieferten Textzeugen vom kritischen Editor erst hergestellt wird.
      Dieses nicht nur im angloamerikanischen Raum praktizierte, dort jedoch am stärksten institutionalisierte und standardisierte Verfahren der Erstellung von Mischtexten mit dem Ziel der Realisierung der »endgültigen Intention« des Autors wird inzwischen auch dort kritisch diskutiert: In Frage gestellt wird sowohl die dominierende Rolle der endgültigen Autorintention als auch, im Blick auf andere die Gestaltung eines Textes mitbestimmende Faktoren, die alleinige Relevanz der Autorintention überhaupt .
     

 Tags:
Angloamerikanische  Edition    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com