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Tendenzen der phantastik im spannungsfeld zwischen rationalismus und irrationalismus

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Manifestationen des Irrationalen: Okkultismus und Satanismus



Neben dem Horror, der der menschlichen Realität in Form von radikalem Subjektivismus, Psychosen, Wahnsinn und gewalttätigen Trieben entspringt, muß noch eine weitere Tendenz des Phantastischen genannt werden, die in anderer - man könnte sagen: gegensätzlicher - Weise auf gesellschaftliche Wirklichkeit reagiert und der zunehmenden Rationalisierung daher in dialektischer Abhängigkeit und sinnstiftender Komplementarität beigeordnet werden kann. Es ist dies die Rückkehr des Metaphysisch-Irrationalen in die moderne Gesellschaft. Die Kräfte, die hierbei entfesselt werden, um Angst zu erzeugen und die menschliche Existenz zu bedrohen, sind keine Erscheinungen der menschlichen Natur oder Symptome gesellschaftlicher Entwicklungen, sondern Mächte aus den Untiefen mythologischer Vorstellungen, nicht-menschliche Wesen, die außerhalb individueller oder kollektiver Erfahrungsräume stehen und gewaltsam oder subversiv in diese Räume eindringen. Die bloß subjektive - und somit als pathologisch ausweisbare - Wahrnehmung des Grauens ist einer Objektivierung der furchterregenden Kräfte und Prinzipien gewichen, die nun in greifbaren Verkörperungen und physischen Repräsentationen dämonischen Lebens auftreten. Das metaphysische Vakuum, das die aufgeklärte Moderne erzeugt hat, lockt diese Wesen gleichsam an; die sinnentleerte Welt, die sich im nihilistischen Horrorfilm der siebziger Jahre mit Formen sinnlos anmutender Gewalt füllt und Schreckensgestalten hervorbringt, die selbst zum Ausdruck des Leidens an der Leere und Kälte der modernen Zivilisation werden, erfährt durch den mythologisch fundierten Horror eine neue Welle alter Sinndeutung, die religiös-mythische Vorstellungen evoziert und den Kosmos wieder durch Hierarchien gliedert. Dies gilt hauptsächlich für jene Werke, die durch Darstellungen und Manifestationen der christlichen Mythologie biblische Glaubensinhalte und Heilserwartungen affirmativ bestätigen. Göttliche und - vor allem - teuflische Mächte, Himmel und Hölle, Gut und Böse in traditioneller Dichotomie bestimmen die Spielarten dieser Phantastik, die dadurch auf Kollisionskurs mit den ideologischen Grundsätzen der rationalistischen Moderne geht und sich den Vorwurf konservativer, wenn nicht gar reaktionärer Gesinnung gefallen lassen muß. Der Teufel lebt in diesen Fiktionen, und zwar nicht nur als Prinzip oder Abstraktion, sondern als reales Wesen. Aber natürlich sind die Erscheinungen Satans und die Inszenierungen diabolischer Verschwörungen gegen die Menschheit in den literarischen und filmischen Schauergeschichten des 20. Jahrhunderts nicht Ausdruck einer real empfundenen Angst vor der personifizierten Macht des Bösen, sie sind nicht kulturelles Abbild einer gesellschaftlich verbreiteten Furcht vor dem leibhaftigen Widersacher Gottes, sie sind vielmehr fiktive

Spielereien. Weit entfernt von den ernsthaften Versuchen einer theologischen oder künstlerischen Auseinandersetzung mit dem gefallenen Engel im Mittelalter und vor allem zu Beginn der Neuzeit126, stellen diese Formen der modernen Phantastik einen unterhaltsamen Nervenkitzel dar, der Aberglauben und Okkultismus, Religion und Metaphysik - zumeist trivialisiert - zu publikumswirksamen Mischungen verbindet und als eskapistisches Lektüre- und Freizeitvergnügen, als medialen Fluchtweg aus dem rationalistischen Alltag sozusagen, feilbietet. Die Ängste, die dabei auf einer symbolischen Sinnebene reflektieren werden, beziehen sich nicht eigentlich auf den Teufel und seine verführerischen und verderbenden Machenschaften, sondern auf andere, realere Krisenerfahrungen der Moderne. Die Tendenz, das Böse durch die Darstellung physischer Teufelserscheinungen zu objektivieren, ist nicht ganz so stark ausgeprägt und kulturell verbreitet wie die einflußreichere Tendenz des psychologischen Horrors, doch auf ihre Weise thematisiert auch sie zeitgenössische Ängste und gesellschaftliches Unbehagen und muß daher auf kritisches Potential im Kontext einer sozial relevanten Bedeutungsanalyse keineswegs verzichten.
      Zuvor aber soll eine weitere Variante des Phantastischen betrachtet werden, die das Irrationale und Dämonische in manifester Form in die moderne Welt eindringen läßt, ohne jedoch christliche Vorstellungen zu bestätigen oder metaphysische Gewißheiten zu attestieren. Die Erzählungen Howard Phillips Lovecrafts repräsentieren diese Variante paradigmatisch. Hier erfüllen die unheimlichen Eindringlinge in die Bezirke der Menschheit hauptsächlich die Funktion, traditionelle Weltbilder und existentielle Sicherheiten zu zerstören; es gelingt ihnen, das Vertrauen in rational begründete Welt- und Lebensmodelle restlos zu erschüttern, doch sie vermögen nicht, neue ethische oder philosophische Sinnsysteme zu etablieren. Okkultistische Enthüllungen erzeugen Schrecken ohne Ende und Angst vor der chaotischen Beliebigkeit des Universums, in dem Mächte auszumachen sind, die jegliche menschliche Hoffnung auf Geborgenheit einerseits und Eigenkontrolle des Schicksals andererseits aufs Grauenvollste enttäuschen. Und wie so oft, stellen auch in diesem Fall rationalistisches Streben nach Erkenntnis und Wahrheit und aufklärerische Methoden der Wissenschaft die ersten Schritte in den Untergang dar.
     

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