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Von der Probleinliteratur zum Adoleszenzroman und zur Postmoderne
Der Stilwandel realistischer Literatur bringt es mit sich, dass die problemorientierte JL in der Regel nur nach dem Alter der Protagonisten von der KL zu unterscheiden ist, mitunter auch nach der Komplexität der aufgegriffenen Probleme. Die neuen Themenwellen, in denen die wechselnde Medienpräsenz aktueller Konfliktstoffe der Gesellschaft nachvollzogen werden , berühren sich deutlich mit denen der KL: Ökologie, Behinderte, Asyl, Rassismus, Rechtsradikalismus, sexueller Missbrauch. Vielfach dient auch die Motivik sexueller Beziehungen zur Unterscheidung der JL von der KL. Eine Liebesgeschichte begleitet in Gute Nacht, Zuckerpüppchen von Heidi Glade-Hassenmüller die Erzählung vom sexuellen Missbrauch, den die Protagonistin als Mädchen und auch noch als junge Frau erleiden muss. Jan de Zanger verbindet in Dann eben mit Gewalt das Problem des Rassismus mit einer Liebesgeschichte. Der Kriminalfall, in den die Erzählung schließlich mündet, bestätigt auch die Tendenz der realistischen Literatur zur Auflösung des Gattungspurismus.
In besonderem Maße wendet sich die Problemliteratur den neuen, vom Moder-nisierungsprozess bedingten Risikolagen der Gesellschaft zu, die - über die Grenzen von Klasse und Schicht hinweg - die Familie und die Ökologie betreffen. Dabei mag es mit einem Verlust an Utopiebewusstsein und einem zunehmenden Interesse an filmischen Katastrophenszenarien zusammenhängen, dass sich der Verismus der Problemliteratur in der Auseinandersetzung mit der ökologischen Thematik bis zum Erzählmuster der Katastrophenliteratur steigert. Heinz Knappe erzählt in Bei Hamburg leichter Niederschlag von einem in der Gegenwart angesiedelten zukünftigen Reaktorunfall. Von einem gleichen Ereignis, wie es allerdings eben in Tschernobyl stattgefunden hat, handelt die in einer unbestimmten Zukunft angesiedelte Erzählung Die Wolke von Gudrun Pausewang. Durch ihre legendenhafte Struktur gewinnt sie Exempelcharakter für eine bessere Gestaltung der Zukunft. Vermißt im Gumbo Limbo von Jean Craighead George geht dagegen von einem Sozialvertrag des Menschen mit der Natur aus, mit dem die Polarisierung von Gesellschaft und Natur aufzuheben sei.
Parallel zur thematischen Differenzierung der Problemliteratur kommt es aber zu einem weiteren Innovationsschub der JL, der sich mit den Tendenzen der KL zu Individualisierung und Historisierung berührt und auch mit weiteren stilistischen Umbrüchen der Literatur zur Schwelle der 80er Jahre zusammenhängt. In den Sozialisations- und Selbstfindungsprozessen, von denen Renate Welsh und Willi Fährmann erzählen, sowie in der wieder erwachten Neigung zum Historischen und zur Phantastik eines Michael Ende zeichnet sich ein neues Erzählinteresse an der Darstellung dia-chroner Entwicklungsverläufe ab. In einem wichtigen Bereich der JL wird das Erzählmodell einer Segmentierung aktueller Realität abgelöst von dem ganzheitlicheren Modell eines historisch oder biographisch bedingten Prozesses von Realitätserfahrungen.
Literatur, die den neuen Erzählintentionen folgt und vom Lebensalltag Jugendlicher handelt, beschränkt sich nicht mehr auf die Thematisierung sozialer Rollenexistenzen; sie sucht nach ganzheitlicheren Entwürfen menschlicher Existenz für die Jugendlichen. Die JL findet damit Anschluss an den modernen Adoleszenz^ roman, der bisher eine Domäne der Erwachsenenliteratur war. Die große Platter und Wilhelm Meisters Abschied von Leonie Ossowski kennzeichnen den Weg der JL von der Thematisierung der Bedrohung der Identität des Einzelnen durch die strukturierte Gesellschaft zur Thematisierung der Identi-tätsfindung durch Überwindung sozialer Rollenzwänge in sich selbst.
Diese Erneuerung der JL entspricht dem formgeschichtlich bekannten Wechsel des realistischen Stilprinzips zwischen mehr segmentierenden und mehr ganzheitlichen Erzählmodellen. Vorbereitet wird der Wandel bereits in den 70er Jahren mit der Orientierung der Problemliteratur an typischen Merkmalen der Jeans Prosa: Thematisierung des oppositionellen Verhältnisses der Jugend zur Gesellschaft, Motivik von Flucht und Rückzug aus sozialen Bindungen, Vorstellungen von Rückzugsmöglichkeiten in eine 'arkadische" Idylle, empirische Methodik des Erzählens . Dazu kommen der große Einfluss, den damals die Literatur der DDR mit Die neuen Leiden des jungen W. von Ulrich Plenzdorf auf die westdeutsche Literatur und JL ausübt, und die verspätete Nachwirkung von D. Salingers Der Fänger im Roggen. Mit Barbara Wersbas Ein nützliches Mitglied der Gesellschaft oder Warren Millers Kalte Welt kommen in zunehmendem Maße amerikanische Adoleszenzromane in der BRD heraus .
Mehr als um die Problematisierung von Inhalten geht es dem Adoleszenzroman um den Ausdruck des Lebensgefühls von Jugendlichen. Problemerörterungen sind der Darstellung von Entwicklungsprozessen oder von Initiationserfahrungen Jugendlicher untergeordnet. Das bereitet deutschen Autoren zunächst einige Schwierigkeiten. In Die Sache mit Christoph von Irina Korschunow kommt zwar die existenzielle Erschütterung eines Jugendlichen über denTod des Freundes zum Ausdruck, an Stelle des Initiationserlebnisses tritt aber die bildsame Auseinandersetzung mit Leben und Tod des Freundes.
Die Übersetzungen ausländischer Autoren verzichten in der ungeschönten Darstellung von Initiationserlebnissen Jugendlicher weitgehend auf pädagogische Rücksichtnahmen. Das liegt auch daran, dass viele der Romane ursprünglich nicht in spezifischen Jugendbuchverlagen herausgekommen sind. Die Ichfin-dungsprozesse radikal veristischer Adoleszenzromane vollziehen sich über existenzielle Schlüsselerlebnisse, aus denen es keinen Weg mehr gibt zu sozialer Integration. Oft löst der Tod einer nahestehenden Person die existenzielle und verwandelnde Krise des jugendlichen Protagonisten aus. In Marion Dane Bauers Der Angst hat, bist doch du ist es der Ertrinkungstod eines Freundes. Dem Entwicklungsroman nahe stehen die Tillerman-Romane von Cynthia Voigt. Tod und Begräbnis der Mutter führen zur Ichfindung der Protagonistin, die sich zäh gegen alle sozialisierenden Instanzen der Gesellschaft behauptet . In Jan, mein Freund von Peter Pohl reißt der tragische Tod Jans einen Jungen aus allen gewohnten Sicherheiten.
Jenseits aller erzieherischer Intentionen wird Initiation zu einem negativen Ereignis. Bis zum persönlichen Scheitern steigert Cynthia Voigt den desillusionie-renden Charakter adoleszenter Krisenerfahrungen in Samuel Tillerman, der Läufer. Auch bei Inger Edelfeldt scheinen sicli die Jugendlichen in der Ausweglosigkeit ihrer Existenzkrisen zu verlieren. In Briefe an die Königin der Nacht bleibt dem jungen Protagonisten nur seine überzogene Exaltiertheit gegenüber der Hoffnungslosigkeit seiner Lebenskrise. In Kamalas Buch ist es die Geschichte Kamalas, die auf eine notwendige Überwindung der Entfremdung verweist, der die Protagonistin selbst nicht entrinnen kann.
Wenn deutsche Autoren Darstellungen adoleszenter Konflikte bis hin zu ihrer möglichen Ausweglosigkeit radikalisicren, verbinden sie dies gerne mit der Thematisierung gesellschaftlicher Problemsituationen. In Schattenrisse von Jurij Koch, der den Roman bereits 1988 in der DDR unter dem Titel Augenoperation herausbrachte, zeichnet sich das existenzielle Schlüsselerlebnis des Jugendlichen im politischen Konflikt mit der ökologischen Verantwortungslosigkeit der Gesellschaft ab. Dietlof Reiche motiviert die Lebenskrise des Protagonisten mit einer spontanen Befehlsverweigerung bei der Bundeswehr.
Einen noch direkteren Bezug zum Rezipienten eröffnen Romane, die Adoleszenz mit Motivkomplexen der Protestkultur Jugendlicher verbinden. Auf diesem Weg sucht Rudolf Herfurtner den Zugang zu den Erlebnisinhalten der nonkonformistischen Hauptfiguren von Rita, Rita. Und bei Dagmar Chidolue steht Punkergehabe für die Verweigerungshaltung eines Mädchens, das nicht erwachsen werden will. Lady Punk ist nicht nur als deutscher Roman weiblicher Adoleszenz interessant, der sein männliches und sozialistisches Pendant in dem zuerst in der DDR erschienenen Umberto von Günter Saalmann hat . Wie Kamalas Buch überschreitet Lady Punk die Grenze zur Frauen- oder Mädchenliteratur und markiert als negativer Initiationsroman eine inhaltliche Grenze des Adoleszenzromans. Gansei sieht im Roman schon eine spielerische Seite des Ausdrucks postmodernen Jugendgefühls , in dem sich früherwachsene Konsumgewohnheit ebenso äußert wie Widerstand gegen sinnorientierte Ich-Entwicklung.
Die dichte Annäherung an die Perspektive der jugendlichen Protagonisten bringt es mit sich, dass über eine realistische Zeichnung der Außenwelt hinaus auch ein entsprechender Ausdruck des inneren Erlebens der Figuren zu erwarten ist. Die Frage nach Authentizität berührt sich mit jener nach Echtheit. Und damit stößt der Jugendroman mitunter an formale Grenzen.
Darstellerische Grenzen zeichnen sich insbesondere in Problembüchern zu Szenen der Jugendkultur ab. Voll der Wahn. Verena steht auf Ecstasy von Marliese Arold klärt zwar über die Drogen-Szene auf, doch wird die Erzählung plötzlich zu einem Forum konservativer Drogenmoral umfunktioniert . Auch im Erzählen aus der Sicht Jugendlicher schimmert oft eine kritische Meinung von Wertungsinstanzen außerhalb der Jugendszene durch. So auch in dem neuen Drogenroman von Elisabeth Zöller . Älteren Autoren fehlt oft der Zugang zur aktuellen Jugendkultur. Weshalb sie gerne auf kulturelle Szenarien ihrer eigenen Jugend zurückgreifen .
Mit schlüssigen Darstellungen aus der Perspektive der jungen Protagonisten kann die JL allerdings den Ansprüchen von Authentizität und Echtheit gerecht werden. Eine entsprechende psychologische Dichte erreichen der junge ostdeutsche Autor Cordt Berneburger in dem Adoleszenzroman Wasserfarben und Katharina von Bredow in der Bckenntniserzählung Ludvigmeine Liebe, in der ein Inzest unter Geschwistern lebensgeschichtlich aufgearbeitet wird. Authentizität wahrt die neue JL auch, wo die Protagonisten mit begrenzten sozialen Problembereichen konfrontiert werden. Auf die sozialen und menschlichen Konflikte der deutschen Wiedervereinigung konzentrieren Herbert Günther den Problemroman Ein Sommer, ein Anfang und Günter Saalmann den Jugendroman Ich bin der King. Soziale Problemerfahrung von Gewalt und die psychologische Differenziertheit harter Schnitte zwischen Handlungsgang, Rückblenden und Reflexionen führt Bart Moeyaert in Blosse Hände zum Seelenbild eines Jugendlichen zusammen.
In den 90er Jahren löst sich die JL zunehmend von den Ichfindungsszenarien des Adoleszenzromans. Im Spiel mit unterschiedlichen Gattungskonventionen, nach dem Bernt Danielsson die Liebesgeschichte Von hier bis Kim strukturiert, zeichnet sich bereits die Lust der Autoren an der Ergänzung von Problem- und Adoleszenzliteratur durch weitere Erzählgattungen ab. Sie wird in der Folge literarische Wirklichkeit. Unter dem thematischen Aspekt der deutschen Widervereinigung verweist Gansei auf die formalen Ausdifferenzierungen, die zur Abdeckung des breiten Gattungsspektrums der Erwachsenenliteratur durch die JL führen: Adoleszenzroman, Schelmenroman, Kriminalroman, Dokumentarroman, phantastisch-groteske Erzählung und Filmskript-Erzählung . Davon ist zumindest der Schelmenroman Helden wie wir von Thomas Brussig an der fließend gewordenen Grenze zur Literatur für Erwachsene anzusiedeln.
Über das breite Gattungsspektrum hinaus wahrt der moderne Jugendroman allerdings auch authentischen Anschluss an die Jugendszene. Unter den bewährten Autoren kommt Kirsten Boie besonders der Sprache Jugendlicher nahe. In Ich ganz cool wird der formelhaft verkürzende Jugendslang des Ich-Erzählers zum empirischen Medium sozialer Wirklichkeitserkundung. Mit dem dichten Anschluss an die Erfahrungsrealität stellt der Text allerdings jüngere Leser vor einige Probleme. Leichteren Zugang zur jungen Leserschaft findet dagegen Irvine Welsh, dessen Roman Ecstasy in einem Verlag für allgemeine Literatur herauskam. Er löst die feste Struktur des Adoleszenzromans auf und akzentuiert Jugendkultur nicht als Protestkultur, sondern als Forum eigenen Ausdruckverhaltens.
Es ist vor allem die jüngere Autorengeneration, der ein Schreiben nah an der Gefühlswelt Jugendlicher gelingt. Ihre Werke akzentuieren einen deutlichen formalen und inhaltlichen Wandel der JL: Zerfließen der erzählerischen Formen, Verschwinden eindeutiger Identifikationsfiguren ,
Motive der Orientierungslosigkeit eines Lebens in Augenblicken , Ersetzung der Spannung zwischen den Generationen durch ein beziehungsloses Nebeneinanderherleben , Kultivierung von Äußerlichkeiten, und sei es der Besitz einer Plattensammlung . Damit werden Veränderungen markiert, die mit dem postmodernen Wandel des Lebensgefühls eines Teils der jungen Generation zusammenhängen , die keinen bleibenden Sinn mehr in der Suche nach einer eigenen und überdauernden Identität sehen will .
Wie in der KL zeichnet sich in der aktuellen JL eine große Pluralität realistischer Gattungen und Erzählformen ab. Neben einer Wiederkehr traditioneller Erzählformen zeichnen sich Modernisierungstendenzen ab, die mit dem Wechsel von einem Außenrealismus zu innerer Realistik und dem Aufgreifen von Risikothemen der Gesellschaft den Realismus und die Literarisierung der Darstellung immer weiter vorantreiben. Dabei fallen Differenzen zwischen der jüngeren Autorengeneration der KL und JL auf. Die jüngeren Autoren der KL scheinen den Traditionsbestand alter Erzählformen zurückzuführen , während sie in der JL offenbar einen weiteren Modernisierungsprozess vorantreiben . Das kann bedeuten, dass es nach Jahren einer gemeinsamen Modernisierung der KL und JL wieder zu formalen und funktionalen Unterschieden zwischen den beiden Literaturen kommt. Wahrscheinlicher ist, dass es zu einer größeren Differenzierung der KJL kommt: dass nach der Eingemeindung des Adoleszenzromans die Erwachsenenliteratur ihrerseits einen großen Bereich der JL in sich aufnimmt und dem traditionellen Kinderbuch, das als Einstiegsliteratur dient, Problembuch und moderner Kinderroman gegenüberstehen, die auch die jugendlichen und darüber hinaus die erwachsenen Leser erreichen.
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