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Zur Beurteilung und Bewertung des Krimis für Kinder und Jugendliche
Der Krimi für Kinder und Jugendliche ist unter Lesedidaktikern, Lehrern, Bibliothekaren und Kritikern der Kinder- und Jugendliteratur nicht unumstritten gewesen. Wesentliche Gegenargumente aus den 50er, 60er und 70er Jahren hat Dahrendorf zusammengestellt: Der Krimi führe zum Autoritätsverlust der Erwachsenen, da diese in zahlreichen Detektivgeschichten kritisch dargestellt werden. Die naive Übertragung des Gelesenen auf die gesellschaftliche Realität bedeute eine Gefahr für die kindlichen und jugendlichen Leser, da ihnen ein falsches Bild von der Wirklichkeit und den Möglichkeiten eines jugendlichen Detektivs vor Augen gestellt würde. Des weiteren könnten die Leser durch 'den Reiz der Unordnung und die Faszination des asozialen Verhaltens ethisch negativ beeinflußt werden." Der Krimi bestätige und verfestige zudem Vorurteile gegenüber Außenseitern der Gesellschaft und gegenüber abweichendem Verhalten, führe zu einem unreflektierten Freund-Feind-Denken und zu antidemokratischem Verhalten auf Grund seiner autoritären detektivischen Vorbilder.
Demgegenüber stehen als positive Argumente, dass der Krimi einen 'rationalen Optimismus" fördere und damit das Vertrauen der Kinder in ihre eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten. Handlungsmuster und Problemlösungsstrategien in Form rationaler Verhaltensweisen werden als Erfolg versprechend dargestellt, Gruppensolidarität, Mut, Initiative und Phantasie gestärkt. Zudem sollte der Unterhaltungswert, den diese Gattung ohne alle Frage besitzt, nicht gering geachtet werden.
Die Diskussion um den Krimi für Kinder und Jugendliche in den vergangenen zwanzig Jahren hat inzwischen zu einer positiven Einstellung zu dieser Gattung geführt. An den Beständen von Bibliotheken, Buchhandlungen, Schulbibliotheken und am Literaturunterricht sind diese Veränderungen deutlich abzulesen. So wies z.B. der Braunschweiger 'Bücherwurm", eine spezielle Buchhandlung für Kinder und Jugendliche, im Mai 1996 einen Bestand von ca. 200 Krimis für Kinder und Jugendliche aus. Und die Unterrichtsvorschläge, -materialien und Lesehefte für den Literaturunterricht haben inzwischen einen bedeutenden Umfang erreicht.
Berücksichtigen muss man in der Diskussion um die Beurteilung und Bewertung des Krimis allerdings, dass es Texte von sehr unterschiedlicher Qualität auf dem literarischen Markt gibt. Die strukturellen und literarischen Schwächen der meisten Serienprodukte mit ihren Typisierungen, Klischees, Übertreibungen, ihrem Antirealismus, ihrer schablonenhaften Struktur und ihrer auf Evasion und Affirmation ausgerichteten Intention hat Otto Brunken am Beispiel der 'Fünf Freunde"-Bücher von Enid Blyton überzeugend deutlich gemacht. Dass eine Fülle derartiger trivialer Produkte auf dem Markt ist und von sehr vielen jungen Lesern begeistert rezipiert wird, belegen die oben aufgeführten Ausleihzahlen in den Bibliotheken.
Aber es gibt auch zahlreiche Beispiele, die höheren Ansprüchen in literarischer und intentionaler Hinsicht genügen. Neben den oben schon positiv hervorgehobenen Beispielen der klassischen Detektivliteratur sind hier vor allem die neuen gesellschaftskritischen Krimis zu nennen. Hannelore Daubert bringt allerdings auch ihnen gegenüber zu Recht kritische Argumente vor. Die Autoren dieser Krimis neigen dazu, ihre sozialkritischen Ambitionen zu hoch zu stecken; sie wollen zuviel und oft alles auf einmal. Dadurch werden die gesellschaftskritischen Detektiv- und Verbrechensgeschichten leicht überfrachtet; das 'Zuviel an möglichen gesellschaftlichen Ursachen führt unter Umständen zu kurzgeschlossenen Erklärungsmustern und birgt die Gefahr der Entstehung neuer Klischees." Aber diese neuen Krimis bedeuten auch eine Chance, nämlich aus den strukturellen Engpässen der klassischen Detektivliteratur herauszukommen, neue literarische Möglichkeiten auszuprobieren und letztlich zu einer differenzierteren Sichtweise der gesellschaftlichen Wirklichkeit und ihrer Probleme zu führen. Dass damit zugleich die traditionellen Gattungsgrenzen überschritten werden und der Krimi zum problemorientierten Jugendbuch tendiert, muss kein Nachteil sein.
Ein Beurteilungs- und Bewertungskatalog von Krimis für Kinder und Jugendliche, der sich in der Praxis bewährt hat, soll diesen Artikel abschließen:
1. Gattungsspezifische Kriterien
- Ist der Fall logisch aufgebaut?
- Ist die Darstellung realistisch in Bezug auf:a. die Handlung und den Fall?b. die Personen und ihre Darstellung?c. das soziale, gesellschaftliche Umfeld?
2. Lesepsychologische Kriterien
- Lädt eine Hauptfigur bzw. eine Gruppe zur Identifikation ein?
- Fesselt der Einstieg den Leser, und lädt er zum Weiterlesen ein?
- Ist die Darstellung des Falles logisch und psychologisch glaubwürdig?
- Ermöglicht diese den Leserinnen und Lesern, sich an der Lösung des Falles zu beteiligen?
- Werden Anstöße zur Reflexion über das Geschehen, die Tat und deren Hintergründe gegeben?
3. Literarische Kriterien
- Gibt es eine sinnvolle Gliederung der Handlung als Lesehilfe?
- Ist die Sprache anschaulich und differenziert ?
- Besteht eine Ausgewogenheit zwischen darstellend-erzählerischen und szenisch-dialogischen Passagen?
- Ist die Erzählsituation dem Fall adäquat, leserfreundlich und zum Nachdenken anregend?
4. Ideologiekritische Kriterien
- Welches Weltbild, welche Werte und Normen vermittelt der Krimi?
- Wie differenziert ist die Darstellung und Bewertung von Schuld und Sühne?
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