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Zu den Lesefunktionen und zur Didaktik des Krimis



Nusser hat in seinen 'sozialpsychologischen Erklärungsversuchen der Wirkung des Kriminalromans" grundlegende Überlegungen zur Funktion und Wirkung dieser Gattung angestellt. Er hebt in Anlehnung an Alewyn und Wellershoff vor allem zwei verschiedene Unterhaltungsmechanismen hervor, die den Reiz des Krimis ausmachen. Der Leser erfährt beim Lesen eine vorübergehende In-Frage-Stellung des Gewohnten, der er sich aussetzt im Bewusst-sein, dass sich diese Verunsicherung am Ende wieder auflöst. Er durchlebt also ein gewisses kalkuliertes Angstpotential. Den zweiten Unterhaltungsmechanismus sieht Nusser in dem Identifikationsangebot des Krimis. Der Leser projiziert seine Wünsche in erster Linie auf den Detektiv, dem er gern gleichen möchte, da dieser Sicherheit und Wiederherstellung der Ordnung garantiert. Eingeschränkt, wenn nicht gar unmöglich gemacht wird die Identifikation allerdings in den gesellschaftskritischen Krimis, vor allem den Verbrechensgeschichten. Sie verweigern sie bisweilen sogar und können daher nicht mehr ohne weiteres un-terhaltungsorientiert gelesen werden.
      Mit der Lösung des Falles durch den Detektiv wird die herrschende Ordnung und damit die Grundeinstellung des Lesers bestätigt; das verschafft ihm Sicherheit. In der Darstellung des Detektivs werden zugleich bestimmte Leitvorstellungen einer Zeit bzw. einer Gesellschaft repräsentiert. Seine Anschauungen von Recht und Ordnung sowie über die Verbrecher und ihre Taten werden dem Leser nahe gebracht, wenn er sie nicht schon vorher internalisiert hat und lediglich bestätigt findet. Der Detektiv verfährt in seiner Arbeit nach festen Methoden und Regeln; er überlässt möglichst nichts dem Zufall. Dadurch fühlt sich der Leser in seinem regelhaft geleiteten Leben sicher und geborgen. Schließlich gehört der Leser zur Ingroup des Detektivs. Mit ihm durchlebt er alle Erfolge und Misserfolge. Am Ende erfährt er in der Lösung des Falles aber eine Bestätigung seiner eigenen Person und des Grundsatzes, dass Wissenschaft und Logik die Handlungen der Menschen kalkulierbar und damit beherrschbar machen. Letztlich entspricht die Heraushebung des Detektivs dem Bedürfnis des Lesers, sich zu orientieren, und zwar an einer Autorität, zu der er aufschauen und die ihm als Vorbild dienen kann.
      Diese Überlegungen Nussers machen deutlich, warum die Detektivgeschichte eine so große Bedeutung in der Kinder- und Jugendliteratur gewonnen hat. Der kindliche und jugendliche Leser setzt sich gern der Verunsicherung aus, die diese Gattung erzeugt, weil das Happy End garantiert ist. Die Spannung der Handlung bedeutet für ihn einen Lesereiz, den er vor allem im Krimi sucht. In dem Detektiv bzw. der Detektivgruppe sucht und findet er ideale Identifikationspersonen, zu denen er gerne gehören möchte. Die Autoren und Kinder- und Jugendbuchkritiker schreiben zudem dieser Gattung eine Vorbildfunktion zu. Das wird schon in Erich Kästners 'Emil und die Detektive" ganz deutlich, in dem gesellschaftliche Normen und Werte mit Hilfe der handelnden Personen transportiert werden. Aber auch der Fall selbst bietet Orientierung hinsichtlich gesellschaftlicher Normen. Die Detektivgeschichte - so wird immer wieder behauptet - erziehe zudem zum logischen Denken, da die Detektive ihre Fälle mit Hilfe rationaler Operationen lösen. Dabei wird allerdings leicht übersehen, dass in nahezu allen Krimis der Zufall eine große Rolle spielt. Trotzdem bereitet die Beteiligung an der Lösung eines Kriminalfalles, vor allem wenn er zum Mitraten konzipiert ist, vielen heranwachsenden Lesern großes Vergnügen. Diese intellektuelle Beteiligung an der Lösung des Falles verhindert zudem, dass der Leser allein unterhaltungsorientiert liest, denn er kann es sich nicht leisten, schnell und flüchtig zu lesen, da er die einzelnen Hinweise des Textes genau registrieren und auf die Lösung des Falles hin bedenken muss. Von Hasubek wird als weiteres Argument ins Feld geführt, daß der Krimi geeignet sei, den jugendlichen Leser an die Krimi-Lektüre der Erwachsenen heranzuführen, und 'daß in bestimmten Grenzen von der Jugenddetektivgeschichte aus bei sinnvoller Anleitung ein Weg zu ranghoher Literatur gezeigt werden kann." In ähnlicher, aber allein auf den Krimi bezogenen Weise argumentiert Nusser, wenn er die Jugendlichen von den trivialen Formen des Krimis zu den anspruchsvolleren führen will, 'in denen die Unterhaltungsgesetze der Gattung eingehalten und zugleich gesellschaftskritische, aufklärerische Aspekte entfaltet werden."
Die oben aufgeführten Leser-Funktionen der Detektivgeschichte gelten nicht in gleicherweise für den gesellschaftskritischen Krimi, seien es nun Detektiv- oder Verbrechensgeschichten. Dieser Typus ist von vornherein nicht auf leichte Unterhaltung, Spannung und unmittelbare Identifikation hin angelegt und erfordert von daher eine andere Lesehaltung. Die Sicherheiten, die die klassischen Detektivgeschichten bieten und die die kindlichen und jugendlichen Leser so vorbehaltlos nach ihnen greifen lassen, sind hier gerade nicht gegeben. Den Leser erwarten Probleme und gedankliche Herausforderungen, da das simple Gut-Böse-Schema in ihnen nicht funktioniert. Die Intentionen der Autoren sind vielmehr darauf gerichtet, den Leser über gesellschaftliche Probleme aufzuklären und ihn über das Problem von Schuld, Verbrechen und Verstrickung nachdenken zu lassen. Da der Schluss meist kein Happy End bietet, bleibt der Leser betroffen und nachdenklich zurück. An diese Art Krimi muss der jugendliche Leser daher erst herangeführt werden, bzw. er wird erst in einem etwas höheren Lesealter zu Krimis dieser Art greifen. Aber er wird bald merken, dass es hier auch Unterhaltungsmöglichkeiten gibt, dass diese Krimis aber insgesamt einen höheren Anspruch besitzen. Das 'Hinauflesen" innerhalb der Gattung, wie es Hasubek und Nusser formuliert haben, zeigt sich hier als eine bedeutungsvolle lesedidaktische Möglichkeit; zudem scheint auf Grund dieser Prämissen der Abstand vom gesellschaftskritischen Krimi zum gesellschaftlichen Problemroman nicht unüber-windbar zu sein.
     

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