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Taschenbuch der kinder- und jugendliteratur

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Oder doch getrennte Welten?



Die gerade auch bei regelmäßigen und kompetenten Lesern ausgebildete Fähigkeit zum 'Medienmix" bedeutet aber überhaupt nicht, dass sich dadurch das Medienverhalten innerhalb der sozialen Gruppe homogenisiert.

     
Wissenskluft
Unter dem Stichwort von der 'Wissenskluft" ist in den letzten 20 Jahren vielfach und differenziert beschrieben worden, dass die Nutzung der Medien keineswegs zu einer Homogenisierung des Publikums führt, sondern dass im Gegenteil so-ziodemographische Gruppen die Medien nach ihren Interessen verschieden nutzen; im Ergebnis können sie v. a. entlang der Variable Bildung sogar bestehende Ungleichheiten in Bezug auf gesellschaftliche Informiertheit etc. verstärken. Am materialreichsten wurde die wachsende Wissenskluft für das Fernsehen beschrieben. So korreliert hier etwa die Präferenz für Bildungs- vs. Unterhaltungsangebote massiv mit dem Bildungsniveau.
      Beim Bücherlesen ist es zudem Tendenz aus der Entwicklung der letzten Jahrzehnte, dass die Kluft zwischen denen, die oft oder regelmäßig lesen und denen, die dies selten oder nie tun, größer wird: Wer viel liest, liest immer mehr, wer wenig liest, liest immer weniger . Dies alles gilt grundsätzlich natürlich auch für das Medienverhalten von Kindern und Jugendlichen. Allerdings sind hier seit je die Differenzen zwischen einzelnen Gruppen nicht so groß wie bei den Erwachsenen.
      Bei den Geschlechterdifferenzen sieht man Widersprüchliches. Dass hier viele Unterschiede bei Kindern und Jugendlichen kleiner sind als bei Erwachsenen, kann zweierlei bedeuten: Zum einen werden bestimmte Differenzen im Lese-und Medienverhalten zwischen den Geschlechtern im Laufe der Biographie bzw. als Resultat der Sozialisation größer; dies dürfte vor allem bei Lektürepräferenzen u.a. der Fall sein. Zum anderen werden in der Zukunft bezüglich bestimmter Momente die Geschlechterdifferenzen kleiner sein als heute. Dies dürfte etwa im Bereich der Computer- bzw. Online-Nutzung der Fall sein. Hier sind auch die sozialen Differenzen zwar deutlich vorhanden, aber nicht so stark ausgeprägt wie bei den Erwachsenen.

     
Der 'Buch-Typ" und der 'TV-Video-Typ"
Auch im literarischen Bereich haben Leser ein anderes Verhältnis zum Fernsehen als seltene oder Nicht-Leser. Besonders deutlich sieht man dies, wenn man sich nicht nur an den quantitativen Zahlen des manifesten Verhaltens, sondern an den Einstellungen orientiert, die dem jeweiligen Verhalten zugrunde liegen: Da kann man einen 'Buch-Typ" von einem 'TV-Video-Typ" unterscheiden, womit man Menschen meint, denen über das praktizierte Verhalten hinaus jeweils das eine, aber nicht das andere Medium wichtig ist.
      Hierzu gibt es allerdings noch keine Untersuchungen für Kinder und Jugendliche; ich greife im Folgenden wieder auf die Studie der Stiftung Lesen 1992 zurück. Was von hier aus über Erwachsene ab 14 J. gesagt werden kann, ist aber sicher in der biographischen wie historischen Tendenz auch auf Kinder und Jugendliche zu übertragen, zumal bei ihnen die Weichen für ihr Verhalten als Erwachsene gestellt werden. Freilich konnten 1992 die aktuellen Entwicklungen beim Computer noch nicht berücksichtigt werden.
      Das beginnt schon bei ihren anderen Auswahlgewohnheiten: die in aller Regel auch tatsächlich viel lesenden Buch-Typen haben überdurchschnittlich oft die Gewohnheit, das TV-Programm am Wochenanfang zu planen und dann auch nur die vorgeplanten Sendungen anzuschauen. Der TV-Video-Typ hingegen rezipiert nicht einzelne Sendungen, sondern das Medium, er taucht ein in das Angebotskontinuum Fernsehen. Der lesende Buch-Typ wendet sich einer bestimmten Sendung zu wie einem Buch, in das er 'eintauchen' will: Auf die Frage nach den Fernsehgewohnheiten stimmten von allen Befragten nur 24%, von den Viellesern aber 35 % der Antwort zu: 'Ich schalte den Fernseher im allgemeinen nur ein, um mir bestimmte Sendungen anzusehen. Wenn danach nichts Interessantes mehr kommt, schalte ich ihn wieder ab."
Insofern entwickeln und praktizieren sowohl der TV-Video-Typ wie der Buch-Typ jeweils typische Rezeptionsformen: Im literarischen Lesen findet eine Identifikation mit den Figuren statt; diese Identifikation nennen wir in ihrer am weitesten entwickelten Form Empathie. Das ist die Fähigkeit zur Rollenübernahme, zur Einfühlung in einen anderen Menschen, die es uns erlaubt, seine Position, aber auch seinen emotionalen Zustand nachzuvollziehen und so Erfahrungen vom 'anderen" zu machen, die uns sonst nicht zugänglich sind. Dabei wird also die Fähigkeit zu einer Interaktion mit anderen eingeübt, die letztlich im Transfer von einem Teil der Lebenswelt der Leser in einen anderen eine für unser soziales Zusammenleben wichtige Kompetenz ist. Diese könnten in dem Maße verloren gehen, wie die 'Lesekultur' verloren geht: Der wachsenden 'Wissenskluft' auf kognitiv-informatorischem Gebiet würde dann eine Kluft in den emotiven und sozial-interaktiven Kompetenzen entsprechen. Die eine beeinträchtigt die Fähigkeit zur demokratischen Partizipation; die andere könnte unsere gesamte politische Kultur verändern.
Problematisch ist von da her, dass es die literaturdidaktische Programmatik der letzten Jahrzehnte im Interesse eines 'kritischen" Lesens geradezu als Ziel pro-klammierte, sowohl den Schülern eine identifikatorische Rezeptionsweise literarischer Texte auszutreiben, weil eine solche diesen Texten vermeintlich ästhetisch inadäquat sei, wie auch Texte, die auf eine solche Rezeptionsweise hin organisiert sind, entsprechend abzuwerten, ungeachtet der hohen Funktionalität, die die mit großer emotionaler Beteiligung gelesene 'triviale" Literatur für die Bewältigung der Entwicklungsaufgaben zwischen Pubertät und Adoleszenz hat .
      Zwar ist empathisches Rezipieren auch bei filmischer Darbietung möglich, ob aber die 'Neuen Medien' diesen Kompetenzerwerb tatsächlich ebenso leisten, ist eine andere Frage. Der Wunsch nach Identifikation bzw. Empathie korreliert nicht einmal mit der Höhe des Fernsehkonsums, er korreliert aber klar mit dem 'Typ": Der Wunsch nach identifikatorischer bzw. empathischer Rezeption ist spezifisch für den 'Buch-Typ" und unterscheidet ihn vom 'TV-Video-Typ". Diese unterschiedliche Art und Qualität der Lese- bzw. Fernseherfahrung der beiden Typen lässt die Vermutung zu, dass nur der Buch-Typ die mit der entsprechenden Rezeptions-Erfahrung verbundene Kompetenz, die zugleich auch soziale Interaktionskompetenz ist, einübt. Dies hätte zur Konsequenz, dass vergleichbar der 'Wissenskluft" eine Kluft entsteht oder vielmehr größer wird zwischen denen, die diese sozialen Interaktionskompetenzen einüben, und denen, die dies nicht tun.
     

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