Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Sturm und drang epoche
Die Lyrik der 1770er Jahre, soweit sie für den Sturm und Drang charakteristisch ist, läßt sich mit drei Stichworten kennzeichnen: Volkslied, Erlebnislyrik und Kunstballade. Damit sind nebeneinander la
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Maler Müller: Der Faun, Der Satyr Mopsus, Bacchidon und Milan, Die Schaaf-Schur



Entstehung


Friedrich Müller, am I.I.Januar 1749 in Kreuznach als Sohn eines Gastwirtes und Bäckers geboren, verlor elfjährig den Vater und mußte deshalb früh den Besuch des Gymnasiums aufgeben. Kr begann bald zu malen. Durch Vermittlung von Freunden kam er 1766 oder 1767 nach Zweibrük-ken zur Ausbildung bei dem Hofmaler v. Mannlich. Fr wurde Kupferstecher am Hofe des Herzogs Christian

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von der Pfalz - Zweibrücken. Als er in Ungnade gefallen war, zog er 1774 nach Mannheim, wo er 1777 kurfürstlicher Kabinettsmalcr wurde. Mit einem Stipendium der kurfürstlichen Regierung ging er 1778 nach Rom, wo er, seit 1805 mit einer Pension des bayerischen Königs Ludwigs I., als dessen Hofmaler bis zu seinem Tode am 23. April 1825 lebte. Die vier Idyllen Der Faun, Der Satyr Mopsus, Bacchidon und Milan und Die Schaaf-Schur entstanden in den Zweibrük-ker Jahren zwischen 1766 oder 1767 und 1774.
     

Analyse
Müller hatte in Zweibrücken die Kultur höfischer Geselligkeit kennengelernt; dazu gehörten die Schäferspiele, eine Mode, die man vom französischen Königshof übernommen hatte. Müller soll sich durch die Improvisation solcher Spiele bei Hofe beliebt gemacht haben. Aber schon seine frühen Idyllen, die mit Sicherheit damals entstanden sind, haben mit dieser Mode nichts mehr zu tun. Die geselligen Spiele der Adelsgesellschaft mit galanter Verkleidung und stilisierten Namen sind nur noch hintergründig wahrnehmbar. Das zeitlose Arkadien, geographisch eine unwirtliche Berglandschaft des I'eloponnes, literarisch seit Vergil, der es nie gesehen hat, eine mit beblümten Auen, murmelnden Bächen, schattenspendenen Bäumen gezierte, gelegentlich von Schmetterlingen und zwitschernden Vögeln belebte Landschaft, wo die Lämmer - Allegorien der Unschuld und Reinheit - von niedlich bebänderten, kokett lächelnden Schäferinnen zärtlich geleitet werden: diese idealisierte Landschaft verlassen Müllers Idyllen. Sie spielen stattdessen in einer ihm bekannten und vertrauten Welt. Dort gibt es menschliche Nöte und Begierden, der Faun Molon ist ein Bauer, der seine verstorbene Frau beweint, sich mit Wein über den Verlust trösten will, der sich voll Wehmut ihrer Phantasie und Tatkraft erinnert, der nun seine Kinder allein versorgen muß. Der Satyr Mopsus wird von befreundeten Hirten in einem Brombeergesträuch gefunden, übel zugerichtet von der Nymphe Persina, die ihn verschmäht hat: seine Werbung hat er mitgrob sinnlichen Schilderungen künftigen Liebesglücks ausgeschmückt, so daß die Weigerung der Nymphe verständlich ist. Auch er ist unverkennbar ein Pfälzer, worauf schon seine Liebe zum Wein verweist. Die Hirten beraten, wie die Nymphe bestraft und gefügig gemacht werden könne; mittels einer List wird sie auch eingefangen, aber sie ist die klügere; durch ihren Gesang bezaubert sie die Hirten und den Satyr, so daß die sie laufen lassen.
      Bacchidon und Milan erzählt von der Dichtkunst des Knaben Milon, dem sein dem Gotte Bacchus gewidmetes Gedicht so gut gefällt, daß er es dem Satyr Bacchidon unbedingt vorsingen will. Das gelingt ihm nur unter Schwierigkeiten: Bacchidon muß durch einen Schlauch voll Wein bewogen werden, und den Beginn der Vortrags schiebt er durch seine Redseligkeit und immer erneutes Trinken hinaus; als es endlich dazu kommt, unterbricht er Milon mehrmals. Das Lied gehört ersichtlich in den Bereich des niedrig Komischen und steckt voll Albernheiten; es kennzeichnet den dümmlichen Hirten im Gegensatz zu dem listigen Satyr. Als Milons Gedicht beendet und der Weinschlauch geleert ist, muß auch der Satyr singen; sein Thema ist der leere Weinschlauch. Man hat schon früh in dieser Figur Shakespeares Falstaff, den komischen Helden des zweiteiligen Königsdramas Heinrich IV und der Komödie Die lustigen Weiher von Windsor erkannt: einen Tölpel und Schmarotzer, eine Figur, die man eher in der Farce oder dem Schwank als in einem Lustspiel vermuten möchte.
      Der Titel der vierten Idylle ist ein literarisches Programm: er sagt deutlich, daß das Schaf kein Objekt zierlicher Gesellschaftsspiele ist, sondern ein Nutztier, das Wolle bringt. Die Schaafschur verlegt eine Szene aus dem Leben des Schäfers in die Gegenwart einer Bauernhütte. Dort sind der Schulmeister und Gevatter Schultz zu Gast. Die Tochter Lotte singt ein Liebeslied: sie liebt, ohne Wissen des Vaters, Veitel, und sie ist beklommen, weil Veitel am nächsten Tag fortreisen soll. Die Situation gibt Gelegenheit, auch den Vater Walter singen zu lassen; er ist dabei nicht müßig, sondern schert während der Gespräche und Lieder seine Schafe. Das verdeutlicht die Abkehr von der traditionellen Schäferdichtung: daß Menschen, zumal sozial niedrig gestellte Menschen wie Bauern, bei der Arbeit gezeigt werden, ist neu in der Dichtung des achtzehnten Jahrhunderts.
      Nicht nur dieser Zug macht deutlich, wie die Idyllen Maler Müllers eine Erneuerung der Gattung durch die Besinnung auf ihre Anfänge bedeuten. Sie lösen die von Herder erhobene Forderung ein, die 'Natur" darzustellen. Sie erscheint hier nicht wie z. B. in Albrecht v. Hallers Die Alpen -einem philosophischen Lehrgedicht in Alexandrinern - als moralische und vernünftige Artung des Menschen, sondern als die tatsächliche Lebenswirklichkeit des essenden, trinkenden, liebenden und arbeitenden Menschen der niederen Gesellschaftsschichten zur Zeit des Dichters. Wenn die Personen in diesen Idyllen trinken, dann trinken sie auch über den Durst, und wenn sie lieben, dann ist das weder eine empfindsame Schwärmerei noch eine höfische Tändelei, sondern eine sinnliche, handfeste Liebe, deren Beschreibung Müller den Vorwurf der Laszivität eingetragen hat. In einem Vorbericht des Herausgebers, der der Idylle Bacchidon und Milon vorangestellt ist, bekennt er, er habe 'das Costüm" der traditionellen, als 'ein Original eines alten Griechen" ausgegebenen Idylle 'mit Fleiß" verletzt, indem er seine Figuren mit 'Mützen rheinlandischer Bauern" bekleidet habe. Zugleich habe er sie mit mundartlichen und umgangssprachlichen Ausdrücken 'um sich werfen" lassen, denn der Bauer dürfe nicht 'die nemliche Sprache wie ein Marquis" sprechen.
      Müller verwandelt auf diese Weise die literarische Gattung Idylle und verändert zugleich die Funktion des antiken Mythos. Renate Böschenstein macht auf diesen Vorgang aufmerksam: 'Gerade bei jenem Dichter |...|, bei dem sich die antikisierende Idyllenszenerie am stärksten der außer-textualen Realität annähert, dominiert ein mythologisches Raumelement." Neben diesem Raumelement - der Verlegung der Wohnung des Fauns Mo-Ion von der bäuerlichen Hütte in die Höhle, wo sich ursprünglich nur Faune und Nymphen aufhalten - sieht sie weitere Fntlehnungen von Motiven Vergils in diesen Idyllen. Daß man sie jedoch nicht auf den ersten Blick als Fntlehnungen erkennt, liegt an der Verwandlung der antiken Figuren und Situationen. Wird z. B. in Vergils 6. Fkloge der Silen von Knaben gefesselt, so bei Müller im Satyr Mof/sus die Nymphe, und in ihrem Gesang läßt sich das I.ied des Silens 'in Genus und Struktur" wiedererkennen.
Dahinter steht Herders Forderung nach einer 'poetische|n| Heuristik" in der Schrift Vom neuern . Heuristik bedeutet Frfindungskunst; er meint damit: 'statt daß ihr aus den Alten Allegorien klaubet, oft wo sie gewiß daran nicht gedacht; so lernt von ihnen die Kunst zu allegorisieren, vom philosophischen Homer, und vom dichterischen l'lato." F.ine moderne Dichtung wird ihre eigenen Bilder schaffen, und wo sie auf überkommene mythologische Bilder und Figuren zurückgreift, wird sie sie auf eine neue Weise verstehen und poetisch fruchtbar machen - sie wird 'aus der Bilderwelt der Alten gleichsam eine neue uns zu finden wissen, das ist leichter; das erhebt über Nachahmer, und zeichnet den Dichter."
Damit ist der antiken Mythologie eine neue Aufgabe zugewiesen: sie ist nicht mehr eine Vorratssammlung von Stoffen und Motiven mit festgelegten Bedeutungen, sondern ein offenes System, mit dessen Hilfe der Dichter Neues finden kann. An die Stelle der Allegorie - der Veranschaulichung eines Begriffs durch ein rational verständliches Bild - tritt das Symbol: es verweist über sich selbst hinaus auf vielschichtige Zusammenhänge, und es eröffnet unterschiedliche Möglichkeiten des Verständnisses. Das poetische Verfahren Maler Müllers ist insofern Goethes Umgang mit dem Mythos, z. B. in den großen Hymnen der siebziger Jahre, ähnlich.
      Die antike Rhetorik unterschied drei Stilarten oder genera dicendi: den niederen , den mittleren und den hohen
Stil . Diese Stilarten waren verschiedenen poetischen Gattungen und verschiedenen sozialen Schichten, ihren Tätigkeiten und ihrem Charakter zugeordnet. In dieser Ordnung nimmt der Schäfer den niedrigsten, der Bauer den mittleren und der Feldherr oder Herrscher den höchsten Rang ein. Der Schäferdichtung ist demnach, wie man es von Vergils Eklogen behauptete, der niedere Stil angemessen. Wenn deshalb die Personen in den Idyllen Maler Müllers redens- und mundartlich sprechen, ist das eine Rückkehr zu den Anfängen der literarischen Gattung. Zugleich deutet es einen sehr realistischen Zug an. Kinc der zahlreichen und umstrittenen Definitionen des Begriffs Realismus bestimmt ihn als Mimesis . Die getreue, den eigenen Wahrnehmungen und Beobachtungen folgende Wiedergabe der außerliterarischen Wirklichkeit ist an vielen Stellen der Idyllen zu beobachten. Man kann sogar, wie in der Literatur bemerkt worden ist, aus Anspielungen auf die geographische Lage einiger Schauplätze schließen.
      Neben diesen realistischen Merkmalen, die an die Anfange der Gattung erinnern, finden sich andere, die mit ihren Konventionen brechen. Die Schaafschur enthält deutlich satirische Flemente. Gehört es zum herkömmlichen Charakter der Idylle, das vergangene Goldene Zeitalter darzustellen und zu preisen, so bricht Müller auch mit dieser Ãobereinkunft. Er bringt in diese Idylle eine Satire auf den Beruf des Schulmeisters ein und, wichtiger noch, auf die Realitätsferne der Idyllendichtung seiner unmittelbaren Vorgänger. Der Schulmeister nämlich, der durch seine lächerlich gestelzte und mit Fremdwörtern gespickte Redeweise karikiert wird, will den Bauer Walter mit der Idyllendichtung bekannt machen, aber damit kommt er an den Unrechten. Walter fragt: 'wo giebts dann Schäfer wie diese? Was? das Schäfer, das sind mir curiose Leute, die weiß der Henker wie leben, fühlen nicht wie andre Menschen Hitze oder Kälte; hungern oder dursten nicht; leben nur vom Rosenthaii und Blumen und was des schönen süßen Zeugs noch mehr ist |...| sein Pack da ist nicht von Herzen lustig, nicht von Herzen traurig, alles im '['räume nur, schwätzen wie die Schulmeisters von Großmuth und hundert Sachen, die einen Schäfersmann nichts angehn, und das, Herr, was uns alle läge vor Augen kommt, und ans Herz geht, davon pipsen sie kein Wort" .
      Hinter dem Stilideal des Schulmeisters steht die Vorstellung einer Dichtung von Gelehrten und für Gelehrte - 'das Geschmackvolle, das Schöne, das Gelehrte" nennt er in einem Atemzug. Anstelle des Gefühls und der Empfindung setzt er die Autorität der 'alten Autoren" . Seine Schäferdichtung hat es, wie Walter ihm sarkastisch entgegenhält, mit 'Myrthen und Rosen", statt mit 'Knoblauch und Zwiebel" zu tun: und gemäß dem Stilideal der Natürlichkeit sind die einer Dichtung von Hirten und Bauern angemessener.
      Dem entspricht die Ausdrucksweise des Bauern; war es in Goethes Werther der Gesandte, der als Sprachkritiker erschien, so ist es hier der Schulmeister, der fast mit denselben Argumenten 'die barbarischen Reimen und häufigen Elisionen" kritisiert. Dem Geschmack des Schulmeisters stellt der Bauer Walter die Freude an alten Gesängen entgegen: er selbst singt eingangs ein Frühlingslied, das offenbar absichtlich kunstlos seine Freude am Ende des Winters und an der erwachenden fruchtbaren Natur bekundet; später fordert er seine Tochter Guntcl auf, eine alte Romanze vom Pfalzgrafen Friedrich und der von ihm verlassenen Geliebten Cuni-gunde zu singen, nachdem ihre Schwester Lotte zuvor schon ein Liebeslied gesungen hat. Die kritischen Hinwürfe des Schulmeisters hat er mit dem Wort 'F,sel" erwidert. Die Romanze vom untreuen Pfalzgrafen Friedrich wird durch den Hinweis auf das 'Mährgen" 'vom braunen Fräulein" ergänzt: dabei handelt es sich um ein Lied Müllers, das ähnlich wie andere Balladen der Zeit die Geschichte eines Mädchens erzählt, das seine Ehre verschlafen hat. Im Volkslied hat die Farbbezeichnung braun eine sexuelle Bedeutung. Die 'Braune" ist die weibliche Scham; das 'Braune Fräulein" ein Fräulein, das seine Unschuld verloren hat. In dieser Bedeutung gebraucht auch Goethe das Wort in dem Gedicht Der untreue Knabe und noch in der Erzählung Das nußbraune Mädchen in Wilhelm Meisters Wanderjahren . Solche volksläufigen Motive, aber auch die Freude Walters an der Burgruine und der deutschen Geschichte - er erwähnt Franz von Sickingen , einen freien Reichsritter, der auch in Goethes Götz von Perlichingen auftritt - lassen ihn beinahe als einen verfrühten Romantiker erscheinen.
      Die Idylle endet glücklich: Lotte bekommt ihren Veitel, und Walter stattet sie mit Vieh und Ackerland aus, so daß sie eine gemeinsame Wirtschaft gründen können, sobald er erfahren hat, daß die beiden ineinander verliebt sind: das natürliche, nicht von den moralischen Geboten der Gesellschaft und ihren Sitten überformte E.mpfinden lenkt sein Verhalten.
     

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