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Sturm und drang epoche
Die Lyrik der 1770er Jahre, soweit sie für den Sturm und Drang charakteristisch ist, läßt sich mit drei Stichworten kennzeichnen: Volkslied, Erlebnislyrik und Kunstballade. Damit sind nebeneinander la
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Johann Heinrich Voß: Die Pferdeknechte, Der Ã"hrenkranz, Der siebzigste Geburtstag



Analyse

Die Pferdeknechte und Der Ã"hrenkranz, die bei der Erstveröffentlichung 1775 nebeneinander standen, wurden in späteren Ausgaben voneinander getrennt. Die Ausgabe von F.va D. Becker, auf die sich diese Analyse stützt, bringt den Text der Erstausgabe ohne die späteren Veränderungen und Erweiterungen unter der Ãoberschrift Die Leibeigenschaft mit den Teilüberschriften Erste Idylle. Die Pferdeknechte und Zweite Idylle. Der Ã"hrenkranz.
      Obwohl Voß auf den ersten Blick ähnliche Erfahrungen in seiner Kindheit hatte wie Maler Müller, besteht doch ein schwerwiegender Unterschied, den die Ãoberschrift nennt. Die Gutsherrschaft in Ostdeutschland kannte noch im späten achtzehnten Jahrhundert die Leibeigenschaft, die zwar auch in Westdeutschland bestand, aber praktisch kaum eine Rolle spielte. Sic war Voß, dem Enkel eines Leibeigenen, durch eigene Beobachtungen und familiäre Ãoberlieferung vertraut. Da ist einerseits das Gespräch zwischen Michel und Hans. Michel war vom Gutsherren die Freiheit gegen Zahlung von hundert Talern zugesagt worden; nun, da er mit großer Mühe, an der auch die Familie beteiligt war, das Geld zusammengebracht hat, wird ihm zwar die Hochzeit gestattet, die Freiheit aber unter nichtigen Vorwänden verweigert. Die Geldgier beherrscht diesen Herren: er hat im Siebenjährigen Krieg Michels Bruder 'an die Preußen verkauft" , und der ist seither aufgrund seiner Verwundungen ein Krüppel. Mehrmals wird in dem Gespräch der 'Prügel des Vogts" erwähnt: Voß zitiert in einer Anmerkung zu der späteren Idylle Die Erleichterten eine Schrift aus dem Jahr 1796, die das Rechtsverhältnis des Gutsherren zu seine Leibeigenen oder Gutspflichtigen beschreibt:
1) 'Der Besitzer eines Grundstücks kann die dazugehörigen Menschen
2) willkürlich zu allen Arten ländlicher Arbeit gebrauchen;
3) ihren Lohn an Geld, Naturalien oder Land willkürlich bestimmen;
4) eheliche Verbindungen unter ihnen verhindern;

5) sie willkürlich züchtigen;
6) die vom Landesherrn geforderten Landesausschußleute willkürlich ausheben."
In der gleichzeitig mit der Leibeigenschaft entstandenen Idylle Die freigelassenen von 1775 erwähnt Voß einige der Praktiken, mit denen Leibeigene bestraft wurden, und erläutert: 'In einem benachbarten Gute ist der Keller noch im Gedächtnis, wo der willkürlich bestrafte Leibeigene auf untergelegten Eggen lag. Häufig auch wurden die Unglücklichen, wie abzurichtende Jagdhunde, an Stricken in die Höhe gezogen und gepeitscht oder, nach eingewürgten Salzheringen, bei glühenden Ã-fen eingesperrt."
Gegenüber diesen Leiden sind die Erfahrungen, die Voß als Hofmeister in Anklam machen mußte und die er in seine Dichtung überträgt, nur beiläufig erwähnenswert: Michel berichtet, daß der 'Herr Hofmeister" im Walde geweint habe. Und es ist verständlich, daß Michel, angesichts des Unrechts, das ihm angetan wurde, die Absicht äußert, 'dem adligen Räuber" das Schloß anzuzünden. Hans ermahnt ihn, das doch nicht zu tun und beruft sich dabei auf 5. Mose 32,

V.

35 'Die Rache ist mein, ich will vergelten" . So wird denn nicht das herrschaftliche Schloß, sondern die Tabakspfeife angezündet, denn 'Die Mücken stechen gewaltig!" Die kleine Unbequemlichkeit kann bekämpft, das grundlegende Ãobel, das das Leben vergiftet, muß in christlicher Demut und der Hoffnung auf ein göttliches Gericht ertragen werden.
      Neben Adelsstolz und Verachtung des Bauern, Machtmißbrauch, Ungerechtigkeit und Grausamkeit gibt es aber auch die andere Seite. Das Gegenstück der Pferdeknechte, die Idylle Der Ã"hrenkranz, ist ein Gespräch zwischen den Verlobten Henning und Sabine, deren Hochzeit unmittelbar bevorsteht. Der Gutsherr hat seinen Leuten 'die Freiheit geschenkt" , er lebt in patriarchalischer Gemeinschaft mit ihnen und lädt sie zu Tische, wie Henning berichtet . Auch dahinter steht eine historische Realität: Graf Hans Rantzau hatte 1739 als erster holsteinischer Gutsherr seinen Leibeigenen die Freiheit und Eigentum zu geben begonnen, so daß sie selbständig wirtschaften konnten. Den F.rfolg des Unternehmens beschrieb er 1766 in einer kleinen Schrift: die Bevölkerungszahlen stiegen, 'die Menschen werden klüger, fleißiger, vermögender und sittlicher, die Kinder werden besser erzogen; die Felder und Wiesen werden auf eine erstaunende Weise verbessert, neue Wohnungen und Scheuren gebaut" .
      Das Lied, das Henning für Sabine singt, preist diese Ergebnisse der Bauernbefreiung: Gesundheit und Wohlstand sind so gestiegen, daß die Kinder 'dem bleichen Mann, des Sklavendorfes Untertan" ihr Vesperbrot schenken können. Dem Gutsherrn wird als dem 'Vater" zur Bestätigung des patriarchalischen Verhältnisses in der letzten Strophe ein Lebehoch gebracht, die 'Tyrannen" sind zu 'Gespenstern" geworden . Die Dichtung des Sturm und Drang ist insofern unpolitisch, als sie nicht für politische Veränderungen eintritt. Das zeigen die beiden Idyllen Die Pferdeknechte und Der Ã"hrenkranz, die Voß 1775 zusammenstellte: da ist zunächst die christliche Erziehung, zumal im lutherisch geprägten Norddeutschland, die den Gehorsam gegenüber der von Gott gesetzten Obrigkeit verordnete. Da sind aber auch, wie das Beispiel der unterschiedlich ausgeübten Gutsherrschaft zeigt, die starken Unterschiede zwischen den einzelnen Herrschaftsbereichen, die eine breite Volksbewegung, zu der es 1789 in Frankreich kam, verhinderten.
      Zeigen die Idyllen Die Leibeigenschaft das Leben der Bauern, so führt Der siebzigste Geburtstag in die ländliche Häuslichkeit eines Lehrers oder Geistlichen. Die Idylle trägt in der ersten Ausgabe im Musenalmanach für 1781 die Widmung 'An Bodmer". Der Züricher Literaturkritiker und -theoretiker Johann Jakob Bodmer war von Voß wegen seiner Auffassung des griechischen Hexameters kritisiert worden; die Widmung wird als 'Versöhnungsangebot" verstanden. Darüber hinaus mag man in ihr einen Bezug auf Bodmers Schrift Critische Abhandlung von dem Wunderbaren in der Poesie und dessen Verbindung mit dem Wahrscheinlichen sehen. Bodmer knüpft dort an das biblische Epos Paradise Lost von John Milton an, dessen 'Natürlichkeit" er in der Nachahmung nicht des Wirklichen, sondern des Möglichen sieht. Hinter dem Sichtbaren das nur ihm bekannte Unsichtbare mit seiner Phantasie zu se-hen, sei Aufgabe des Dichters. Die Verbindung des äußeren Bildes mit dem inneren, die dem Dichter gelinge, nennt Bodmer 'malen". Damit tritt er in Gegensatz zu der rationalen Regelpoetik Gottscheds, die von Phantasie, Inspiration und poetischen Ciaben der Musen wenig weiß.
      Obwohl Bodmer die Detailfreude von Voß' Idyllen parodierte, kann man die getreulich aufgeführten Bestandteile des Hausrats als poetische Elemente verstehen, die den Gharakter der Personen erhellen, so daß diese Dinge nicht als zufällige Attribute erscheinen. Mindestens beleuchtet die 'Postille", das christliche Erbauungsbuch, die Samtmütze 'mit goldener Troddel" das Wesen des Hausherren; die Möbel, die beschrieben werden, waren Voß aus dem Elternhause seit der Kindheit vertraut .
      Das 'künstlerische Grundproblem der Idylle", nämlich 'die Gefahr der Ermüdung aus Mangel an Bewegung" löst Voß, indem er zwei gegenläufige Handlungen miteinander verbindet: Ruhe und Bewegung. Dem räumlichen, zuständlichen Charakter der Idylle entspricht der Schlaf des Hausherren, wohl vorbereitet durch den Genuß des 'alten balsamischen Rheinweins" zur Feier des Geburtstages. Die Forderung nach Handlung und Bewegung, die der epische Charakter der Gattung nahelegt, wird durch die Tätigkeit von Hausfrau und Magd eingelöst. Die Beschreibung der Dinge wird belebt, indem erzählt wird, wie die Hausfrau mit ihnen umgeht. Der Ruhe in der Stube, die beinahe zeitlos ist- die Uhr wird angehalten - der behaglichen Wärme, entsprechen Sturm und Schneetreiben vor dem Fenster. Die Stille und Gemütlichkeit innerhalb des Hauses wird belebt durch die Spannung, ob Sohn und Schwiegertochter tatsächlich kommen werden.
      Die Familienleben voller Behagen, Zärtlichkeit und Liebe in der Umgebung alten überlieferten Hausrates, die Achtung vor dem 'Greis", die liebevolle Nennung des 'Mütterchens": das sind Züge, die dieser kurzen Verserzählung von weniger als hundert Hexametern eine außerordentliche Beliebtheit verschafften. Man darf sie wohl als typisch deutsche und bürgerliche Charakterzüge ansprechen, die das Leben in dem friedlichen Vier-teljahrhundcrt zwischen dem Siebenjährigen Krieg und der Französischen Revolution kennzeichnen.
     

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Johann  Heinrich  Voß:  Die  Pferdeknechte,  Der  Ã"hrenkranz,  Der  siebzigste  Geburtstag    





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