Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Sturm und drang epoche
Die Lyrik der 1770er Jahre, soweit sie für den Sturm und Drang charakteristisch ist, läßt sich mit drei Stichworten kennzeichnen: Volkslied, Erlebnislyrik und Kunstballade. Damit sind nebeneinander la
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Johann Gottfried Herder: Volkslieder



Entstehung
Im September 1773 kündigte Herder dem Verleger Hartknoch in Riga 'ein Bändchen alte Volkslieder" an. Es war eine Sammlung in zwei Teilen, deren jeder in zwei Bücher unterteilt war. Der erste Teil war überschrieben Englisch und Deutsch, der zweite Englisch-Nordisch und Deutsch. I. 1 enthielt eine Vorrede und fünfzehn numerierte Lieder; 1,2 die Ãoberschrift Lieder aus Shakespear, eine Vorrede Wäre Shakespear unübersetzbar?, Monologe und Szenen aus Hamlet, Macbeth, Othello, König Lear, dem Mittsommernachtstraum, Richard I

II.

und dem Sturm. Es folgen wiederum fünfzehn Lieder, zum Teil abermals aus Shakespeares Dramen. Der zweite Teil beginnt mit dem Dritten Buch. Englisch und Deutsch. Er wird eröffnet mit der Vorrede. Von Ã"hnlichkeit der mittleren Englischen und Deutschen Dichtkunst; es folgen zwölf Lieder. Das vierte Buch Nordische Lieder beginnt mit dem Essay Ausweg zu Liedern fremder Völker und enthält dreizehn Stücke. Ein Blick auf diesen ersten Plan ist geeignet, zwei Vorurteile zu widerlegen: der Begriff der Volksdichtung ist in Herders Verständnis keineswegs nationalistisch auf deutsche Ãoberlieferungen beschränkt. Und er meint nicht nur das anonym überlieferte Lied, sondern auch Werke namentlich bekannter Dichter.

      Inzwischen war 1773 der Ossian-Aufsatz, erschienen, und Herder hatte die abwertende und teilweise hämische Kritik von Schlözer, Sulzcr und vor allem Nicolai zur Kenntnis nehmen müssen. Er zog daher im Juli 1774 das Manuskript der Alten Volkslieder, deren erster Bogen schon ausgedruckt war, zurück. Zwei Veröffentlichungen indes bestimmten ihn in den nächsten Jahren, das Vorhaben wieder aufzugreifen: Gottfried August Bürger ließ im Deutschen Museum 1776 die Abhandlung Aus Daniel Wunderlichs Buch erscheinen, eine 'Herzensergielsung mit dem Wunsche, daß doch endlich ein deutscher Percy aufstehen, die Ãoberbleibsel unserer alten Volkslieder sammeln, und dabei die Geheimnisse dieser magischen Kunst mehr, als bisher geschehn, aufdecken möge" . Der Engländer Thomas Percy , Theologe wie Herder, hatte im Hause eines Freundes eine Manuskriptsammlung entdeckt, die das Repertoire eines Rezitators aus dem siebzehnten Jahrhundert enthielt. Er rettete das Manuskript aus den Händen einer Magd, die es zum Fünffachen des Kamins benutzen wollte, und gab 1765 die Reliques of Ancient l'oetry heraus, die ihn berühmt machten. Herder hatte mehrere Stücke daraus in die Sammlung von 1773 übernommen; er wollte in der Tat 'ein deutscher Percy" werden, so daß Bürgers 'Herzensergielsung" ihn ermutigen mußte.
      Der zweite Anstoß war, bemerkenswerter Weise, Nicolais Parodie auf die Herder'sche Sammlung, von der jener wohl, wie Ulrich Gaier in seinem Kommentar vermutet, Kenntnis hatte, obwohl sie noch nicht erschienen war. Nicolai, der sich 1775 mit seiner Werther-Var-odie in der Kritik an der nachwachsenden Generation der jüngeren Genies geübt hatte, veröffentlichte sein Werk unter dem Titel:
'liyn feyner kleyner ALMANAGH Vol schönerr echten üblichen Volckslieder, lustigen Keyen unddt kleglicher Mordgeschichte, gesungen von Gabriel Wunderlich weyl. Benkelsengernn zu Dessaw, herausgegeben von Daniel Seuberlich, Schusternn tzu Ritzmück ann der Elbe. Berlynn unddt Stettyn I777"., S. 898). Die Anspielung auf Bürgers Daniel Wunderlichs Buch ist deutlich, und die 'rasende Orthographie", mit Teil/, zu reden, will die Altertumsforschung auf dem Gebiet der deutschen Literatur verspotten.
      'Herder antwortete zunächst mit dem Aufsatz Von Ã"hnlichkeit der mittleren englischen und deutschen Dichtkunst nebst Verschiedenem, das daraus folget im von Boie herausgegebenen Deutschen Museum im November 1777, wo er den Zusammenhang zwischen Literatur, Nationalbewußtsein, Volk, Publikum und Sprache betont:
'Und doch bleibts immer und ewig, daß der Teil von Litteratur, der sich aufs Volk beziehet, volksmäßig sein muß, oder er ist klassische Luftblase. Doch bleibts immer und ewig, daß wenn wir kein Volk haben, wir kein

Publikum, keine Nation, keine Sprache und Dichtkunst haben, die unser sei, die in uns lebe und wirke."
Inzwischen zeigte sich aber, daß der Parodist Nicolai für den Gegenstand seiner Parodie eingenommen wurde; er hatte als Buchhändler und Verleger gute Verbindungen, die ihm bei seiner eigenen Sammlertätigkeit nützlich waren. So konnte er auf F'inblattdrucke des 17. und 1 8. Jahrhunderts zurückgreifen sowie z. B. auf die Bergreihen, die 1547 in Nürnberg erschienen waren und heute verschollen sind . Er veröffentlichte daher zum Teil Lieder, die den Gharakter wahrer Naivität im Sinne Herders zeigen.
      Ferner wurde Herder von Gleim sowie von seiner Frau Caroline, geb. Flachsland, die er am 2. Mai 1773 geheiratet hatte, ermutigt; sie unterstützte ihn auch bei seiner Sammlertätigkeit. Im November 1777 schickte er an Boie vierundzwanzig Lieder 'zur Probe", und im Mai 1778 erschien der erste, ein Jahr später der zweite Band der Volkslieder bei Weygand in Leipzig. Beide Bände enthalten je drei Bücher mit dreimal vierundzwanzig und dreimal dreißig Liedern. Der erste Band beginnt anstelle einer Einleitung mit Ã"ußerungen über diese literarische Gattung von Kronzeugen; sie reichen von Montaigne über Milton, Addison, Luther, Agricola und Burney bis zu Lessing und Gerstenberg. Aus der 1773 geplanten Ausgabe fehlen zwar zehn Stücke, insgesamt aber wurde die Sammlung beträchtlich erweitert: spanische, wendische, griechische, französische, mittellateinische und italienische Lieder kamen hinzu.

     
Analyse
Ging es Herder in den Alten Volksliedern vor allem um die volkskundliche Bedeutung der einzelnen Lieder, so verfolgt er offenbar in der Sammlung von 1778/79 ein anthropologisches Interesse: hinter den unterschiedlichen Liedern der verschiedenen Völker sucht er Gemeinsamkeiten menschlicher Grundbefindlichkeiten. Legte der Aufsatz Von Ã"hnlichkeit der mittleren englischen und deutschen Dichtkunst, der noch aus dem Zusammenhang der Alten Volkslieder stammt, das Gewicht auf die nationale Bedeutung der Beschäftigung mit diesen Liedern, so zeigt die Vorrede zum Zweiten Teil von 1779, daß es Herder hier auf die 'Poesie" ankommt, die in ihren Anfängen 'ganz Volksartig d. i. leicht, einfach, aus Gegenständen und in der Sprache der Menge, so wie der reichen und allen fühlbaren Natur gewesen" . Das Wort meint hier das Wesen des Menschen, das in den Dichtungen erkennbar wird. Diese Natur des Menschenwesens sieht er in ihren frühesten Zeugnissen bei Homer, Hesiod, Orpheus und den fahrenden Rhapsoden. Die in seine Sammlung aufgenommenen Stücke treffen sie im 'Ton" und in der 'Weise" noch mehr als im Inhalt.

     

Die Vorrede der Alten Volkslieder von 1773 ist aufschlußreich für das Problem, dem er sich bei der Beschäftigung mit den Volksliedern gegenüber sah. Zunächst verrät die Wortwahl die Nähe zum Ossww-Aufsatz. Hier wie dort stehen im Mittelpunkt die 'Sprünge und Wendungen", die in Ossians Gesängen wie im Volkslied anzutreffen sind. Das Wort ist eine Neuprägung Herders, mit der er Montaignes 'poesie populaire" ins Deutsche überträgt. Er spricht auch in Anlehnung an das englische 'popular-songs" von 'Volks- und Vaterlandsliedern" . Der Begriff enthält indes einen Widerspruch, den Herder deutlich sieht: einerseits beklagt er den Verlust der Bibliothek Karls des Großen, anderseits aber räumt er ein, daß schon die späteren, von Bodmer und anderen herausgegebenen Dichtungen der Minnesänger nicht mehr unmittelbar verständlich sind, so daß sie übersetzt und erläutert werden müssen.
      Der sinnliche Bezug, die Möglichkeit, diese Dichtungen so zu empfinden, wie er es an den Beispielen seines Ossian-Aufsatzcs gezeigt hatte, fehlt. Das Volkslied ist zwar um so echter, je näher es dem Ursprung ist, aber dann ist es kein Volkslied 'für unsere Zeit" , kein lebendes Volkslied mehr. Da dieser Widerspruch unlösbar ist, bemüht sich Herder, die Reste dessen, was von der ursprünglichen Poesie im Volke noch lebendig ist, zu sammeln, denn hier muß die Naivität, die er sucht, mit der Volkstümlichkeit noch verbunden sein.
      Das ethnologische Interesse in der Sammlung von 1773/74 hängt mit dem anthropologischen zusammen: die Erwartung, hier die ursprüngliche Hmpfindungsweise roher, unzivilisierrer Völker zu finden, die noch ohne Schrift leben. In ihrer Naivität und ihren Bräuchen hofft er, der Natur zu begegnen. Denn hier sind 'Sinne" und 'die stärksten sinnlichen Kräfte das Hauptstück der Erziehung des Volks und der Kinder." Hier erlebt Herder, was er in der Dichtung seiner Zeit vermißt: 'die ganze wundertätige Kraft |.. .|, die Entzückung, die Triebfeder, der ewige Erb- und I.ustgesang des Volks" .
      Diese Natur ist, durchaus im Sinne Rousseaus, ein Vorbild für die eigene Zeit. Denn in Herders Gegenwart besitzen sie nicht 'unsre Schulmeister, Küster, Halbgelehrte, Apotheker", sondern die 'Wilden", und da es die in Bückeburg, wo er den Ossian-Aufsaf/. schreibt, nicht gibt, sucht er die 'Beredsamkeit" der Natur beim Volk: 'unverdorbne Kinder, Frauenzim-mer, Leute von gutem Naturverstande, mehr durch 'Tätigkeit, als Spekulation gebildet, die sind, wenn das, was ich anführte, Beredsamkeit ist, als-denn die Einzigen und besten Redner unsrer Zeit" .
      Damit gewinnt der Begriff Volk auch einen soziologischen Sinn: es sind die Unterschichten, nicht die Gebildeten. Sie zeigen 'Leidenschaften" und Seelenkräfte", 'die wir nicht besitzen". Denn 'Wir" - die Gebildeten und Aufgeklärten - haben vergessen, daß der Mensch nicht allein ein vernünftiges, sondern auch ein leibliches und sinnliches Wesen ist: 'So viel ist immer gewiß, ein großer und der größte Teil unsres

Wesens ist sinnliche Existenz: also auch Beschäftigung der Sinne und der stärksten sinnlichen Kräfte das Hauptstück der Erziehung des Volks und der Kinder" .
      Daher sind die von Herder gesammelten Lieder seiner Ansicht nach Zeugnisse gewachsener Volksbräuche, auch Gebrauchslieder: man hat auf die Anregung durch die Preußischen Kriegslieder von Johann Wilhelm Ludwig Gleim hingewiesen . Herder hat diese Lieder gekannt und geschätzt. Schon 1766 hatte er sie in den Eragmenten Ãober die neuere deutsche Literatur 'Voll von dieser deutschen Stärke" genannt. Er sucht das Wesen des Menschen nicht auf dem Wege abstrahierender Spekulation, sondern im Reichtum der vielfältigen, ethnisch und kulturell unterschiedlichen und weit voneinander entfernten poetischen Lebensäulserungen. Insofern ist er Schüler Immanuel Kants, bei dem er in Königsberg studiert hatte; in der Anthropologie in pragmatischer Hinsicht , die in ihren Grundzügen auf die sechziger Jahre zurückgeht, hatte Kant die philosophische Anthropologie als 'Weltkenntnis" definiert, die sich nicht durch metaphysisch reines Denken und nicht durch naturwissenschaftliche Experimente gewinnen läßt, sondern nur durch 'gewöhnliche Erfahrung" und durch die Auswertung von 'Quellen" und 'Hilfsmitteln", zu denen er den 'Umgang mit Stadt- oder Landesgenossen", 'Reisen", 'Lesen der Reisebeschreibungen", 'Weltgeschichte, Biographien, ja Schauspiele und Romane" zählt. Diese Suche nach lebendiger Erfahrung, die auch in anderen Werken des achtzehnten Jahrhunderts wirksam ist, macht die Nähe der Aufklärung zum Sturm und Drang deutlich: er ist ihr legitimes Kind, auch wenn er bisweilen seine Mutter verleugnet - eine Haltung, die ja auf Gegenseitigkeit beruhte, wie Nicolais Parodien zeigen.
      Herders Bemühungen um das Volkslied, bei denen er von Goethe in der Straßburger Zeit unterstützt wurde, sind aus der geschichtlichen Lage um 1770 zu verstehen. Er weiß, daß er an einer Zeitenwende lebt. In der Vorrede der Alten Volkslieder beschreibt er sie: 'Wir sind eben am äußersten Rande des Abhanges: ein halb Jahrhundert noch und es ist zu spät!" Man kann den Titel so verstehen: alte Ãoberlieferungen müssen bewahrt werden, da sie von rasch voranschreitenden Veränderungen bedroht sind. Herder und, von ihm angeregt, auch Goethe sammeln alte Volkslieder im deutlichen Bewußtsein, daß fortschreitende Zivilisierung und Arbeitsteilung zusammen mit der Modernisierung des Staatswesens im Zeitalter der beginnenden Industrialisierung, da die Handwerksarbeit von Manufakturen und Fabriken allmählich abgelöst wird, auch die in Jahrhunderten langsam gewachsene Lebensweise der alten europäischen Agrarstaaten verändern würde: 'Die Reste aller lebendigen Volksdenkart rollen mit beschleunigtem letzten Sturze in den Abgrund der Vergessenheit hinab! Das Licht der sogenannten Kultur, frißt, wie-der Krebs um sich!"


Betont man die natürliche Seite der Volkslieder, so übersieht man leicht, daß auch die von Herder veröffentlichten Lieder keineswegs alt und urtümlich in streng philologischem Sinne waren, denn um sie für die Leser des späten achtzehnten Jahrhunderts verständlich zu machen, mußte er sie übersetzen, und er arbeitete auch an diesen Ãobersetzungen, um den Ton zu treffen, der seiner Vorstellung von volkstümlicher Poesie entsprach. Das Volkslied ist deshalb nicht allein ein Lied, das, anonym, mündlich überliefert, veränderlich, ungekünstelt, voller Würfe, Sprünge und Inversionen von Mägden und den 'ältesten Mütterchens", von Menschen, die nicht lesen und schreiben können, gedichtet, gesungen und überliefert wird, sondern es ist ein Lied, das so gedichtet ist, als ob es all diesen Anforderungen entspräche. Die Berufung auf Gleim zeigt das ebenso wie die Veränderungen, die Herder an den Texten vornahm. Lr war kein Philologe, sondern wollte literarisch geschmacksbildend wirken.
      Daher ist es verständlich, daß er sich nicht von der Ãoberzeugung trennen mochte, die Gesänge Ossians seien echt, und man dürfe sie denen Homers an die Seite stellen. Indem Herder und seine Zeitgenossen die 'Natur" in der Volkspoesie suchten, ließen sie sich von einer eigens für diese Suche geschriebenen Textsammlung täuschen: nachdem er einige Proben von James Macphersons angeblich ursprünglichen schottisch-keltischen Hochlanddichtungen gesehen hatte, ermutigte der l'dinburgher Gelehrte Hugh Blair den jungen Theologen zu immer weiteren Ãobersetzungen. Die Volkspoesie ist ein Abbild der Vorstellung, die die Hpoche sich von ihr machte. Das läßt sich auch außerhalb der Literatur beobachten: wer Weimar besucht, kann im Park an der Ihn eine gotische Kirchenruine sehen, die man im späten achtzehnten Jahrhundert errichtet hat, um die gewachsene Natürlichkeit und das Alter des im Geschmack der Zeit angelegten englischen Landschaftsgartens zu veranschaulichen.
      Hbenso idealisiert wie der Begriff der Volkspoesie ist der des Volks. Lr meint nur nebenbei die sozialen Unterschichten, in erster Linie aber den unverbildeten, ursprünglichen Menschen; die Veränderungen, die durch Klima, Sprache, Lrziehung und Beschäftigung sein Wesen derart beeinflussen, daß es für den Anthropologen kaum noch greifbar ist, werden in dieser Theorie vernachlässigt, da sich Herders Blick auf die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Völker, nicht auf ihre Unterschiede richtet. Die Zusammenstellung grönländischer und spanischer, skandinavischer und kroatischer Lieder läßt das erkennen.
      Herder ist bestrebt, mit der Rettung und Bewahrung gewachsenen Kulturgutes, das in Gefahr ist unterzugehen, auch eine eigentlich deutsche Nationalliteratur zu begründen. In der Zivoten Sammlung von Fragmenten Ãober die neuere deutsche IJteratur hatte er 1766 über Gleims Grenadierlieder geschrieben, sie seien 'Nationalgesänge", die es sonst nirgends gebe . Damit berührt sich seine Bemühung um das Volkslied mit den Bemühungen Lessings und anderer um ein deutsches Natio-naltheater. Die Förderung der deutschen Nationalliteratur ist ein wesentliches Ziel der Volksliedersammlung. Sie rechtfertigt auch die Veränderungen, die Herder an den Texten vornahm. Und was er unter Nation und Volk verstand, war noch nicht politisch bestimmt: erst im neunzehnten Jahrhundert verband man nationalistische und völkische Ideologien mit den Wörtern Nation und Volk. Die spanischen, englischen, littauischen und sogar morlackischcn Gedichte in der Sammlung bestätigen das.
      Wie sich Herder das lebendige Volkslied für seine Zeit vorstellte, zeigt er im Ossww-Aufsatz an einigen Beispielen, deren bekanntestes die schottische Ballade Edward ist. Lr hatte das Ciedicht in Thomas Percys Reliques of Ancient English l'oetry gefunden und in einer eigenen Nachdichtung veröffentlicht .
      Die Ballade ist ein Verhör, das die Mutter mit ihrem Sohn anstellt. Ls geht von der Frage aus; 'Dein Schwert, wie ists von Blut so rot?" In drei Schritten kommt es zu einem Wendepunkt: nach den Ausflüchten, er habe seinen Geier und sein Roß getötet, bekennt der Sohn, er habe seinen Vater erschlagen. In abermals drei Fragen der Mutter nach der Buße, die er tun wolle, nach der Zukunft des Besitzes und nach dem Geschick von Weib und Kind kommt der Dialog zum endlichen Höhepunkt. Ihre letzte Frage: 'Und was willst du lassen deiner Mutter teur?" findet die Antwort: 'Fluch will ich Luch lassen und höllisch F'eur, Denn ihr, ihr rietets mir! - O!"
Dieser nüchterne Bericht kann nicht die Stimmung wiedergeben, die das Gedicht ausstrahlt; Herder schreibt im Oss/aw-Aufsatz: 'und welche Wür-kung muß im lebendigen Rhythmus das Lied tun?" In den Alten Volksliedern kommentiert er: 'Lin Schottisch Lied voll Kains-StWn und Unruh.

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Johann  Gottfried  Herder:  Volkslieder    





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