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Sturm und drang epoche
Die Lyrik der 1770er Jahre, soweit sie für den Sturm und Drang charakteristisch ist, läßt sich mit drei Stichworten kennzeichnen: Volkslied, Erlebnislyrik und Kunstballade. Damit sind nebeneinander la
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Goethes größter Bucherfolg - Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jungen Werthers



Entstehung

Die Handlung des Romans fußt z.T. auf Erlebnissen Goethes in Wetzlar und Ehrenbrcitstein; die Hauptfiguren sind nach historischen Personen beschrieben.
      Goethe war nach Beendigung seines Jurastudiums in Straßburg 1771 in Frankfurt als Anwalt tätig. Hierzu war, wie sich bald herausstellte, eine größere praktische Erfahrung erforderlich. Auf den Rat seines Vaters ging er deshalb im Mai 1772 als Praktikant an das Reichskammergericht zu Wetzlar. Bei einem Ball in Volpertshauscn lernte er am 9. Juni 1772 die Tochter des Deutschorden-Amtmanns Charlotte Buff kennen, deren Mutter kurz zuvor gestorben war. Sie war zu dieser Zeit bereits mit dem Kammergerichtssekretär Christian Kestner verlobt; Kestner wartete auf eine feste Anstellung, um sie heiraten zu können. Zwischen Goethe, Lotte und Kestner entstand eine Freundschaft, die durch Kestners Großzügigkeit ebenso wie durch den Umstand ermöglicht wurde, daß sich Goethes Neigung auf eine reine Verehrung Lottes beschränkte, so wie er sie später auch Maximiliane Brentano und Charlotte von Stein entgegenbrachte. Am 11. September 1772 reiste er, ohne von den Freunden persönlichen Abschied zu nehmen, nach Koblenz, zu Frau von LaRoche; in einem Abschiedsbrief an Lotte vom 10. September 1772 schreibt er "Wohl hoff ich wiederzukommen, aber Gott weis wann." In Dichtung und Wahrheit bekennt er, "dieses Verhältnis" sei von seiner Seite "durch Gewohnheit und Nachsicht leidenschaftlicher als billig" geworden.
      Weitere Handlungselemente verdankt der Roman dem braunschweigi-schen Gesandtschaftssekretär Karl Wilhelm Jerusalem . Fr war im September 1771 nach Wetzlar gekommen, wo er mit seinem Vorgesetzten, dem Gesandten von Höfler, in einem gespannten Verhältnis stand. Fr liebte die Frau eines anderen Gesandtschaftssekretärs Eli-sabeth Herd, die aber seine Neigung nicht erwiderte. Kestner hat Goethe in einem Brief von den Streitigkeiten zwischen Jerusalem und Höfler berichtet, von der Abweisung, die er in der vornehmen Gesellschaft erfuhr und von seinem Selbstmord, den er in der Nacht vom 29. zum 30. Oktober 1772 mit Kestners Pistolen beging. Bei einem Besuch in Wetzlar vom 6. bis 10. November 1772 ließ Goethe sich über den Vorfall unterrichten; vorher schon hatte Kestner ihm in einem Brief vom 2. November davon berichtet.
Ist die Handlung der Leiden des jungen Werthers also im ersten Feil durch Goethes eigene Krlebnisse bestimmt, so ist das Schicksal Jerusalems die Vorlage für die Handlung im zweiten Teil des Romans, den Goethe im Februar und März. 1774 in Frankfurt schrieb und im selben Jahr in der Weygandschen Buchhandlung zu Leipzig erscheinen ließ.
      Zwischen 1782 und dem Sommer 1786 überarbeitete er den Roman. Am 2. Mai 1783 schreibt er an Kestner:
"Ich habe in ruhigen Stunden meinen Werther wieder vorgenommen, und denke, ohne die Hand an das zu legen was so viel Sensation gemacht hat, ihn noch einige Stufen höher zu schrauben. Dabey war meine Intention Alberten so zu stellen, daß ihn wohl der leidenschaftliche Jüngling, aber doch der Leser nicht verkennt. Dies wird den gewünschten und besten Fffekt tun."
Die Umarbeitung hatte also zum Ziel, die ästhetische Qualität des Werkes zu steigern und den Charakter Alberts aufzuwerten, ohne doch Werther herabzusetzen. Die Schwierigkeit, beide Absichten miteinander zu verbinden, kann die im Verhältnis zur Entstehung der ersten Fassung lange Zeit der Umarbeitung erklären. Der folgenden Analyse liegt die erste Fassung zugrunde.
     

Analyse
Eine Deutung des Werther muß mindestens drei Umstände berücksichtigen: Struktur, Handlung und Wirkung. Die Leiden des jungen Werthers sind ein Briefroman, der den Weg eines jungen unglücklich Liebenden zum Freitod erzählt. Diese beiden Umstände, die Form des Briefromans und der Selbstmord, sind die Voraussetzungen des Aufsehens, das der Roman erregte. Seine Wirkung beleuchtet die gesellschaftliche und literarische Situation der 1770er Jahre so deutlich wie die Aufnahme keines anderen Werkes beim Publikum jener Zeit. Zunächst fällt die Sprache des Romans auf: schon der erste Brief Werthers vom 4. Mai 1771 beginnt mit Ausruf- und Fragesätzen, er enthält Satzbrüche und apostrophierte Auslassungen. Es ist eine Sprechweise, die sich deutlich von der logisch gegliederten Satzbauweise der Aufklärung unterscheidet. Man braucht nur eine Fabel von Geliert oder einen Abschnitt aus Wielands Ahderiten zum Vergleich daneben zu halten, um sich das zu verdeutlichen. Werthers Sprache ist ein biegsames und sensibles Instrument für den Ausdruck seiner Empfindungen, persönlich und gefühlsbetont. Fr kennzeichnet sie selbst, indem er zugleich seinen "Verdruß" mit dem vorgesetzten Gesandten im Brief vom 24. Dezember 1771 beschreibt:
"Er ist der pünktlichste Narre, den's nur geben kann. Schritt vor Schritt, und umständlich wie eine Base. Ein Mensch, der nie selbst mit sich zufrieden ist, und dem's daher niemand zu Danke machen kann. Ich arbeite gern leicht weg, und wies steht, so steht's: da ist er im Stande, mir einen Aufsatz zurückzugeben und zu sagen: er ist gut, aber sehen Sie ihn durch, man findt immer ein besser Wort, eine reinere Partikel. Da möcht ich des Teufels werden. Kein Und, kein Bindwörtchen sonst darf aussenblciben, und von allen Inversionen, die mir manchmal entfahren, ist er ein Todtfeind. Wenn man seinen Period nicht nach der hergebrachten Melodie heraborgelt; so versteht er gar nichts drinne."
Die Beschreibung trifft das Problem des Romans und seines Helden. Nach einem oft zitierten Wort des Franzosen Georges Louis Leclec, Comte de Buffon, "Le style est l'homme meine", ist der Stil der Mensch. Werther bedient sich der Sprache, um sich selbst zu zeigen, wie er ist. Die Sprache ist ihm nicht ein System von Regeln, denen er sich anpassen müßte, sondern ein Mittel, das seinen eigentümlichen und persönlichen Stimmungen und Wahrnehmungen dient.
      Das ist früh wahrgenommen worden; Matthias Claudius betont die Nähe der Wertherbriefe zur Lyrik; er schreibt am 22. Oktober 1774 im Wandsbecker Boten: "Weiß nicht, obs'n Geschieht oder 'n Gedicht ist; aber ganz natürlich gehts her, und weiß einem die Thränen recht aus 'm Kopf herauszuholen." , und einer der entschiedensten Gegner des Romans, der Hauptpastor Melchior Goeze, spricht von "einer, die Jugend hinreissenden Sprache" . Nicht nur die Jugend der 1770er Jahre wurde von der Sprache Werthers hingerissen, auch Germanisten sind bisweilen nicht in der Lage, ihre Begeisterung angesichts einer - z. B. im Brief vom 10. Mai - hymnischen Sprache zurückzudämmen, die den Einklang von Mensch und Natur, Empfindung und Beobachtung in pantheistischer Naturseligkeit preist. Dieser Überschwang der Philologen läuft allerdings Gefahr, Signale der Distanz und Ironie zu übersehen, wie z. B. die Fußnote zum Brief vom 16. Junius, die Werther einen "jungen unsteten Menschen" nennt. Und wenn er am 21. Juni behauptet, er könne sich, angeregt durch seine Homcr-l.ektüre, "die Züge patriarchalischen Lebens" "ohne Affektation" aneignen, so wird das durch seine übertriebenen, affektierten Worte desselben Briefes in Frage gestellt:
"Wenn ich des Morgens mit Sonnenaufgange hinausgehe nach meinem Wahlheim, und dort im Wirthsgarten mir meine Zuckererbsen selbst pflük-ke, mich hinsezze, und sie abfädme und dazwischen lese in meinem Homer. Wenn ich denn in der kleinen Küche mir einen Topf wähle, mir Butter aussteche, meine Schoten an's Feuer stelle, zudekke und mich dazu sezze, sie manchmal umzuschüttein. Da fühl ich so lebhaft, wie die herrlichen übermüthigen Freyer der l'enelope Ochsen und Schweine schlachten, zerlegen und braten." Solche leicht zu überlesenden Aufforderungen zur Distanzierung sind nicht, wie man vermuten könnte, erst in der zweiten Fassung von 1787 zu finden, sondern schon - und womöglich noch deutlicher - in der ersten Fassung von 1774.
      Das anscheinend natürliche Gefühl ist literarisch vermittelt: durch Homer, später durch Ossian, aber auch durch Klopstock, den Dichter der hrühlingsfeier, dessen Name als "Loosung" einen "Strom von Empfindungen" in Bewegung setzt. Werther erzeugt seine Gefühle selbst, oder er bestärkt sich in ihnen, und er genießt sie. Fr ist in sie verliebt, auch in die "süße Melancholie". Der Brief vom 13. Mai ist aufschlußreich: hier, gleich zu Beginn des Romans, deutet er seine Krankheit an, die er später, im Brief vom 12. August mit einer Anspielung auf ein Jesus-Wort "eine Krankheit zum Todte" nennen wird. Eine ihrer Wurzeln ist die Nachgiebigkeit gegenüber den eigenen Stimmungen: "Auch halt ich mein Herzgen wie ein krankes Kind, all sein Wille wird ihm gestattet." Hierin unterscheidet er sich von Lotte, die sich durch Klavierspiel oder Gesang von übler Laune heilt . Die unterschiedlichen Arten des Umgangs mit den eigenen Empfindungen bezeichnen den Unterschied zwischen psychischer Krankheit und Gesundheit.
      Goethe erzählt in Dichtung und Wahrheit, daß er den Roman "in vier Wochen, ohne daß ein Schema des Ganzen, oder die Behandlung eines Teils irgend vorher wäre zu Papier gebracht gewesen" niedergeschrieben habe. Damit verdeckt er, daß die Struktur des Werkes von einem sehr sicheren Kunstverstand geschaffen ist. Das Werk wirddurch ein Netz von Motiven zusammengehalten, deren Verknüpfung die Geschichte Werthers begleitet und erläutert. Da ist eine parallele Geschichte im Schicksal des Bauernburschen, das der Brief vom 30. November erzählt und von dem sich herausstellt, daß seine Leidenschaft zu Lotte ihn "rasend" gemacht habe. Auch in der Natur wiederholt sich Werthers Schicksal; der Roman beginnt im Mai, und Werthers Todesstunde an seinem Ende ist, mit einem Wort Götz von Berlichingens, "eine der Wintermitternächtlichsten" . Sein Schicksal spiegelt sich in dem der Nußbäume, die im Brief vom I.Juli das Bild des friedlichen und einfachen Lebens im Pfarrhause ergänzen und die später gefällt werden . Dem wiederum entspricht Werthers Lektüre. Kurz nach der Erzählung vom Frevel an den Nußbäumen bekennt er: "Ossian hat in meinem Herzen den Homer verdrängt." , eine Veränderung, die indes schon früh vorbereitet wurde, denn bereits im Brief vom 10. Juni hat er die beginnende Leidenschaft für Lotte mit der Wertschätzung Ossians verglichen .
      Und auch sein Ende wird von Werther wie ein Leitmotiv von Beginn an immer wieder angedeutet; im Brief vom 22. Mai, noch bevor er Lotte kennengelernt hat, spricht er vom "süsse|n| Gefühl von Freyheit, und daß er diesen Kerker verlassen kann, wann er will." - der Gedanke an den selbstgewählten Tod klingt von diesem Augenblick immer wieder an, bevor er in dem großen Gespräch mit Albert, das der Brief vom 12. August berichtet , ausführlich erörtert wird, wobei auch die Pistolen, die sich Werther am Finde ausleiht, schon zur Hand sind. Diese Beobachtungen ließen sich durch andere ergänzen. Sie zeigen, daß hatte sie sich über Europa ausgebreitet; in Deutschland sind die bekanntesten Beispiele Grandison der Zweite von Karl August Musäus, Sophiens Reise von Memel nach Sachsen von Johann Timo-theus Hermes und Geschichte des Fräuleins von Sternheim von Sophie von LaRoche. In ihrem Hause war Goethe nach der Abreise aus Wetzlar mit der Briefkultur der Zeit bekannt geworden. Er erzählt in Dichtung und Wahrheit von den Briefen, die Franz Michael Leuchsenring in Schatullen mit sich geführt und aus denen er vorgelesen habe:
"Es war überhaupt eine so allgemeine Offenherzigkeit unter den Menschen, daß man mit keinem Einzelnen sprechen, oder an ihn schreiben konnte, ohne es zugleich als an mehrere gerichtet zu betrachten. Man spähte sein eigen Herz aus und das Herz der andern, und bei der Gleichgültigkeit der Regierungen gegen eine solche Mitteilung, bei der durchgreifenden Schnelligkeit der Taxischen Posten, der Sicherheit des Siegels, dem leidlichen Porto, griff dieser sittliche und literarische Verkehr bald weiter um sich.
      Solche Korrespondenzen, besonders mit bedeutenden Personen, wurden sorgfältig gesammelt und alsdann, bei freundschaftlichen Zusammenkünften, auszugsweise vorgelesen; und so ward man, da politische Diskurse wenig Interesse hatten, mit der Breite der moralischen Welt ziemlich bekannt."
Obwohl Goethe auch vom Spott des katholisch aufgeklärten Hausherrn Georg Michael Frank, gen. von LaRoche über diese gesellig empfindsame Unterhaltung erzählt, ist sie doch einer der Gründe für die literarische Mitteilung in Briefen; es gab im achtzehnten Jahrhundert auch andere Schriften in Briefform, wie z. B. Lessings Briefe, die neueste Literatur betreffend oder Schillers Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen .
      Hatte sich noch Geliert in seinem zweibändigen Roman Leben der schwedischen Gräfin von G ... damit begnügt, gelegentlich an wichtigen Stellen Briefe einzuschalten, die man dem dramatischen Monolog vergleichen kann, so entwickelte die Gattung bald weitere Möglichkeiten: Briefromane wurden zu Dialogen verschiedener Partner. Der Autor kann so einzelne Äußerungen durch andere ergänzen, ändern, in Frage stellen, in ihrer Gültigkeit einschränken und damit seine eigenen Ansichten und Urteile zur Geltung bringen. Solch ein Briefroman kann insgesamt eine "Wahrheit" bekunden, die über die in einem einzelnen Brief geäußerte Ansicht hinausgeht, wie ja auch im Drama der Monolog als Aussage einer dramatischen Person und nicht ihres Dichters zu verstehen ist.
      Im Werther nun geht Goethe von dieser Verwendung des Briefes ab. Nur eine Person spricht, der Frzähler schweigt zunächst. Frst im letzten Drittel beginnt seine Frzählung. Fr spricht aber nicht als moralische Autorität, die das Geschehen beurteilt, sondern als "Herausgeber an den Feser", so distanziert wie möglich. Hatte er noch im Vorsatz von der Geschichte des "armen Werther" gesprochen, so fehlen derartige Wertungen im Bericht über die letzten läge des Helden; der Frzähler spricht über die "letzten merkwürdigen läge unsers Freundes" - eine Formulierung, die Distanz und Nähe in heiklem Gleichgewicht hält; "merkwürdig" bedeutet im Sprachgebrauch des I 8. Jahrhunderts einfach bemerkenswert. Und die Distanz steigert sich bis zum Schluß des Romans, der die Geschichte in weite Fntfernung von Dichter und Feser rückt:
"Um zwölfe Mittags starb er. Die Gegenwart des Amtmanns und seine Anstalten tischten einen Auflauf. Nachts gegen eilfe ließ er ihn an die Stätte begraben, die er sich erwählt hatte, der Alte folgte der Leiche und die Söhne. Albert vermochts nicht. Man fürchtete für Lottens Leben. Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet."
Der Wechsel des Präteritums zum Perfekt im letzten Satz, den Goethe -wie zahlreiche andere Einzelheiten - dem Bericht Kestners von Jerusalems
Selbstmord entnahm, verstärkt die Distanz noch. Damit begibt sich Goethe des bislang selbstverständlichen Rechtes, ja der Pflicht eines Dichters in seinem Jahrhundert, die poetische, fiktive Welt mit der Erwartung des Publikums übereinstimmen zu lassen. Der Roman macht eine zuvor noch nicht genutzte Möglichkeit des Briefromans deutlich: der Erzähler als moralische Autorität und Vormund seiner Gestalten tritt zurück. An seine Stelle tritt der verantwortliche Feser. Ihm wird das Urteil über Werther anvertraut, über die Fragen, ob seine Liebe ein tragisches Unglück oder eine sittliche Verfehlung, ob sein Freitod gerechtfertigt oder zu verurteilen sei. Indem Goethe die Freiheit eines isolierten und auf sich selbst verwiesenen Menschen darstellt, ruft er durch die Form der Darstellung den Fcser auf, sich eine eigene Ansicht bilden.
      Andererseits sind die monologartigen Briefe Werthers, seine vertraulichen Mitteilungen an den unbekannten Wilhelm, die Geständnisse und Beschreibungen seiner Empfindungen geeignet, als Aufforderung zum Mitempfinden und Mitleiden gelesen zu werden. Der Widerspruch zwischen den Bekenntnissen, die den Abstand zwischen Werther und seinen Lesern vergessen machen, und dem Abstand, den der Herausgeber wahrt, überforderte die Leser, wie Goethe in Dichtung und Wahrheit feststellt:
"Man kann von dem Publikum nicht verlangen, daß es ein geistiges Werk geistig aufnehmen solle. Eigentlich ward nur der Inhalt, der Stoff beachtet, wie ich schon an meinen Freunden erfahren hatte, und daneben trat das alte Vorurteil wieder ein, entspringend aus der Würde eines gedruckten Buchs, daß es nämlich einen didaktischen Zweck haben müsse. Die wahre Darstellung aber hat keinen. Sie billigt nicht, sie tadelt nicht, sondern sie entwickelt die Gesinnungen und Handlungen in ihrer Folge und dadurch erleuchtet und belehrt sie."
Deutlicher spricht der junge Goethe am 21. November 1774 in einem Brief an Kestner vom "schwätzenden Publikum", das er eine "Heerd Schwein" nennt . Aber wichtiger als das Unverständnis der Leser, das nicht nur Goethe oft erfahren mußte, ist die neue Definition des Romans als literarischer Gattung, die der Werther literaturgeschichtlich bedeutete und die Goethe vierzig Jahre später beschreibt: hier hat sich die Literatur von außerliterarischen - "didaktischen" - Absichten befreit. Die Bedeutung des Romans liegt in seiner Autonomie: er folgt eigenen künstlerischen Gesetzen. Mit den Leiden des jungen Werthers löst sich der Roman von den Lehren der Theologen, Überzeugungen der Aufklärer und den Ansichten der Gesellschaft. Das ist der neue Kunstbegriff des Sturm und Drang: das Kunstwerk wird autonom.
      Besonders deutlich wird das durch den Umstand, daß Werther Hand an sich legt. Der Freitod galt im achtzehnten Jahrhundert und weit darüber hinaus im christlichen Verständnis als Sünde; man stützte sich bei diesem Urteil auf den Bericht vom Selbstmord des Verräters Judas Ischariot . Hinzu kam eine theologische Interpretation: dem Christen wird von Gott jede Sünde vergeben, die er bereut. Aber der Tod verhindert die Reue des Selbstmörders, so daß auch eine Vergebung ausgeschlossen ist.
      Werthers Tod wird im Roman mit keinem Wort mißbilligt oder gerechtfertigt, sondern erklärt, unter anderem durch seine Haltung gegenüber der Religion. Kirchlich fromm ist er bereits zu Beginn des Romans nicht; darin gleicht er seinem Dichter Goethe, dessen letzter bezeugter Abendmahlsgang am 26. VI

II.

1770 zur Zeit der Niederschrift schon einige Jahre zurückliegt. Werther selbst verkehrt zwar in einem Pfarrhause, aber von den geistlichen Gaben, die er dort empfangen könnte, ist mit keinem Wort die Rede, die Nußbäume im Garten und die patriarchalische Atmosphäre ziehen ihn an, den Gottesdienst besucht er nicht. Zu Beginn des Buches scheint er jenem Pantheismus zu huldigen, der sich zusammen mit dem Deismus im Laufe des Jahrhunderts allmählich entwickelt hatte: der Pantheist bestreitet die Existenz eines außerweltlichen göttlichen Wesens und sucht Gott in der Gesamtheit der Natur; der Deist glaubt zwar an einen persönlichen Gott, der die Welt geschaffen, sich dann aber von ihr zurückgezogen hat; beide lehnen den Glauben an die biblische Offenbarung ab. Man nannte das damals Freigeisterei. Gegen Hilde des Romans, im Brief vom 15. November, schreibt Werther:
"Ich ehre die Religion, das weist Du, ich fühle, daß sie manchem Ermatteten Stab, manchem Verschmachtenden Erquickung ist. Nur - kann sie denn, muß sie denn das einem jeden seyn? Wenn du die große Welt ansiehst, so siehst du lausende, denen sie's nicht war, lausende, denen sie es nicht seyn wird, gepredigt oder ungepredigt, und muß sie mir's denn seyn? Sagt nicht selbst der Sohn Gottes: daß die um ihn seyn würden, die ihm der Vater gegeben hat. Wenn ich ihm nun nicht gegeben bin!"
Diese Äußerung mußte die Zeitgenossen aufs äußerste befremden. Bei der engen Bindung der meisten Menschen an die kirchlichen Religionen, in einer Gesellschaft, da der Schulunterricht im wesentlichen um den Religionsunterricht als Mittelpunkt geordnet war, mußte ein Mensch anstößig erscheinen, der von den : "Ich schauder nichtden kalten, schröklichcn Kelch zu fassen, aus dem ich den Taumel des Todes trinken soll! Du reichtest mir ihn, und ich zage nicht" . Jesu Worte am Kreuz "Mein Gott! Mein Gott! warum hast du mich verlassen?" werden im Brief vom 15. November von Werther ausdrücklich auf sich selbst bezogen . Und seinen eigenen Tod beschreibt er als Opfertod: "Fls ist nicht Verzweiflung, es ist Gewißheit, daß ich ausgetragen habe, und daß ich mich opfere für Dich." Diese Übertragung biblischer Vorstellungen auf nicht religiöse Verhältnisse war den Zeitgenossen wohl nicht in der Deutlichkeit bewußt, wie Herbert Schöffler sie 1938 dargestellt hat. Aber sie zeigt den geschichtlichen Ort Werthers. Gott scheint überflüssig geworden zu sein, der Mensch nimmt sein weltliches und geistliches Schicksal selbst in die Hand. Daher findet Werther von t Homer zu Ossian. Die Trostlosigkeit dieser Gesänge ist durch die völlige Einsamkeit der Menschen in einer grauen und kargen Landschaft gekennzeichnet.
      Werthers Briefe sind eine Reihe von Monologen, mit nahezu wissenschaftlicher Neutralität von einem fiktiven "Herausgeber" zusammengestellt und ergänzt, fast als wollte der Jurist und der Berliner Verleger und Schriftsteller Friedrich Nicolai , die heftig gegen den Roman angingen. Der Geistliche argumentierte in den Lreywilligen Heyträgen zu den Hamburgischen Nachrichten aus dem Reiche der Gelehrsamkeit: Werther sei "in seinem Herzen" ein Ehebrecher, sein Selbstmord eine von Gott nicht zu verzeihende Sünde; er sieht in dem Roman den Vorboten eines künftigen "Sodom und Gomorrha" . Nicolai, der zwar in seinem Roman Sehaldus Nothanker, in drei Teilen 1773-1776 erschienen, Goeze verspottete, verfaßte dennoch eine Werther-Parodic, die in ihren Hauptzügen mit Es verwundert nicht, daß Hölty aus Göttingen in einem Brief von der Absicht einiger Professoren berichtet, "den Werther als ein verführerisches Buch verbieten" zu lassen; in Leipzig erging ein solches Verbot vom Magistrat; es untersagte sogar, die modische Kleidung Werthers - "blauer Frack, ledergelbe Weste und Unterkleider, und Stiefeln mit braunen Stolpen" - zu tragen und blieb bis 1825 in Kraft . Demgegenüber stand das Urteil der jungen Generation. Sie zeigte sich vor allem von der Empfindsamkeit Werthers angezogen; ein Brief von Auguste Gräfin Stolberg an Heinrich Christian Boie belegt das in ähnlicher Weise wie Schubarts Rezension in der Deutschen Chronik vom 5. Dezember 1774 .
      Die Äußerungen verweisen auf ein Problem, das Lessing in seinem Brief vom 26. Oktober 1774 an Eschenburg deutlich macht. Zunächst dankt er für das "Vergnügen", das F.schenburg ihm durch die "Mitteilung" des Romans gemacht habe, und fährt fort:
"Wenn aber ein so warmes Produkt nicht mehr Unheil als Gutes stiften soll: meinen Sie nicht, daß es noch eine kleine kalte Schlußrede haben müßte? Hin paar Winke hintenher, wie Werther zu einem so abenteuerlichen Charakter gekommen; wie ein andrer Jüngling, dem die Natur eine ähnliche Anlage gegeben, sich dafür zu bewahren habe. Denn ein solcher dürfte die poetische Schönheit leicht für die moralische nehmen, und glauben, daß der gut gewesen sein müsse, der unsere Teilnchmung so stark beschäftiget. Und das war er doch wahrlich nicht |...| Solche kleingroße, verächtlich schätzbare Originale hervorzubringen, war nur der christlichen Erziehung vorbehalten, die ein körperliches Bedürfnis so schön in eine geistige Vollkommenheit zu verwandeln weiß. Also, lieber Cöthe, noch ein Kapitelchen zum Schlüsse; und je cynischer je besser!"
Auf den ersten Blick scheint es, als ergreife Lessing die Partei seines Freundes Nicolai. blatte dessen Parodie den Helden von Goethes Roman seinen Selbstmordversuch überleben und zu einem biederen Spießbürger werden lassen, so legt Lessing dar, daß zwar nicht der Romanheld, aber doch der Roman Gutes bewirken solle. Fr ist auch weit mehr als Nicolai in der Lage, die Empfindsamkeit Werthers nach- und mitzuempfinden. Er erkennt darüber hinaus die Konsequenzen der christlichen Erziehung, wie sie zu seiner Zeit üblich war: hatte ein anonymer Rezensent in Hamburg befürchtet, die Jugend müsse aus dem Roman die Lehre ziehen: "Folgt euren natürlichen Trieben" , so sieht Lessing in der Unterdrückung der natürlichen Triebe durch die christliche Erzie-hung die Gefahr, ein so erzogener Charakter werde derart verdorben, daß sich nur in Widersprüchen - "kleingroß", "verächtlich schätzbar" - über ihn reden lasse. Dem stellt er als Vorbild die Antike entgegen: kein römischer oder griechischer Jüngling hätte sich wie Werther das Leben genom-men, sondern würde sich zu schützen gewußt haben gegen eine solche Besessenheit von der Liebe, die etwas wider die Natur zu unternehmen antreibt. Daß er das in seinem Brief an Eschenburg griechisch formuliert, zeigt seine ästhetische Orientierung an der Antike, die mit der moralischen Überzeugung Hand in Hand geht. Hinter seiner Forderung eines "zynischen" Nachworts steht die Überzeugung von der Notwendigkeit, seinen Leidenschaften zu gebieten, um frei zu bleiben. Nicht die populär aufklärerischen Ansichten Nicolais von der Aufgabe der Kunst im Dienste gesellschaftlicher Nützlichkeit liegen Lessings Kritik zugrunde, sondern das antike Ideal der Übereinstimmung von Schönheit und (Jute im gelingenden Leben wie im gelungenen Kunstwerk, die seine eigenen Dramen verwirklichen. Wire es möglich, daß Cioethe deshalb Jerusalems Lektüre von Lessings Emilia Cabtti in die Erzählung von Werthers letzten Tagen übernimmt?
Wie immer man diese Frage beantworten mag: die Diskussion, die Goethes erster Roman auslöste, zeigt, daß sich mit diesem Werk die Romandichtung von den Vorgaben der Moral, der Religion und der Philosophie befreite, denn diese Diskussion gehört zu den Leiden des jungen Werthers wie nur irgendein Motiv, das man im Text erkennen mag.
     

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