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Sturm und drang epoche
Die Lyrik der 1770er Jahre, soweit sie für den Sturm und Drang charakteristisch ist, läßt sich mit drei Stichworten kennzeichnen: Volkslied, Erlebnislyrik und Kunstballade. Damit sind nebeneinander la
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Die Stillen im Lande - Johann Heinrich Jung: Henrich Stillings Jugend



Entstehung

Johann Heinrich Jung , der seine I.ebensgeschichte unter dem Pseudonym Henrich Stilling veröffentlichte, kam 1770 nach Straßburg, um dort Medizin zu studieren. Im Kreise der Tischgesellschaft bei Johann Daniel Salzmann wurde er mit Goethe bekannt, der im neunten Buch von Dichtung und Wahrheit berichtet, wie 'der gute Jung" 'seine Lebensgeschichte auf das anmutigste", 'deutlich und lebendig" erzählt und wie er ihn ermutigt habe, sie schriftlich zu fixieren. 1772 in Elbcrfeld schrieb Jung dann den ersten Band. Die fertigen Teile schickte er nach Strasburg an den Freundeskreis. Als Goethe ihn im Juli 1774 in Elbcrfeld besuchte, nahm er das Manuskript mit nach Frankfurt. Ohne Jung-Stillings Wissen gab er den Text einige Jahre später zum Druck, wobei er einige 'religiöse Stücke" strich. Nachdem der erste Band seiner Lebensgeschichte erschienen war, schrieb Jung die beiden folgenden Bände, die er 1778 selbst herausgab. Erst 1789 und später veröffentlichte er Henrich Stillings häusliches Lehen und Henrich Stillings Lehr-fahre . Der letzte Band Henrich Stillings Alter wurde nach dem Tode Johann Heinrich Jungs von seinem Enkel Wilhelm Schwarz 1817 als sechster Band der Lebensgeschichte herausgegeben.
     

Analyse
Die drei Romane tragen ihren Untertitel Eine wahrhafte beschichte zu Recht: die Erzählung folgt den Umständen, die Johann Heinrich Jung durch Berichte seiner Familie und in eigenen Erinnerungen gegenwärtig waren. Sie ist 'wahrhaft" auch im Sinne der von pietistischer Frömmigkeit geforderten Aufrichtigkeit, denn sie bekennt sündhafte Gedanken, Verfehlungen und erlittene Demütigungen. Diese pietistische Gesinnung verbindet sich mit empfindsamer Naturseligkeit und einer kultur- wie sozialgeschichtlich aufschlußreichen Beschreibung des Lebens unter Kohlenbrennern, Handwerkern und Bauern im Siegerland. Das Buch hält die Mitte zwischen einer Autobiographie in der dritten Person und einem Entwicklungsroman. Hinzu kommen Strukturelemente, die in eine literaturgeschichtliche Zukunft vorausweisen.
      In seiner Biographie gibt Johann Heinrich Jung sich den Namen Henrich Stilling und deutet damit auf seine Gesinnung: seit den 1710er Jahren nannte man die Pietisten auch 'die Stillen im Lande" in Anlehnung an Ps. 35

V.

20: 'Denn sie trachten Schaden zu tun und suchen falsche Anklagen wider die Stillen im Lande". Zu diesen Anklagen gehörte der Vorwurf des Separatismus, also der Neigung, sich von der Kirche abzuspalten und damit der geistlichen Aufsicht zu entgehen. So wird die Beeinflussung von Henrichs Vater durch den Pietismus religionsgeschichtlich zutreffend erzählt. Auf einem Schloß haben sich fromme Menschen zusammengefunden, um miteinander zu leben.
      'Sie wüsten, wie schimpflich es in der großen Welt wäre, sich öffentlich zu Jesu Christo zu bekennen, oder Unterredung zu halten, worinnen man sich ermahnte dessen Lehre und Leben nachzufolgen. Daher waren denn diese Leute in der Welt verachtet, und hatten keinen Werth; sogar fanden sich Menschen, die wollten gesehen haben, daß sie auf ihrem Schlosse allerhand Greuel verübten, wodurch dann die Verachtung noch größer wurde. Mehr konnte man sich aber nicht ärgern, als wenn man hörte: daß diese Leute über solche Schmach noch froh waren, und sagten, daß es Ihrem Meister eben so ergangen" .
      Hiner dieser Frommen zieht durch das Land und hausiert mit den Stoffen, aus deren Herstellung die Gemeinde ihren Lebensunterhalt zieht. Dabei versucht er, auch Henrichs Vater - in der Frzählung heißt er Wilhelm
- zum Pietismus zu bekehren, wozu er aber eine günstige Gelegenheit abwarten muß, 'weil er |...| wüste, wie feste man daselbst an den Grundsätzen der reformierten Religion und Kirche hinge" . Diese Gelegenheit ist der Tod Dörfchens, der Frau Wilhelms. Jener nutzt dessen Trauer, um ihn mit den Schriften des F'rzbischofs Francois de Fenelon und der mit ihm befreundeten Mystikerin Madame de Guyon
- die beide auch in der Frziehung Anton Reisers eine bedeutende Rolle spielen - sowie mit der Frbauungsschrift Nachfolge Christi , die dem Mystiker Thomas von Kempen zugeschrieben wird, bekannt zu machen. Und Stillings Vater verfällt dieser schwärmerisch-mystischen Religiosität, die auf eine gefühlsbetonte Verinnerlichung des Glaubens abzielt, so sehr, daß er auch den Sohn Henrich in diesem Geiste erzieht.
      Die tief verwurzelte Frömmigkeit der Menschen hat unter anderem die gesellschaftliche Bedeutung der Geistlichen und ihren weit reichenden Hinfluß zur Folge. Das wird deutlich an der Figur des Pfarrers Johann Seelbach ; er führt hier den Namen Stollbein. Bei Henrichs Taufe rechnet es sich die Familie als Fhre an, daß er in ihrem Hause speist. Fr führt sich dort aber so hochmütig ein, daß man ihn allein essen läßt und sich erst zu Tisch setzt, als er seine Mahlzeit beendet und das Flaus verlassen hat. Spater zeigt er sich von freundlicheren Seiten: als er bei einem kleinen Fxamen Henrichs Begabung erkannt hat, sagt er ihm eine große Zukunft voraus und nimmt sich ferner seiner Frziehung an; er veranlaßt, daß er Latein lernt und bestimmt: 'er soll kein Herr werden, er soll mir ein Dorfschulmeister werden." Ja, er greift sogar in die Methode des Lateinunterrichts ein. Indem Henrich Lehrer wird, folgt er dem Beispiel des Vaters, der sich teils als Schneider, teils als Lehrer ernährt: die schlechte Bezahlung, auch durch den Umstand bedingt, daß die Kinder auf dem Lande im Sommerhalbjahr nur an zwei Wochentagen zur

Schule gehen, machte es unmöglich, vom Einkommen eines Lehrers zu leben.
      Henrich beginnt diese Berufstätigkeit mit vierzehn Jahren und wird im Sommer 1755 Dorfschullehrer in Lützel. Die kurze und glückliche Tätigkeit wird durch den Pfarrer, der die Schulaufsicht übt, beendet. Er verbietet den Rechenunterricht, den Henrich auf Wunsch der Bauern ihren Kindern erteilt, mit der Begründung, er solle sie nur 'das Nöthigste", d. h., 'Lesen, Schreiben und den Catechismus" lehren. Die zweite Stelle bekommt er im Hause eines wohlhabenden Fabrikanten und Bauern in Him-melmert. Sein Arbeitgeber will aber Geld sparen und läßt zugleich mit den eigenen auch Nachbarskinder unterrichten. So glücklich und erfolgreich die erste Tätigkeit war, so unglücklich und erfolglos ist diese Arbeit: die Schulkinder und Knechte verspotten, ja mißhandeln Henrich, der Hausherr macht sich über ihn lustig. Die folgende Tätigkeit kann er wieder nur ein halbes Jahr lang ausüben; die Bauern vermuten, wohl nicht ganz zu Unrecht, daß er über der eigenen Lektüre seine Pflichten in der Schule vernachlässige. Die Schulaufsicht wird hier in Kredenbach von einem anderen Geistlichen, einem milden achtzigjährigen Greis ausgeübt. Aus einer weiteren Stelle wird er wegen der persönlichen Vorliebe des geistlichen Schulinspektors für einen anderen Lehrer verdrängt.
      Wirft die Beschreibung dieser Lebensstationen ein Licht auf das Elend des Lehrerberufs und auf die gesellschaftliche Rolle der Geistlichen, die Ãober das berufliche Schicksal eines sozialen Aufsteigers entscheiden konnten, so wird in Jung-Stillings Erzählung zugleich die Armut der Kleinbauern und Handwerker im achtzehnten Jahrhundert deutlich: in den Pausen zwischen den einzelnen Tätigkeiten als Lehrer müssen Henrich und sein Vater schwere, mühselige Feldarbeit leisten, so daß sie sich nach dem Lehrerberuf zurücksehnen; sie müssen weite, oft tagelange Fußwege zurücklegen, um ZU ihrer Schule zu gelangen; zwischendurch wieder arbeiten sie als Schneider, oder Henrich fertigt für die Handwerksarbeit des Vaters Knöpfe an, .denn sie müssen im FJternhause Kostgeld bezahlen, und Geld ist in den ländlichen Gegenden Deutschlands überaus knapp. Einmal wird erwähnt, Jie großzügig ausgerichtete Hochzeitsfeier der Eltern - es werden eigens Ãohner gemästet, man schlachtet 'ein fettes Milchkalb" - habe 'bei zehn ..eichsthaler gekostet" . Henrichs Jahresgehalt als Lehrer beträgt Ã-chstens 25 Reichstaler , sein Wochenlohn als Schneider einen halben Gulden. Im Laufe von etwa fünfzehn Jahren hat der Vater nicht mehr als 500 Taler erspart.
      Das Leben der Familie wird vom verehrten Großvater patriarchalisch und weise regiert. Dem anmaßenden Betragen des Pfarrers Stollberg begegnet er mit stiller Ãoberlegenheit, und als er bemerkt, wie sein Sohn Wilhelm den Enkel Henrich erzieht, greift er behutsam mit seinem Ratschlag ein. Der Vater nämlich läßt sich, durchaus in der Tradition des Pietismus, von der Absicht leiten, den Sohn zum Gehorsam zu erziehen, um den als fleischlich und böse gedachten eigenen Willen des Kindes abzutöten. Deshalb erläßt er zahlreiche Befehle und Verbote, deren Einhaltung er mit der Rute überwacht. Die Folge ist, daß Henrich, um den Strafen zu entgehen, seine Verfehlungen leugnet und weglügt - was wiederum den Vater zur Verwunderung bringt; er kann 'nicht begreifen, |.. .| daß seine Seligkeit, die er an den schönen Figenschaften seines Jungen genoß, durch das Laster der Fügen" beeinträchtigt wird, bis ihn der Großvater darauf hinweist. Von diesem Tage an ändert sich dann auch die Erziehungsmethode Wilhelms mindestens in diesem Punkte. Denn nach wie vor bleibt Henrich buchstäblich unter den Augen des Vaters, lernt bei ihm lesen und wächst, ausgeschlossen vom Umgang mit fremden Kindern, mehr und mehr in eine eigene, von der Phantasie geschaffene und von der Lektüre beeinflußte Welt hinein. Vom neunten Lebensjahre an lernt er vom Vater das Schneiderhandwerk.
      Nach den Erfahrungen seiner eigenen Erziehung entwickelt er eine andere, zwangfreie Unterrichtsmethode:
'Henrich Stillings Schulmethode war seltsam, und so eingerichtet, daß er wenig oder nichts dabey verlor. Des Morgens, sobald die Kinder in die Schule kamen, und alle beysammen waren, so betete er mit ihnen, und catechisierte sie in den ersten Grundsätzen des Christenthums, nach eigenem Gutdünken ohne Buch; dann ließ er einen jeden ein Stück lesen, wenn das vorbey war, so ermunterte er die Kinder, den
FKine andere Seite des Pietismus ist seine Erziehung zur Empfindsamkeit. Als Henrich, neunjährig, zum erstenmal die Kirchenorgel hört, 'da wurde seine Empfindung zu mächtig, er bekam gelinde Zückungen; eine jede sanfte Harmonie zerschmolz ihn, die Molltönc machten ihn in Thräncn fliessen, und das rasche Allegro machte ihn aufspringen."
Nicht nur Musik bewegt ihn, sondern auch die Reize der Landschaft. Als der Junge den Großvater zu seiner Köhlerhütte begleiten darf, sieht er 'lauter Paradies" , die Schönheit der Natur, die Pracht des Sonnenuntergangs. So ist er schon als Kind 'empfindsam" , wie er späterfeststellt. Verweist der Pietismus den Menschen auf die Erforschung seiner selbst, so ist Henrich durch seine Erziehung, die ihn von Altersgenossen ausschließt, in besonderem Maße zur Beschäftigung mit den eigenen Empfindungen und Vorstellungen angeregt; er gibt seinen Eindrücken eine persönliche Bedeutung , so daß die Bilder vor seinen Augen einmalig und besonders erscheinen.
      Ã"ußerlich sichtbarer Beweis der Fähigkeit zur Empfindung sind die Tränen, die in diesen Romanen reichlich fließen. Fast bei jeder Gelegenheit weint man, vor allem Henrich selbst, aber auch andere Personen. So weint selbstverständlich Wilhelm nach dem Tode seiner F'rau Dörfchen, und bei der unerwarteten plötzlichen Erinnerung an die Verstorbene , Henrich, als er die Molltöne der Orgel hört, und als er seiner glücklichen Kindheit gedenkt , beim Tode des Großvaters weint die ganze Familie, bei seiner Beerdigung auch der Pfarrer. Henrich neigt von seinem Charakter her zum Weinen, wie er gelegentlich bekennt , auch bei Gelegenheiten, die andere Menschen zornig machen würden, beispielsweise, als man ihm, ohne Gründe zu nennen, seine erste Stelle als Schullehrer kündigt , oder als er, wieder in der Schule, keine Disziplin halten kann . Wilhelm weint, als sein Sohn nach Flause kommt - diesmal fließen die Tränen vor Freude, aber sie können auch aus Ehrfurcht strömen oder beim Anblick einer schönen Landschaft . Der Vater erklärt Henrich, er habe die Neigung zur tränenseligen Empfindsamkeit von der Mutter geerbt , und in der Tat wird sie so auch vom Erzähler charakterisiert: 'Sie genoß beständig die Wonne der Wehmuth, und ihr zartes Herz schien sich ganz in Thränen zu verwandeln, in Thräncn ohne Harm und Kummer. Gieng die Sonne schön auf, so weinte sie |...| Gieng sie unter, so weinte sie." Daß Henrich später als Hauslehrer in Himmelmert von den Hausgenossen verspottet wird, hindert ihn nicht, dieser Neigung weiter nachzugeben.
      Man darf in dieser tränenseligen Empfindsamkeit auch eine Ã"ußerung der Melancholie sehen, obwohl das Wort erst in Henrich Stillings Wanderschaft fällt. Denn seit der pseudoaristotelischen Schrift Problemata, die um die Mitte des dritten Jahrhunderts vor Christo datiert wird, werden Melancholie und Genialität in der Behauptung verbunden, die außergewöhnlichen Politiker, Dichter, Philosophen und Künstler seien Melancholiker. Die Tradition dieser Verbindung reicht über die Renaissance bis ins achtzehnte Jahrhundert; Kant hatte sie 1764 in der Schrift Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen erneut belebt und die Empfänglichkeit für das Erhabene in der Verbindung mit dem 'Gefühl von der Schönheit und Würde der menschlichen Natur" einerseits sowie dem Gefühl für die ästhetische Schönheit anderseits im Zusammenhang gesehen, wobei er einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Schönen und Erhabenen sieht: 'Das Erhabene rührt, das Schöne reizt."


Treuherzigkeit und Frische, mit der Jung-Stilling vor allem den ersten Band seiner Lebenserinnerungen erzählt, machen ihren Reiz aus. Goethe, der ihn 1770 kennenlernte, erklärt die Wirkung, die auch von seiner Person ausging, mit seiner pietistischen Krziehung; sie habe 'einen Grad von Kultur" hervorgebracht, 'der Bewunderung erregen mußte" . Kr berichtet dann, wie jener in seiner Vortragsweise einem 'Nachtwandler" geglichen habe. Das Bild entspricht Jungs Selbstverständnis. In der späteren Fortsetzung seiner Lebensgeschichte Henrich Stillings häusliches Leben erzählt er, wie es ihm als Arzt in FJberfeld erging. Kr hatte von einem Geistlichen ein Manuskript geerbt, in dem Verfahren zur Heilung von Augenleiden beschrieben waren und nach dessen Lektüre er eine Zeitlang als Arzt wirkte:
'Mit Stillings Beruf und Krankenbedienung war es überhaupt eine sonderbare Sache: so lange er unbemerkt, unter den Armen und unter dem gemeinen Volk wiirkte, so lange that er vortrefliche Curen, fast alles gelung ihm, so bald er aber einen Vornehmen, auf den viele Augen gerichtet waren, zu bedienen bekam, so wollte es auf keinerley Weise fort, daher blieb sein Würkungskreis immer auf Leute, die wenig bezahlen konnten, eingeschränkt."
Goethes F.rzählung vom Besuch Jung-Stillings in Frankfurt I 775 und der Behandlung des erblindeten Herrn von Lersner im sechzehnten Buch von Dichtung und Wahrheit bestätigt das : die Operation mißlingt, denn einen Nachtwandler darf man nicht wissen lassen, was er tut und welche Folgen es haben kann. Dabei waren, wie Dieter Cunz errechnet hat, 87,5% von Jung-Stillings Augenoperationen erfolgreich. .
      Operierte er als Augenarzt 'mit gutem Mut und frommer Dreistigkeit" - mit Goethes Worten - so verfuhr er als Schriftsteller nicht anders. Kr begann mit natürlicher Spontaneität, die die Straßburger Freunde - neben Goethe waren es Herder, Lenz und Lerse - in ihren Bann zog und ihren Reiz bewahrt hat. Als Goethe den ersten Band zum Druck gab, brauchte er nichts hinzuzufügen, sondern allenfalls einiges zu kürzen. Schon im zweiten Band Henrich Stilmgs Jünglingsjahre, der nach dem Krfolg des ersten Bandes geschrieben wurde, verblaßt das Bild der nachtwandlerisch sicheren Naturpoesie; die pietistische Neigung, alle F.reignisse und Zufälle als Folgen göttlicher Fügung zu deuten, tritt immer deutlicher hervor. Jung-Stilling hat sie in didaktisch-utopischen Unterhaltungsromanen, die in den folgenden Jahren entstanden, weiter verfolgt .
      Kine Naturpoesie mit idyllischen Zügen - der Kindruck, den Henrich Stillings Jugend auf den Straßburger Kreis um Goethe machte, ist mit der Struktur des Werkes zu erklären. Sie zeigt romantische Züge. Das Wortwird von Jung-Stilling zur Kennzeichnung urtümlicher, paradiesischer Landschaftsbilder benutzt . Man kann aber auch in dichtungstheoretischem Sinn von romantischen KJementen dieses Romans sprechen. Die von der frühromantischen Poetik geforderte wurden von den Brüdern Grimm in die Kinder- und Hausmärchen aufgenommen . Henrich wird einmal gebeten, 'die Historie von der schönen Melusine" zu erzählen, die Frauengestalten singen Romanzen - Volkslieder oder Dichtungen Jung-Stillings. Auch Sagen, die die Brüder Grimm später in ihre Sammlungen übernahmen, werden erzählt. Die Stimmung, die davon ausgeht, überträgt sich auf die 'wahrhafte Geschichte". Sie wird noch verstärkt durch die Abänderung der Ortsnamen, die die vertraute oder nachprüfbare Realität in poetischem Licht erscheinen läßt.
      Mehr als zwanzig Jahre vor den theoretisch programmatischen Ãoberlegungen Friedrich Schlegels werden hier dessen romantische Forderungen an die Dichtung verwirklicht: 'Die romantische Poesie" hat die 'Bestimmung", 'alle getrennte Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen, und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will, und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Krititk, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig, und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen." Daß Jung-Stilling in der Krzählung seines Lebens diese Forderung, ohne ihre Theorie zu kennen, gleichsam nachtwandlerisch verwirklicht, begründet die Wirkung, die das Werk hatte. Ks ist eines der sprechendsten Dokumente der Literaturgeschichte der 1770er Jahre, weil sich in ihm nahezu alle Strömungen der Zeit beobachten lassen.
     

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