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Sturm und drang epoche
Die Lyrik der 1770er Jahre, soweit sie für den Sturm und Drang charakteristisch ist, läßt sich mit drei Stichworten kennzeichnen: Volkslied, Erlebnislyrik und Kunstballade. Damit sind nebeneinander la
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Die 'Leichenöffnung des Lasters - Friedrich Schiller: Der Verbrecher aus verlorener Ehre.



Entstehung

Einzelheiten der Entstehungsgeschichte sind unbekannt. Schiller schickte das fertige Manuskript am 29. November 1785 an den Verleger Göschen. In einem Brief vorn 13. Eehruar 1786 schreibt er ihm, es sei gegen seinen 'Wunsch, daß einige Artikel dieses Hefts, wozu ich ausdrüklich fremde Zeichen gebraucht habe, mir positiv zugeschrieben werden, vorzüglich die Geschichte aus dem Wirtembergischen" . Vermutlich befürchtete er ähnliche Folgen, wie sie die sog. Graubünder Affäre anläßlich der Räuber gezeitigt hatte: dort sagt Spiegelberg zu Razmann in 11,3: 'reis du ins Graubünder Land, das ist das Athen der heutigen Gauner." Herzog Karl Eugen nahm dies zum Anlaß, Schiller das Dichten von 'Komödien" zu verbieten, da er außenpolitische Verwicklungen befürchtete, nachdem sich die Ständeversammlung in Chur mit jener Ã"ußerung befaßt hatte.
     

Die historischen Ereignisse
Friedrich Schwärm wird am 4. Juni 1729 in Ebersbach an der Fils als Sohn eines wohlhabenden Metzgers und Gastwirts geboren. Dreizehnjährig verliert er die Mutter; der Vater heiratet im folgenden Jahr wieder. Als Siebzehnjähriger verbüßt er seine erste Zuchthausstrafe: er hat den Eltern Geld entwendet, ist geflohen, dann mehrmals in Ebersbach erschienen und hat Drohreden geführt. Nach der Haft arbeitet er zwei Jahre lang beim Vater als Geselle, dann kommt er abermals für ein halbes Jahr ins Ludwigsburger Zucht- und Arbeitshaus, weil er den Ebersbacher Kreuzwirt verprügelt hat. Nach der Entlassung beginnt er ein Liebesverhältnis mit der mittellosen Bauerstochter Christina Müller. Der Vater versucht erfolglos, die Beziehung zu unterbinden; im April 1750 bekennt Christina, daß sie schwanger ist. Friedrich Schwann muß eine Geldstrafe von 40 Gulden zahlen, da sein Vater nach wie vor die Heiratserlaubnis verweigert. Die Tochter wird im November geboren, und da sein Vater ihn immer knapper hält, beginnt er zu wildern. F.r wird ertappt und wiederum verurteilt, diesmal zu eineinhalb Jahren, denn zum Delikt des Wilderns kommt eine Rauferei mit dem Vater, bei der er ein Messer gezogen und einen Wirtshausgast unbeabsichtigt verletzt hat. Nach weniger als drei Wochen bricht er aus, läßt sich als Soldat anwerben, desertiert, lebt eine Weile als Landstreicher und stellt sich dann in Ebersbach dem Amtmann. Nach weiteren zehn Monaten Haft bricht er wiederum aus, stellt sich aber nach wenigen Tagen den Behörden. Nachdem er seine Strafe verbüßt hat, wird er entlassen und will nun mit Christina Müller nach Pennsylvanien auswandern. Das wird ihm auch erlaubt, aber unter der Bedingung, daß er, wie in solchen Fällen üblich, auf sein Heimat- und Bürgerrecht verzichten soll. Das will er nicht, zudem hört er, daß das Leben in Amerika nicht so leicht sei. Auch heiraten kann er nicht wegen der fehlenden Einwilligung des Vaters, obwohl die Trauung schon zweimal kirchlich abgekündigt wurde. Friedrich bedroht den Pfarrer, er wolle ihn 'von der Kanzel herunter" schiessen, wenn er ihn nicht traue. Bald darauf wird bei seinem Vater ein vergoldeter Abendmahlskelch gefunden. Beim Pfarrer ist eingebrochen worden, und Friedrich wird des Diebstahls beschuldigt. Man strengt einen 'peinlichen Prozess" an, d. h. ein Verfahren, in dem die Todesstrafe beantragt wird. Das Urteil vom Dezember 1753 lautet auf lebenslänglich. Friedrich Schwann wird auf der Festung Hohentwiel eingekerkert. Ein Ausbruchsversuch scheitert, der zweite, nach zweijähriger Haft, gelingt. Er geht nun nach Sachsenhausen bei Frankfurt zu einem Onkel als Hausknecht, muß aber nach einer Rauferei fliehen. Er wendet sich wieder in seine Heimat. Auf seine Ergreifung ist eine Belohnung von 20 Reichstalern ausgesetzt. Er wird festgenommen, in Göppingen gefangengehalten und kann, obwohl er an die Wand gekettet ist, mit den Ketten an den Fußgelenken nach einigen Wochen abermals entkommen. Ergeht nach Neckarenzlingen zu Christina, die dort als Dienstmagd arbeitet. Mit ihr zusammen will er ins Ausland fliehen. Man sperrt, gleichsam als Geisel, Christina ein. Da man sie, trotz seinen Drohungen, nicht freiläßt, beginnt er sein Räuberleben: nach einigen Einbrüchen und Wilddiebstählen schließt er sich im Frühjahr 1757 einer Gaunerbande an. Sie besteht zu einem großen Teil aus Mitgliedern der Familie Schettinger, von der zwanzig Angehörige hingerichtet worden waren. Mehrmals beteiligt sich Friedrich Schwahn an den Verbrechen der Bande. Im Sommer 1757 schießt man in seinem Heimatort auf ihn, ohne ihn zu treffen, aber er rächt sich an einem der beiden Schützen, indem er ihn beim Wildern ermordet. F,r war Witwer und Vater von vier Kindern, die nun Vollwaisen sind. An einem weiteren Mord, den man ihm zur Last legt, ist er unschuldig, aber die auf seine Ergreifung ausgesetzte Belohnung wird auf 150 Gulden erhöht. Er lebt nun mit Christine Schettinger zusammen; gemeinsam verüben sie Diebstähle auf Märkten. Daneben beteiligt er sich weiterhin an Einbrüchen und Raubüberfällen, die er zwar nicht selbst leitet, bei denen er aber 'eine durchaus führende Rolle" ., S. 53) spielt. Um den Hausierhandel mit den gestohlenen Waren unauffällig betreiben zu können, legen er und Christine sich Magd und Knecht zu. Die vier werden bei der Einkehr in einem Wirtshaus erkannt, das Dorf wird alarmiert, und als die Bürger in die Gaststube dringen, werden die Frauen mit dem Knecht festgenommen; Friedrich kann entkommen, indem er seinen zweiten Mord begeht und einen Verfolger erschießt. Im folgenden Winter 1759/60 erlebt er einen Tiefpunkt seines Lebens: einsam und unfähig, sich allzu weit von dem Gefängnis zu entfernen, in dem Christine Schettinger sitzt, leidet er unter Kälte und Hunger. Er plant, seinen Landesherrn, den Herzog Karl Eugen, durch einen Fußfall um Gnade zu bitten, aber ein Zufall verhindert das. Am 6. März 1760 wird er in Vaihingen festgenommen: am Stadttor nach seinen Papieren befragt, die zwar echt, aber illegal erworben sind, gerät er in Panik, da er dem Torwächter zum Amtmann folgen soll. Nach einer Nacht im Gefängnis gesteht er dem Oberamtmann Abel seine Identität.

V.

r wird unter strengsten Sicherheitsmaßnahmen gefangen gehalten und legt in Erwartung des nahen Todes ein umfassendes Geständnis ab, wobei er zahlreiche Kumpane seiner Verbrechen denunziert, so daß die Behörden noch mehrere Jahre nach seinem Ende mit Nachforschungen beschäftigt sind. Das Urteil wird am 2I.Juli gesprochen und am 30.Juli 1760 vollstreckt: Christine Schettinger und die Magd Katharine Schenk werden vor den Augen Friedrich Schwahns gehängt; dann wird er gerädert, sein 'Leichnam alsdann auf ein Rad geflochten und sein Kopf auf einen Spieß gesteckt."
Schiller lernte den Stoff nicht nur durch Schubarts Erzählung Zur Geschichte des menschlichen Herzens kennen, die im Januar 1775 im Schwäbischen Magazin von Gelehrten Sachen erschienen war, sondern auch durch mündliche Ãoberlieferung; v. a. vermutlich durch Jakob Friedrich Abel. Er war der Sohn des Vaihinger Oberamtmannes, der Schwann festgenommen hatte, und Schillers Lehrer an der Karlsschule.
     

Analyse
Schiller konzentriert die Erzählung auf die Beweggründe des Verbrechers. Der frühe Tod der Mutter, die Neigung des Vaters zur Stiefmutter - Ereignisse, die wohl die ersten Straftaten anregten - werden ausgeblendet. Statt dessen erfahren wir, wie das geliebte Mädchen den Jungen 'mißhandelte", daß er hälslich war, und daß ein 'Jägerpursche" eifersüchtig auf ihn war. Der Gelddiebstahl im Elternhaus wird durch Wilderei ersetzt. Die Motive des 'beleidigten Stolzes" , der 'Not und Eifersucht" sind ebenso literarisch wie die Zurückweisung des Arbeitsuchenden durch die 'Reichen des Orts" . Dies Unverständnis der Gesellschaft wird von den Richtern geteilt, die sich um die Gesetze mehr kümmern als um die 'Gemütsverfassung des Beklagten" . Schiller unterstreicht auch, wie wenig die Gefängnisstrafe den Verbrecher bessert, sondern auf seiner Verbrecherlaufbahn fördert; indem sie ihn mit erfahrenen Missetätern zusammenbringt, gewinnt er Kenntnisse über kriminelle Methoden, die er vorher nicht besaß, und durch eine demütigende und entehrende Behandlung wird er zur Rache statt zur Reue gestimmt. Diesem psychischen Vorgang gilt das Interesse des Erzählers Schiller vor allem.
      Der Verbrecher erlebt dann, nach der Entlassung in scheinbarer Freiheit, daß er ein Ausgestoßener ist. Ein Ereignis macht ihm das besonders deutlich: da er einem Knaben auf dem Markt ein Geldstück schenkt, wirft der ihm die Münze ins Gesicht. Und zum Verlust der eigenen Ehre kommt das gleiche Schicksal seiner früheren Geliebten: sie ist durch 'Hunger und Elend" entstellt und zur 'Soldatendirne" hinabgesunken. So ist er denn seiner Freundin, seiner sozialen Stellung und seines Eigentums ledig: in dieser Situation, da er über alle Möglichkeiten verfügt - 'Die ganze Welt stand mir offen" - entschließt er sich, sein Schicksal anzunehmen, das ihn zum Verworfenen gemacht hat. Er wird tatsächlich, willentlich und bewußt, zum Verbrecher, nachdem er es zuvor nur 'aus Notwendigkeit und Leichtsinn" war.
      Diesem ersten Angelpunkt seiner Entwicklung folgt der zweite. Beim Wildern erschießt er aus dem Hinterhalt den Nebenbuhler. Mit diesem Mord ist die Rückkehr in ein ehrbar bürgerliches Leben abgeschnitten. Er schließt sich einer Räuberbande an, die ihn alsbald zum Hauptmann wählt. Dieser Schritt, kaum getan, wird im nachhinein durch ein erotisches Motiv begründet: 'Wollust war meine wütendste Neigung; das andere Geschlecht hatte mir bis jetzt nur Verachtung bewiesen, hier erwarteten mich Gunst und zügellose Vergnügen." Nachdem er ein Jahr lang mit der Bande gelebt hat, beginnt die Reue. Seine Erwartungen haben sich nicht erfüllt; er istenttäuscht. 'Das Laster hatte seinen Unterricht an dem Unglücklichen vollendet" , und er richtet drei Bittbriefe an seinen Landesherrn, in denen er um Gnade bittet und seine Bereitschaft erklärt, als Soldat für ihn im eben ausgebrochenen Siebenjährigen Krieg zu kämpfen. Diese Gesuche bleiben unbeantwortet. F> beschließt deshalb, die Bande zu verlassen und außer Landes zu gehen. Unterwegs, in einer kleinen Landstadt, wird er vom mißtrauischen Torschreiber verdächtigt und zum Amtshaus gebracht. Er erregt durch einen Fluchtversuch den Verdacht des Oberamtmanns, wird über Nacht gefangengehalten, und am anderen Morgen, als der Oberamtmann seinen Verdacht schon fast aufgegeben hat, gesteht er ihm seine Identität. Damit endet die Erzählung; über Gefangenschaft, Verhöre und Hinrichtung des Christian Wolf- so heißt er bei Schiller - erfahren wir nichts mehr.
      Die Erzählung steht einerseits in der Tradition der moralischen Erzählungen, wie sie das achtzehnte Jahrhundert ausgebildet hatte. Anders aber als z.B. die didaktischen Fabeln Gellerts führt Schiller keine moralische Wahrheit vor, die auch außerhalb seiner Erzählung und allgemein feststünde, sondern er untersucht eine 'moralische Erscheinung" : den Vorgang, der den an sich gut gearteten Helden zum Verbrecher macht. Der Erzähler sagt das eingangs: es geht ihm um die Darstellung von Affekten, die, durch 'gewaltsame Leidenschaft" verstärkt, um so deutlicher sichtbar werden. Man hat oft auf Schillers Neigung zur Darstellung kriminalistischer Stoffe und großer Verbrechen hingewiesen; er hat nicht nur den Verbrecher aus verlorener Ihre geschrieben, sondern auch Die Räuber; später plante er ein Drama Die I'olizey: 'Ein ungeheures, höchst verwik-keltes, durch viele Familien verschlungenes Verbrechen, welches bei fortgehender Nachforschung immer zusammengesezter [!| wird, immer andere Entdeckungen mit sich bringt, ist der Hauptgegenstand." , und 1792 schrieb er ein Vorwort zur deutschen Ausgabe des l'itaval: der französische Jurist Fran^ois Gayot de Pitaval hatte 1734 bis 1743 eine Sammlung berühmter Rechtsfälle in zwanzig Bänden vorgelegt , aus der der Jenaer Pädagoge Friedrich Immanuel Niethammer 1792-1795 eine Auswahl in vierzehn Bänden veröffentlichte.
      Dieses Interesse Schillers ist auch medizinisch motiviert. Hatte der Karlsschüler 1778 Beobachtungen bei der Leichen-Ã-ffnung des Eleve Hdlers geschrieben , so spricht er hier von der 'Leichenöffnung seines Lasters" , wobei er die 'unveränderliche Struktur der menschlichen Seele" in der Wechselwirkung mit den 'veränderlichen Bestimmungen, welche sie von außen bestimmen" erkennen will. Literarisch entspricht der Metapher 'Leichenöffnung" die analytische Erzählstruktur. Zu Beginn, nach der Einleitung, erfährt der Leser das Ende des Verbrechers. Damit wird das Interesse von der Ermittlung seiner Taten auf die ihrer Ursachen gelenkt. Daher verzichtet Schiller auch auf die ausführliche Darstellung der Verbrechen und die Grausamkeiten der Hinrichtung, wie er sie in den Räubern einigen Personen in den Mund gelegt hatte, denn 'das bloß Abscheuliche hat nichts Unterrichtendes für den Leser."
Kng verbunden mit dem psychologischen Interesse des Mediziners ist das des Dramatikers an der tragischen Konsequenz eines Lebens, das mit Notwendigkeit zum Verbrechen gezwungen wird, und zwar durch äußere Einflüsse, Vorurteile und Unverständnis der Gesellschaft, der Richter, der Gesetze und des Landesherren, der die Gnadengesuche unbeantwortet läßt. Deshalb läßt Schiller Züge wie die Gewalttätigkeiten des historischen Friedrich Schwann in seiner Erzählung unerwähnt. Hin moderner Jurist spräche bei der Beurteilung seiner Taten gewiß von beachtlicher krimineller Energie. Die beweisen nicht nur die Ausbruchsversuche, sondern v. a. das Leben in der Räuberbande; man muß sich vor Augen halten, daß es bis zur Wende vom achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert in Deutschland eine gesellschaftliche Schicht gab, die Gauner oder 'Jauiier", die sich aus Zigeunern, Juden, Landstreichern, entlaufenen Soldaten und verarmten Bauern zusammensetzte. Sie lebten als 'Hausierer, Besenbinder, Korbmacher, Kesselflicker und Scherenschleifer" , fanden sich aber auch zu planmäßigen Unternehmungen zusammen, meist zu Hinbruchsdiebstählen, bei denen die Hausbewohner gefesselt und gefoltert wurden, um die Verstecke von Geld und Wertsachen preiszugeben.
      Indem Schiller diese Umstände in seiner Erzählung wegläßt, tritt er scheinbar für die Helden seiner Erzählung ein, bei genauerem Hinsehen zeigt sich indes: es geht ihm um 'Belehrung" und 'Bildung" seines Publikums, aber nicht, wie dem Geschichtsschreiber, der immer den ihm zugänglichen Quellen verpflichtet bleibt, und auch nicht wie dem Moritatensänger, der 'das Vergnügen an tragischen Gegenständen" - mit der Formulierung von 1792 - wecken will, sondern er wendet sich an die Urteilskraft seiner Leser, an 'die republikanische Freiheit des lesenden Publikums" . Damit begründet er scheinbar das moderne, durch die Literatur des Sturm und Drang hervorgebrachte Literaturverständnis der Epoche, so wie sein psychologisches Interesse vorausweist in die Zukunft des neunzehnten Jahrhunderts. Die redensartliche 'dichterische Freiheit" ist, so gesehen, keine Willkür, sondern einer höheren 'Gerichtsbarkeit" - wie Schiller gern sagt - unterworfen: der Erkenntnis der Wahrheit durch ein aufgeklärtes, mündiges Publikum, das die Freiheit hat, durch eigenes Nachdenken über Recht und Unrecht zu entscheiden.
      Man darf jedoch nicht verkennen, daß dieser Prozeß der Urteilsbildung beim Leser durch den Erzähler in eine bestimmte Richtung gelenkt wird. Albert Meier macht auf entsprechende Signale in der F>zählung aufmerksam; 'Wenn sich z. B. der Sonnenwirt damit rechtfertigen will, daß sein ,böses Herz' seine ,Vernunft' angesteckt habe, so dementiert er sich gleichzeitig selbst, indem er von seinen Tränen berichtet - im Widerspruch zur Selbstinterpretation Wolfs ist dessen Herz, d. h. seine angeborene Morali-tät, noch nicht völlig zerstört."

So werde einerseits zwar an den Leser appelliert, sich ein Urteil zu bilden, andererseits aber würden 'die weltanschaulichen bzw. anthropologisch-psychologischen Konsequenzen |...| suggeriert." Die Worte von der 'republikanischen Freiheit" seien ein 'Etikcttenschwindel", wie er mit Brandstätter behauptet, da 'eine manipulative Erzählstruktur" das vom Erzähler beabsichtigte Ergebnis nahelege a. a. O., S.271).
      Die Modernität der Erzählung liegt einmal in diesem Verfahren: erschien noch 1779 eine Ausgabe von Wagners Drama Die Kindermörderin gleichsam mit erhobenem Zeigefinger unter dem Titel Kuchen Humbrecht oder Ihr Mütter merkts K.uchl und rühmte noch 1781 Boie an Bürgers Ballade Des Pfarrers Tochter von Taubenhain die 'Moral" - so deutet Schiller diese Moral nur an. Die Rede von der Freiheit des Publikums ist insofern kein 'Etikettenschwindel", als der Leser nicht genötigt wird, diese Konsequenzen zu ziehen. Sie werden ihm zwar indirekt nahegelegt, aber nicht aufgedrängt. Der Verbrecher aus verlorener Ehre ist die erste psychologisch motivierende Kriminalerzählung der deutschen Literatur. Sie zielt darauf ab, den Leser über die Mitschuld der Gesellschaft und des Staates an den Verbrechen zu unterrichten und ihn über die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Erziehung, Umwelt und angeborener Veranlagung nachdenken zu lassen. Insofern steht Der Verbrecher ans verlorener Ehre im Bann der Aufklärung.
      Das hat auch Folgen für die Bestimmung der literarischen Gattung dieser Erzählung: man darf sie einen, obschon kurzen Roman nennen, denn es geht Schiller hier nicht um die Darstellung eines Ereignisses, wie es die Novelle erzählt, sondern um die Motive der Handlungen: 'An seinen Gedanken liegt uns unendlich mehr als an seinen Taten, und noch weit mehr an den Quellen seiner Gedanken als an den Folgen jener Taten."

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Die  'Leichenöffnung  Lasters  -  Friedrich  Schiller:  Der  Verbrecher  aus  verlorener  Ehre.    





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