Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Sturm und drang epoche
Die Lyrik der 1770er Jahre, soweit sie für den Sturm und Drang charakteristisch ist, läßt sich mit drei Stichworten kennzeichnen: Volkslied, Erlebnislyrik und Kunstballade. Damit sind nebeneinander la
Index
» Sturm und drang epoche
» Lyrik
» Die Idylle: Maler Müller und Johann Heinrich Voß

Die Idylle: Maler Müller und Johann Heinrich Voß



Einleitung

Die Gattungsbezeichnung Idylle wurde aufgrund eines fruchtbaren philologischen Irrtums als 'kleines Bild" verstanden. Man leitete das Wort etymologisch vom griechischen Kidyllion - Bildchen - her. Renate Böschenstein und andere vor ihr haben darauf aufmerksam gemacht, daß das Stammwort F.idos, dessen Verkleinerungsform Kidyllion ist, nicht nur Bild im Sinne eines Abbildes bedeutet, sondern 'innere Form, Wesen, Idee" oder 'Art, Gattung". Sie verweist auf einen Brief des jüngeren Plinius, der die Bezeichnung Idyll mit Hpigramm, Kkloge oder einfach mit Poem gleichsetzt, so daß sie die Gattung als 'kleines selbständiges Gedicht, das nach Inhalt und Form nicht näher bestimmt ist" , definiert. Fruchtbar ist der herkömmliche Irrtum insofern, als er den Charakter des Räumlichen und Zuständlichen betont, der die Idylle bestimmt. Als ihr Begründer gilt der Grieche Theokritos . Fr und Vergil mit den Bukolika und den Eklogen haben die verbreitete Vorstellung genährt, die Idylle sei ein Hirtengedicht, obwohl mehrere Gedichte Theokrits ein anderes Personal und andere Schauplätze als die Schäferpoesie haben. Noch Gottsched und Sulzer setzen die Gattungen gleich.
      Die Idyllendichtung war zur Zeit des Sturm und Drang zunächst von dem Schweizer Salomon Ccssner geprägt, dessen Idyllen 1756 erschienen waren: kurze Prosadichtungen in der Tradition Theokrits, der spätantiken Schäferdichtung und der zeitgenössischen Anakreontik. Sie zeigen nahezu alle Merkmale der Gattung: die Idylle ist eine epische Dichtung, die jedoch keine bewegten Handlungen erzählt, sondern einen Zustand in einem eingegrenzten Raum. So gewinnen auch Cessners Idyllen ihren Charakter durch die Geschlossenheit einer behüteten Welt. Dieser Raum wird oft als locus amoenus, als l.ustort beschrieben; das ist ein Topos, ein von der antiken Idyllendichtung geprägtes Bild oder ein Zitat . Die Muse der Idylle wird angelockt 'durch kühler Bäche rieselndes Gewässer, und durch der heiligen Wälder dunkeln Schatten", sie sucht dort nach Blumen, 'und ruht im weichen Gras". Gessner meint, dem vorgegebenen Gattungsmuster am besten zu entsprechen, wenn er 'ein goldnes Weltalter, das gewiß einmal dagewesen ist", beschreibt, wie er in einer Vorrede An den Leser sagt. Deshalb sind seine Figuren auch nicht Landleute seiner Zeit, seine Idyllen sind bewußt und absichtlich unrealistisch.
      'Diese Dichtungs-Art bekömmt daher einen besondern Vor-theil, wenn man die Scenen in ein entferntes Welt-Alter sezt; sie erhalten dadurch einenhöhern Grad der Wahrscheinlichkeit, weil sie für unsre Zeiten nicht passen, wo der Landmann mit saurer Arbeit unterthänig seinem Fürsten und den Städten den Ãoberfluß liefern muß, und Unterdrückung und Armuth ihn ungesittet, und schlau und niederträchtig gemacht haben."
Hier setzt die Kritik Herders an, die er 1766 in Riga erscheinen ließ. Sie führt den Titel Ãober die neuere deutsche Literatur. Zwote Sammlung von Fragmenten. Eine Beilage zu den Briefen, die neueste Literatur betreffend. Im

I

V.

Kapitel Von der griechischen Literatur in Deutschland zieht er einen Vergleich zwischen Theokrit und Gessner. E,r gelangt zu dem Frgebnis, Theokrit stehe der Natur näher als Gessner; jener sei in höherem Grade ein 'Genie", da er 'Leidenschaft" und 'Kmpfin-dung" besitze, wogegen Gessner nur 'Kunst und Feinheit" zeige. Man könne das an den Kpigoncn Cessners deutlicher sehen als an seinen eigenen Werken, die Herder im übrigen ziemlich hoch schätzt. Handelt es sich also in den Idyllen Theokrits um eine aus der Natur geborene Naivität, so bei Gessner um eine von der 'idealischen Kunst" geborene. Hat man der Idylle oft die Langeweile vorgeworfen, die sich aus dem Mangel an Bewegung erklärt, so kritisiert Herder die Absichtlichkeit, mit der Gessner die Sitten seiner Zeit ausschließt. Das liege daran, daß er nicht den antiken Quellen folgt, sondern ihrer Vermittlung durch die französischen Theoretiker Fon-tenelle und Batteux.
Herders Kritik zeigt, wie nachhaltig sich in den Jahren von 1756 bis 1766 die Maßstäbe literarischer Bewertung veränderten. Die Idyllendichtungen des 'Mahlers" Friedrich Müller und von Johann Heinrich Voß zeigen wenig später, wie die Dichtung sich im Jahrzehnt des Sturm und Drang veränderte. Sie folgt nicht mehr einem scheinbar zeitlosen, vorgegebenen Muster, sondern zeigt die geschichtlichen und persönlichen Probleme ihrer Verfasser, so daß sich notwendig auch die literarische Form ändert.
      Die in den siebziger Jahren entstandenen Idyllen Müllers sind, wie Die Leibeigenschaft von Voß, Dialoge; man könnte sie sich auf einer Bühne vorstellen, zumal Müller auch Regieanweisungen einflicht. F.s wäre daher denkbar, auch die beiden Poetischen bespräche von Johann Anton Leisewitz Die Pfändung und Der Besuch um Mitternacht zu den Idyllen von Maler Müller und Voß zu stellen. Dagegen aber spricht, daß diese beiden Texte keinen in sich geschlossenen Raum zeigen, sondern von außen die Szene in Frage stellen, im einen der beiden Texte sogar durch eine Geistererscheinung, die dem realistischen Charakter der Idylle des Sturm und Drang weniger als der Ballade entspricht.

     

 Tags:
Die  Idylle:  Maler  Müller  Johann  Heinrich  Voß    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com