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Sturm und drang epoche
Die Lyrik der 1770er Jahre, soweit sie für den Sturm und Drang charakteristisch ist, läßt sich mit drei Stichworten kennzeichnen: Volkslied, Erlebnislyrik und Kunstballade. Damit sind nebeneinander la
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Die Entdeckung der Naturpoesie Johann Gottfried Herder: Auszug aus einem Briefwechsel über Oßian und die I Jeder alter Völker



Herder wurde 1 764 mit den Gesängen Ossians bekannt, als in Deutschland die ersten Übersetzungen erschienen. Es waren Gesänge in rhythmisierter Prosa: die F.pen Vingal und Tetnora sowie einundzwanzig kürzere Prosagedichte. Teils waren es Funde altgälischer Volksdichtungen aus dem schottischen Hochland, teils Nachdichtungen, überwiegend aber Fälschungen, die von James Macpherson , einem Bauernsohn und Theologen, gesammelt, übersetzt und verfaßt worden waren. Er fußte dabei auf Bearbeitungen eines Sagenkreises, in dessen Mittelpunkt ein irischer Held des dritten Jahrhunderts mit seinen Kriegern steht. Howard Gaskill beschreibt die Kpen so: Macpherson mache diesen irischen Helden Fionn "zu einem caledonischen König, der aber in beiden längeren Kpen in Irland militärisch aktiv ist, einmal, um eine Invasion der Skandinavier zurückzuschlagen , einmal um einen Usurpator vom irischen Throne zu stürzen . In beiden Fällen geht die epische Einkleidung auf Macpherson selbst zurück, wobei Vingal eine nicht ungeschickte und fast legitim zu nennende Verknüpfung von echten Quellen darstellt, Tetnora dagegen bis auf den ersten der acht Gesänge eine komplette Fälschung ist. Von seinen Vorlagen hat Macpherson nur das beibehalten, was einem zeitgenössischen Publikum zumutbar erschien; alles "Barbarische", Deftig-Humorvolle wurde restlos gestrichen. Zurück blieb als echtester Zug die überlieferte Dichterfigur des greisen Ossian, der vereinsamt und blind einer ruhmreichen Vergangenheit nachtrauert und den Untergang seines Stammes beklagt."

Als kennzeichnend erscheinen dem heutigen Leser v. a. zwei Eigentümlichkeiten: der Zusammenhang der F.rzählung ist kaum zu erkennen; Herbert Schöffler spricht von einem "trüben Dämmerlicht" . Und dem entspricht die zutiefst schwermütige Stimmung, die besonders durch die Landschaftsbeschreibungen mit "kahlen Bergen, nebligen Heiden, heulenden Stürmen und tosendem Meer" .) hervorgerufen wird.
      1768 erschien die erste vollständige deutsche Übersetzung dieser Texte von Johann Ncpomuk Cosmas Michael Denis , einem Wiener Jesuiten, die Herder in der Allgemeinen Deutschen Bibliothek 1769 besprach. Während seiner Reise kam er in nähere Berührung mit den Originalen, die ihm in Nantes und Amsterdam bekannt wurden, und in Straßburg übersetzte er selbst einige Texte. In Bückeburg verfaßte er dann die Abhandlung, offenbar zwischen Juli und November 1771, zwischen der ersten und der zweiten Fassung des Shakespeare-Aufsatzes. Der Auszug aus einem Briefwechsel über Ossian und die Lieder alter Völker erschien zusammen mit dem Shakespeare-Aufsatz 1773 bei Bode in Hamburg in dem Band Von deutscher Art und Kunst. Einige fliegende Blätter; er enthielt außer Herders beiden Aufsätzen Goethes Essay Von deutscher Baukunst. D. M. Ervini a Steinbach, den von einem unbekannten Übersetzer ins Deutsche übertragenen Aufsatz des Italieners Paolo Frisi Saggia sopra l'archi-tettura gotica unter der Überschrift Versuch über die gotische Baukunst sowie von Justus Moser einen Auszug aus der Vorrede zur Osnabrückischen Geschichte mit dem Titel Deutsche Geschichte.

     
Analyse
Mit seiner Charakterisierung des vermeintlich altschottischen Barden als "Dichter, so voll Hoheit, Unschuld, Einfalt, Tätigkeit, und Seligkeit des menschlichen Lebens" umreißt Herder poetische Grundsätze, denen dann seine eigene Volksliedersammlung folgt: Die Suche nach der "Unschuld" fragt nach der menschlichen Natur, der eigenen unverbildeten Art, die nicht durch "Kunst" und "Mode" verdeckt ist. Die Natur, die sich in Pflanzen oder in der unbearbeiteten Landschaft zeigt, ist eine Metapher, die jene menschliche Natur meint. Der Theologe Herder dürfte dabei auch an den Zustand des Menschen vor dem Sündenfall gedacht haben; deshalb stellt er die "Einfalt" neben die "Unschuld". Die "Hoheit" ist deshalb nicht aus dem hohen Stil oder der gesellschaftlichen Stellung der Personen abgeleitet, sondern aus ihrer Natur - so wie auch im Drama des Sturm und Drang die Ständeklausel fällt. Herder macht in dieser Programmschrift und in der Volksliedersammlung deutlich, daß die Ursprünglichkeit nicht nur bei den "Alten", also in der griechisch-römischen Antike zu suchen sei, sondern ebenso in der littauischen, englischen oder spanischen Literatur. Überall sind wahre und sinnliche Empfindungen ausgesprochen. In Ossian wie im Volkslied findet er den "Geist" der wahren Dichtung: ein Schlüsselwort seiner Geschichtsphilosophie und Ästhetik; hier wie dort meint es die bewegende Kraft. Als letzter Grund entzieht er sich allen Versuchen, ihn durch "grübelndes Zerlegen" zu erkennen. Deshalb muß man ihn empfinden. Er ist lebendig und weit entfernt "von künstlicher, wissenschaftlicher Denkart, Sprache und Letternart" .
      Die Volkslieder gehören zum Gesang und Tanz; sie entstehen nicht in der Studierstube des gelehrten Dichters, sondern entspringen dem Augenblick des lebendigen Eindrucks, "gleichsam aus dem Notdrange des Inhalts, der Empfindungen" : "Der Geist, der sie erfüllet, die rohe, einfältige, aber große, zaubermäßige, feierliche Art, die Tiefe des Eindrucks, den jedes so starkgesagte Wort macht, und der freie Wurf, mit dem der Eindruck gemacht wird - nur das wollte ich bei den alten Völkern, nicht als Seltenheit, als Muster, sondern als Natur anführen, und darüber also lassen sie mich reden."
Es entspricht nicht allein Herders persönlicher Eigenart, sondern der Sache, daß sie sich nicht begrifflich, sondern angemessener in Bildern be-schreiben läßt. Eine solche Metapher ist der "Wurf": das gelungene Lied ist ein Glücksfall, der nicht in der Macht des Dichters steht. Er spricht auch vom "erste|n| Hinwurf" , der nur angeborener Kraft gelingt und sich nicht erkünsteln läßt - ein grundlegender Gedanke der Genieästhetik.
      Das Charakteristische und Natürliche ist durch "Festigkeit", "Bestimmtheit" und "runde Contour" gekennzeichnet. Herder findet es in den Gedichten der Wilden, im Kirchenlied Luthers, in englischen, schottischen und nordischen Balladen und erkennt es an "Sprünge|n| und Würfe[n| und Inversione[n|" : das Wort meint in der Grammatik die Veränderung der üblichen Folge von Wörtern und Satzteilen, hier, darüber hinaus, auch die Veränderung der zu erwartenden Gedanken- und Bilderfolge, die mangelnde logische Verknüpfung und Begründung. Das Lied folgt den Sinnen und Leidenschaften; die Auslassungen von Silben, Artikeln und Bindewörtern führen zur Betonung des Hauptworts, zur Aufmerksamkeit für das Wesentliche und zum ursprünglich poetischen "Kinderton" .
      Diese Überlegungen weisen lyrischer Dichtung eine wesentlich neue Qualität zu. Indem sie sich über die Forderung nach vernünftiger Folgerichtigkeit erhebt, kann sie ein Element von Unverständlichkeit gewinnen. "Es ist kein anderer Zusammenhang unter den Teilen des Gesanges, als unter den Bäumen und Gebüschen im Walde, unter den Felsen und Grotten in der Einöde, als unter den Szenen der Begebenheiten selbst." Dieser Gedanke wurde zunächst in der Lyrik Goethes fruchtbar.
      Herder hat mit dem OsswM-Aufsatz und seiner Volksliedersammlung wieder an den Zusammenhang lyrischer Dichtung mit ihren Ursprüngen erinnert: das Arbeits- und Kriegslied, die Totenklage und Beschwörung, alte Mythen und Sagen, Tänze und Volksbräuche gehören ebenso in den Umkreis des Volksliedes wie Aberglauben und Zauberei. Diese Zusammenhänge waren im achtzehnten Jahrhundert nahezu in Vergessenheit geraten. Herders Ästhetik ist oft in dem Sinne mißverstanden worden, daß der Rationalismus der Aufklärung durch den Irrationalismus des Sturm und Drang überwunden werde. Das ist nicht der Fall: Herder spricht hier über Dichtung, nicht über Philosophie oder Theologie. Er wendet sich gegen Gottsched, nicht gegen Lessing, Kant oder die kritische Bibelwissenschaft seiner Zeit. Er weist das Mißverständnis selbst zurück, indem er den berühmten Brief Voltaires an Rousseau zitiert:
"- Sie lachen über meinen Enthusiasmus für die Wilden beinahe so, wie Voltaire über Rousseau, daß ihm das Gehen auf Vieren so wohl gefiele: Glauben Sie nicht, daß ich deswegen unsre sittlichen und gesitteten Vorzüge, worin es auch sei, verachte. Das menschliche Geschlecht ist zu einem Fortgange von Szenen, von Bildung, von Sitten bestimmt: wehe dem Menschen, dem die Szene mißfällt, in der er auftreten, handeln und sich verleben soll!" Voltaire hatte sich' am 30. 8. 1755 bei Rousseau für den Discours sur Vorigine et les fondemens [!] de l'inegalite parmi les bommes bedankt und dabei die Rückkehr zu den "natürlichen Zuständen" mit der Bemerkung ironisiert, daß er nach der Lektüre ein Verlangen gehabt habe, auf allen Vieren zu laufen.
Bestritten wurde die Echtheit der Gesänge Ossians alsbald nach ihrem Erscheinen; es dauerte indes Jahrzehnte, bis nach Herders Tod, ehe man deutlich erkannte, in welchem Maße sie gefälscht waren. Daß es sich zu einem guten Teil um eine Schöpfung Macphersons handelte, der Reste altgälischer Volkspoesie mit eigenen Erfindungen zusammengestellt hatte, daß er sich dabei im wesentlichen an das Bildungsgut seiner Zeit - Milton, die Bibel, Homer, auch zeitgenössische Dichter wie Edward Young - gehalten hatte, daß auch ursprünglich volkstümliche Elemente der schottischen Hochlanddichtung fehlten, wie z. B. der für die Menschen dort so wichtige Lachs: das vermutete und sah man schon in den 1760er Jahren, das wurde aber erst zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts nachgewiesen und allgemein wahrgenommen, nachdem ein Ausschuß die Texte und ihre Quellen untersucht und 1805 einen Bericht vorgelegt hatte. Herder mochte sich von der Kritik an der Echtheit der Gesänge Ossians nicht überzeugen lassen - einmal, weil er den echten Kern, von dem Macpherson ausgegangen war, mit sicherem Gespür erkannte, vor allem aber, weil er hier sein Ideal der Volksdichtung sah. Verdeutlicht wird es durch einen Blick in seine Volksliedersammlung.
     

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