Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Sturm und drang epoche
Die Lyrik der 1770er Jahre, soweit sie für den Sturm und Drang charakteristisch ist, läßt sich mit drei Stichworten kennzeichnen: Volkslied, Erlebnislyrik und Kunstballade. Damit sind nebeneinander la
Index
» Sturm und drang epoche
» Lyrik
» Das poetische 'Ur-Ei - Die Anfänge der Kunstballade

Das poetische 'Ur-Ei - Die Anfänge der Kunstballade



Einleitung

1821 schrieb Goethe über die Ballade, sie sei 'lyrisch, episch, dramatisch", und deshalb 'Heise sich an einer Auswahl solcher Gedichte die ganze Poetik vortragen, weil hier die Hlemente noch nicht getrennt, sondern wie in einem lebendigen Ur-Ki zusammen sind, das nur bebrütet werden darf, um als herrlichstes Phänomen auf Goldflügeln in die Lüfte zu steigen." Seither ist man sich weithin einig über die Verbindung der von Kmil Staiger so genannten 'Grundbegriffe der Poetik" in Ballade und Romanze. Beide Begriffe, abgeleitet vom italienischen ballata und vom spanischen romance werden etwa seit den zwanziger Jahren bedeutungsgleich benutzt. Noch die sorgsam abwägende Bestimmung von Hartmut l.aufhüt-te betont den 'episch-fiktionalen" und den dramatischen Charakter der Ballade, wenn er von ihrer 'spezifische|n| teleologische!n| Vorgangsstruk-turierung" spricht. : Deutsche Balladen. Stuttgart 1991, S. 619)
Strittig hingegen ist die Frage der Entstehung: Walter Falk läßt die Gattung mit dem Neuen Jonas von Johann Wilhelm Kudwig Gleim beginnen ; Beate Pinkerneil führt Gleims Marianne als Beispiel für den Ãobergang vom Bänkelsang zur Kunstballade an : Das große deutsche Balladenbuch, Königstein/Ts. 1978, Vorwort S. IX). Auch Hartmut Kaufhütte läßt seine Sammlung mit diesem Gedicht beginnen; unter seinem vollständigen Titel Traurige und betrübte Holgen der schändlichen Eifersucht. Die unterschiedlichen Ansichten stützen sich einerseits auf den litcraturgeschichtlichen Befund: Falk sichtet die im Gefolge Gleims entstandenen Balladen von Johann Friedrich Cronegk, Christian Felix Weisse, Johann Friedrich Köwen, Rudolph Erich Raspe und Daniel Schiebeier aus den Jahren 1756/57 bis 1767, in denen 'sich während der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Phantasie vom Verstand zu befreien versuchte" . Die andere Ansicht geht auf Herder zurück, der im Osswrc-Aufsatz 'die Nachsinger" Gleims verurteilt. Gleim,so führt er aus, habe zwar seine Marianne 'so schön" gesungen, aber andere seiner Werke und vollends die seiner Nachfolger verweist er in das Gebiet des 'Niedrigkomischen und Abenteuerlichen" . Damit begründet er, wohl ohne es ausdrücklich zu wollen, die Ansicht, die Ballade sei ein literarisch anspruchvolles Gebilde, 'oft mit großer metrischrhythmischer Artistik gestaltet" .
      Die Uneinigkeit hat ihren Grund auch in der Schwierigkeit, neue geschichtliche Erscheinungen wie literarische Gattungen bei ihrem Beginn schon sozusagen dingfest zu machen, da sich die Merkmale erst im Kaufe ihrer Geschichte herausbilden und verfestigen. Mit einem Bild spricht deshalb der Kiteraturgeschichtler Richard Newald von der neuen Ballade und ihrem 'Wurzelsystem", das er mit Wolfgang Kayser als 'Historisches Volkslied, Zeitungslied mit Beiträgen zur kriminellen Chronik und Vortragsweise des Bänkelsangs" beschreibt.
      Je nach dem Gesichtspunkt, aus dem man die Geschichte der Kunstballade sieht, wird man auch den Zeitpunkt ihres litcraturgeschichtlichen Beginns nennen: wer die Herkunft aus dem Bänkelsang betont, wird sich der Ansicht von Walter Kalk anschließen und Gleim als den Vater der Kunstballade nennen; wer sich mit Herder auf ihre Ursprünge in der Volksballade beruft, wird wie Wolfgang Kayser dazu neigen, Hölty und Bürger als Schöpfer der Gattung zu sehen. Doch wie auch immer: die Kunstballade aus dem Umkreis des Göttinger Hains unterscheidet sich einerseits deutlich vom Bänkelsang, dessen Eigentümlichkeiten man in Gleims Balladen wiedererkennen kann - schon an ihren Ãoberschriften -und anderseits von der Volksballade, deren Ãoberlieferung und deren volksläufige Sprache sie ausweist. Daher haben sich die meisten Literaturgeschichten darauf verständigt, die Kunstballade - im Unterschied zur Volksballade - mit Ludwig Heinrich Hölty beginnen zu lassen und in Lenorc von Gottfried August Bürger ihren ersten Höhepunkt zu sehen.

     
Analysen
'There are morc things in heaven and earth, Horatio, / Than are dreamt of in our philosophy" - die Motive des Ãobersinnlichen und Schauerlichen in den Balladen und Dramen des Sturm und Drang sind auch als Proteste gegen die nüchterne Aufklärung zu lesen. Die Literatur der 1770er Jahre wird auch gegen sie geschrieben. Anderseits steht sie, wie Bürgers Balladen zeigen, zum Teil noch innerhalb der sittlichen Grundsätze und rechtlichen Normen der Zeit, ja noch vor der epochalen Schwelle der Genieästhetik. Man darf sie, will man ihr gerecht werden, weder mit dem Anspruch auf gesellschaftlich engagierte Dichtung noch mit den Augen eines an autonome Dichtung gewöhnten Lesers wahrnehmen.
      Deutlich wird der Widerspruch, der die Kunstballade in ihren Anfängen kennzeichnet, in den Romanzen von Ludwig Christoph Heinrich Hölty. Einige Beispiele zeigen das. Ende des 5. Jahrhunderts nach Christus verfaßte der spätgriechische Dichter Musaios ein Kurzepos in Hexametern Die Geschichte von Hero und Leander. Es greift einen in der Antike verbreiteten Stoff auf, der schon Ovid und Vergil beschäftigt hatte. Hero war eine Priesterin der Aphrodite in Sestos am Hellespont, Leander ein Jüngling aus Abydos auf der anderen Seite der Meerenge. Seine Eltern wollten eine Heirat nicht erlauben, und so schwamm er jede Nacht durch den Hellespont, um die Geliebte zu besuchen, wobei er sich an dem Licht orientierte, das Hero in einem Turm entzündet hatte. Als das Licht eines Nachts durch einen Sturm gelöscht wurde, ertrank Leander, und aus Kummer über seinen Tod stürzte Hero sich von ihrem Turm.
      Keck, fast übermütig, parodiert Hölty 1769/70 die alte Geschichte, indem er zunächst die Quelle nennt: den 'Lcyermann Musaeus" , nicht Johann Karl August Musäus ) und nach der Einleitung offenbar absichtliche Anachronismen und Stilbrüche in die Erzählung einflicht: Leander macht eine modische Verbeugung, 'einen Reverenz", seine Liebe gesteht er nicht, sondern er 'schwatzt" davon, und Hero wird zur 'Miß"; beider Beschäftigung ist die eines Rokoko-Liebespaares: 'Tändeleyn", und die l.iebesgöttin, von Hero um Hilfe angerufen, obliegt dem Kartenspiel.
      Auch in anderen Romanzen - Aktäon, Apoll und Daphne, Clytia und Phoebus - macht Hölty es ähnlich. Wo er dann Gegenstände behandelt, die damals modern und zeitgemäß waren, ändert er dies poetische Verfahren nicht; beispielhaft ist die Ballade Ebentheuer von einem Ritter, der sich in ein Mädchen verliebt, und wie sich der Ritter umbrachte . Die umständliche Ãoberschrift, eigentlich eine Inhaltsangabe, erinnert an den Bänkelsang; später verzichtete Hölty darauf. Im Musenalmanach für 1774 heißt das Gedicht Adelstan und Röschen. Die Gattung wird hier offensichtlich verspottet, ebenso das Thema der vom adligen Verführer verlassenen Schönen. Erinnert die Ãoberschrift, die den Inhalt nennt, an den Bänkelsang, so spielt die verlassene Als genüge es dem Dichter nicht, sie als Gespenst auftreten zu lassen, muß auch der Ritter Adelstan - in der ersten Fassung heißt er Hardiknut - mit dem 'Blutdolch in der Brust" die nächtlichen Besucher des Friedhofs erschrek-ken. Und so wie Röschen verlassen wird, geht es auch der Nonne: die Ballade hat ihren Höhepunkt in der Ermordung des Verführers durch eine von der Verführten gedungene 'Schar von wilden Meuchelmördern". Mitdem Herz des Ermordeten in der Hand steigt sie endlich als Wiedergän-gerin aus dem Grab empor.
      In Bürgers Lenore und Des Pfarrers Tochter von Taubenhain wird die Lage der verlassenen Braut so eingehend dargestellt, daß der Leser sich anteilnehmend hineinfühlen kann. Das tut Hölty in seinen Romanzen nicht. Er verwendet die Motive und Figuren, um sie zu ironisieren. Seine Begabung und Neigung traut der Gattung Ballade wohl noch nicht die Möglichkeit zu, eine ernste künstlerische Absicht zu verwirklichen. Das bestätigt ein Brief an Voß vom April 1774, in dem Hölty schreibt: 'Ich soll mehr Balladen machen? Vielleicht mache ich einige, es werden aber sehr wenige seyn. Mir kommt ein Balladensänger wie ein Harlekin, oder wie ein Mensch mit einem Raritätenkasten vor. Den größten Hang habe ich zur ländlichen Poesie, und zur süßen melancholischen Schwärmercy in Gedichten."
Die Schwierigkeiten der Balladentheorie lassen sich deutlich an der Muster- oder Programm-Ballade des Sturm und Drang erkennen: Lenore von Gottfried August Bürger , die vom April bis September 1773 entstand, eine Dichtung, die Bürger berühmt gemacht hat, die begeistert aufgenommen wurde und bis heute ihren Reiz bewahrt hat. Man hat das Gedicht 'die Stammutter deutscher Balladendichtung" genannt . Es wurde 'ins Französische, Italienische, Portugiesische, Niederländische, ins Russische, Polnische und sogar ins Lateinische übersetzt. Ins Englische gibt es allein vier Ãobersetzungen, und 'eine davon ist nichts Geringeres als das Fxstlingswerk von Sir Walter Scott." Und neben die Begeisterung trat die Kritik: in Wien verbot die Zensur den Göttinger Musenalmanach aufgrund der Lenore wegen Gotteslästerung.
      In einem Brief an Boie vom 18. Juni 1773 beruft Bürger sich bei der Arbeit auf Herders Theorie des Volksliedes:
'O Boie, Boie, welche Wonne! als ich fand, daß ein Mann wie Herder, eben das von der Lyrik des Volks und mithin der Natur deutlicher und bestimmter lehrte, was ich dunkel davon schon längst gedacht und empfunden hatte. Ich denke, Lenore soll Herders Lehre einiger Maßen entsprechen."
In der Tat beruht die Wirkung der Ballade zu einem Teil auf damals modernen Einflüssen und zeitgenössischen Entsprechungen, nicht nur auf Herders Gedanken im Oss/aw-Aufsatz. Man darf daneben die Geistererscheinungen in Shakespeares Hamlet und Goethes Götz sowie Höltys Romanzen nennen. Bürger selbst verweist auf ein altes Spinnstubenlied. Erzählung, wörtliche Rede, dramatische Zwiegespräche und lyrische Stimmungsbilder ergänzen einander zu dem für die Ballade typischen Bild. Im Mittelpunkt steht der unheimliche Wiedergänger: Lenorens verstorbener Verlobter Wilhelm, den Bürger aus der in Herders Oss/aw-Abhandlung übersetzten Ballade Sweet Williams Ghost kannte. : Stimmen der Völker in Liedern, Stuttgart 1975, S. 357-359) Er kommt zu Lenore, um sie zu sich ins Grab zu holen. In Herders Nachdichtung der schottischen Ballade aus Percys Reliques besucht er sie, und sie will ihm in sein Grab folgen. Als er in Nacht und Nebel entschwunden ist, ruft sie ihm nach:
'O bleib, mein Ein Treulieber, bleib

Dein Gretchcn ruft dir nach
Die Wange, blaß, ersank ihr Leib,und sanft ihr Auge brach."
Im Ossww-Aufsatz kommentiert Herder: 'Es ist nichts in der Welt mehr |...| und doch, wie wenig kann ich ihm in der Ãobersetzung, seinen Aerugo |seine Patina], sein feierliches Populäres lassen." und: 'Nun sagen Sie mir, was kühn geworfner, abgebrochner und doch natürlicher, gemeiner, volksmäßiger sein kann?" Die Ballade entspricht Herders Vorstellung von volkstümlicher Dichtung, weil sie die Spuren der Liberlieferung aus alter Zeit zeigt, die Patina.
      An Lenore gewahrt man jedoch noch andere Züge. Schon 1905 schreibt Valentin Beyer: 'Ohne großen Lärm geht es selten ab." , und Eduard Stäuble spricht 1958 von einem 'grobklotzigen Sturm und Drang" . Die Ballade zielt auf starke Wirkung. Sie ist geschrieben, um Schauer zu erregen. Bürger bekennt diese Absicht schon zu Beginn der langen Arbeit an dem Gedicht. Im Mai 1773 schreibt er an Boie: 'Wenn's bei der Ballade nicht jedem eiskalt über die Haut laufen muß, so will ich mein Leben lang Hans Casper heißen." Ja, mehr noch: man muß dies Gedicht, um ihm gerecht zu werden, wirkungsvoll vortragen. 'Deklamation macht die Halbscheid von dem Stück aus." Bürger rät den Göttinger Freunden, ihn zu dieser Deklamation 'in der Abenddämmerung auf ein einsames etwas schauerliches Zimmer" zu bitten, womöglich von einem Mediziner einen Totenkopf zu entleihen, der, von 'einer trüben Lampe" beleuchtet, die Stimmung des Gedichtes unterstützen könne. Lenore ist kein lyrisches Gedicht, das man sich, begleitet von der Lyra oder Leier, gesungen denkt, sondern ein rhetorisches Gedicht, vergleichbar einem Redemanuskript oder einer Partitur, die nach einer Inszenierung verlangt. Karl Holtei machte 1829 daraus ein Schauspiel mit Gesang in drei Akten, und Karl vermittelt worden waren. Bürger greift dabei abergläubische Vorstellungen auf, indem er den Wiedergänger aus dem Grab kommen und Lenore auf dem Ritt mit sich nehmen läßt. Insofern beansprucht die Ballade ihre Volkstümlichkeit. Später schrieb er in der Vorrede zur Ausgabe seiner Gedichte von 1789:
'Popularität eines poetischen Werkes ist das Siegel seiner Vollkommenheit. Wer diesen Satz sowohl in der Theorie als Ausübung verleugnet, der mißleitet das ganze Geschäft der Poesie, und arbeitet ihrem wahren Endzweck entgegen." Aber die Kunstmittel, die er in seiner Lenore einsetzt, legen die Frage nahe, wie populär das Gedicht tatsächlich sei. Es ist kein Volkslied, von dem man sich vorstellen kann, es sei je vom Volk gesungen worden. Dazu zeigt es den Kunstwillen, der es geschaffen hat, zu deutlich. Der Einsatz der traditionellen Mittel zur Ãoberredung -Rhetorik wurde in den Gymnasien und Universitäten gelehrt - deutet an: Bürger glaubt selbst nicht mehr an das, wovon er erzählt. Zunächst ist unwahrscheinlich, daß er an Wiedergänger geglaubt haben sollte. Nachdem er sechs Semester Theologie studiert und sein Examen bestanden hatte, begann er ein Jurastudium, weil ihn schon das, was er als Theologe von der Kanzel verkünden sollte, nicht mehr überzeugte. Und deshalb - so darf man vermuten - sah er sich in Lenore zu dem großen rhetorischen Aufwand veranlaßt.
      Lenore ist, wie auch andere Balladen Bürgers, ein Ergebnis mühsamer und langwieriger Arbeit, die etwa ein halbes Jahr beanspruchte. Und bis in einzelne Wendungen und Worte läßt sich diese Eigenschaft eines Kunstprodukts an ihr erkennen. Bürger steht mit einem Fuße noch im Banne der Poetiken von Batteux und Gottsched. Er vergleicht in der Vorrede seine Gedichte mit den Erzeugnissen eines Schuhmachers, der sich nach 'seinfem] allgemeine[n] Maßstab" richtet, als ob er nie das Wort Genie gehört hätte. Das erklärt womöglich Herders Kritik in seinem Brief an Therese und Christian Gottlob Heyne Ende November 1773: 'Da ich's las, fuhr es mich so durch, daß ich Nachmittag in der Kirche auf allen Bänken nackte Schädel sähe. Ein Henker der Menschheit! also zu quälen! wofür und wozu? Wollt', daß ein anderer ebenso sänge, wie den Dichter der Teufel holt!"
Der Schluß der Ballade nimmt die Form des Bänkelsangs auf. Es gab ihn seit dem 17. Jahrhundert. Das waren Eieder, die auf Messen und Jahrmärkten in einer Art von Sprechgesang von Schaustellern vorgetragen wurden, begleitet von gängigen Melodien. Der Vortragende wies dabei auf Bilder, die das tatsächliche oder als tatsächlich dargestellte Ereignis erläuterten. Die Darstellung wird formelhaft vereinfacht, die Ereignisse werden kommentiert und moralisch beurteilt. Die Bezeichnung 'Bänkelsang" leitet sich von der Bank her, auf der der Vortragende steht. Man nennt diese Geschichten auch Moritat, eine Bezeichnung, die sich namentlich für solche Lieder durchgesetzt hat, die die Gattung übertreibend parodieren. Eenore knüpft mit dem Schluß an jene Ãoblichkeit an, indem sie die Moral aus der Geschichte zieht.
      Auch andere Gedichte Bürgers zeigen den Widerspruch zwischen der Volkstümlichkeit und Popularität im Geiste des Sturm und Drang auf der einen und der aufklärerischen moralisierenden Absicht auf der anderen Seite. Des Pfarrers Tochter von l'auhenhain erzählt in 38 Strophen zu je fünf Zeilen ein Geschehen, das sich in den Balladen und Dramen des Sturm und Drang des öfteren findet: ein Mädchen wird von einem - meist adligen - Mann verführt. Sie bringt ein Kind zur Welt, und aus Furcht vor der Schande, die eine uneheliche Mutter erwartete, tötet sie es. Dafür wird sie mit dem Tode bestraft. Der mitschuldige Verführer kommt ohne Strafe davon. FJn aktueller Stoff im späten achtzehnten Jahrhundert, auch ein Grund zur Anklage des Verführers - selbst wenn man mit guten Gründen einwendet, daß der 'Liebesvertrag" von seiner Seite anders verstanden wurde als von der Pfarrerstochter: hatte sie sich die Ehe erhofft, so kann er in seiner gesellschaftlichen Stellung nur an eine außereheliche Liebschaft gedacht haben - so die Ãoberlegung Peter von Matts . Bürger erzählt dies Geschehen von der dritten Strophe an. Die beiden ersten und die drei letzten bilden einen Rahmen, der sich an geistergläubige Leser wendet. Der Spuk ist auf drei Orte verteilt: 'Im Garten" des Pfarrhauses wiederholt sich die Liebesbegegnung des Junkers mit der Pfarrerstochter, 'am Unkenteich", der Stätte, wo das Neugeborene begraben wurde, gewahrt die Phantasie des Lesers 'ein Flämmchen", und von der Richtstatt, wo die Kindsmörderin ihre Tat büßte, muß die Hingerichtete zum Ort ihres Verbrechens 'allnächtlich" wiederkehren. Dieser schaurigen Beschreibung der Geisterwelt, in der das Verbrechen sich zeitlos gegenwärtig hält, wird die soziale Wirklichkeit entgegengestellt, in der sich Verführung,
Schwangerschaft, Bestrafung und Verstoßung der Schwangeren durch den 'harten und zornigen" Vater vollziehen, in der sie auch den Verführer um die Wiederherstellung ihrer FTirc bittet, die ihr versagt wird, so daß sie ihn verflucht und dann, am Ort der Verführung, ihr Kind gebiert und alsbald umbringt. Diese sehr genau, wirklichkeitsgetreu und eindringlich erzählte Binncnhandlung geht, wie man vermuten mag, auf den Fall der Catharina Elisabeth Erdmann von Benniehausen zurück, mit dem Bürger befaßt war; vielleicht war er der Anlaß zur Abfassung der wohl seit längcrem geplanten Ballade.
      Außer der Ermordung des Neugeborenen lassen sich keine stofflichen Beziehungen zwischen der von Bürger und dem Schulzen Lockemann am 6. Januar 1781 protokollierten Tat der Magd Catharina Elisabeth Erdmann und der l'farrcrstochter von 'l'auhenhain erkennen. Vor allem fehlt in dem Protokoll der in den Versen 150 und 167 der Ballade erwähnte 'Wahnsinn", der bei einer juristischen Beurteilung strafmindernd wirken müßte. : Versäumte Lektionen. Entwurf eines Lesebuchs. Gütersloh 1965, S. 255-258).
      Die eigentliche Erzählung in den Strophen 3 bis 35 steht in deutlichem Gegensatz, zur schauerlich romantischen Szenerie der ersten zwei und der letzten drei Strophen. Dieser erzählerische Rahmen wertet die Tat der Rosette als Verbrechen, durchaus im Sinne der Rechtsprechung jener Zeit, ganz ohne Nachsicht angesichts mildernder Umstände, die anderseits aber in den 33 Strophen der Binnenerzählung so dargestellt werden, daß der Leser zu mildem Verständnis der grausigen Tat gestimmt wird. Das Mädchen wird 'schuldlos, wie ein Täubchen" genannt, die Verführung durch den Junker wird mit seinem Reichtum, seinem Leben 'In Hüll' und in Füll' und in Freude" ebenso wie durch seine inständige Werbung motiviert. Seine Liebesbeteuerungen unterstützt er mit Geschenken und besiegelt sie mit Schwüren. Daß ihre Schwangerschaft, kaum entdeckt, vom Vater grausam bestraft wird - Bürger schreckt nicht vor der krass anschaulichen Schilderung zurück, die den Leser nötigt, sich die Bestrafung in ihrer blutigen Schrecklichkeit vor Augen zu führen - steigert ihre Verzweiflung; die Abweisung durch den Junker vollendet sie. Mit der Absicht, sich selbst zu töten, kehrt sie an den Ort der Verführung im väterlichen Garten zurück, wo sie dann im Wahnsinn den Kindsmord begeht. All das sind Umstände, die Mitleid mit ihr erregen können. Aber davon lassen Eingang und Schluß der Ballade nichts spüren.
      Boie schreibt am 1. 12. 1781 an Bürger: 'Deine Pfarrers Tochter überwiegt alles. Ich wußte sie gleich auswendig und rezitiere sie oft. Lieber, lieber Freund! auf dem Wege weiter! Moral so in Handlung gebracht und für die Fassung aller dargestellt - und du baust dir einen Altar für Welt und Nachwelt. Ich kann dir nicht ausdrücken, wie mich das Stück gerührt und erschüttert hat und noch immer rührt und erschüttert."
Wenn moderne Interpreten in der Ballade, wo sie vom Schicksal der Pfarrerstochter erzählt, durch die Mittel der Erzählung Aufforderungen zu Identifikation und Mitleid sehen und den Widerspruch der Erzählung zu ihrer Wertung durch den Erzähler am Beginn und am Ende als störend, ja als empörend empfinden , so las Boie - und mit ihm vermutlich die Mehrzahl der Zeitgenossen - die Ballade offenbar ganz anders. 'Moral" erscheint ihm mindestens in diesem Brief, noch 1781, ein gutes Jahrzehnt nach den Anfängen des Sturm und Drang, als Kern dieser Ballade, ja als Zweck der Dichtung, dem die Mittel untergeordnet sind. Und offenbar nimmt er keinen Anstoß daran, daß zahlreiche Signale in der Erzählung von der I 1. bis 175. Zeile zum Verständnis des Kindsmordes auffordern. Für ihn scheint nicht der Widerspruch zu bestehen, den der moderne Leser sieht, sondern er wertet die unser Mitleid erregenden Einzelheiten, die so breit dargestellt werden, als Feile einer Tragödie: Charakter und Motive der Heldin erregen Mitleid, ihr Schicksal Furcht und Schrecken. Beides bewegt sich innerhalb einer Ordnung von moralischen Nonnen, die nicht in Frage gestellt wird.
      Geht es Herder in seinen Volksliedern um die Sicherung einer schwindenden Ãoberlieferung und damit um den angemessenen 'Ion", den er dann auch in Dichtungen von Claudius und Goethe findet und den er durch eigene Ãobersetzungen und Bearbeitungen einfühlend erzeugt, so sind Bürgers Balladen Kunstwerke, die starke Empfindungen - Grausen, Schrek-ken - erzeugen wollen. Er spielt mit den abergläubischen Ã"ngsten seiner Leser und zeigt das auch deutlich.
     

 Tags:
Das  poetische  'Ur-Ei  -  Die  Anfänge  der  Kunstballade    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com