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Sokralische Denkwürdigkeiten



Analyse
Hamann schrieb die ^akratischen Denkwürdigkeiten in der /.weiten Augusthälfte 1759; sie erschienen im Dezember desselben Jahres. Wer die Beschäftigung mit dieser frühen Schrift Hamanns aufnimmt, in der seine wesentlichen Gedanken bereits enthalten sind, sieht sich der Schwierigkeit, sie zu verstehen, gegenüber. Hamann schreibt absichtlich dunkel; was er sagen will, drückt er mit Metaphern aus. Es gehört zu deren Wesen, daß man den Vergleichspunkt finden muß und bisweilen mehrere finden kann. Fs ist ähnlich wie beim Witz: nur wer Doppeldeutigkciten und Anspielungen versteht, wird lachen können. In der Tat aber verbirgt sich hinter der Dunkelheit dieser Schreibweise eine klare und schlüssige Gedankenführung. In einem Brief, am 27. Juli 1759, zur Zeit der Denkwürdigkeiten an Kant gerichtet, behauptet er: 'In meinem mimischen Stil herrscht eine strengere Logic und geleimtere Verbindung als in den Begriffen lebhafter Köpfe." Eine genauere Analyse bestätigt das. Wer sich den Beginn erleichtern möchte, kann mit dem dritten Abschnitt der Denkwürdigkeiten anfangen; er ist am leichtesten verständlich. Man sollte aber dabei nicht in den Fehler verfallen, zu pedantisch und genau alles und jedes verstehen zu wollen. Wenige Jahre schon nach dem Tode Hamanns schrieb Jean Paul in der Vorschule der Ã"sthetik : 'So ist der große Hamann ein tiefer Himmel voll teleskopischer Sterne und manche Nebelflecken löset kein Auge auf" .


      Anlaß der Denkwürdigkeiten war Hamanns persönliche Lage. Er hatte sich von dem Rigaer Handelshaus Berens nach London schicken lassen mit kaufmännischen, vielleicht auch politischen Aufträgen. Genau läßt sich das nicht mehr ermitteln. Die Reise war ein Mißerfolg; er kehrte unverrichteter Dinge im Sommer 1758 nach Königsberg zurück. Vorher hatte er jedoch ein bestimmendes Erlebnis: er las in der Einsamkeit seiner Londoner Wohnung 'den 31. März des Abends das

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Kapitel des

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Buchs Moses" und bekehrte sich zu einem neuen, verinnerlichten Glauben. Ein solches Bekeh-rungs- oder Erweckungserlebnis lag im Sinne des Pietismus. Aber anders als viele bekehrte Christen seiner Zeit geriet Hamann dadurch in einen Gegensatz zu seinen Freunden, vor allem zu seinem Studienfreund Johann Christoph Berens, der gehofft hatte, Hamann werde im Sinne der Aufklärung tätig werden, so wie er selbst es war. Er besuchte Hamann in Königsberg und versuchte, ihn mit Hilfe des Magisters Immanuel Kant wieder für die Aufklärung zu gewinnen. Es kam im Juli 1759 zu zwei Begegnungen, und Kant regte an, Hamann möge doch einige Artikel der französischen Enzyklopädie ins Deutsche übertragen. Das lehnte er in dem genannten Brief an Kant ab: es sei 'Eitelkeit und Fluch", auch nur 'einen Theil der F.ncyclo/>edie durchzublättern" . Damit war indes die Auseinandersetzung für ihn nicht beendet; er setzte sie mit den Sokratischen Denkwürdigkeiten fort. Das deutet die Widmung auf dem Titelblatt an: '|...| an Zween" meint die beiden Adressaten Berens und Kant. Der eine - Berens - arbeitet 'am Stein der Weisen" ; er ist als Aufklärer um die Förderung des Fortschritts bemüht; daß der andere Adressat Kant ist, wird durch den Vergleich mit Newton deutlich, der 1699 zum Vorsteher des königlichen Münzwesens in London berufen worden war; ein Waradein ist ein Münz- oder Erzprüfer. Kant hatte sich 1755 im 'Eitel seines naturphilosophischen Werkes Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels, oder Versuch von der Verlassung und dem mechanischen Ursprung des ganzen Weltgehäudes nach Newtonschen . Sokratisch ist Flamanns Auseinandersetzung mit den Widersachern durch die Methoden, die Analogie und die Ironie. Jene entdeckt durch den Vergleich Entsprechungen in verschiedenen Personen, Sachen und Situationen - daher ist Sokrates nicht als historische Gestalt, sondern als Vorläufer Jesu Christi, des Apostels Paulus und Hamanns selbst zu sehen. Man nennt ein solches Verfahren auch typologisch. Die Typologie sucht in einer Person oder in einer historischen Situation das zugrundeliegende Vor- oder Urbild; sie sieht durch die Individuen hindurch das ihnen gemeinsame Muster. Ironisch aber sind die Denkwürdigkeiten, insofern ihr Verfasser sich wie Sokrates verstellt. Der Wissende gibt sich unwissend, um den Gesprächspartner seiner wirklichen Unwissenheit zu überführen.
      Der erste Absatz der Einleitung sagt ebenso viel über Hamanns Methode wie über den wesentlichen - Peter der Große - verhielt sich wie Pygmalion, der sagenhafte zyprische König in Ovids Metamorphosen, der sich in die von ihm selbst geschaffene Bildsäule einer Frau verliebte: als er sie umarmte, belebte sie sich, so daß er sie zu seiner Frau machen konnte. Indem er das Standbild des Staatsmannes umarmt, meint der Zar, sich dessen Staatskunst aneignen zu können. Ebenso handeln Menschen, die sich mit der Geschichte der Philosophie beschäftigen, um aus Erkenntnissen vergangener Zeiten Gewinn für das eigene Leben zu ziehen: 'Doch vielleicht ist die ganze Historie |...| gleich der Natur ein versiegelt Buch, ein verdecktes Zeugnis, ein Rätsel, das sich nicht auflösen läßt, ohne mit einem andern Kalbe, als unserer Vernunft zu pflügen." Wie sie üblicherweise betrieben wird, ist die Philosophiegeschichte ein 'Götze" - tot und wirkungslos. Das bezieht sich auf die in Frankreich übliche Methode. Hamann tadelt den 'gallicanischen Geschmack" und wendet sich gegen Charles Bat-teux , der v. a. in seiner Schrift l.es Bcaux-Arts reduits a un meine principe - Die Schönen Künste, zurückgeführt auf einen gemeinsamen Grundsatz - die Nachahmung in den Mittelpunkt der Ã"sthetik gestellt hatte. Damit habe er sich das Verständnis alles dessen, was regelwidrig und seiner Vernunft nicht faßlich ist, verstellt. Die Natur war in einem Sinne formuliert, den Hamann schon hier in Frage stellt. An die Stelle der 'vernünftig" regulierten Natur des Franzosen Batteux und seiner deutschen Epigonen setzt er einen wesentlich erweiterten Naturbegriff. Er umfaßt neben den Bereichen, die die 'artige Welt" der Aufklärung wahrnimmt, das 'Gemeine und Unreine", wie Hamann in anderem Zusammenhang in Anlehnung an die Apostelgeschichte sagt, aber auch das Mögliche. Damit ist für die Philosophie der Kunst ein entscheidendes neues Verständnis ihres Gegenstandes und ihrer Aufgabe gefordert. Die anerzogene, von der Mode geprägte, der Diktatur des Geschmacks unterworfene Kunst wird zu neuen Möglichkeiten befreit. In Hamanns Polemik gegen den Vernunftglauben des aufgeklärten Jahrhunderts wird ein erweitertes Verständnis von Natur und Kunst vorbereitet. Wenn man einige Jahrzehnte später die beiden Begriffe gegeneinanderstellte, sprach man nicht allein von ästhetischen Fragen, sondern zugleich auch von menschlichen Verhaltensweisen. Neben diesem für die Kunst so wichtigen Verständnis von Natur steht die ebenso wichtige Aussage über das angemessene Verständnis des Kunstwerkes. Wie es geartet sein müsse, erläutert Hamann an den Beispielen der Fabeldichter Aesop und Lafontaine. Sie waren schlichte Gemüter, die sich, wie er ironisch unterstellt, 'besser in die Denkungsart der I'hiere als der Menschen zu schicken und zu verwandeln" wußten. In den Augen des aufgeklärten Zeitalters ist das eine Schwäche; in den Augen Hamanns aber eine Stärke. Beide kommen so dem Leben näher, als wenn sie Philosophiegeschichte schrieben. Die Autoren, die das tun, liefern nur 'zierlich verstümmelte Brustbilder" . F.inzig angemessen ist ein Verständnis, das den Betrachter selbst und seine eigenen Fragen berührt. 'Schwärmerey", 'Aberglaube" und 'philosophischer Heroismus" sind für den Umgang mit Geschichte unerläßlich. Wahres Verstehen bedarf des Gefühls und der Sympathie, wenn es denn ein lebendiges Verständnis sein soll.
      Damit klingen Gedanken an, die später von den Stürmern und Drängern ebenso wie von Vertretern der Empfindsamkeit ausgesprochen wurden: sowohl Karl Moors Ekel vor dem 'Tintengleksenden Sekulum" wie Friedrich Leopold Graf zu Stolbergs Lobpreis der 'Fülle des Herzens". Hamann erläutert sie mit Beispielen. Sie besagen: Empfindungen wie Neid, Eifersucht oder Bewunderung werden zwar durch die Geschichte geweckt, setzen aber persönliche Bereitschaft und Beteiligung voraus. Dahinter stehen Erfahrungen, die Hamann in den Gedanken über meinen Lehenslauf aus seiner Schulzeit berichtet: 'ich konnte einen Römer verdeutschen, ohne die Sprache noch den Sinn des Autors zu verstehen. So waren meine lateinischen und griechischen Zusammensetzungen Buchdruckerarbeit, Taschenspielerkünste, wo das Gedächtnis sich selbst Ãoberfrist und eine Schwindung der übrigen Seelenkräfte entsteht, weil es an einem gesunden und gehörigen Nahrungssaft fehlt."
Die Abhandlung selbst beginnt mit einer Deutung des Sokrates. Sein Vater war Bildhauer, seine Mutter Hebamme: damit ist zunächst die philosophische Methode des Sokrates erklärt. Plato nennt seine Gesprächsführung Maieutik, Hebammenkunst. Sie regt den Gesprächspartner durch Fragen an, sich selbst bewußt zu machen, was in ihm an verborgenem Wissen liegt. Im Unterschied jedoch zur didaktischen Mode seiner Zeit, da die Maieutik v. a. in der kirchlichen Unterweisung ein Mittel war, die dem Kinde vermeintlich angeborene Vernunfterkenntnis ans Licht zu bringen, setzt Hamann auch hier einen wesentlich weiteren Begriff an: wie die Hebamme sich um den Körper kümmert, so der Lehrer um den Verstand. anzusehen sind. Sokrates unterstützt, sofern er Hebamme ist, nur die Arbeit der Mutter. Sofern er aber, hierin seinem Vater vergleichbar, Bildhauer ist, nimmt er vom Holz, aus dem er seine Figuren schafft, nur das Ãoberflüssige weg. Ãobertragen auf die Pädagogik: er wirkt als Geburtshelfer gegen die Trägheit und als Bildhauer gegen den Stolz. In diesen Neigungen sieht Hamann die wichtigsten Wurzeln von 'Unwissenheit", 'Irrthümern" und 'Vorur-theilen" . Griff er in der Einleitung auf seine Erfahrungen als Schüler zurück, so hier auf seine Erfahrungen als Lehrer oder Flofmeister, wie er sie in einem Brief vom Herbst 1758 ausgesprochen hatte: 'Senti-ments bey Kindern herauszubringen, die Hebammen Künste, die Bildhauer Handgriffe, welche Socratcs von seinen 2 Eltern vermuthlich abgestohlen - Dies muß immer der Endzweck unseres Amtes seyn, und wir müßen dies mit eben so viel Demuth und Selbstverleugnung treiben, als er die Weltweisheit -" .
      Pädagogen und Philosophen werden damit in eine bescheidene Rolle verwiesen: sie sollen die Begriffe nicht selbst erfinden, sondern nur aus dem Dunkel ans Licht bringen. Das setzt voraus, daß sie in der Natur des Menschen schon da sind. Und gegenüber der Praxis des 18. Jahrhunderts, die auf scholastische Disziplinierung und Zivilisierung aus war, versteht Hamann Erziehung hier, drei Jahre vor Rousseaus Emile, auch im Sinne späterer philantropischer Tendenzen als 'Handreichung" für natürliche Entwicklungen.
      Die Tätigkeit des Maieuten wie des Bildhauers ist auch deshalb so wichtig, weil er Neues, der Mitwelt zunächst Unverständliches zutage fördert; so zieht er sich die Gegnerschaft seiner Zeitgenossen zu, die nicht verstehen, was er will und die Ergehnisse seiner Arbeit verkennen. Zu Athen bewahrte man drei von Sokrates geschaffene Statuen der Grazien. Sie waren, entgegen der Sitte seiner Zeit, nicht nackt, sondern nach altem Brauch bekleidet. Hamann erklärt diese Metapher in den Wolken. Hin Nachspiel Sokratischer Denkwürdigkeiten : 'Die Betrachtung über die Bildsäulen der Grazien enthält schon eine Schutzrede derjenigen Einkleidung, die chimärischen Einfällen allein anständig ist." MaW: auch ihm, Hamann, wird die Verhüllung der Wahrheit mit Bildern, Vergleichen und Analogien den Vorwurf der Unverständlich-keit zuziehen. Wenn man den Bildhauer Sokrates schätzt, läuft man Gefahr, den Philosophen Sokrates zu verachten. Hamann sieht ihn als Typus oder Vorläufer Christi. Und da dieser verachtet wurde, wird auch jener verachtet. Die Adressaten der Denkwürdigkeiten gleichen hierin den Athenern: sie verkennen ihn im Wichtigsten seiner Lehre, der typologischen Vorausdeutung auf Jesus. Daher sind die 'neuen Athenienser" 'Nachkommen seiner Ankläger und Giftmischer".
      Der zweite Abschnitt beginnt mit einer Anspielung auf Berens, der Hamann zu einem Aufklärer machen wollte: Kriton wollte Sokrates zum Sophisten machen. Aber seiner Unwissenheit ist nicht abzuhelfen. Das mußte Kriton kränken, aber er verzieh Sokrates die Darstellung seiner Unwissenheit, da er meinte, er schade damit nur dem eigenen Ansehen. Bei der Mehrzahl der Menschen indes schuf er sich unversöhnliche Feinde, da er zu verstehen gab, bei einigem Nachdenken müsse jeder vernunftbegabte seiner Mitbürger sich ebenso verhalten wie er, Sokrates, selbst. Und die Feindschaft wurde noch gesteigert, da man ihm seine Unwissenheit nicht glaubte. Er wirkt solange lächerlich, bis seine Mitbürger angesteckt werden. Erst wenn man die Unwissenheit wie Sokrates selbst an sich erfahren hat, versteht man sie. Dazu fordert der Imperativ 'Erkenne dich selbst!" über dem Eingang des Apollo-Tempels in Delphi auf. Man kennt das Wort 'auswendig" in dem Doppelsinn, es zwar hersagen zu können, aber es dabei doch nicht zu verstehen; man trägt es nicht im Herzen, sondern 'vor der Stirn" . Ãober die Frage, wer der weiseste aller Menschen sei, die seinem delphischen Orakel vorgelegt wurde, muß daher Apollo gelacht haben, denn der weiseste aller Menschen, weiser als Sophokles und Euri-pides, ist Sokrates, da er in der Selbsterkenntnis weiter gelangt war als sie und erkannt hatte, daß er wirklich nichts wisse. Damit gelangt der Gedankengang zu einer methodologischen Ãoberlegung. 'Ein sorgfältiger Auslegermuß die Naturforscher nachahmen." Wie ein Chemiker einen Stoff mit anderen zusammenbringt, um seine Eigenschaften zu erkennen, so geht auch der Philologe vor: er vergleicht. So ist Hamann verfahren; er hat die Maxime des Sokrates 'Ich weiß, daß ich nichts weiß" mit der des delphischen Orakels 'Erkenne dich selbst!" zusammengebracht. Nun will er weitere Versuche unternehmen, um die 'Energie" des sokratischen Grundsatzes zu erproben.
      Die sokratische Unwissenheit ist kein feststehender Satz und keine un-überholbare Erkenntnis, sondern sie zeigt sich in verschiedenen Situationen von verschiedenen Seiten. Hamann erläutert das durch den Hinweis auf einen hermeneutischen Sachverhalt. Dasselbe Wort kann in verschiedenen Zusammenhängen Verschiedenes bedeuten. Wenn die Schlange zu F,va sagt: 'Ihr werdet seyn wie Gott" und wenn Jehova weissagt 'Siehe! Adam ist worden als Unser einer" , so ist das jeweils etwas anderes. Von hier aus gewinnt die Erwähnung Newtons, des 'Münz-waradeins" ihren Sinn: 'Die Wörter haben ihren Werth, wie die Zahlen von der Stelle, wo sie stehen und ihre Begriffe sind in ihren Bestimmungen und Verhältnissen gleich den Münzen nach Ort und Zeit wandelbar." Das gilt sowohl für die geschichtliche oder diachrone wie für die gleichzeitige oder synchrone Sprachbetrachtung; hinzu kommt, daß jede Ã"ußerung vom Leser oder Hörer mit 'Nebenbegriffen" versehen wird: Mißverständnisse, mindestens unterschiedliche Deutungen desselben Wortes sind unvermeidbar. Wenn daher Sokrates sein Nichtwissen bekennt, ist das von Kriton, seinen Mitbürgern und von einem schönen Jüngling auf dreierlei Art verstanden worden. Hamann geht noch weiter, indem er das Experiment mit dem Satz 'Ich spiele nicht" wiederholt. F.r kann bedeuten, daß der Sprecher die Spielregeln nicht kennt, daß er ungern spielt oder gar: Ich spiele nicht mit Euch Betrügern. Damit aber wird die sokratische Maxime zu einer scharfen Polemik gegen die Sophisten und gegen Hamanns Zeitgenossen. Eine dritte Konsequenz des sokratischen Grundsatzes nennt Hamann Empfindung. Was man im achtzehnten Jahrhundert Empfindsamkeit nannte - den Protest gegen die Einseitigkeit der aufgeklärten Vcrstan-deskultur, Sensibilität für psychische Vorgänge und sinnliche F'indrücke -deckt sich nur zu einem Teil mit Hamanns Begriff Empfindung, der durch den unüberbrückbaren Unterschied zum Lehrsatz definiert ist. Beide sind 'einem lebenden Thier und anatomischen Gerippe desselben" zu vergleichen. Der Begriff wird so in bezeichnender Weise vertieft: aufgeklärter Skeptizismus ist tot, die Empfindung lebendig. Die Skeptiker unter den Sophisten und Aufklärern spielen nur die Rolle der Nichtwissenden, da sie zwar in der Tat unwissend sind, aber diesen Zustand nicht wie Sokrates hinnehmen. Sie behandeln ihre Unwissenheit wie einen Lehrsatz; Hamann will sie als Empfindung erfahren. Man kann Wahrheiten beweisen, ohne sie zu glauben; erst der Glaube macht sie zur lebendigen Wahrheit. Ja, man kann sogar einem Beweis glauben, ohne dem Bewiesenen beizustimmen.

     

Es geht um den Glauben als - modern gesprochen - cxistenziclle Ãoberzeugung, die das ganze Leben bestimmt: objektive Einsicht und persönliche Betroffenheit sind zwei ganz verschiedene Dinge. Das gilt nicht allein vom religiösen Glauben, sondern auch von der Wahrnehmung eines Kunstwerkes. Was dem Dichter die Muse eingibt, ist für ihn so wahr wie für den Philosophen sein 'Lehrgebäude" . Aber erst ein Schicksalsschlag zeigt, was der Dichter oder Philosoph wirklich glauben. Hamann spielt damit auf zwei Zeitgenossen an: auf Voltaire, der nach dem Erdbeben von Lissabon am I.November 1755 bekannte, er glaube 'keine beste Welt" , obwohl er sie beweisen kann, und auf Klopstock, der sich nach dem Tode seiner Meta seines guten Geistes beraubt sah. Der Weg zum wahren Wissen ist erst frei, wenn die menschliche Weisheit verwest ist. Der Sophist kann das so lange nicht verstehen, als er selbst keine gänzliche Umkehr wie Paulus vor Damaskus vollzogen hat.
      Die für sein Denken bestimmende Eorm der Unwissenheit erläutert der Magus an Homer und Shakespeare. Zugleich führt er den Geniebegriff ein. Beide Dichter kannten die von Aristoteles erdachten Kunstregeln nicht; der Mangel wurde durch ihr Genie ausgeglichen. Was das Genie ist, zeigt Sokrates: sein 'Gott", sein 'Dämon" . Das ist die Kehrseite seiner Unwissenheit; er ist begnadet und schöpferisch. Diese Gabe läßt sich weder definieren noch beschreiben, auch von Sokrates nicht. Hamann führt das humorvoll aus, indem er eine Eolge skurriler Erklärungen auffuhrt und verwirft: das Genie ist weder ein Engel noch ein Kobold, auch kein physikalischer Apparat wie Thermometer, Barometer, Lupe oder Mikroskop und auch kein Hühnerauge, dessen Schmerz einen Wetterumschwung anzeigen mag. Selbst Sokrates kann seinen Dämon oder Genius nicht nennen oder beschreiben - das gehört zum Wesen des Genies: es hat seine Schöpferkraft nicht in der Gewalt wie ein Gelehrter oder Handwerker. Die Unwissenheit über seinen Genius ist Bedingung der Methode des Sokrates: er muß beständig fragen, 'um klüger zu werden" , den Naiven spielen und vorgeben, jede Meinung als wahr anzunehmen. Er bevorzugt die Analogie gegenüber der Dialektik der Sophisten und benimmt sich 'wie alle Idioten" , also Laien . Er war kein Schulphilosoph, sondern ein Philosoph der Lebenspraxis. Die Tätigkeit des Sokrates in seiner athenischen Umgebung war die Verlockung seiner Mitbürger zu einer verborgenen Wahrheit. Plato verstand ihn, indem er ihnen vorhielt, Sokrates sei von den Göttern gesandt, um sie von ihren 'Thorheiten" zu überzeugen.
      Der dritte Abschnitt der Denkwürdigkeiten ist Analogien zwischen Sokrates und Jesus und zwischen Sokrates und Hamann gewidmet: indem Sokrates den in der Schlacht vom Pferde gefallenen Xenophon rettete, entspricht er dem Erlösungswcrk Christi; indem er sich politischer Aktivitäten enthielt, folgte er seinem Dämon, analog dem Petruswort: 'Man muß
Gott mehr gehorchen denn den Menschen" . Als er sich dann zu einer Tätigkeit in der Ratsversammlung bereitfand, machte er sich durch Formfehler und Ungeschicklichkeiten lächerlich: wer, wie auch Hamann bei seiner Mission in England, eine Tätigkeit übernimmt, die seiner Natur widerspricht, erleidet Mißerfolge. Daß Sokrates kein Autor war, findet seine Analogie in Hamanns Weigerung, die Encyclopedie zu übertragen: Sokrates brauchte keine Bücher zu schreiben, um dennoch unsterblich zu werden, so wie Epaminondas, der Sieger in der Schlacht bei Leuktra 371 v. Chr., keine Kinder brauchte, um in ihnen zu überleben, denn der Sieg hatte ihn unsterblich gemacht. Doch auch die Jesus-Typologie verbietet Sokrates, als Autor aufzutreten; diese Beziehung wird durch die Bezeichnung 'der sanftmütige und herzlich-demütige Menschenlehrer" unterstrichen: sie bezeichnet ebenso Christus wie Sokrates. Und beiden ist gemeinsam, daß sie bisweilen angesichts des Unverstandes und der Arroganz der Sophisten - zu Jesu Zeiten waren es die Pharisäer - in eine Art von heiligem Zorn geraten konnten.
      Wäre Sokrates aber Schriftsteller geworden, so hätte er eine plastische Schreibart gepflegt, die der Aufnahme seiner Schriften abträglich gewesen wäre: ein I linweis auf Hamann selbst. 'Die Kunstrichter waren mit seinen Anspielungen nicht zufrieden, und tadelten die Gleichnisse seines mündlichen Vortrages bald als zu weit hergeholt, bald als pöbelhaft." Das ist die Kritik an Hamanns eigenem Stil, seinen weit hergeholten Bildern und der Stilmischung, die auch den niederen Stil einschließt. Er tut Ã"hnliches wie Sokrates - dieser wandte sich in Athen gegen das Gewinnstreben von Sophisten und Priestern, der Magus gegen die 'Encyclopedie der gesunden Vernunft und Erfahrung" . Und die nachträgliche Ehrung des unschuldig hingerichteten Sokrates durch die Athener weist auf das Jesus-Wort voraus: 'Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr I Ieuchler, die ihr der Propheten Gräber bauet und schmücket der Gerechten Gräber" .

     

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