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Die Magna Charta des Sturm und Drang - Johann - Journal meiner Reise im Jahre I769



Analyse
Johann , nach dem Studium der Theologie in Königsberg 1764 an die Domschule nach Riga berufen, bald auch Prediger dort, ist mit fünfundzwanzig Jahren bereits ein bekannter Autor. Seine Sammlungen von Fragmenten Ãober die neuere deutsche Literatur, ein Nachruf auf Thomas Abbt und die Kritischen Wälder zur Ã"sthetik waren 1767-1769 erschienen. Diese Schrift hatte ihm die Gegnerschaft des Göttinger Professors Christian Adolf Klotz. zugezogen. Dessen Polemik, seine Tätigkeit an der Domschule, wo er seine Reformvorstellungen nicht verwirklichen konnte, und als Prediger, die Neid und Mißtrauen der Kollegen zur Folge hatte, machten ihm seine persönliche läge in Riga schwer erträglich. F'.r reichte im Mai 1769 sein Entlassungsgesuch ein und reiste drei läge später zu Schiff nach Nantes, wo er am 16. Juli eintraf und bis Anfang November verweilte. Dann brach er nach Paris auf.


      Könnte man angesichts der persönlichen Lage Herders von einer Flucht aus Riga sprechen, so trägt der Text des Journals alle Zeichen eines Aufbruchs zu neuen Horizonten. Das Leiden an einer engen und beschränkten Welt, die die Entfaltung der eigenen Möglichkeiten unterbindet und das Ungenügen an der eigenen Lebensführung in diesen Verhältnissen sind die beiden einander ergänzenden Motive des Aufbruchs. F.s sind zugleich die Züge der jungen Literatur der I 770er Jahre: zum Abschied von der beengenden Kultur der Väter gehört der begeisterte Schwung des Neubeginns. Deshalb hat Arno Schmidt genannt: Die Magna Charta liberta-tum, die große Urkunde der Freiheiten von 1215, gilt als Grundgesetz des englischen Verfassungsrechts. Alle Vergleiche aber hinken, und auch dieser: trat die britische Magna Charta alsbald in Kraft, so wurde Herders Reisejournal erst 1810/1820 teilweise und 1846 vollständig veröffentlicht.
      Das Journal ist kein Reisetagebuch, wie der Titel vermuten läßt. F.s fehlen weitgehend Datierungen und Beobachtungen bemerkenswerter Ereignisse und Erscheinungen, die der Verfasser für sich oder seine Leser festhalten möchte. Zwar hat Herder wohl während der Reise Notizen gemacht, aber vermutlich erst nach dem 17. Juli 1769 begann er die Niederschrift. Ein Tagebuch jedoch ist die Schrift in einem anderen Sinne: eine Zusammenstellung von Wahrnehmungen, Einfällen, Plänen und Gedanken, die thematisch, nicht chronologisch geordnet sind. Herder schreibt für sich selbst; er legt seine Absichten und Projekte nieder, analysiert sich selbst und entwirft seine künftige Biographie. Er plant die Mehrzahl seiner späteren Werke und skizziert sie mehr oder minder ausführlich. Man darf deshalb den Titel in einem übertragenen Sinn verstehen: als Darstellung der Reise des Autors zu sich selbst und zugleich als Rechenschaftsbericht. Ist in der Kaufmannssprache ein Journal ein Buch, in dem alle Guthaben, Geld- und Warenbestände mit den Schulden aufgeführt und verrechnet werden, so zieht Herder hier die Bilanz seiner Pläne und Erfahrungen, seines künftigen und vergangenen Lebens. Wenn er schreibt, er wolle 'ein Journal der Men-schenkänntniße" führen, verwendet er das Wort in diesem Sinne.
      Diese literarische Form ermöglicht es ihm, seine Gedanken zwanglos aneinanderzureihen. Er beginnt mit dem knappen Bericht über die Abreise, deutet die Gründe dafür an und zieht eine Summe seines bisherigen Lebens, dessen Versäumnisse und Mängel er beklagt. Das führt ihn zu dem Vorsatz, sich um 'Eakta und Realitäten" zu bemühen, wenn er eine 'Universalgeschichte der Bildung der Welt" schreibe, deren Umrisse er in Stichworten andeutet. Die Beobachtung des Meeres und der Fische bringt ihn auf das Schiff, in dessen Organisation er das 'Urbild" der politischen Regierung sieht. Dabei denkt er an Rußland, dann an das antike Griechenland und seine Dichtungen. Von hier aus gelangt er zur Zivilisationskritik und beklagt die 'Kunst", die an die Stelle von 'Charakteren und Menschen" getreten sei. F> denkt dabei an Livland und faßt Entschlüsse zu eigenen künftigen Aktivitäten: Er will seine Versäumnisse nachholen und zugleich der 'Genius Lieflands" werden, indem er sich zum 'Prediger der Tugend" bildet, wobei er in einer für seine Lage bezeichnenden Weise diese Tugend mit 'Glückseligkeit und Erregung" verbinden will: da ist einerseits die Bindung an die Ideale der Aufklärung - 'der aufgeklärte, unterrichtete, feine vernünftige, gebildete, tugendhafte, geniessende Mensch" schwebt ihm als Ideal seiner selbst vor - andererseits aber die Forderung der 'Erregung", die ihn aus dem 'Bargatellcnkram" seiner Zeit befreien soll. Aus diesen Ãoberlegungen entwirft er zwei weitere Werke: 'Fragmente über die Moral und die Religion aller Völker, Sitten und Zeiten" und ein 'Jahrbuch der Schriften für die Menschheit" .
      Der eigene Ehrgeiz, und die Ãoberlegungen über die 'Sklaverei", die in Livland herrscht, bringen ihn auf den Gedanken, daß seine Pläne sich nur mit Hilfe der Regierung verwirklichen lassen; daher will er Einfluß auf die Zarin Katharina

II.

nehmen. Er gelangt damit zu dem größten zusammenhängenden Teil des Journals, zu einem pädagogischen Programm, das zunächst zur Reform der Rigaer Domschule bestimmt ist. Es wird auf annähernd vierzig Seiten beschrieben und bis in praktische Einzelheiten mit Tabellen und Plänen ausgearbeitet. Seine Phantasie greift in weite Zeiten und Räume aus, vor allem richtet sie sich auf Rußland; auf sein Geburtsland Preußen setzt er ebenso geringe Hoffnungen wie auf Schweden und die alten Hansestädte an der Ostsee, auf Holland und vollends auf Frankreich, dessen Mentalität ihm ganz fremd bleibt: Rußland hingegen regt ihn zu großen Hoffnungen an, die Ukraine sieht er als 'neues Griechenland"
. Vor allem die französische Sprache kritisiert er, da er sie für unphilosophisch hält; er setzt 'die Sprache des Sturms der Wahrheit und Empfindung" dagegen. Hier fällt erstmals das Wort Sturm in dem für die Aufbruchsstimmung der FLpoche bezeichnenden metaphorischen Sinn. Und es ist ebenso bezeichnend, daß Herder diese Beobachtung in Frankreich macht, denn hier, so sieht er es, beseitige der Geist des 'Wohlstands" - im Sinne von Anstand oder Gesittung - das Gefühl und erziehe zur Oberflächlichkeit. Deutlich wird ihm das am Theater.
      Man hat Herder seine Feindschaft gegen Frankreich vorgeworfen - teilweise zu Unrecht. Denn was er kritisiert, ist v. a. der Zustand der französischen Kultur seiner Zeit. In früheren Zeiten sieht er bei den Franzosen durchaus 'Genie", wie aus seiner Beurteilung Montaignes und Montes-quieus ersichtlich ist, auch aus seiner Forderung, Französisch als erste Fremdsprache zu unterrichten. Die französische Gegenwart aber, die er erlebt, erscheint ihm als Verfall: 'man wohnt auf den Ruinen" . Die große Enzyklopädie ist ihm Ausdruck einer gleichsam biedermeierlichen Kultur: man sammelt, ordnet, rubriziert und katalogisiert, aber Genie und Geist fehlen. Zugleich sind die kritischen Worte über Frankreich im Zusammenhang mit Anwandlungen von Melancholie zu sehen: er beklagt die Versäumnisse auf seiner Reise, vor allem, daß er Kopenhagen nicht besucht habe, wo er Klopstock und Gerstenberg hätte sprechen, den Prediger Gramer hätte hören und das Münzkabinett hätte besichtigen können; er bezweifelt, ob es überhaupt richtig gewesen sei, nach Frankreich zu reisen, allein seiner mangelnden Sprachkenntnisse wegen, die ihn isolieren. Das hindert ihn nicht, weitere Pläne zu Papier zu bringen. Sie betreffen Bücher über 'Die geistliche Beredsamkeit" , die 'Christliche Kirchengeschichte" , eine Schrift über Ã"sthetik und Bildhauerkunst sowie endlich 'ein Werk über die Jugend und Veralterung Menschlicher Seelen" .
      Mit erneuten Gedanken über allgemeine Fxziehungsfragen, in deren Mittelpunkt die Forderung steht, lebendig zu lehren und zu lernen, mit F'rmah-nung auch zur Selbsterziehung, zur seelischen und geistigen Diät, um sich selbst jung zu erhalten, bricht das Journal ab. Es blieb unvollendet.
      Sprache und Stil des Reisejournals entsprechen der assoziativ reihenden Gedankenführung. Herder schreibt weniger begrifflich als bildhaft. Anstelle schul- und regelgerechter Definitionen bevorzugt er Worthäufungen, wie z. B. die Diärese oder enumeratio: 'Wie klein und eingeschränkt wird da Leben, Ehre, Achtung, Wunsch, Furcht, Haß, Abneigung, Liebe, Freundschaft, Lust zu lernen, Beschäftigung, Neigung - wie enge und eingeschränkt endlich der ganze Geist." Auch der Parallelismus membro-rum kommt vor: 'Da lernte man beschreiben, erzählen, rühren, dadurch daß man sähe, hörte, fühlte!" Es geht ihm nicht um den Beweis seiner Einsichten, sondern um ihre Flvidenz, die er oft durch Ausrufzeichen unterstreicht.
     

Lieblingsvokabeln sind 'lebendig" und 'Geist". Herder fordert eine 'lebendige" Geschichtsschreibung , eine 'lebendige Welt" , eine 'lebendige Kultur" , 'lebendige Bemerkungen" , ja eine 'lebendige Daktyliothck" . Lebendig sind Cieist und Gefühl, Original und Genie - so ließe sich der Grundgedanke der Schrift zusammenfassen. Er ist bestimmend für die Epoche geworden. Zugleich rückt das Wort Cieist in die Mitte der Erörterung. Herder verwendet es in verschiedenen Bedeutungen. Wenn er schreibt: 'Ich will mich so stark als möglich vom Cieist der Schriftstellerei abwenden und zum Cieist zu handeln gewöhnen!" , dann meint Cieist etwa die Charaktereigenschaft: oder Begabung, so auch, wenn er vom 'Handelsgeist" spricht. Zugleich ist der 'Cieist" ein überindividuelles Prinzip, /.. B. in Formulierungen wie 'Cieist der Feudalkriege" oder 'Cieist der Zeit" : da ist die bestimmende Kraft einer Nation oder Epoche gemeint, und der Cieist einer Sprache ist der 'Sinn des lebenden Volks" . Cieist kann auch einfach die Intelligenz, der Geschmack oder die Empfindung einer Epoche sein wie in der Formulierung 'Feinheit des Geistes" in einem Volke. Fast immer ist für den Theologen Herder Geist die belebende Kraft, das pneuma. Er ist die Fähigkeit zur Einsicht und Erkenntnis. So spricht er vom 'Gesicht des Geistes und der Einbildung" . Cieist steht, so verstanden, im engen Zusammenhang mit Natur; sie äußert sich als 'Wahrheit, Lebhaftigkeit, Stärke" . Und die Natur des Menschen wiederum ist seine Begabung, die Vernunft, Verstand und Phantasie einschließt: je weiter man sich auf eine Definition des Begriffs einläßt, desto vielseitiger und bedeu-tungsreicher wird er.
      In enger Verbindung mit dem Cieist steht das Gefühl, das höchste Organ der Wahrnehmung. Es steigert nicht nur Sinne und Einsicht, sondern auch das Herz. Es wird nicht durch logische Beweisführung, sondern durch 'Lebhaftigkeit und Evidenz" überzeugt. So kann der Cieist einer vergangenen Epoche am besten durch 'ein feines innerliches Gefühl" erkannt werden. Herder zeigt das an den Altphilologen seiner Zeit; sie treiben ihre Wissenschaft ohne Gefühl für die antiken Autoren, die unter ihren Händen zu leblosen und papierenen Wesenheiten geworden sind. Er fordert von ihnen ein Gespür, das in seinen Augen die Voraussetzung des Verständnisses in der Philologie, den Künsten und der Geschichte ist. Dieses Gefühl ist original, also ursprünglich und angeboren. Herder spricht von 'Originalgeistern des Ausdrucks" . Früher einmal hat es sie auch in Frankreich gegeben, als dort die Kultur ihre Entwicklung begann; diese Anfänge nennt er 'Origines" im Gegensatz zu den 'aborigines" seiner Zeit. Deren Werke - 'Abreges, Dictionaires|!|, Histoires, Vocabulai-res, Esprits, Encyclopcdiecn, u. s. w." - sind Abwege, auf denen sich der unnatürlich verfeinerte Cieist verirrt.
      Damit ist eigentlich schon Flerders Geniebegriff umschrieben: er spricht vom Genius der Erleuchtung , also der Inspiration, andererseits aberauch vom Genie, das beim Studium durch Treue, Fleiß und Aufmerksamkeit ersetzt werden könne. In anderer Bedeutung ruft er den 'Genius meiner Natur!" an: seinen guten Cieist oder Schutzgeist. Genie kann aber auch bedeutungsgleich mit 'Cieist" verwandt werden, wenn er vom Genie einer Sprache spricht. Er scheint sich noch nicht völlig im klaren zu sein über den genauen Wortgebrauch, wenn er es nicht allein in der Bedeutung, die vom lateinischen Genius abgeleitet ist, sondern auch in der auf 'ingenium" zurückgehenden benutzt, indem er z. B. den Engländern die Verbindung des Genies mit der Erfahrung nachrühmt. Gleichwohl finden sich dann aber auch Zusammenstellungen mit 'Wahrheit", 'Stärke" und 'Tugend" , die in die für den Sturm und Drang bezeichnende Richtung des Geniebegriffs weisen: Herder greift nicht mehr auf psychologische Erklärungsversuche der inspirierten Produktivität zurück, sondern erweitert den Begriff in die Richtung des rational nicht Verfügbaren.
      Betrachtet man die entscheidenden Begriffe des Journals: Cieist, Gefühl und Genie im Zusammenhang mit dem Begriff Leben, so mag man die Genauigkeit und Klarheit vermissen, mit denen /.. B. Kant diese Begriffe später definiert und benutzt hat. Das erklärt sich z. T. durch die geschichtliche Lage, in der sich Herder 1769 befindet. Was er verläßt - die russisch beherrschte baltische Hansestadt Riga mit ihrer überwiegend lettischen Bevölkerung und deutschen Oberschicht, seine Ã"mter als Lehrer und Prediger, seine literarische Fehde mit Klotz- ist leichter zu beschreiben als das Leben, das er sucht. Am ehesten kann man es verstehen, wenn man den Hinweisen auf Swift und Sterne im Journal folgt. Schon 1767 hatte er den Dubliner Dekan Jonathan Swift in den Fragmenten Ãober die neuere deutsche Literatur neben Shakespeare und Fielding gestellt, weil er sich das 'Gefühl" seiner 'Nation" angeeignet und die 'Fundgruben" der Sprache durchforscht habe. Andeutungsweise ist hier schon das Programm der späteren Volksliedersammlung vorweggenommen. Und Laurence Sterne , Herders Lieblingsschriftsteller in den Rigaer Jahren, fasziniert ihn durch seine skeptische und diagnostische Sichtweise, die er selbst sich aneignen möchte, das 'Launische", wie er in den Fragmenten formuliert. Sehr viel später hat Goethe an ihn erinnert in einem kleinen Aufsatz von 1826, wo er ihn als einen Mann feiert, 'der die große Epoche reinerer Menschenkenntnis, edler Duldung, zarter Liebe in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zuerst angeregt und verbreitet hat." Goethes Ã"ußerung läßt sich auf Herder übertragen. Wenn er im Reisejournal kritisiert, Bilanz zieht und Pläne für die eigene literarische und berufliche Zukunft entwirft, so ist dahinter ein untrügliches Ciespür zu erkennen für das, was veraltet und überlebt ist und gleichzeitig für das Neue und Zukunftweisende. Seine Zivilisations- und Literaturkritik gründet in einem höchst sensiblen Empfinden für die geschichtlichen Tendenzen der Epoche. Ebensowenig wie das Genie läßt sich dieser Sinn für das Veraltete, banal Gewordene definieren, erlernen oder lehren. Sicherlich gehören beide zusammen. Es ist dieser Blick für die neuen, fruchtbaren Züge seiner Zeit, der ihn zum maßgeblichen Anreger des Sturm und Drang macht. Kr selbst war sich dieser Fähigkeit offenbar bewußt, denn er plante 'ein Werk über die Jugend und Veraltung menschlicher Seelen" .
      Herder, der sechzehnjährig in das Haus des Diakons Trescho in seine Vaterstadt Mohrungen gekommen war, hatte dort erste Bekanntschaft mit Hamanns Schriften machen können. Spätestens 1764 begegnete er ihm selbst während des Studiums in Königsberg. Der Einfluß Hamanns auf Herder ist im Journal deutlich wahrzunehmen. Denkt Hamann in Typen, so Herder in Analogien und Vergleichen - die Sinneswahrnehmungen der bische seien 'Analogisch" zu erforschen, die Bewegungen des Wassers sind wie die der Luft zu verstehen, das Schiff ist das 'Urbild" des Staates.
      Später hat Herder in der Schrift Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele des näheren ausgeführt, wie sehr menschliche Erkenntnis auf die Analogie und Metapher angewiesen ist. Logische Operationen führen nicht sehr weit, denn 'Was wir wissen, wissen wir nur aus Analogie". Neue Einsichten und Erkenntnisse werden durch neue Metaphern hervorgerufen: 'Wie unsre ganze Psychologie aus Bildwörtern bestehet, so wars meistens Ein neues Bild, Eine Analogie, Ein auffallendes Gleichnis, das die größten und kühnsten Theorien geboren." ) Dieser Gedanke, den Herder bereits im Reisejournal 1769 andeutet, ist in der Wissenschaftstheorie des zwanzigsten Jahrhunderts zur grundlegenden Einsicht geworden. Mit Hamann sieht er auch die Folgerung, die aus diesem erkenntnistheoretischen Grundsatz zu ziehen ist: die wissenschaftliche Beweisführung mit Hilfe logischer Beweise nennt er ein 'Brettspiel, das auf angenommenen Regeln und Hypothesen ruhet". Das ist eine Erkenntnis, die Hamann in der Aesthetica ausgesprochen hatte. Sie hat unter anderem die Kritik Herders an seiner eigenen Erziehung zur Folge: 'Ich wäre nicht ein Tintenfaß von gelehrter Schriftstellerei |...| geworden" . Lind weil er dies an sich selbst kritisch wahrnimmt, faßt er den Vorsatz, künftig so zu lesen, wie Hamanns 'herrliche Maxime" -mit Goethes Worten - es fordert; Herder will sich 'zum Gesetz machen, nie zu lesen, wenn ich nicht mit ganzer Seele, mit vollem Kifcr, mit unzer-teilter Aufmerksamkeit lesen kann" . Die Forderung der Lebendigkeit, die Hochschätzung des Gefühls und der Natur, die es erfährt, auf der einen Seite, und die Ablehnung der zeitgenössischen kleinlichen Buchgelehrsamkeit auf der anderen Seite: Herder hat sie vielleicht nicht von Hamann übernommen, aber sicherlich ist er von Hamann in diesen Grundsätzen bestärkt worden.
     

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