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Der "Magus in Norden Johann Georg Hamann



Johann hörte sich gern mit dem von Friedrich Karl v. Moser geprägten Übernamen den "Magus in Norden" nennen, der an die Weisen aus dem Morgenland erinnert. Ein Gemeinplatz literatur-und ideengeschichtlicher Forschung nennt sein Denken irrational und ihn seihst den Begründer des Irrationalismus. In der deutschen Literatlirgeschichtsschreibung war diese Bezeichnung bis etwa 1945 mit hoher Wertschätzung verbunden, da Hamann die Überwindung der Aufklärung eingeleitet habe. Dieser Ansicht liegen sicherlich antiaufklärerische Vorurteile zugrunde, aber auch die Erfahrung von Literaturhistorikern, die in ihm aus ihrer Kenntnis der 1770er Jahre den Wegbereiter einer Dichtung sahen, von der sie persönlich angesprochen wurden. Glanz anders die neue Darstellung von Isaiah Berlin. Auch er nennt Hamanns Denken den "Ursprung des modernen Irrationalismus". Sah man aber diesen Irrationalismus in Deutschland mindestens bis in die Nachkriegszeit als Fortschritt, so ist er in der Sicht des aus dem Baltikum stammenden Engländers I. Berlin der Beginn einer Entwicklung, in der die "Verbindung von Obskurantismus, Populismus, Fideismus und Antiintellektualismus, von Vertrauen in die einfachen Leute und Haß auf Naturwissenschaft und Kritizismus in den beiden folgenden Jahrhunderten einen so mächtigen und fatalen Einfluß haben sollte" . Hamann erscheint hier nach den geschichtlichen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts und an seinem Ende als "nordischer Wilder" , der das Angriffssignal geblasen habe zum teutonischen Kampf gegen westliche Zivilisation, Vernunft und Philosophie - mit einem Wort: gegen die Moderne .

      Wie immer man ihn aber beurteilen mag - ohne seine Anregungen sind Herders und Goethes Begeisterung für Homer und Shakespeare oder die deutsche Romantik kaum vorstellbar. Für die Zeitgenossen, namentlich für die junge Generation, muß zumindest ein Gedanke Hamanns befreiend gewirkt haben: Es gibt keine Vernunft jenseits der Cieschichte und des Individuums.
      Hie Aufklärung war insgesamt von der unveränderlichen einen Vernunft überzeugt, die in allen verständigen Menschen gleichbleibt, selbst über die Grenzen von Ländern, Kulturen und geschichtlichen Epochen hinweg. Auch wenn sich Glaube und Sitten, Werte und Normen, Urteile und Vorurteile im Laufe der Generationen ändern, so liegt ihnen allen doch die gemeinsame Vernunft zugrunde, die dem Menschen angehört wie seine fünf Sinne. Hamann erkennt diese Überzeugung als Illusion. Vernunft ist geschichtlich, durch Erziehung, Erfahrungen und Sinne vermittelt. Deshalb ist sie sehr persönlich und wird von Neigungen und Abneigungen beeinflußt. 1776 schreibt er: "Die Gesundheit der Vernunft ist der wohlfeilste, eigenmächtigste und unverschämteste Selbstruhm, durch den alles zum voraus gesetzt wird, was eben zu beweisen war, und wodurch alle freyc Untersuchung der Wahrheit gcwaltthätiger als durch die Unfehlbarkeit der römisch-katholischen Kirche ausgeschlossen wird" . Nadler, Bd. III, S. 189).
      Jede Erkenntnis beruht auf Überzeugungen, die selbst nicht mit der Vernunft begründet oder widerlegt werden können. Jeder, der nachdenkt und etwas versteht, wird dabei seine eigenen Voraussetzungen ins Spiel bringen; seine Erziehung, seine Erfahrungen, seine natürlichen Begabungen, seine Interessen und Neigungen prägen nicht nur seinen Charakter, sondern auch seine Erkenntnisse.
      Für Hamann gehört der Glaube zu den wichtigsten "natürlichen Er-kenntniskräften und zu den Grundtrieben unserer Seele". Dieser Glaube schliefst die Vernunft keineswegs aus, sondern nur, was die Aufklärung meinte, als Vernunft ausgeben zu müssen. Der Hamann-Forscher James C. O'Flaherty macht auf eine Äußerung aufmerksam, die das nachdrücklich bestätigt: "Glaube hat Vernunft ebenso nöthig, als diese jene |!| hat. Philosophie ist aus Idealismo und Realismo, wie unsere Natur aus Leib und Seele zusammengesetzt ist ..." : Sturm und Drang, Darmstadt 1985, S. 165-183). Deutlich hat Goethe dies gesehen. In Dichtung und Wahrheit erzählt er von dem Aufsehen, das die Sokratischen Denkwürdigkeiten bei ihrem Erscheinen erregten und erklärt es so: "Man ahndete hier einen tiefdenkenden gründlichen Mann, der mit der offenbaren Welt und Literatur genau bekannt, doch auch noch etwas Geheimes,

Unerforschliches gelten ließ, und sich darüber auf eine ganz eigene Weise aussprach." Das ist Hamanns Forderung: Beobachtung und Gefühl, Sinne und Leidenschaften sind an der Erkenntnis zu beteiligen.
      Ebenso deutlich hat Goethe aber auch gesehen, in welchem Maße Hamanns Denken notwendig zu Einseitigkeiten des Verständnisses führen mußte. Er charakterisiert ihn durch das "Prinzip, auf welches die sämtlichen Äußerungen Ilamanns sich zurückführen lassen": ">Alles was der Mensch zu leisten unternimmt, es werde nun durch Tat oder Wort oder sonst hervorgebracht, muß aus sämtlichen vereinigten Kräften entspringen; alles Vereinzelte ist verwerfliche F.inc herrliche Maxime! aber schwer zu befolgen. Von Leben und Kunst mag sie freilich gelten; bei jeder Überlieferung durchs Wort hingegen, die nicht gerade poetisch ist, findet sich eine große Schwierigkeit: denn das Wort muß sich ablösen, es muß sich vereinzeln, um etwas zu sagen, zu bedeuten. Der Mensch, indem er spricht, muß für den Augenblick einseitig werden" .
      Hamanns Kritik an seinen Zeitgenossen ist daher bisweilen überspitzt formuliert und mißverständlich. Seine Aufklärungskritik unterscheidet sich grundsätzlich von Rousseaus Zivilisationskritik: wies dieser seine Zeitgenossen auf die unverfälschte Natur hin, die er zum Ideal erklärte, so der Magus auf die Vernachlässigung wesentlicher menschlicher Möglichkeiten durch einige - in der Tat wohl nicht allzu kluge - Vertreter der populären Frühaufklärung. Wie notwendig die nachdrückliche Erinnerung des Zeitalters an Empfindung und Sinnlichkeit war, kann man sich an einer Stelle in Gottscheds Versuch einer , sie sei "unnatürlich". Gottsched begründet das mit dem Hinweis auf ein von Plautus übernommenes Motiv. Der Geizhals untersucht nicht nur Taschen und Hände seines Dieners, sondern "fordert, daß er ihm die dritte Hand zeigen solle: gerade als ob jemals ein Mensch so närrisch seyn könnte, zu glauben, daß jemand drey Hände habe." So wenig aufgeklärt war dieser Theoretiker der Aufklärung. Die "dritte Hand" ist eine obszöne Metapher.
      Entscheidend für die Dichtung des Sturm und Drang wurden Hamanns Hinweise auf Homer und Shakespeare, die er als Genies verstand. Das Wort "Genie" wird zum (iriindbcgriff der Kunst, die sich damit aus der Herrschaft eines geschrumpften Vernunft- und eines verkümmerten Naturbegriffs befreit. Zu seinen Lieblingswörtern gehören "verstümmeln", "verschnitten", "Kastration"; er setzt dagegen "fruchtbar", "Leidenschaften", "Affect" und "Empfindung". Derartige Ausdrücke umschreiben die lebendige Subjektivität des Menschen. Sie ist konkret - unterschieden von anderen - und frei von Regeln, Vorurteilen und allem, was Flamann "tot" nennt.
      In dieser Subjektivität sehen die Dichter des Sturm und Drang die Wahrheit des Kunstwerks. Der Geniebegriff, von Gottsched noch 1757 als "un-deutsches Ding" aus der Erörterung ästhetischer fragen verbannt, rückt mit Hamanns - über Herder vermittelte - Hinsichten in den I 770er Jahren in die Mitte der Kunsttheorie.
     

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