Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt

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Sturm und drang epoche
Man kann, sucht man nach einer handlichen Formel, die literarische Revolution der 1770er Jahre als den Schritt von der normativen Poetik zur Ästhetik beschreiben. Sammlungen von Regeln und praktischen
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Johann Wolfgang Goethe: Von deutscher Baukunst



Analyse
Zu den Neubewertungen, die in Kunsttheorie und Sprachgebrauch der 1770er Jahre die Bedeutung vieler Worte veränderten, gehört auch der Bedeutungswandel, den das Wort gotisch erfuhr: Goethe verband zunächst Vorstellungen von 'unbestimmtem, ungeordnetem, unnatürlichem, zusammengestoppeltem, aufgeflicktem, überladenem" damit. Mit dem Aufsatz Von deutscher Baukunst, der 1771 und 1772 in Sesenheim und Frankfurt oder Wetzlar entstand und im November 1772 in Frankfurt erschien, bevor er in Herders Sammlung Von deutscher Art und Kunst abermals gedruckt wurde, gewann das Wort die heutige Bedeutung, mit einem bezeichnenden Unterschied: Goethe dringt darauf, wie er in Dichtung und Wahrheit schreibt, die gotische Kunst 'deutsch" zu nennen, sie 'nicht für ausländisch, sondern für vaterländisch |zu| halten" - eine Forderung, die nicht als politisch-nationalistisch verstanden werden sollte, sondern im Zusammenhang der Bemühungen um volksläufige Kunst zu sehen ist, zu denen Herder ja auch Shakespeare und Ossian zählte. Der Essay ist ein Niederschlag der ersten großen Erfahrung Goethes in Straßburg, als er bald nach seiner Ankunft 1770 das Münster sah und die Plattform des Turms bestieg.
      Ã"hnlich Shakespeare in Herders Abhandlung erscheint hier Erwin von Steinbach als übermenschlich große Gestalt, der gegenüber die Menschen zu 'Ameisen" werden, Goethe nennt ihn 'heilig". Er ist ein Genius, weil sein Plan nicht aus theoretischen Grundsätzen abgeleitet ist, sondern das in die Augen fallende überzeugende Verhältnis des Ganzen zu seinen Teilen zeigt.
      Wie Shakespeare seine Werke nach eigenen Gesetzen schuf, hat Erwin von Steinbach das Münster geplant, und Auch diese Ãoberlegung erhebt die Kunst aus ihrer dienenden Rolle und betont, daß sie nach eigenen Gesetzen entsteht: sie ist weder ein äußerlicher und entbehrlicher Schmuck kirchlicher oder höfischer Feste noch eine Vermittlerin von Wahrheiten, die andere Menschen erdacht haben.
      Mit der Erwähnung des Titanen Prometheus im letzten Satz - sie ist für die Ã"sthetik des Sturm und Drang wichtiger als die Erörterungen über die Bedeutung der Säule - weist der Aufsatz auf die Prometheus-Hymne vom Herbst 1774 und auf das Fragment Die Befreiung des Prometheus voraus. Hatte
Hermann August Korff deutet den Satz als 'Keim für die Fortentwicklung der Kunstanschauung, die sich in der zweiten Phase des deutschen Idealismus vollzieht." Der Abschnitt beginnt aber mit dem Ausruf: 'Heil dir, Knabe! der du mit scharfem Aug für Verhältnisse geboren wirst, dich mit Leichtigkeit an allen Gestalten zu üben." . Wer ist dieser 'Knabe"? Karl Eibl versteht ihn als den ,,'puer', den Vergils 4. Ekloge begrüßt, und der seit der Deutung durch Kaiser Konstantin auf dem Konzil von Nicäa immer wieder als der Christus/Sotcr interpretiert wurde." Für diese Deutung spricht der typologische Bezug, den Eibl in der 'Sprachgeste" 'mehr als Prometheus" sieht. Er interpretiert sie, u.a. unter Berufung auf Mt. 12, 4 1 f. und Lk. II, 31, als Ãobernahme des christlichen Deutungsmusters, das Goethe durch seine Erziehung geläufig war.
      Darf man noch einen Schritt weiter gehen und fragen, ob Goethe bei Erwähnung des 'Knaben" nicht auch an sich selbst gedacht haben könnte? Dafür spräche sein 'Aug für Verhältnisse" : er berichtet in Dichtung und Wahrheit, wie er in einer durch die Baupläne, die man ihm zeigte, bestätigt wurde.
      Daß mit dem 'Knaben" zugleich der Künstler - also auch Cioethe -gemeint sein kann, deutet der Aufbau des Aufsatzes an. Am Beginn steht das Versprechen eines Denkmals für Krwin von Steinbach, 'wenn ich zum ruhigen Genuß meiner Besitztümer gelangen würde" . Und am Hnde steht ein Blick in das künftige Leben des Knaben mit Bildern von 'Arbeit" und 'Menschengenuß", von der F.rnte, die der schöpferische Künstler einbringen wird, und als dessen Ziel ihm ein Dasein beschieden sein wird 'zwischen Göttern und Menschen" bei Hebe, der Göttin ewiger Jugend, wie es dem 'vergötterten Herkules" nach seinem Heldenleben zuteil wurde. Prometheus - so Hibl - 'bezeichnet den Heroismus der Unerlöstheit, Aufbegehren und Selbsttätigkeit unter der Signatur des gegenwärtigen Weltzustandes. Der Mangel des Prometheus ist der Mangel Adams. Wer ,mehr als Prometheus' sein und leisten soll, muß den Sündenfall überwinden." ., S. 243) Deshalb 'stehen wir da und beten an den Gesalbten
Man mag sich fragen, was an diesem Aufsatz der spontane Niederschlag eines überwältigenden Kindrucks ist und was die durchdachte Antwort auf zeitgenössische Kunsttheorien, die unter dem Kinfluß Herders entstanden ist. Goethe sah das Münster im April 1770 und schrieb den Aufsatz erst im nächsten und übernächsten Jahr. Kr sieht Krwin von Steinbach so, wie I lerdcr Shakespeare sah. Kr spottet über die barocke Säulenarchitektur von Gian I.orenzo Bernini in Rom, ohne sie schon selbst gesehen zu haben. Kr setzt sich, lebhaft und kritisch, mit der Allgemeinen Theorie der schönen Künste von Johann Georg Sulzer und mit dem Franzosen Marc-Antoine Kaugier auseinander. So mag man den Aufsatz Von deutscher Baukunst kritisch als eine nur scheinbar spontane, dem unmittelbaren Gefühl eines großen Kindrucks entsprungene Bekundung der neuen Krfahrung lesen, die Goethe in Straßburg machte. Aber wie auch immer: in diesem kurzen Manifest sind viele wesentliche Gedanken der Kunsttheorie des Sturm und Drang enthalten. Die Genieästhetik ist nirgends knapper und genauer beschrieben worden.
      verhüllt zu haben. Dies Urteil bezieht sich jedoch auf die Sprache, in der er seine Ansicht 1772/73 darstellte, nicht auf die Grundsätze und Krgebnisse seiner Betrachtung des Straßburger Münsters, die er in dem Aufsatz. Von deutscher Baukunst 1823 nachdrücklich bestätigte .
     

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Johann  Wolfgang  Goethe:  Von  deutscher  Baukunst    

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