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Sturm und drang epoche

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Rousseau



Die Aufklärung war keine in sich geschlossene Bewegung glcichdenkender Menschen mit gleichförmigen Ãoberzeugungen, und der Fortschrittsoptimismus, den man dein Zeitalter zuzuschreiben pflegt, war keineswegs ungebrochen. Hatte schon die Querelle des Ancicns et des Modernes in Frankreich um die Wende vom siebzehnten zum achtzehnten Jahrhundert die Frage diskutiert, ob das Wesen des Menschen durch die Fortschritte der Kenntnisse und Zivilisation verbessert worden sei, so wurde diese Frage erneut zur Jahrhundertmitte aufgeworfen, als Jean-Jacques Rousseau den Discours sur les sciences et les arts veröffentlichte. Die Akademie von Dijon hatte die Preisfrage gestellt, 'Ob der Fortschritt der Wissenschaften und Künste zum Verderben oder zur Veredelung der Sitten beigetragen hat?" In der kleinen Abhandlung, mit der er die Frage beantwortete - sie erschien 1750 unter dem Titel Discours qui a remporte le Prix ä l'Academie de Dijon, en Annee de 17SO - entwickelt er eine nachhaltig wirksame Kritik an der Zivilisation seiner Zeit, indem er an Beispielen aus der alten Geschichte zeigt, daß die Verfeinerung des Lebens und die Zunahme des Wissens zur moralischen Verderbnis und zur Ungleichheit unter den Menschen geführt hätten.

      'Rom, von einem Hirten gegründet und durch Ackerbauern berühmt, begann zu den Zeiten des Ennius und Terenz zu degenerieren. Aber nach Ovid, Catull, Martial und dieser Menge obszöner Autoren, deren Namen einem schon die Schamröte ins Gesicht treiben, wurde Rom, einst der Tempel der Tugend, das Theater des Verbrechens, der Schandfleck der Nationen und der Spielball der Barbaren". So gelangt er zu der Behauptung, der Mensch sei von Natur aus gut, und der Fortschritt der Wissenschaften und Künste habe zu unserer wahren Glückseligkeit nichts beigetragen, sondern unsere Sitten verdorben .
      Die Schrift machte Rousseau mit einem Schlage berühmt, und er führte den Grundgedanken in den folgenden Jahren weiter aus. Er zeitigte nahezu unabsehbare Wirkungen auf allen Lebensgebieten; in den Künsten, der Dichtung, im Erziehungswesen und in der Philosophie lassen sich seine Folgen beobachten. Man sah in Rousseau sogar den geistigen Wegbereiter der Großen Revolution von 1789; in der Tat kann der Eingangssatz des Ersten Kapitels des Contrat social in diesem Sinne verstanden werden: 'Der Mensch wird frei geboren, und dennoch liegt er in Ketten" , zumal Rousseau aus dieser Beobachtung folgert, ein Volk, das zu gehorchen gezwungen sei, tue gut daran zu gehorchen - wenn es sich aber befreien könne, tue es noch besser daran, sich zu befreien.
      Das außerordentliche Echo, das die Gedanken Rousseaus hatten, gestattet den Schluß auf ein verborgenes Krisenbewußtsein, das er zum Ausdruck bringt. Rousseau selbst traf 1762 im Emile die Vorhersage: 'Wir nähern uns dem Zustand der Krise und dem Jahrhundert der Revolutionen". Der Philosoph Paul Heinrich Dietrich Baron von Holbach schrieb 1766 an Voltaire: 'Ganz Europa befindet sich in einer für den menschlichen Geist günstigen Krise", und Herder spricht 1773 in einem Paralipomenon seiner Schrift Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit von 'einer so merkwürdigen Krisis des Menschlichen Geistes" .
     

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