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Die Sattelzeit



In den Jahrzehnten vor 1789, als zugleich der Wandel der alten europäischen Agrarstaaten zu modernen Industriestaaten begann, veränderten zahlreiche Einrichtungen in Gesellschaft und Politik ihren Gharaktcr: die Großfamilie als Hausgemeinschaft wandelte sich zur Klcinfamilic; die Arbeitsteilung brachte die Trennung von Wohnsitz und Arbeitsplatz mit sich. Das Bürgertum begann mit den Fortschritten der Gewerbe und des Handels, einen Wohlstand zu schaffen, der die wirtschaftliche Bedeutung des grundbesitzenden Adels minderte. Zugleich begann die bürgerliche Intelligenz, die gesellschaftliche und politische Führungsrolle des Adels in Frage zu stellen; Der Hofmeister von Lenz und Goethes Werther sind literarische Niederschläge dieser Tendenz.

      Ein Anzeichen des tiefgreifenden Wandels, der sich zu vollziehen begann, ist die Veränderung zahlreicher Begriffe des öffentlichen Lebens wie z. B. Bürger, Freiheit, Republik oder Revolution, die ihre neuen, heute geläufigen Bedeutungen annahmen. Der Historiker Reinhart Koselleck hat deshalb den Begriff Sattelzeit geprägt. F.s ist die Zeit, 'in der sich die Herkunft zu unserer Präsenz wandelt" , die Jahrzehnte um 1770, das Menschenalter vor der Französischen Revolution, mit dem man in der Geschichtswissenschaft das Ende der frühen Neuzeit datiert. Es ist die Zeit des Aufbruchs in die Moderne. In der deutschen Literatur geschah dieser Aufbruch mit dem Sturm und Drang. Es sind vor allem die Begriffe Natur und Vernunft, die ihre Bedeutung verändern. In ihrem Gefolge werden die literarischen Gattungsbegriffe Lyrik, Drama und Roman mit neuen Vor
Stellungen gefüllt. Das Wort Genie tritt in die Ã"sthetik ein, zugleich mit Vorbildern, die dem Begriff Leben verleihen: Homer und Shakespeare.
      Sieht man die literarische Bewegung in diesem geschichtlichen Zusammenhang, so stellt sich die Frage: wie politisch und wie revolutionär waren die Stürmer und Dränger?
Sie waren sicherlich nicht politisch im heutigen Sinne, aus dem einfachen Grund, weil sie als Untertanen absolutistisch regierter Staaten keine Informationen und Erfahrungen sammeln konnten, die ihnen ermöglicht hätten, politisch tätig zu werden; der einzige, dem das beschieden sein sollte, war der weimarische Minister Der Sturm und Drang oder die Geniezeit war eine literarische Bewegung: keineswegs war ganz Deutschland von Genies bevölkert, es gab kaum außerliterarische F.rscheinungen in der Kultur jener Jahre, die sich mit der Dichtung zu einem Epochenstil verbunden hätten wie etwa dem Rokoko oder der Klassik. F"s war die junge literarische Intelligenz, die gegen erstarrte poetische Regeln, gesellschaftliche Konventionen und Einseitigkeiten der Aufklärung protestierte, indem sie ihre eigenen Ãoberlegungen und Kunstwerke denen ihrer Väter entgegensetzte. Und die ältere Generation hörte nicht auf, weiterhin produktiv zu sein: Lessings Nathan der Weise erschien sechs Jahre nach dem Götz; Kants Critik der reinen Vernunft 1781, im selben Jahr wie Schillers Räuber. Das achtzehnte Jahrhundert war auch insofern modern, als es eine Vielzahl künstlerischer und literarischer Stile, Moden und Verhaltensweisen nebeneinander und gleichzeitig gab. Während Goethe mit dem Herzog Karl August im Wertherkostüm 1779 die Schweiz bereiste, musizierte Mozart in Salzburg und Paris mit dem Zierdegen an der Seite. Und in Weimar, wo die Herzogin Anna Amalia ihren Musenhof führte, mußten angefangene Deserteure Spießruten laufen.
     

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