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Die Aufklärung



Etwa um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts kommt das Wort Aufklärung in Gebrauch. Es bezeichnet eine gesamteuropäische Bewegung, deren Anfänge im siebzehnten Jahrhundert liegen und sich mit dem Namen des französischen Philosophen, Mathematikers und Naturwissenschaftlers Rene Descartes verbinden. Seine Philosophie erstrebt die eindeutige Sicherung menschlicher Erkenntnis. Er findet sie als Ergebnis radikalen methodischen Zweifeins in der Selbstgewißheit und Selbständigkeit des Denkenden, die er mit dem Satz 'Cogito ergo sum" - Ich denke, also bin ich - formulierte.


      Die Aufklärung entwickelte sich zu einem Prozeß der F>kenntnis, der die Menschen von allen Traditionen, Normen und Konventionen befreite, die nicht die Prüfung durch die autonome menschliche Vernunft bestehen und die sich deshalb als Irrtum, Vorurteil oder Aberglaube darstellen. Indem sie den Menschen vom geschichtlichen Herkommen befreite, rationalisierte sie die Welt; indem sie die institutionalisierte Religion in Frage stellte, leitete sie den Prozeß der Säkularisierung ein. Säkularisierung bedeutete ursprünglich im Kirchenrecht den Ãobertritt eines Ordensgeistlichen in den Stand des Weltgeistlichen, dann im politisch-rechtlichen Bereich die Ãobertragung geistlichen Besitzes unter weltliche Herrschaft. Man kann sie im Zusammenhang der Geschichte der Aufklärung in mehrfacher Bedeutung verstehen, zunächst allgemein als Zurückdrängung der Religionen und als ihre Entmächtigung; aus der Perspektive der Theologie bedeutet sie eine Anpassung der Religion an die Gesellschaft. Man versteht sie auch als eine Ãobertragung von religiösen Vorstellungen und Verhaltensformen auf weltliche Verhältnisse und endlich als eine Entsakralisierung und 'Entzauberung" der Welt.
      Gemeinsam ist allen Vertretern der Aufklärung die grundlegende Ãoberzeugung von der Autonomie der menschlichen Vernunft. Vor ihrem Gerichtshof müssen sich alle Erkenntnisse, alle Methoden und alle Wahrheiten ausweisen, vor ihr müssen sich alle Grundsätze des Handelns in Politik, Gesellschaft und persönlicher Bthik rechtfertigen. Sie setzt die Normen des gesellschaftlichen, des politischen und moralischen Handelns. Das wichtigste Instrument der Vernunft ist die Kritik, vor der jede Ãoberzeugung und jeder Glaube besteht oder versagt. Das Wort 'Kritik" wurde zu einem Losungswort des achtzehnten Jahrhunderts, es erscheint in zahlreichen Buchtiteln, deren bekannteste wohl die drei Hauptwerke Immanuel Kants sind:

V.

ritik der reinen Vernunft , Critik der praktischen Vernunft und Critik der Urtheilskraft . In der Vorrede der Critik der reinen Vernunft von 178 I spricht er von 'der gereiften Urtheilskraft des Zeitalters, welches sich nicht länger durch Scheinwissen hinhalten läßt" und von der 'Aufforderung an die Vernunft, das beschwerlichste aller ihrer Geschäfte, nämlich das der Selbsterkenntnis aufs neue zu übernehmen". In einer Fußnote betont er den anderen Pol der Kritik, der die Selbsterkenntnis ergänzt: 'Unser Zeitalter ist das eigentliche Zeitalter der Kritik, der sich alles unterwerfen muß. Religion, durch ihre Heiligkeit, und Gesetzgebung durch ihre Majestät, wollen sich gemeiniglich derselben entziehen. Aber alsdann erregen sie gerechten Verdacht wider sich und können auf unverstellte Achtung nicht Anspruch machen, die die Vernunft nur demjenigen bewilligt, was ihre freie und öffentliche Prüfung hat aushalten können."
So entsprechen der Kritik die Forderungen nach Meinungsfreiheit und nach Toleranz. Beide bedingen einander: Toleranz, der Grundsatz, religiöse, ethische, gesellschaftliche, politische und andere Normen andersdenkender Menschen gelten zu lassen, ist die Bedingung für den Anspruch auf die Duldung der eigenen Normen durch andere. Das sind im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert selbstverständliche Rechtsgrundlagen u. a. in den Ländern, wo im achtzehnten Jahrhundert die Aufklärung begann. Betrachtet man indes die politische und gesellschaftliche Wirklichkeit im F'uropa des achtzehnten Jahrhunderts, so liegt der Gedanke nicht fern, daß sie den Menschen dieser Jahre als Utopien erschienen sein mögen.
      Daher verband sich mit dem Glauben an die Vernunft auch der Glaube an den Fortschritt, der von der Aufklärung als prinzipiell unendlich gedacht wurde: sowohl was die Lebensgebiete betrifft, auf die er sich bezog, wie auch hinsichtlich seiner zeitlichen Erstreckung. Die Ãoberzeugung, daßdie Geschichte der Menschheit auf dem Wege zu einer besseren und endlich gar vollkommenen Welt begriffen sei, gehört zu den Grundüberzeugungen der Aufklärung. Sie ist im achtzehnten Jahrhundert mit der Entwicklung zu einer sich allmählich durchsetzenden Weltgesellschaft verbunden. Indem die letzten, bis dahin unbekannten Flecken der Erde entdeckt wurden, wurden die Bedingungen geschaffen, die die Ausbreitung europäischer Zivilisation über die gesamte Erde ermöglichten. Man begann, die Welt und ihre Geschichte als Einheit zu betrachten. Dem entspricht die gleichzeitig zu beobachtende Tendenz zur geschichtsphilosophischen Reflexion. Les-sings Erziehung des Menschengeschlechts und Herders Auch eine Philosophie der Ceschichte zur Bildung der Menschheit sind zwei der bekanntesten Werke.
      Der Fortschrittsglaube der Aufklärung kann als Säkularisation christlicher Enderwartungen verstanden werden: wenn die Fältwicklung der Geschichte als Weg zur Herrschaft menschlicher Vernunft über die Natur verstanden wird, tritt der Mensch an die Stelle Gottes und wird zum Subjekt der Geschichte. Der Glaube an Gott wird abgelöst durch den Glauben an die grenzenlos mächtige und unendlich fortschreitende Vernunft.
      Mit dem Fortschrittsgedanken verbindet sich seit der Mitte des 18. Jahrhunderts der Gedanke der Pcrfektibilität des Menschen: das Wort 'Perfek-tibilität" stammt aus dem Französischen und konnte durch die deutschen Lehnübersetzungen 'Vervollkommnungsfähigkeit" und 'Vervollkommnung" nie völlig verdrängt werden. F^s bezeichnet die Ãoberzeugung, daß der Mensch moralisch, intellektuell und körperlich verbesserungsfähig sei, ja am Ende zur Vollkommenheit gelangen könne.
      Der Glaube an den von der Vernunft geleiteten Fortschritt in der Geschichte der Menschheit und des Einzelnen hatte das Interesse an der Erziehung zur Folge, das in der Aufklärung deutlicher als je zuvor aufkam. Erst seit der Aufklärung gibt es Pädagogik als Begriff und wissenschaftliche Disziplin. Man kann, wenn man Aufklärung als eine Tätigkeit betrachtet, sie nahezu mit Erziehung gleichsetzen. Sie folgt aus dem Bestreben, den Fortschritt der Geschichte herbeizuführen und aus der Ãoberzeugung, den an sich unvollkommenen, aber zur Vollkommenheit fähigen Menschen in seiner Entwicklung zu fördern. Das ausgehende 18. Jahrhundert ist das Zeitalter der Erziehung.
      Johannes Bernhard Basedow gründete 1774 in Dessau das Philantropin, eine Erziehungsanstalt für sechs- bis achtzehnjährige Zöglinge; der evangelische Theologe Christian Gotthilf Salzmann folgte ihm nach Dessau und gründete eine eigene Erziehungsanstalt, ebenso wie Joachim Heinrich Campe, der später als Schulrat die Braunschweigische Schulreform organisierte und ein sechzehnbändiges Werk Allgemeine Revision des gesamten Schul-und Erziehungswesens verfaßte. In der Schweiz gründete Johann Heinrich Pestalozzi in den siebziger Jahren eine Erziehungsanstalt, die geistige, moralische und praktische Kräfte des Menschen - 'Kopf, Herz, Hand" - entwickeln sollte. Diese Neigung zur Erziehung wurde auch von Herzog Karl Eugen von Württemherg geteilt, der 1770 ein als Militärische Pflanzschule geplantes Waisenhaus errichtete und 1773 zur Herzoglichen Militärakademie erweiterte - das Institut wurde v. a. durch seinen bedeutendsten Schüler Friedrich Schiller berühmt, der diese 'Sklavenplantage" 177.3 bis 1780 besuchen mußte.
      In den Wissenschaften, zumal den Naturwissenschaften, vollzog sich im achtzehnten Jahrhundert eine Entwicklung, die von der an Aristoteles orientierten Scholastik zur modernen Wissenschaft führte; an die Stelle der Berufung auf Autoritäten traten die Beobachtung und Berechnung, das Experiment und der logisch überzeugende Beweis: die Aufklärung schuf die Grundlage für die alle Bereiche des Lebens revolutionierende Entwicklung der Naturwissenschaften, der Medizin und der Technik, die sich dann im neunzehnten Jahrhundert vollziehen sollte. Welche Veränderungen die Aufklärung bewirkte, kann man sich vor Augen führen, wenn man bedenkt, clals zahlreiche Verfahren und Verhaltensweisen, die heute allgemein üblich und selbstverständlich sind, damals eingeführt wurden: der niederländische Arzt Hermann Boerhaave z.B. unterrichtete als erster Professor Studenten am Krankenbett, man begann regelmäßige Wetterbeobachtungen und meteorologische Messungen, man begründete die mathematische Wahrscheinlichkeitslehre, klassifizierte systematisch Tiere und Pflanzen und gründete wissenschaftliche Akademien. Zugleich war man bestrebt, das Wissen der Zeit zu sammeln, zu ordnen und der Welt zur Verfügung zu stellen: In Frankreich erschien von 1751-1772 die große b.ncyclopedie ou dictionnaire raisonne des sciences, des arls et des metiers in siebzehn Folio- und I I Tafelbänden. Sie wurde von Denis Diderot und Jean le Rond d'Alembert herausgegeben und versammelte an die zweihundert Mitarbeiter: Beamte, Offiziere, Ingenieure, Ã"rzte, Gelehrte und Handwerker, die in mehr als 60 000 Artikeln das gesamte Wissen der Zeit darstellten. Die Mitarbeiter bildeten eine 'so-ciete de gens des lettres", die sich als Vertreter einer aufgeklärten, und von staatlichen wie kirchlichen Autoritäten freien Vernunft verstanden. Mathematik, Medizin, Philosophie, Militärwesen, Geschichte, Physik, Chemie, Biologie, Handwerke, Ã-konomie und, nicht zuletzt, die Politik waren die wesentlichen Gegenstände, deren Darstellung den aufgeklärten Menschen zur Herrschaft über die Natur befähigen sollte.
     

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