Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Sturm und drang epoche
Die Kntwicklung des Dramas im Sturm und Drang ist im Zusammenhang mit den Bemühungen des 1 8. Jahrhunderts um ein deutsches Nationaltheater, um die Schauspielkunst und die Theaterkultur zu sehen. Glei
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Heinrich Leopold Wagner: Die Kindermörderin



Analyse

Am 18. Juli 1776, wenige Wochen vor seinem juristischen Doktorexamen, las Heinrich Leopold Wagner, damals neunundzwanzig Jahre alt, der von Friedrich Rudolf Salzmann im Jahre zuvor gegründeten Deutschen Gesellschaft in Straßburg sein Drama Die Kindermörderin vor. F.s war vermutlich im Frühjahr desselben Jahres entstanden.
      Der Mord an einem neugeborenen Kinde, von der Mutter selbst begangen, ist ein Thema, das in der Dichtung des späten achtzehnten und noch des neunzehnten Jahrhunderts vielfach behandelt wurde. Lenz widmete ihm die Ktzählung Zerbin oder die neuere Philosophie , Maler Müller griff es in der Idylle Das Nußkernen auf, Anton Matthias Sprick-mann in der Ballade Ida , Schubart erwähnt es in dem Gedicht Das schwangere Mädchen, Maler Müller in der Schaafschur, Otto Reichsfreiherr von Gemmingen in seinem bürgerlichen Schauspiel Der teutsche Hausvater , Schiller schrieb 1781 das Gedicht Die Kindesmörderin. Vielleicht ist eine Quelle dafür ein Volkslied, das in Des Knaben Wunderhorn unter dem Titel Weltlich Recht erscheint; sicherlich hat es Brentanos Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl angeregt. In einer Kpisode erscheint das Motiv in Klingers Roman Lausts Leben, Thaten und Höllenfahrt . Weniger bekannte Autoten widmeten ihm unterschiedliche Dichtungen: der Theologe Karl Friedrich Stäudlin schrieb ein Gebet Seltha, die Kindermörderin , Johann Friedrich Schink Empfindungen einer unglücklichen Verführten bey der Ermordung ihres Kindes , August
Gottlieb Meißner das Lied einer Gefallenen und Die Mörderin . 1795 veröffentlichte er eine Kriminalnovelle jawohl sie hat es getan. Es gibt eine Prosaerzählung von Franz. Gaspar Buchholz Bettina , ein Schauspiel Julie oder die gerettete Kindesmörderin von dem Mathematikprofessor Friedrich Wilhelm Wucherer und die Anrede an das Volk bei der Hinrichtung einer Kindesmörderin von David Ghristoph Seybold . Hölty dichtete die Schauerballade Die Nonne und Bürger Des Pfarrers Tochter von Taubenhain. Hin Gedicht mit demselben Titel findet sich in Des Knaben Wunderhorn, es stammt von Auguste von Pattberg. Johann Heinrich Pestalozzi verfaßte mehrere Erzählungen, die er in die Schrift Ãober Gesetzgebung und Kindermord einflocht. Goethe hat das Thema nicht nur im ersten 'Feil des Laust behandelt, sondern auch in den Balladen Der untreue Knabe und Vor Gericht . In den weiteren Umkreis gehören seine Darstellungen ungetreuer Liebhaber und Verehrer in Götz von Berlichingen und Clavigo. Noch die Novelle Das nußbraune Mädchen in Wilhelm Meisters Wanderjahren rührt an den Motivkomplex: die Braune war eine volksläufige Bezeichnung des weiblichen Genitals, ein braunes Mädchen ein Mädchen, das seine Ehre verschlafen hatte.
      Ãoberblickt man die zahlreichen literarischen Darstellungen des Problems, so liegt der Schluß nahe, daß es in diesen Jahrzehnten große gesellschaftliche Bedeutung hatte, nicht nur für Cioethe, der die Hinrichtung der Dienstmagd Susanna Margaretha Brandt am 14. Januar 1772 in Frankfurt wahrscheinlich als Augenzeuge erlebt, vielleicht auch ihren Verhören beigewohnt, sicherlich aber die Akten ihres Prozesses gekannt hat. Seine Datstellung eines Mädchens, das von einem gesellschaftlich und intellektuell überlegenen Liebhaber verführt wird, ein Kind gebiert und es umbringt, weil in der Gesellschaft kein Platz für uneheliche Kinder und Mütter ist, die Ciretchentragödie in Laust I, ist wohl die bekannteste Gestaltung des Problems. Cioethe war Heinrich Leopold Wagner in Straßburg begegnet und schreibt in Dichtung und Wahrheit:
'Votübergehend will ich nur, der Folge wegen, noch eines guten Gesellen gedenken, der, obgleich von keinen außerordentlichen Ciaben, doch auch mitzählte. Er hieß Wagner, erst ein Glied der Straßburger, dann der Frankfurter Gesellschaft; nicht ohne Geist, Talent und Unterricht. Er zeigte sich als ein Strebender, und so war er willkommen. Auch hielt er tteulich an mir, und weil ich aus allem was ich vorhatte kein Geheimnis machte, so erzählte ich ihm wie andern meine Absicht mit Laust, besonders die Katastrophe von Gretchen. Er faßte das Sujet auf, und benutzte es für ein Trauerspiel, Die Kindesmörderin. Es war das erste Mal, daß mir jemand etwas wegschnappte; es verdroß rrtich, ohne daß ich's ihm nachgetragen hätte. Ich habe dergleichen Gedankenraub und Vorwegnahmen nachher noch oft erlebt, und hatte mich, bei meinem Zaudern und Beschwatzen so manches Vorgesetzten und Eingebildeten, nicht mit Recht zu beschweren."
Goethe schrieb das 18 12/1.? im 14. Buch von Dichtung und Wahrheit. Die wenigen Worte, in denen er im Abstand von fast vier Jahrzehnten mit dem Ansehen seines Namens den 'guten Gesellen" abfertigte, haben das Bild Wagners in der deutschen Literaturgeschichte geprägt: man stellt ihn zu den Nebenfiguren des Sturm und Drang und nennt ihn selten. Schon der Titel seines Dramas muß Goethe irritiert haben; er ändert ihn, nicht ohne Pedanterie, in Die Kindesmördcrin.
      Auch wenn Wagner von Goethe die 'Katastrophe von Gretchen" übernommen haben sollte, sind doch die Hinflüsse eines Straßburger Rechtsfalles auf das Drama noch deutlicher: 'Mitte Oktober 1775 wurde dort die 22-jährige Maria Sophia I.eypold, Tochter eines ehrsamen Bürgers und Metzgers, ein Mädchen aus guter Familie, des Kindesmordes angeklagt und zum Schwert verurteilt. Höchstwahrscheinlich handelte es sich aber um Totgeburt und verhehlte Schwangerschaft, denn sie wurde nicht hingerichtet, sondern im Januar 1776 von Ludwig X

VI.

zu lebenslänglicher Gefängnisstrafe begnadigt |...| und am 14. August 1788 auf freien Fuß gesetzt. Die Begnadigung und spätere Freilassung lassen daraufschließen, daß schwerwiegende mildernde Umstände vorgelegen haben müssen, durch die das Todesurteil dann um so schrecklicher erscheinen mußte."
'Der Schauplatz ist in Straßburg, die Handlung währt neun Monat." Mit der programmatisch knappen Angabe, die dem Personenverzeichnis folgt, bezeichnet Wagner einen wesentlichen Zug seines Dramas, dessen Handlung einfach und übersichtlich aufgebaut ist. Fvchen Fiumbrecht folgt zusammen mit ihrer Mutter der Hinladung des in ihrem Hause wohnenden Lieutenants von Gröningseck zu einem Ball im 'Wirthshaus zum gelben Kreutz". Hier betäubt er die Mutter mit Hilfe eines Pulvers, das er ihrem Punsch beimischen läßt, um ungestört die Tochter verführen zu können. Der 'Fhrcnschändcr", der sie 'zur Hure gemacht" hat, beschwichtigt ihre Verzweiflung und Reue durch ein Hheversprechen, das er aber erst in fünf Monaten, wenn er volljährig sein wird, einlösen kann. Der zweite Akt führt zwei neue Personen ein: den Vater, Metzgermeister Martin Humbrecht, und den Vetter Magister Humbrecht, einen künftigen Geistlichen, der Hvchen Klavierunterricht erteilt. Der Vater streitet mit der Mutter, weil sie mit Hvchen den Ball besucht hat - 'Hs gehört sich aber nicht für Bürgersleut" .
      Der Dritte Akt spielt 'vier, fünf Monate" nach der verhängnisvollen Karnevalsredoute und zeigt v. Gröningseck im Gespräch mit seinem Regimentskameraden v. Hasenpoth. Der nennt sich v. Gröningsecks 'Landsmann" und 'compagnon de debauche" . Er hat das Pulver beschafft, mit dem Frau Humbrecht eingeschläfert wurde, und will v. Gröningseck zum Bruch des Heiratsversprechens verleiten. Das Gespräch wirdauf seinem Höhepunkt durch den Magister unterbrochen, der von Evchens Melancholie berichtet: Sie liest die Nachtgedanken von Edward Young, das Hrbauungsbuch der empfindsam Schwermütigen. Da erscheint Major Lindsthal, der v. Gröningseck den Bescheid über sein Urlaubsgesuch bringt. Nachdem Lindsthal und der Magister fortgegangen sind, wiederholt Gröningseck seine Absicht, Hvchen zu heiraten. Aber Hasenpoth will das mit allen möglichen Mitteln verhindern.
      Der Vierte Akt in Hvchens Schlafzimmer zeigt ihren Kummer angesichts der bedrängten Lage im Gespräch mit ihren Eltern, denen sie sich nicht eröffnen kann: vor allem der Vater mit seinen strengen Ehrvorstellungen ängstigt sie. Da erscheint v. Gröningseck und versichert sie seiner 'reinste! n|, tugendhafteste|n|" Absichten. Er will nach Hause reisen und, 'zu rechter Zeit wiederkommen" , um sie alsdann zu heiraten. Er wiederholt seinen Schwur. Die Reise veranschlagt er auf zwei Monate.
      Acht Monate nach der Verführung, zu Beginn des Fünften Aktes 'um Michaelstag herum" , dem 29. September, hat sie soeben einen Brief erhalten, den v. Hasenpoth unter dem Namen Gröningseck geschrieben hat und der ihr den Leutnant v. Hasenpoth als Liebhaber vorschlägt. Sie durchschaut das Spiel nicht und verzweifelt vollends. Sie tauscht ihren taftenen Mantel mit dem baumwollenen der Magd Lissel und verläßt das Haus eben, als der Magister kommt, um ihrem Vater mitzuteilen, was er am Vortag in der Kirche erlebt hat: Fvchen ist in Ohnmacht gefallen, als eine königliche Verordnung 'wegen den Duellen, dem Flausdiebstahl und dem Kindermord" von der Kanzel verlesen wurde: den Verdacht jedoch, den der Magister geschöpft hat, mag Meister Fiumbrecht nicht teilen. Er, vor allem seine Frau, die dazukommt, protestieren heftig, bis der Magister einen Brief hervorzieht, in dem v. Gröningseck - in der Tat abermals v. Hasenpoth - schreibt: 'Fragen sie doch Hvchen Fiumbrecht, ihre Base, ob sie dumm genug ist zu glauben, daß ich sie würklich heyrathen wollte." Da Fiumbrecht nun doch an der Unschuld seiner Tochter zu zweifeln beginnt, erscheint ein Scherge oder Bettelvogt - 'Fausthammer" - der die von Frau Humbrecht während des Balls verlorene Tabaksdose als Fundstück bringt; Fiumbrecht traktiert ihn mit Stockschlägen, weil er im Frühjahr ein fünfjähriges Kind, das bettelte, 'zu Tod geprügelt hat." Nun stellt sich heraus, daß Hvchen fort ist. Zugleich kommt der Gerichtsbote wieder, diesmal in Begleitung seines Vorgesetzten, des Fiskals, der Frau Humbrecht mitteilt, daß ihre Tabaksdose 'bey einem schlechten Weibsbild" gefunden wurde. Meister Humbrecht erfährt so, daß seine Frau und Tochter im Karneval in einem Bordell frühstückten. Humbrecht nennt die Tochter beim Aktschluß, als die Suche nach ihr aufgenommen wird, zwar 'Die Flure" , aber zugleich ist er von der Angst um sie 'wie betäubt" .
      Der Sechste Akt - eine Seltenheit in der dramatischen Literatur des achtzehnten Jahrhunderts - spielt fünf Wochen später, vorausgesetzt, daß Evchen alsbald nach der Flucht aus dem Elternhaus zu Frau Marthan gegangen ist, wo wir sie mit ihrem Kind sehen. Sie lebt seitdem bei der Wäscherin, die sie aufgenommen hat und ihren kümmerlichen Unterhalt mit ihr teilt. Sie hat sich als Dienstmagd ausgegeben, die von der Herrschaft wegen ihrer Schwangerschaft verstoßen wurde und eröffnet Frau Marthan, daß sie 'beym Metzger Humbrecht" gedient habe. Darauf erfährt sie, ihre Mutter sei vor Kummer gestorben. Da offenbart sie sich ihrer Wirtin, die sich die von Humbrecht ausgesetzte Belohnung verdienen soll, indem sie den Aufenthaltsort der Tochter nennt. Als Frau Marthan das Haus verlassen hat, tötet Evchen in geistiger Verwirrung das Kind. Ihren anschließenden Monolog unterbricht der Auftritt des Vaters, der ihr den Fehltritt verzeiht, bestärkt darin vom hinzukommenden Magister, der die Intrige v. Hasenpoths aufdeckt und die Verspätung v. Gröningsecks mit einer 'tödtliche|n| Krankheit" erklärt. Da nun alles sich zum Guten wenden könnte, bekennt Evchen den Kindesmord. v. Gröningseck kommt hinzu, gleich nach ihm der Fiskal mit den Fausthämmern. Fvchen wird verhaftet; ein Schimmer von Hoffnung bleibt am Ende, denn v. Grönings-eck will zum König, um Gnade für sie zu erwirken. Der Fiskal bestärkt ihn in seiner Absicht mit den Worten: 'freilich! Es kommt viel auf die Umstände an!"
Deutlicher als fast alle anderen Werke des Sturm und Drang zeigt Wagners Kindcrmördcrin die Verkehrtheiten und Ungerechtigkeiten der Gesellschaft, wie sie in den Jahrzehnten vor der Französischen Revolution bestand: da ist zunächst der unüberbrückbare Gegensatz zwischen Adel und Bürgertum. Es ist einem Adligen unmöglich, eine Nichtadelige zu heiraten, ohne seine Standcsvorteile zu verlieren: die Zugehörigkeit zum Heer und zur adeligen Gesellschaft. Er unterliegt Zwängen, die unvernünftig, fast absurd erscheinen; das zeigt die Affaire des Lieutenant Wallroth von Salis, die Major Eindsthal im Dritten Akt berichtet: er hat einen Falschspieler entlarvt und angezeigt. Deshalb ist er seiner Offiziersehre verlustig, die Kameraden verkehren nicht mehr mit ihm, denn 'Als ein recht braver Kerl hätt er nicht zum Kommen-danten laufen, sondern seinem Mann das Weiße im Aug selbst weisen müssen." , ein Standpunkt, den der Magister, bürgerlich aufgeklärt, nicht verstehen kann: der adelige Offizier steht in gewisser Weise mit seiner unsinnigen Ehre außerhalb der Gesetze; 'Pah! das Verbot gilt uns nicht! - gilt keinem Kriegsmann!" sagt der Major. Das Zerrbild einer Ehre, die den Adeligen außerhalb der bürgerlichen Gesetze rückt - ein Thema, das noch in der Literatur um 1900 eine große Rolle spielt - wird hier zum ersten Mal auf der Bühne verhandelt. Und es paßt zu dieser Ehre, daß die Verführung eines ehrbaren Bürgermädchens diese 'FTire" ebenso wenig beschädigt wie ihre Täuschung mit falschen Versprechungen, v. Gröningseck, der sich entschließt, seinen Abschied als Offizier zu nehmen und mit Evchen auf seinen Gütern zu leben, ist angesichts dieser Verhältnisse fast eine utopische Figur, die zeigt, wie ein Adeliger eigentlich sein sollte: menschlich.
     
Die Briefintrige des um die Offiziersehre seines Freundes besorgten Ha-senpoth ist das eine der Motive in dem Geflecht von Ursachen für Evchens Katastrophe. Ihr entspricht auf der anderen Seite der bürgerliche Ehrbegriff Humbrechts. Die Ehre seiner Familie besteht für ihn im wesentlichen in der Unbescholtenheit seiner Frau und Tochter. Schon der Besuch eines Balls erscheint ihm als Verstoß gegen Sitte und Herkommen - zu schweigen von dem, was er im Zweiten Akt noch nicht weiß und erst im Sechsten erfährt. Dieser bürgerliche Ehrbegriff, dem man u. a. in Des Pfarrers Tochter von Taubenhain oder in Kabale und Liebe begegnet, begründet einerseits das Ãoberlegenheitsgefühl des bürgerlich Anständigen über den leichtfertigen Adeligen, anderseits erzeugt er in Wagners Drama die verzweifelte Angst, die Evchen erst zur Melancholie, dann zur Flucht aus dem Elternhause und endlich zur Tötung ihres Kindes treibt.
      Die Katastrophe des Sechsten Aktes ist nur verständlich vor dem Hintergrund der Strafrechtspflege im achtzehnten Jahrhundert, die zwar hie und da - vor allem im Preußen Friedrichs des Großen ab 1740 - milder und humaner gehandhabt wurde, die aber noch in den 1770er Jahren im französischen Straßburg gemäß einem Edikt Heinrichs

II.

aus dem Jahre 1556 für die Tötung eines Kindes, ebenso wie für das Verhehlen einer Schwangerschaft - was als Absicht der Kindestötung angesehen wurde -die Todesstrafe vorsah. Schon an 'gefallenen" Mädchen wurden in vielen Staaten brutale und entehrende Strafen vollstreckt.
      Bemerkenswert an dieser Praxis ist die Zuweisung von Schuld, Schande und Strafe ausschließlich an die Frauen. Meißner schrieb 1795: 'So menschlich auch ein Vergehen dieser Art sein mag, so gewiß der Verführer weit stärkern Tadel als die Verführte verdient, so dachte man doch in damaligen Zeiten über einen solchen Punkt weit strenger als jetzt; und wahrscheinlich auch weit strenger als - man sollte." Die Diskussion um das Problem des Kindesmordes verweist auf die rechtliche und gesellschaftliche Stellung der Frau im achtzehnten Jahrhundert. Denn zu der Ahndung der Kindestötung, ja schon eines Fehltritts durch die Gerichte kamen die weiteren Folgen: eine 'Dirne" blieb für den Rest ihres Lebens ohne Bewerber, und da sie keine Ehe eingehen konnte, auch ohne wirtschaftliche Versorgung. So gesehen ist Wagners Kindermörderin der Protest eines jungen, menschlich gesinnten Juristen gegen veraltete, unmenschliche Gesetze und Vorurteile.
      Die thematische Nähe der Kindermörderin zu anderen Werken der Epoche, zunächst zu Goethes Faust liegt auf der Hand. Hier wie dort wird die Verführung durch einen Trank ermöglicht, der die Mutter einschläfert. Beide Mütter sterben, Gretchcns Mutter, weil der Trank des Teufels ist, Evchens Mutter vor Gram. Die Rolle des Teufels spielt bei Wagner der Leutnant v. Hasenpoth; er ist Gröningsecks böser Geist, der ihn verleiten will, Evchen zu verlassen, und auch das Motiv der Ohnmacht in der Kirche findet sich hier wie dort. Auch Parallelen zu Schillers Kabale und Liebe lassen sich erkennen, vor allem in der Stellung der Personen zueinander: hier wie dort ist das Bürgermädchen und der adelige Liebhaber, die Mutter, die die Beziehung - unwissend oder willentlich - begünstigt, und der ehrbare Vater, ein Haustyrann, der die Liebe zur Tochter hinter barschen Worten verbirgt. Beide poltern wie Major v. Berg im Hofmeister von Lenz.
      Den drei Dramen ist ein Zug gemeinsam, den es vor dem Sturm und Drang in der deutschen Literatur nicht gegeben hatte: die Charakteristik der Personen durch ihre Sprache. Wagner geht dabei über Lenz hinaus, indem er die Redeweise seiner Figuren noch weiter auffächert. Der adelige Offizier v. Gröningseck mischt französische Redewendungen ins Gespräch wie 'ma foi" oder Je diable m'emporte" . Der gelehrte Magister redet wie ein Buch: umständlich und pedantisch mit Fremdwörtern wie 'exegesiren" , 'Zeloten" oder 'zum Exempel" ; er erläutert seine Ansichten mit antiken Beispielen . Humbrecht spricht ein kräftiges, unmißverständliches Deutsch: der Theologe wird zum 'Schwarzkittel" und die Melancholie zur 'Kopfhängerey" . Volkstümlich derbe Redensarten sind ihm geläufig: 'Wenn ihm Nas und Ohren lieb sind" . Der Fausthammer spricht elsässischen Dialekt: 'Do schickt mi der Harr Fischkol mit der Düse här, er soll ämol sehn, ob er sie kennt?" Dem entspricht von ferne die Redeweise der Frau Marthan, wenn sie das französische chagrin auf Straßburger Art zu 'Scha-grin" macht oder von einem 'Kapetal" spricht. Sie setzt sich jedoch deutlich von dem Gerichtsdiener ab, indem sie F.vchen mit 'Sie" in der dritten Person Singular anredet. Achtet man auf die Unterschiede der Wortwahl, so lassen sich bei derselben Person auch Ã"nderungen je nach der Gesprächssituation feststellen, am deutlichsten bei v. Gröningseck, der im Bordell anders als zu seinem Kameraden, zu F.vchen anders als im Sechsten Akt spricht. Die Sprache bezeichnet in der Kindermörderin gesellschaftliche, intellektuelle und gefühlsmäßige Unterschiede und Besonderheiten.
      Die Geschichte des bürgerlichen Trauerspiels beginnt in Deutschland mit Lessings Miss Sara Sampson . Literaturgeschichtlich ist damit ein Aspekt der einseitigen Aristoteles-Deutung, die seit der Renaissance herrschte, überwunden. Man findet in den italienischen, französischen und deutschen Poetiken bis zu Gottsched durchgehend die Ãoberzeugung, daß die Tragödie den sozial Hochgestellten und die Komödie den niederen Ständen gehöre. Diese sog. Ständeklausel wird mit dem bürgerlichen Trauerspiel überwunden. Wagners Kindermörderin geht einen wichtigen Schritt weiter. Das bürgerliche Trauerspiel wird zum sozialen Drama, indem nicht nur ein bürgerliches Mädchen ein tragisches Schicksal erleidet, sondern indem die Katastrophe durch gesellschaftliche Ursachen herbeigeführt wird: die Offiziersehre des adligen Verführers, die kleinbürgerliche Familienehre, die Angst vor Schande und Strafe, die Armut, das sind Bedingungen, ohne die Evchen ihr Kind nicht umgebracht hätte, trotz ihrer Melan-cholie, in der sie sich mit der Lektüre von Youngs Nachtgedanken bestärkt und trotz dem Wahnsinn, in dem sie ihre Tat vollbringt. Dies Motiv ist wohl weniger durch den Wahnsinn Ophelias in Shakespeares Hamlet angeregt als durch die zeitgenössische Diskussion. Man nahm an, eine so grausige Tat könne kein geistig gesunder Mensch vollbringen.
      Nicht nur bürgerliche Menschen bringt Wagner auf die Bühne, sondern noch niedriger gestellte. Der Fausthammer und Frau Marthan sind Angehörige der Unterschichten. Es gab sie vorher auf dem Theater nur als Dienstboten. Und dem entspricht der Schauplatz des Ersten Aktes, ein verrufenes Haus, ebenso wie der Auftritt Humbrechts mit 'Nachtkamisölchen, Schlaf-mütz, und niedergetretenen Schuhen" im Fünften Akt. Andere Züge einer niedrigen Wirklichkeit, wie es sie zuvor nicht auf der Bühne gab, sind die Armut Frau Marthans, der Hunger des Neugeborenen oder die krass beschriebene Strafrechtspflege, die zur Abschreckung dienen soll: der Leichnam des Verurteilten, der sich durch den Freitod der Hinrichtung entzogen hat, wird vom Schinder durch die Straßen geschleift .
      Indem die Unterschichten mit ihren Ã"ngsten und Problemen literaturfähig werden, beginnt ein Wandel des Literaturbegriffs, der gesellschaftliche Veränderungen anzeigt und in der Zukunft große Folgen haben sollte. Erst Georg Büchner und später der dramatische Naturalismus brachten sie zur Entfaltung.
      Die gleichsam naturalistischen Züge der Kindermörderin gingen über das Verständnis der Entstehungszeit hinaus. Die Zensur verbot die Aufführung in Berlin, und Karl Gotthelf Lessing , ein Bruder Gotthold Ephraim Lessings, überarbeitete das Stück 1777 für die Docbbelin-sche Truppe. Er machte aus v. Hasenpoth v. Harroth, strich den Ersten Akt und glättete die Sprache, die er 'für unanständig und unmoralisch" hielt, wie er in der Vorrede schreibt. Was heute als literarisch bemerkenswert gilt, kritisiert er an Wagner:
'Er scheint auch unbekümmert gewesen zu seyn, ob er in edle Charaktere Züge einflechte, die das Fidle derselben ganz unscheinbar machen oder nicht. Dafür beobachtet er die Lokalität so sklavisch, daß jedes unrichtige Wort, jede falsche Redensart, jede kahle Wendungen des Ausdrucks an dem Orte, wo die Kindermörderin spielt, von ihm so begierig angenommen wird, als was jede Provinz charakteristisch gutes eigen hat. Und das thut er nicht allein an Ansehung der Sprache, sondern auch der Sitten un'd Charaktere."
Diese Ãoberarbeitung, übrigens vom Bruder ihres Verfassers sanft getadelt , wurde in Preßburg, dem heutigen Bratislava, und in Budapest gespielt.
      Eine zweite Ãoberarbeitung von Wagner selbst erschien ein Jahr später 1779 in Frankfurt. Sie trägt den Titel Evchen Humbrecht oder Ihr Mütter merkts Euch! Ein Schauspiel in fünf Aufzügen von H. L. Wagner. Der Erste Akt ist auch hier gestrichen; einige Einschübe finden sich im Zweiten und Dritten Akt; die Akte sind in Auftritte unterteilt. Die weitestgehende Ã"nderung betrifft das Ende: der Kindesmord wird durch die Dazwischcnkunft Humbrechts verhindert. Ihm folgen alsbald seine Frau - sie ist also nicht gestorben - dann der Magister, der v. Gröningsccks Ausbleiben erklärt, und endlich dieser selbst. Er entlarvt v. Hasenpoths Briefintrige, will ihn zum Duell fordern, hält förmlich bei Humbrecht um Evchens Hand an und verzichtet am Ende auch auf das Duell mit v. Hasenpoth. Der glückliche Schluß wird moralisch gedeutet: wie es um Evchens Schicksal stand, 'so und so - wie man eine Hand umdreht", 'So stehts mit der Tugend jedes Mädels" .
      In einer Vorrede deutet Wagner an, daß er Die Kindermörderin der Zensur wegen umgearbeitet habe. Er habe, schreibt er da, den Stoff so abgeändert, 'daß er auch in unsern delikaten tugendlallenden Zeiten auf unsrer sogenannten gereinigten Bühne mir Ehren erscheinen dörfte." . Weshalb ihm daran gelegen ist, begründet er mit der moralischen Wirkung, die er sich erhofft: 'eine auf Befehl der Polizey in einem wohlregierten Staat monatlich wiederholte Vorstellung dieses Stücks könnte nach und nach dies immer unnatürliche nie ganz willkührliche Verbrechen an seiner Wurzel untergraben und ausrotten."
Die aufklärerisch moralische Absicht Wagners kann einige Schwächen seines Werkes nicht verdecken. Sie wurden alsbald von den Zeitgenossen bemerkt; schon 1776 schreibt Boie an Bürger: Die Kindermörderin sei 'zu roh und unbearbeitet nach dem neusten Geschmack, hat aber starke Na-turscenen." Vollends Schiller hat dies Urteil unterstrichen: 'Wagners Kindsmörderin, hat rührende Situationen, und intereßante Züge. Doch erhebt sie sich über den Grad der Mittelmäßigkeit nicht. Sie würkt nicht sehr auf meine Empfindung, und hat zu viel Waßer." Ob er damit die Langatmigkeit oder die Sentimentalität vor allem der zweiten Fassung meint, bleibt offen.
      Wer Wagners Stück als Kunstwerk kritisiert, kann viel dagegen einwenden: die Auseinandersetzungen zwischen den Offizieren und dem Magister im Dritten Akt sind dramaturgisch entbehrlich, die Motive der Intrige v. Hasenpoths bleiben unklar. Humbrecht kennt die Zehn Gebote ebenso wenig wie der Magister , der doch Theologe ist. Daß der Erste Akt in der Ãoberarbeitung wegfallen kann, läßt vermuten, er sei überflüssig. Daß Wagner nur wenige Einschübe im Zweiten und Dritten Akt benötigte, um den glücklichen Schluß der zweiten Fassung zu motivieren, bestätigt diese Vermutung: Die Handlung führt nicht notwendig zum tragischen Ende, sondern zufällig.
      Daß Die Kindermörderin im zwanzigsten Jahrhundert einige Wiederbelebungsversuche erfuhr, ist wohl auf das Interesse an sozialen Fragen zurückzuführen, das seit dem Naturalismus Dichter und Theaterpraktiker immer wieder bewegt hat. 1904 wurde das Drama auf der Neuen Freien Volksbühne gespielt, 1922 besprach Robert Musil eine Aufführung des Wiener Rai-mund-Theaters für die Prager Presse . Er gelangt zu dem Schluß: 'Solche Publikumsstückc sind immer sehr intellektuell, ja rational, darüber täuscht man sich stets, wenn man Nichtpublikumsautoren vorwirft, daß sie zerebral seien; Publikumsstückc sind zerebral für ein nieder entwik-keltcs Zerebrum" . 1963 schrieb Peter Hacks eine Bearbeitung aus dem Geist des sozialistischen Realismus. Seine sieben-strophige Ballade über Evchen Humbrecht Die Kindermörderin erschien in dem Band Fieder Briefe Gedichte .
      Die absprechenden Urteile dürfen nicht nur von Wagners Drama und seinen literarischen Qualitäten her gesehen werden; man muß, um ihm gerecht zu werden, die Ã"ußerungen Boies, Schillers, Musils und anderer aus den theoretischen Ãoberzeugungen ihrer Verfasser verstehen. Und auch wenn man ihnen zustimmt, ist zu bedenken, daß sich die Mentalität einer Zeit bisweilen deutlicher in ihrem Durchschnitt als in ihren höchsten Leistungen zeigt.
     

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