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Sturm und drang epoche
Die Kntwicklung des Dramas im Sturm und Drang ist im Zusammenhang mit den Bemühungen des 1 8. Jahrhunderts um ein deutsches Nationaltheater, um die Schauspielkunst und die Theaterkultur zu sehen. Glei
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Friedrich Schiller: Die Räuber



Analyse

Die Arheit an den Räubern begann Schiller wahrscheinlich schon als Eleve der Karlsschule im Jahre 1 776. Die Vorbereitung seiner Prüfungen hinderte ihn dann an der Arbeit, so daß sein letztes Jahr auf der Akademie 1779/80 als Entstehungszeit anzusetzen ist. Im Frühjahr 1781 erschien die erste Auflage anonym mit der Ortsangabe 'Frankfurt und Leipzig" im Selbstverlag. Für die Uraufführung am B.Januar 1782 auf dem Mannheimer Nationaltheater nahm der Intendant Wolfgang Heribert Freiherr von Dal-berg weitgehende Ã"nderungen vor; unter anderem verlegte er, angeregt von Goethes Götz, die Handlung 'in die Epoche des gestifteten Landfriedensund unterdrückten Faustrechts". Die Ã"nderungen sind im Mannheimer Soufflierbuch festgehalten. Für eine zweite Auflage, die der Mannheimer Verleger Christian Friedrich Schwan 1782 unter dem Titel Die Räuber. Ein Trauerspiel. Neue für die Mannheimer Bühne verbesserte Auflage herausgab, bearbeitete Schiller das 'Schauspiel" - so die ursprüngliche Bezeichnung - abermals. Erst eine dritte Auflage, die Tobias Löfflcr in Mannheim im selben Jahr 1782 herausgab, wohl ohne Schillers Billigung, trägt das Motto 'In Tirannos" unter einem zum Sprung ansetzenden Löwen.
      Das Schauspiel, Ende der 1770er Jahre entstanden, zu einer Zeit, da fast alle Werke, die das Bild der Epoche prägen, schon vorlagen, vereinigt wesentliche Tendenzen des späten achtzehnten Jahrhunderts; Schillers erstes Drama läßt deutlicher als seine späteren Werke die Einflüsse der Entstehungszeit erkennen.
      Die Handlung, einer Erzählung Christian Friedrich Daniel Schubarts /Air Geschichte des menschlichen Herzens aus dem Jahr 1775 verpflichtet, fußt auf der Rivalität zweier Brüder: Franz, der zweitgeborene Sohn des regierenden Grafen Maximilian von Moor, neidet seinem Bruder Karl das Erstgeburtsrecht und die Liebe Amalias von F.delreich. Um den Bruder zu verdrängen, fädelt er eine Intrige ein: ein von ihm selbst geschriebener Brief, angeblich aus Leipzig, soll den Vater von der Lasterhaftigkeit Karls überzeugen, indem er dessen Schandtaten und Verbrechen übertreibend darstellt. Dem Vater schwatzt er den Auftrag ab, Karl brieflich zu ermahnen: 'Aber bring meinen Sohn nicht zur Verzweiflung!" Doch eben dies tut Franz, so daß sein Schreiben an den Bruder Karl, das ihn im Kreis seiner Kameraden erreicht, dessen Entschluß reifen läßt, eine Räuberbande zu gründen. In den böhmischen Wäldern will er für die Gerechtigkeit kämpfen, die die Welt ihm versagt. Sein Gegenspieler dabei ist Spiegelberg, ein erfahrener Berufsverbrecher, der aus Gewinnsucht handelt. Der Gegensatz zwischen ihm und Karl ist ein Motiv im tragischen Konflikt Karls: er verübt als Räuberhauptmann auch Taten, die sich gegen Unschuldige richten, wie sich bei der Erzählung von der Befreiung Rollers in 11,3 zeigt. Nachdem sich die Räuberbande im Kampf mit zahlenmäßig weit überlegenen Truppen aus bedrohlicher Lage befreit hat, stößt Kosinsky zu ihr. Dessen Erzählung von seinem Schicksal veranlaßt Karl Moor, in das väterliche Schloß zurückzukehren. Dort hat inzwischen der Bruder Franz die Herrschaft angetreten in der irrigen Meinung, den Vater umgebracht zu haben; er hat ihm die Nachricht vom Tode des Sohnes Karl zugespielt in der Hoffnung, der Schreck werde den durch Krankheit geschwächten Vater töten. Vor der Beerdigung hat sich herausgestellt, daß er noch lebt, und Franz hat ihn in einem Turm eingesperrt, wo er 'zum Tod des Hungers verurteilt" von dem Diener Hermann heimlich ernährt wird. War Franz so bei seinem Bestreben um' die Herrschaft zunächst erfolgreich, so versagt ihm Amalia trotz seinen Drohungen ihre Gunst; sie erwehrt sich seiner sogar mit körperlicher Gewalt. Bestärkt wird sie in ihrer Haltung gegen Franz durch die von Hermann heimlich überbrachte Nachricht, daß Karl und ihr Oheim, der alte Moor, noch leben.
      Karl, der auf die väterlichen Besitzungen zurückgekehrt ist, wird Zeuge, wie sein Vater von Hermann heimlich mit Nahrung versorgt wird; er erfährt vom Verbrechen des Bruders und beauftragt Schweizer, einen der Räuber, ihm Franz herbeizuschaffen, um den Vater an ihm zu rächen.
      Im Fünften Akt vollzieht sich das Schicksal des Bruders Franz: er ist von schweren Träumen und der Furcht des Jüngsten Gerichts gepeinigt; seine Versuche, das Gewissen zu betäuben - erst im Gespräch mit dem alten Diener Daniel, dann mit dem Pastor Moser - scheitern; als Schweizer mit anderen Räubern versucht, Franz gefangen zu nehmen und das Schloß in Brand steckt, erdrosselt er sich mit seiner Hutschnur. Durch den Selbstmord richtet er sich selbst. Die Katastrophe Karls folgt alsbald: im Walde bei seinem Vater erlangt er dessen Segen, aber als der Vater vom Tode Franzens erfährt und der Räuberhauptmann sich als sein Sohn Karl zu erkennen gibt, stirbt auch er. Amalia, die von einem Trupp Räuber gefangen ist, erscheint und versichert ihn ihrer Liebe, obwohl sie ihn als Räuber erkannt hat. Fr will mit ihr zusammen die Räuberbande verlassen, aber der Fid, den er geschworen hat, bindet ihn. Die Räuber erinnern ihn an seinen Treueschwur und fordern 'Amalia für die Bande!" Sie erbittet den Tod von seiner Hand, da sie ohne ihn nicht leben mag. Fr erfüllt ihr den Wunsch - der Höhepunkt seiner tragischen Verstrickung. Mit diesem Opfer hat er sich von der Räuberbande befreit. Fr verläßt sie, um sich den Behörden auszuliefern, womit er noch ein gutes Werk verbindet, indem er einem armen Mann die auf seinen Kopf gesetzte Belohnung verschafft. Sein letztes Wort 'dem Mann kann geholfen werden" eröffnet die Aussicht auf die Rechenschaft, die er für seine Taten ablegen wird. Fs ist der erste der berühmten Dramenschlüsse Schillers, die den Beginn eines Dramas nach dem Drama andeuten, die Auseinandersetzung des tragischen Helden mit seiner Schuld.
      In Briefen an v. Dalberg nennt Schiller das Drama den 'verlornen Sohn"; er, Karl Moor, darf als Hauptperson angesehen werden. Seine Tragödie ist dreifach motiviert. Schiller schreibt in der Theaterkritik der Uraufführung im Wirtembergiscben Repertorium: 'Man hätte drei Theaterstücke daraus machen können". Der erste Grund ist sein 'alexandrinischer" Fkel vor dem 'Tintengleksenden Sekulum" , die Kritik an einer versteinerten Welt, in der lebendig schöpferische Kräfte keinen Platz finden, wo weder für die Entfaltung der Persönlichkeit noch für wirkliche Taten Raum ist, in der die Geschichte das Leben ersetzt. 'Der lohe Lichtfunke Prometheus' ist ausgebrannt". Prometheus, der Titan, der die Menschen aus Erde und Wasser gemacht hat, der das Feuer vom Himmel stahl, um es seinen Geschöpfen zu bringen, ist eine der mythologischen Leitfiguren des Sturm und Drang: der Ur-Typ von schöpferischer Kraft und Auf-lehnung. Goethes Prometheus, entstanden im Herbst 1774, kannte Schiller zur Zeit der Räuber noch nicht. Die Hymne wurde erst 1785 gedruckt. Der Protest Karl Moors fußt auf dem Bewußtsein der eigenen Möglichkeiten und richtet sich gegen eine in 'abgeschmackten Konventionen" erstarrte Welt, die die Entfaltung seiner Gaben verhindert. Der Ausweg in die Ciesetzlosigkeit, die das Verkehrte und Unrechte dieser Welt bekämpft, erscheint ihm als Ausweg aus dieser Welt ohne Mark und Blut: 'Stelle mich vor ein Heer Kerls wie ich, und aus Deutschland soll eine Republik werden, gegen die Rom und Sparta Nonnenklöster sein sollen." Am Ende muß er erkennen, 'daß zwei Menschen wie ich den ganzen Bau der sittlichen Welt zugrund richten würden." Der Versuch der Selbstverwirklichung scheitert.
      Mit seiner Einsicht ist das andere Motiv seines Untergangs benannt. Der Einzelne kann gegenüber der Welt, mag sie noch so fehlerhaft sein, nicht im Recht bleiben. Der Versuch, das in der Welt herrschende Unrecht zu bekämpfen, führt mit tragischer Notwendigkeit zu eigenem Unrecht. Als die Räuberbande im Wald umzingelt ist, wird das in Karl Moors Worten zu dem abgesandten Pater deutlich. Die Aufzählung seiner Großtaten, die das Unrecht bestraften, verbindet sich mit der Darstellung eigenen Unrechts, das damit unlösbar verbunden ist.
Endlich ist er das Opfer seiner Leichtgläubigkeit; der Brief seines intriganten Bruders täuscht ihn. Das ist seine tragische Verblendung. Die Liebe seines Vaters und Amalias erkennt er zu spät. Dieser Irrtum ist kein Zufall, der bei etwas anders gelagerten Umständen hätte vermieden werden können, sondern er gehört zum Wesen der menschlichen Erkenntnis, die grundsätzlich unvollkommen ist. Das zeigt sich namentlich in seinen Taten als Räuber. Deren Geschichte, anfangs der Aufstand gegen die Vcrfallsformen der staatlichen und religiösen Ordnung, führt ihn am Ende zur Bestätigung dieser Ordnung, indem er sich der weltlichen Gerechtigkeit ausliefert. Auch auf dem Höhepunkt seines Räuberlcbcns war das göttliche Gesetz ihm unantastbar. Zu dem Pater sagt er in 11,3: 'was ich getan habe, werd ich ohne Zweifel einmal im Schuldbuch des Himmels lesen, aber mit seinen erbärmlichen Verwesern will ich kein Wort mehr verlieren." Am Ende sieht er, daß beide zusammen gehören.
      Seinen Bruder Franz hat man, einem Hinweis Schillers in der Vorrede folgend, als Nachfahren von Shakespeares Richard Iil. gedeutet. In der Tat sind beide häßlich, von der Natur benachteiligt, und kompensieren diesen Mangel durch ungewöhnlichen Scharfsinn; mit bedenkenloser Heuchelei, trügerischen Machenschaften und Verbrechen von unübertrefflicher Ruchlosigkeit versuchen sie, die Herrschaft zu erlangen. Am Ende gehen sie zugrunde. Dennoch ist der Weg Franz Moors dem seines Bruders vergleichbar. Anfangs sagt er 'Wir wollen uns ein Gewissen nach der neuesten Fa^on anmessen lassen, um es hübsch weiter aufzuschnallen, wie wir zulegen." Am Ende träumt er vom Jüngsten Gericht; es ist 'ein innerer
Tribunal", wie er vom Pastor Moser erfährt . Sein Selbstmord vollstreckt das Urteil dieses Gerichtes; nach einer verbreiteten theologischen Ãoberzeugung ist der Selbstmord eine Sünde; da dem gläubigen Christen jede Sünde vergeben wird, wenn er sie aufrichtig bereut, ist der Selbstmord - da man ihn nicht mehr bereuen kann - die einzige Sünde, die von Gott nicht verziehen wird: eine Ãoberzeugung, die den Hauptpastor Gocze bei seiner Polemik gegen Goethes Werther leitete, die in Kabale und Liebe vom Musikus Miller ausgesprochen wird und die offenbar von Schiller geteilt wurde.
      Der Selbstmord richtet sich gegen das eigene Leben und die eigene Seligkeit. Deshalb erzeugt er nicht nur Abscheu, sondern auch Mitleid. So müssen weitere Verbrechen hinzukommen, um die 'Abscheulichkeit" Franz Moors zu vollenden. F> versucht, Vater und Bruder zu ermorden und begeht damit nach der Theologie des Pastors Moser die größten aller denkbaren Verbrechen, die die Ordnung der Natur in ihrem Sinnbild, der Familie, angreifen. Sein Tod, mit dem er sich selbst richtet, bestätigt diese natürliche Weltordnung. Hat er zu Beginn sein Gewissen verleugnet, das ihn am Finde überwältigt, so entspricht dies seiner Skepsis gegenüber den Wahrheiten der Religion, die sich mit einem mechanistischen Welt- und Menschbild verbindet. Seine Ãoberlegungen in 11,1, wie er den Vater umbringen könne, knüpfen an Schillers medizinische Probeschrift an, die er 1780 dem Kollegium der Karlsschule unter dem Titel Versuch über den 'Zusammenhang der thieriseben Natur des Menschen mit seiner geistigen vorlegte. Hier hatte Schiller dargelegt, wie physische Einflüsse auf den Geist wirken, seine Fintwicklung begleiten und seine Regungen sichtbar machen können. Franz Moor argumentiert in umgekehrter Richtung: er geht von der Frage aus, welche berechenbare Wirkungen auf den Körper bestimmte Gemütsbewegungen auslösen. Die Natur ist ihm bei diesen Ãoberlegungen nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. Statt im Sinne einer rationalen Medizin zum Wohle des Patienten nach den Gründen seiner Leiden zu fragen, forscht er nach den Mitteln, den Tod herbeizuführen. Schiller, selbst Arzt, zeigt in diesem Monolog die Möglichkeiten einer zum beliebig verfügbaren Werkzeug entarteten Medizin. In dieser Figur stellt Schiller 'das Laster |...| mitsamt seinem ganzen inneren Räderwerk", wie er in der Vorrede schreibt, auf die Bühne, in der Absicht, 'das Laster zu stürzen" zugleich aber auch angezogen von 'seiner kolossalischen Größe": wenn Schiller beteuert, er habe sich 'in Empfindungen hineinzuzwingen" gewußt, 'unter deren Widernatürlichkeit sich seine Seele sträubt" , wird man bedenken, daß er sich zeitlebens für Schurken, Intriganten und Verbrecher interessierte, wofür manche Figuren seiner Dramen ebenso Zeugnis ablegen wie seine Mitarbeit an Niethammers Ausgabe des Pitaval und der Dramenplan Die Poli-zey von 1799. Man darf bei diesem Interesse die Frage sehen, welche Triebkräfte hinter der anerkannten Ordnung der Wirklichkeit tatsächlicham Werke sind und sie in Frage stellen. Diese Frage steht hinter Karl Moor, der offen gegen eine falsche Ordnung rebelliert ebenso wie hinter der Gestalt Franz. Moors, der das insgeheim und verhohlen tut. Hier ist die Verwandtschaft der Brüder zu sehen. Ãober ihnen steht der Vater. Flr ist 'regierender Graf" und beherrscht ein 'Gebiet" . Fr ist also nicht nur Gutsbesitzer, sondern reichsunmittelbarer Landesherr. Franz erstrebt mit seinen Machenschaften die Macht. Sie wird vom alten Moor patriarchalisch ausgeübt. Er hat sein Gebiet wie einen 'Familienzirkel" verwaltet. Dieses empfindsam gezeichnete Herrscherbild ist jedoch einseitig, da er nicht auch die richterliche Gewalt übt. Dazu ist er zu schwach.
      In seiner Selbstrezension im Wirlembergischen Re/wrlorium der Literatur. Erstes Stück 1782 schreibt Schiller:
'Schlechter bin ich mit dem Vater zufrieden. Flr soll zärtlich und schwach sein, und ist klagend und kindisch. Man sieht es schon daraus, daß er die Erfindungen Franzens, die an sich plump und vermessen genug sind, gar zu einfältig glaubt." Nicht nur ist er zu schwach für sein Richteramt, sondern er durchschaut nicht einmal die Intrige des eigenen Sohnes und läßt ihn einen Brief schreiben, den er selbst eigentlich schreiben müßte. Seine Tragik ist seine Schwäche, und er büßt sie im Hungerturm, ein Motiv aus Gerstenbergs Ugolino.
      In der Besprechung der Uraufführung vom 1.3. Januar 1782 urteilt Schiller noch deutlicher: 'Der alte Moor konnte unmöglich gelingen, da er schon von Haus aus durch den Dichter verdorben ist." . Man darf ergänzen: weil er nicht als selbständige tragische Figur angelegt und seine dramaturgische Aufgabe mit dem Ersten Akt erledigt ist. Der Vergleich mit der Vaterfigur des Julius von Tarent verdeutlicht das. Der alte Moor wird weder in der Ausübung seines Herrscheramtes noch in Gesprächen mit anderen Personen als seinen Söhnen gezeigt. Daß er Vater ist, genügt, auch um das Gefühl des Mitleids im Zuschauer zu erregen, wenn er am Finde im Hungerturin leidet. Fls geht Schiller hier, wie auch an anderen Stellen, nicht um die wirklichkeitsgetreue Zeichnung von Verhältnissen, die ähnlich außerhalb der Bühne anzutreffen sind, sondern um die Darstellung von Situationen, die die Affekte der Zuschauer erregen.
      Deutlich wird das vor allem an der einzigen Frau, die in den Räubern auftritt. Sie ist, wie Schiller urteilt, 'dem Dichter an vielen Orten mißlungen" . Kr erklärt das später in der Ankündigung der Rheinischen Thalia 1784 mit seiner mangelnden Flrfahrung. Als Karlsschüler sei er 'unbekannt mit dem schönen Geschlecht" gewesen, denn 'die Tore des Instituts öffnen sich, wie man wissen wird, Frauenzimmern nur, ehe sie anfangen interessant zu werden, und wenn sie aufgehört haben es zu sein." So sehr das zutreffen mag, kann es doch nicht verdecken, daß auch Amalia im wesentlichen eine dramaturgische Aufgabe hat, in der sich ihre Rolle erfüllt; sie soll die Sympathien des Publikums für die Hauptperson Karl Moor verstärken: 'Endlich hat der Verfasser vermittelst einer einzigen Erfindung den fürchterlichen Verbrecher mit tausend Fäden an unser Herz geknüpft: - Der Mordbrenner liebt und wird wieder geliebt."
Schiller berechnet die Affekte, die durch sein Schauspiel im Zuschauer erweckt werden, ziemlich genau. Er ist in dieser Hinsicht ein Theaterdichter, obwohl er behauptet: 'Auf dem Theater praetendire ich keine Stimme." Es geht ihm um die Wirkung von Handlungen, menschlichen Verhältnissen, Gefühlen und Auftritten bis in Einzelheiten. Schon am 3. November 1781 schreibt er an v. Dalberg:
'Daß E. E. die Amalia lieber erschießen als erstechen laßen wollen gefällt mir ungemein, und ich willige mit Vergnügen in diese Veränderung. Der Effekt muß erstaunlich seyn, und kömmt mir auch räubermäßiger vor."
Was neuartig ist, kann den Zuschauer in besonderem Maße erregen, und darin sieht Schiller einen Vorzug der Räuber: 'Eine Scene wie seine Verurtheilung im Vten Akt ist meines Wißens auf keinem Schauplatz erlebt, eben so wenig als Amaliens Aufopferung durch ihren Geliebten." , und die Aufmerksamkeit für theatralische Wirkungen erstreckt sich bis auf Einzelheiten der Ausstattung. In dem Bericht Ãober die Vorstellung der Räuber schreibt er: 'Sie müssen wissen, daß der Mond, wie ich noch auf keiner Bühne gesehen, gemächlich über den Theaterhorizont lief und nach Maßgab seines Laufs ein natürliches schröckliches Eicht in der Gegend verbreitete."
In der Unterdrückten Vorrede schreibt Schiller eine Satire auf das Publikum, indem er karikierende Ã"ußerungen über eine Aufführung von Leasings Emilia (ialotti zitiert; er zielt damit auf den 'Pöbel", der die Absichten des Dichters verkennt und Angehörige in allen Ständen hat. Trotz diesem Mißtrauen in deren Kunstverstand schreibt er für die Affekte der Zuschauer. In dieser Hinsicht stehen Die Räuber in der Tradition der aristotelischen Poetik, obwohl er sich gegen 'die allzu engen Palisaden des Aristoteles und Batteux" in der Vorrede verwahrt.
     

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Friedrich  Schiller:  Die  Räuber    





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