Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Sturm und drang epoche
Die Kntwicklung des Dramas im Sturm und Drang ist im Zusammenhang mit den Bemühungen des 1 8. Jahrhunderts um ein deutsches Nationaltheater, um die Schauspielkunst und die Theaterkultur zu sehen. Glei
Index
» Sturm und drang epoche
» Das nicht aristotelische Drama
» Die Tragödie des großen Menschen - Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der

Die Tragödie des großen Menschen - Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der



Analyse

Im November und Dezember 1771 schrieb Goethe in Frankfurt, ermuntert von seiner Schwester Cornelia, die erste Fassung des Götz innerhalb von sechs Wochen, 'ohne Plan und F.ntwurf, bloß der Hinbildungskraft und einem innern Trieb" folgend und 'ohne weder rückwärts, noch rechts, noch links zu sehn" , wie er im dreizehnten Buch von Dichtung und Wahrheit erzählt. Der so beschriebene Schaffensprozess, scheinbar mit nachtwandlerischer Sicherheit sich selbst vollziehend, hatte eine längere Beschäftigung mit dem Stoff zur Voraussetzung. Goethe hatte zunächst die Autobiographie Götz von ßerlichingens gelesen. Sie war 17.31 von Georg Tobias Pistorius im Verlag Felßecker in Nürnberg unter dem Titel Lebens-Beschreibung Herrn . So tritt die Figur der Adelheid zurück, und die Zigeunerszene zu Beginn des fünften Aufzuges wird ebenso gekürzt wie die Liebesgeschichte zwischen Adelheid und Franz. In dieser veränderten Fassung wurde der Götz 1774 in Berlin und Hamburg aufgeführt. Eine stilistische Ãoberarbeitung nahm Goethe 1787 für die Ausgabe seiner Schriften bei Göschen vor, und 1804 verfaßte er eine Bearbeitung für die Weimarer Bühne, die abermals deutliche Ã"nderungen zeigt. Erst nach Goethes Tod wurde 'der Wurf" von 1771 in der Ausgabe letzter Hand 1832 veröffentlicht.
      Mag, nach Goethes späterem Urteil, das Stück in der zweiten Fassung um den 'tadelhaften Ãoberfluß" vor allem der Adelheid-Handlung gekürzt, deutlicher als im Ur-G'67z die von Goethe angestrebte 'höhere Kinheit" zeigen, so darf man andererseits fragen, ob Goethe nicht in der Ãoberarbeitung die eigenen ursprünglichen künstlerischen Absichten verdeckt hat. Indem die erste Fassung zahlreiche unvermutete Szenenwechsel zeigt und eine sprunghafte Handlung mit vielen Brüchen hat, wird die Orientierung an Shakespeare deutlicher als in der zweiten Fassung, die eine 'Kinheit" anstrebt und sich damit dem herkömmlichen Theater wieder um einen Schritt annähert. In der ersten Fassung zeigen die scheinbar um ihrer selbst willen entwickelten Fin/.elszenen und Kpisoden, die bisweilen keine ursächliche Verbindung untereinander haben, den Begriff einer dramatischen Handlung, wie er für den Götz bezeichnend ist. Die 'dramatisierte" Geschichte von 1771 ist ein 'Raritätenkasten", wie der junge Autor wenige Wochen vorher zum Schäkespears lag geschrieben hatte.
      Götz von Berlichingen lebt, ein Zeitgenosse Luthers, an der Wende des fünfzehnten zum sechzehnten Jahrhundert; der geschichtliche Reichsritter diktierte seine Lebensgeschichte nach der Abdankung Karls

V.

, der von 1519 bis 1556 deutscher Kaiser war, dem Pfarrer von Neckarzimmern auf seiner Burg Hornberg. Goethes Götz stirbt wahrscheinlich etwa dreißig Jahre früher im Gefängnis, wo er nach seiner Teilnahme an den Bauernkriegen des Jahres 1525 eingekerkert ist, während der historische Götz noch in den 1540er Jahren an Feldzügen Karls

V.

teilnahm. Die Zeit, in der die Handlung der dramatisierten Geschichte spielt, läßt sich nicht genau bestimmen: sicherlich ist der Beginn nach dem Verlust von Götzens rechter Hand im Landshuter Frbfolgekrieg 1504 anzusetzen. Im ersten Aufzug erwähnt er seine Gefangenschaft, die er von 1519 bis 1522 in Heilbronn verbüßen mußte; er spricht zu Weisungen von 'zwey Jahr". Aber im Dritten Aufzug tritt Kaiser Maximilian auf, der schon 1519 gestorben war. Im Krsten Aufzug ist Götzens Sohn Garl noch ein kleiner Junge, dem seine Tante Maria Märchen erzählt; schon im Zweiten Aufzug erfahren wir, daß er in ein Kloster eingetreten ist: das würde voraussetzen, daß er um mehrere Jahre gealtert ist. Im Fünften Aufzug nimmt Götz an den Bauernkriegen des Jahres 1525 teil, und wenig später spricht Weisungen vom Tod des Kaisers: das würde bedeuten, daß die Kreignisse des dritten und vierten Aufzugs - Belagerung, Verurteilung in Heilbronn, Weis-lingens Ehe mit Adelheid - zeitlich schwer einzuordnen sind.
      Goethe hätte, wenn es ihm darum gegangen wäre, ein historisches Schauspiel zu schreiben, derartige Unstimmigkeiten leicht beseitigen kön-nen. Daß er sie stehen ließ, erlaubt die Vermutung, er habe sich der historischen Tatsachen, die ihm aus der Lebensbeschreibung bekannt waren, zur Illustration seines Dramas bedient. Sie werden nicht erwähnt und dargestellt, um Geschichte nachzuzeichnen, sondern um das Leben Götz von Berlichingens zu beleuchten. Sein Charakter gewinnt lebendige Wirklichkeit durch geschichtlich überlieferte Züge seiner Biographie und der Welt, mit der er sich auseinandersetzen mußte. Die Geschichte Gottfriedens von Berlichingen, wie Goethe sie im Herbst 1771 schrieb, folgt eigenen Gesetzen; die Tatsachen sind dabei in gewissem Grade vertauschbar. Andere Beobachtungen bestätigen das.
      Das Drama spielt in fünf Aufzügen und achtundfünfzig Auftritten an dreiundzwanzig verschiedenen Ã-rtlichkeiten; die Zahlen sind insofern ungenau, als man hie und da zweifeln kann, ob derselbe Ort bei verschiedener Bezeichnung oder ob verschiedene Orte bei gleicher Bezeichnung gemeint seien: der bischöfliche Palast zu Bamberg etwa ist in dieser Zählung nur ein Ort, obwohl ein Auftritt dort im Speisesaal, ein anderer im Saal, ein weiterer in Adelheids Zimmer spielt. Ã"hnlich ist es mit der Burg Götz, von Berlichingens, wo Auftritte in verschiedenen Räumen spielen. Insgesamt treten fünfundfünfzig Personen auf; auch diese Zahl mag man anzweifeln: im Lager der Reichsexekution im Dritten Aufzug erscheinen einmal zwei Offiziere, ein andermal zwei Ritter; im Zweiten Aufzug tritt einmal ein Kammerfräulein Adelheids auf, ein andermal ein 'Fräulein" -sind die Personen identisch oder verschieden voneinander? Im Fünften Aufzug ist der Zweite Auftritt überschrieben 'Hauptmann. Vier Zigeuner" . Selbstverständlich ist dieser Hauptmann nicht derselbe wie im Dritten Aufzug der Hauptmann der Reichstruppen. Und von den vier Zigeunern sprechen nur drei - weshalb sind dann aber vier genannt? Das sind womöglich geringfügige Nachlässigkeiten, durch die Entstehungsgeschichte bedingt. Solche pedantischen Beobachtungen zeigen zunächst, daß Goethe, dem es ja 1771 noch an praktischen Erfahrungen im Theaterwesen fehlte, vorerst nicht an eine Aufführung gedacht haben mag. Sie lassen aber auch die Absicht erkennen, dem im Deutschland des achtzehnten Jahrhunderts bestehenden Theater das Muster eines neuen Dramentyps entgegenzuhalten. Denn das Personenverzeichnis der zweiten Fassung von 1 773 läßt sich nicht genau durchzählen, da bisweilen unklar ist, ob es sich um eine oder um mehrere Personen handelt, um stumme Statisten oder um Nebenfiguren; es führt insgesamt dreiundzwanzig Namen auf sowie zahlreiche im unbestimmten Plural benannte Personen. Und auch von einer Einheit der Handlung kann man nicht sprechen: das Leben Götzens tritt in den letzten Aufzügen in den Hintergrund, die Figur der Adelheid wird wichtiger, und schon im Ersten Aufzug erscheint Adelbert von Weisungen als fast ebenso wichtig wie Götz.
      Wäre der Begriff episches Theater nicht im zwanzigsten Jahrhundert von Brecht mit der Zurückweisung der angeblich bürgerlichen Einfühlung des Zuschauers in die handelnden Personen verbunden worden, so ließe sichim Blick auf den Ur-Gotz mit noch größerem Recht als in Bezug auf die überarbeitete Fassung von 1773 von einem erzählenden oder epischen Theater sprechen. Auch an eine Revue ließe sich denken. Alle Stände treten auf; die Gesellschaft des späten Mittelalters und der beginnenden Neuzeit ist in ihren wichtigsten Vertretern gegenwärtig: der Kaiser, seine Räte, der Schwcrtadel und der Hofadel , die Geistlichkeit , der gelehrte Humanist, die Bürger als Kaufleute und vielleicht auch als Mitglieder des heimlichen Gerichts, Knechte, Bauern und das fahrende Volk, die Zigeuner.
      Dieser äußerlich sichtbaren Darstellung der Gesellschaft und des Volks entspricht das Geschick Götz von Berlichingens. Er hat keinen einzelnen Widersacher, der an seinem Untergang schuldig wäre. Der Bischof von Bamberg, im F.rsten Aufzug sein Gegenspieler in politischen Händeln wie um die Zuneigung Weislingens, spielt im weiteren Verlauf keine Rolle mehr. Im fünften Aufzug, kurz vor seinem Tod, sagt Götz das selbst:
'Wen Gott niederschlägt, der richtet sich selbst nicht wieder auf. Ich weis am besten was auf meinen Schultern liegt. Fs ist nicht das Unglück. Ich habe viel gelitten. Liebe Frau, wenn so von allen Seiten die Wiederwär-tigkeiten hereindringen und ohne Verbindung unter sich selbst auf einen l'unckt dringen, dann fühlt man den Geist der sie zusammen bewegt. F.s ist nicht Weisungen allein. F.s sind nicht die Bauern allein, es ist nicht der Todt des Kaysers allein. Fs sind sie alle zusammen. Meine Stunde ist kommen. Ich hoffte nicht dass es eine der Wintermitternächtlichsten seyn sollte."
F.s wäre daher unangebracht, Weisungen, Adelheid, den - im Drama nicht genannten - Nachfolger Kaiser Maximilians oder die Anführer der aufständischen Bauern als Gegenspieler Götzens zu bezeichnen. Am Hilde sind auch Weisungen und Adelheid tot. F.s gibt niemanden, der über das F.nde des Helden triumphierte, und keinen dramatischen Antagonisten. Der 'Geist", der die 'Wiederwärtigkeiten" vereinigt, wird im Atmosphärischen deutlicher als im Aufbau der Handlung. Der spätere Anführer der aufständischen Bauern, Georg Metzler, tritt schon in der F.rsten Szene des Frsten Aufzugs auf; Götzens Sohn beweist die Unfähigkeit zur Nachfolge des Vaters ebenso im Frsten Aufzug, und auch die Umgestaltung des deutschen Rechts, das später gegen Götz angewendet wird, wird im Firsten Aufzug erörtert.
      All das sind einzelne 'Wiederwärtigkeiten", deren Entfaltung in den fünf Auftritten des F.rsten Aufzugs die Aufgabe hat, die im klassischen Drama der Exposition zukommt: die Welt, in der Götz lebt und mit der er sich auseinandersetzen muß, ist vielschichtig; zu ihr gehören Weisungen, der bischöfliche Hof, die Bauern und der eigene Sohn. Ahnlich wie die Tragödie Gottfried von Berlichingens durch die Gesamtheit der atmosphärisch gegenwärtigen Handlungsteile herbeigeführt wird, wird auch das F.nde

Adelheids durch die schaurige und geheimnisvolle Eingangsszene des Fünften Aufzugs vorbereitet: das Zigeunerlager mit dem an eine Volksballade erinnernden Gesang der Zigeunerin und der Begleitung durch den Chor im wilden Wald mit dem lautmalenden Kehrreim 'Wille wau wau wau /Wille wo wo wo" dient der lebendigen Illustration, die sich mehr an das Gefühl des Zuschauers als an seinen Verstand wendet. Die nächtige Welt hinter der des verstandesklaren Tages zeigt, wie Verhängnis und Geschick sich der planenden Berechnung entziehen.
      Die dramatisierte Geschichte Gottfriedens von Berlichingen ist das erste größere Werk Goethes; es entstand noch vor den ersten Szenen des Ur-hausl und vor dem Werther. Schon hier erkennt man ansatzweise, was
Diese Worte aus einem Brief vom 27. September 1827 beziehen sich auf den Helena-Akt in haust //; schon in der ersten Fassung des Götz aber treten Personen auf und werden Worte gesprochen, die, isoliert betrachtet, für den Gang der Handlung kaum eine greifbare Bedeutung haben, sondern das Werk wie musikalische Motive und Klänge beleben und vertiefen, indem sie einander widersprechen oder entsprechen.
      Das ist die Aufgabe Weislingens: er ist nicht allein ein Gegenspieler Götz von Berlichingens im dramaturgischen Sinn, sondern er ist als Kon-trastfigur des Helden entworfen. Fr ist der Unsichere, Bestimmbare, Schwache; bei seinem Monolog im Frsten Aufzug fragt er sich: 'Bist du noch Weisungen? oder wer bist du." Als Knabe schon hing er an Götz 'wie an seiner Seele" ; begegnet er Götzens Schwester, so verliebt er sich in sie, sieht er Adelheid, so ist die Verlobte vergessen; im Dienst des Bischofs erniedrigt er sich; I.iebetraut, der als Hofnarr die Wahrheit zu sagen hat, kennzeichnet ihn: 'Und wenn er nie an Flof gekommen wäre, könnte er unvergleichlich geworden sein." F'r ist vielseitig bestimmbar; Adelheid nennt ihn 'ein Camäleon" und 'nachgebend" . Sie sieht seine Schwäche in voller Klarheit, wenn sie feststellt: 'Der elendeste Zustand ist: nichts wollen können." ; schon im Zweiten Aufzug ist es so weit mit ihm gekommen, daß er nicht einmal mehr Georg, einem 'schlechten Reutersjimgen" , ins Auge sehen kann.
      Die von allen Seiten auf Götz eindringenden Widerwärtigkeiten bewegen sich 'ohne Verbindung unter sich selbst" auf den 'geheimen" Punkt 'in dem das Eigentümliche unseres Ich's, die prätendirte Freyheit unsres Willens, mit dem notwendigen Gang des Ganzen zusammenstösst." Goethes moderner Tragödienbegriff, den er in der Beschäfti-gung mit Shakespeare gewonnen hatte, wird im Clötz verwirklicht. Die geschichtliche Entwicklung, die zu Götzens Lebenszeit das Mittelalter enden und die Neuzeit beginnen läßt, ist ein vielfaltiger Vorgang, für den kein Einzelner verantwortlich ist, der jedoch in das Leben jedes Einzelnen eingreift. Daher ist die Tragik dieses dramatischen Helden keine Schuld, kein Fehler und kein Irrtum, sondern ein Verhängnis. Es wird in scheinbar nebensächlichen Elementen und verbindungslos aneinandergereihten Auftritten der dramatisierten Geschichte deutlicher als in der straffer gebauten Handlung der Fassung von 1773. Der 'notwendige Gang des Ganzen" geht über die Freiheit des Einzelnen hinweg. Das Beiwort 'prätendirt" ist hier wichtig: die Freiheit ist der selbstverständliche Anspruch des Menschen, ihre Verwirklichung immer ein Problem. Daher ist der 'Geist", der die gegen Götz wirkenden Kräfte zusammenführt, zwar zu umschreiben, aber nicht in einer einzelnen Person zu fassen.
      Am deutlichsten wird die Wirkung der geschichtlichen Entwicklung in einer Zeit des Ãobergangs wie den Jahren um 1500. Deshalb hat Goethe den Reichsritter Götz von Berlichingen zum Helden seines Dramas gemacht. Kr steht am Ende einer Epoche. Viele Episoden und Auftritte, die als überflüssig erscheinen könnten, wenn man sie als vorwärtstreibende oder verlangsamende Momente einer dramatischen Handlung betrachtete, verdeutlichen das. Da ist einmal das Schicksal des Kaisers, der im Dritten Aufzug auf dem Reichstag zu Augsburg seine Machtlosigkeit und Isolation erfahren muß. Erkennbar wird das auch an der Beziehung Götzens zum Kaiser: zwischen beide schieben sich Instanzen und Institutionen, die das von Götz angestrebte und ursprüngliche persönliche Verhältnis stören. Es entsteht das moderne Staatswesen mit seinen mannigfachen Einrichtungen, wie Herder es in seiner Gcschichtsphilosophic 1773 beschreiben sollte: das Heer ersetzt die Gefolgschaft des Vasallen, das Gericht mit kaiserlichen Räten den Rechtsspruch des Kaisers, und die Macht der Fürsten nimmt zu, so daß die Reichsunmittelbarkeit der freien Ritter eingeschränkt wird und sie selbst in die Rolle von Untertanen gedrängt werden. Im Drama findet dieser Prozeß seinen Höhepunkt im Fünften Aufzug, da Götz sich verleiten läßt, am Bauernaufstand teilzunehmen. Hier zeigt sich, daß seine Zeit vergangen ist. Insofern steht er an einer Zeitenwende wie Goethe und seine Zeitgenossen zur Entstchungszeit des Stückes, aber, anders als dieser, ist er nicht der Vertreter der neuen, sich eben ankündigenden Zeit, sondern lebt, vor Beginn des neuen Jahrhunderts geboren, noch im Bewußtsein des alten. Weil er ein tragischer Held ist, geht er als Zeitgenosse der endenden Epoche zugrunde. Dies vorzuführen, ist die Aufgabe des Sohnes Carl. Hatte der geschichtliche Gottfried von Berlichingen in zwei Ehen zehn Kinder, darunter sieben Söhne, so hat Goethes Götz nur den einen, und der wird als Klosterbruder keine Kinder haben.
      Die Entwicklung zur Neuzeit, die Götz an der Schwelle zweier Zeitalter erlebt, ist sein tragisches Schicksal. Goethe hat ihn zum Helden seinesersten Dramas gemacht, weil er in seiner Person alte deutsche Charakter-züge ausgeprägt sieht, die dem Werk seinen 'nationalen Gehalt" geben. Flatte Klopstock in seinen Hermanns-Dramen das germanische Altertum dargestellt, von dem wir kaum etwas wissen, so greift Goethe im Zusammenhang mit der Gestalt Götzens Fragen auf, die zu dessen Zeit Bedeutung gewinnen und für Gesellschaft und Staat über Goethes Zeit hinaus Bedeutung behalten sollen. Sie sind dem jungen Dichter durch Studium und Erfahrung vertraut. Im Ersten Aufzug wird in der Umgebung des Bischofs von Bamberg die Veränderung des Rechtswesens erörtert, die mit dem Wormser Reichstag von 1495 das alte Faustrecht außer Kraft setzte, das aus dem spätantiken Corpus iuris civilis abgeleitete und in Oberitalien ausgebildete ins commune in Deutschland einführte und damit eine Rationalisierung des gesamten öffentlichen Lebens bewirkte. Das Reichskammergericht wurde gegründet, und der neue Berufsstand des Juristen entstand.
      Goethe hat diese Entwicklung, noch bevor er als Praktikant in Wetzlar das Reichskammergericht kennenlernte, im Gespräch des Bischofs mit Olearius nachgezeichnet: Olearius nennt sich lateinisch statt mit dem Namen seines Vaters Ã-hlmann; er berichtet, wie sich der deutsche Adel zu Bologna in Oberitalien der juristischen Studien befleißigt und wie auf diesem Wege die welsche Lebensweise in das deutsche Leben eindringt. Betrachtet man unter diesem Gesichtspunkt die in Götz von Berlichingen Person gewordene und untergehende Freiheit, dann stellt sie sich als ein Leben nach eigener Art und nach eigenen, bewährten Ãoberlieferungen dar. Goethe waren diese Ãoberlieferungen seit früher Kindheit vertraut. Sein Großvater Johann Wolfgang Textor war Schöffe und Schultheiß in Frankfurt. Sein Haus 'schien ehmals eine Burg gewesen zu sein"; Im Ur-Götz kritisiert Olearius die Tätigkeit der Frankfurter Schöffen:
'Es gelangt niemand zur Würde eines Richters als der durch Alter und Erfahrung eine genaue Kenntniss des innern und äussern Zustandes der Stadt, und eine stareke Urteilskrafft sich erworben hat das vergangne auf das gegenwärtige anzuwenden. So sind die Schöffen lebendige Archive, Chronicken, Gesetzbücher, alles in einem, und richten nach altem Ffer-komm, und wenigen Statuten ihre Bürger und die Nachbaarschafft.

      Abt. Das ist wohl gut.
      Olearius. Aber lange nicht genug. Der Menschen Leben ist kurz und in einer Generation kommen nicht alle Casus vor. Eine Sammlung solcher Fälle vieler Jahrhunderte ist unser Gesetz Buch" .
      Hier wird deutlich, wie die fremde Rechtsordnung von dem in altem Herkommen heimischen Götz als unverständlich und unnatürlich empfunden werden muß. Die lebendige Rechtsprechung nach alter, von Mund zu
Mund weiter gereichter Erfahrung wird durch das fremdartige Recht ersetzt; die eigene Lebensweise wird durch unverständliche Neuerungen in Frage gestellt, ja für Unrecht erklärt und verfolgt.
      Für Götz bleibt dieses neue und fremde Recht unverständlich. Goethe konnte wenig später in den Patriotischen Phantasien des Osnabrücker Staatsmannes und Historikers Justus Moser eine Verteidigung des alten Faustrechts lesen, die schon im April 1770 in den Osnabrücker Intelligenzblättern erschienen war. Ist der vom Wormser Reichstag 1495 verkündete allgemeine Landfrieden unter dem Gesichtspunkt einer Modernisierung des Rechtswesens ein Fortschritt, so sieht der Jurist Moser im mittelalterlichen Faustrecht, wie Götz es übt, keine Störung der öffentlichen Ordnung, sondern eine gerechtfertigte Maßnahme zur Selbsthilfe, die das Unrecht bekämpft und damit der Verwirklichung des Rechtes dient. 'Die einzelnen Räubereien", die mit unterliefen, seien geringfügig gewesen im Vergleich mit den Folgen moderner Kriege; daß sie überhaupt erwähnt werden, zeige ihre Seltenheit. In den Kriegen des 18. Jahrhunderts bestehe keine Gelegenheit mehr, persönliche Stärke und Mut unter Beweis zu stellen, auch würden die meisten Kriege jetzt um Privatinteressen einzelner Fürsten geführt .
      Indem Götz das alte Faust- und Fehderecht übt, verkörpert er alte deutsche Traditionen. Das Drama ist, so gesehen, eine nationale Dichtung, auch in der patriarchalischen Lebensweise, die Götz im Umgang mit seinen Knechten übt, vor allem aber in der Sprache, die er spricht. Sie enthält zahlreiche Archaismen, wie /.. B. 'das Mannlin" , 'ich redts laut mit Fleis" , 'wahrscheinlicher Weisse" , 'Vorschub tuhn" , 'Spitze bieten" , sie ist bildhaft, wie z. B.: 'roth wie ein Krebs am Hals vor Zorn" , 'der Katze die Schelle anhängen" , 'der Kayser sitzt an der Quelle" , 'mit der Hand in die Kohlen schlagen" , und sie ist bisweilen drastisch: die goldnen Ketten stehen des kaiserlichen Räten 'wie dem Schweine das Halsband" , 'sie sind angefaulte Hundsfütter" , oder 'F.sel der Gerechtigkeit", und den Hauptmann der gegen ihn aufgebotenen Belagerungstruppen fordert er auf - aber das ist bekannt . Damit ruft Goethe literarische Traditionen des fünfzehnten Jahrhunderts auf; sie sind teils mit der Sprache Luthers - sie war Goethe von Kindheit an durch die Bibel vertraut - teils mit dem Grobianismus verbunden.
      Im Zusammenhang mit der Sprache Götzens und anderer Figuren sind auch die v. a. gegen Ende des Dramas sichtbaren Züge volksläufiger Traditionen zu sehen: gehört das heimliche Gericht, das das Urteil über Adelheid spricht, in den Zusammenhang des alten deutschen Rechts, das Götz als 'Wiedervergeltungs Recht" übt, so gehört das Orakel, das die Zigeunerin aus Adelheids Hand liest, ebenso wie die Geistererscheinung, die Adelheid vor ihrem Ende heimsucht, in den Bereich der vom Aberglaubengedeuteten Vorzeichen, wie auch das Pferd Weislingens, das bei seinem Ritt ins Schloßtor scheut.
      Das Drama führt vor, wie die Lebensmöglichkeiten des ursprünglich freien und großen Götz zunehmend eingeengt werden, so daß er, der zu Beginn bei seinen Unternehmungen die Wälder durchstreifte, nun auf 'ein Gärtgen am Gefängniss" eingeschränkt ist. In der Welt ist kein Platz für ihn.
      Die Tragödie Götz von Bcrlichingens ist die Tragödie des großen Menschen. 'Groß" hat hier die für den Sturm und Drang kennzeichnende Bedeutung. Nicht die gesellschaftliche Stellung, Macht oder Einfluß machen die Das ist eine deutliche Anspielung auf 1. Kor. 12,

V.

10, wo die Gabe, 'Geister zu unterscheiden" als eine Gnadengabe des Christen in der Gemeinde genannt wird. Götz wird damit in die Nähe des Genius gerückt; er ist, wie Erwin von Steinbach, ein '
Dieser Freiheit zum Genuß entspricht die Freiheit, auch aus der Not eine Stärke zu machen. Daher will Bruder Martin die eiserne Hand küssen, da sie 'mehr wehrt als Reliquien Hand durch die das heiligste Blut geflossen ist." Erhebt sich Götz mit dem unbelebten Hilfsmittel über den körperlichen Mangel, so ist er auch frei, da ihn der Mangel in seinen Lebensgewohnheiten angreift: während der Belagerung seiner Burg teilt er die letzte Flasche Wein mit seinen Leuten. Der Freiheit im Genuß entspricht die Freiheit zum Verzicht. Und der wiederum entsprechen Offenheit und Zutrauen zu anderen. Die Beziehung zu Weisungen stellt das dar. Obwohl einen Kenner der Person der Treubruch des Freundes kaum überraschen dürfte, mag Götz nicht daran glauben, weil er sich in seiner Geradlinigkeit
- er nennt sich selbst 'getreuherzig" - weder den Bruch eines Versprechens, noch die Schwäche einer durch die Umstände bestimmbaren Existenz, noch ein Leben als Höfling vorstellen mag: Freiheit ist Autarkie
- Unabhängigkeit - und Autonomie - Leben nach eigenen Gesetzen. Seine kriegerische Tüchtigkeit und seine körperliche Kraft machen jene personalen Qualitäten nach außen hin sinnlich faßbar.
      Im Gegensatz zum Bruder Martin, dem durch seine Gelübde verboten ist, 'Mensch seyn zu dürfen" ist Götz ein Mensch im vollen Sinn des Wortes: ein unabhängiger Mensch, der ohne die Hilfe anderer lebt. Von diesem Anfang, der die Größe Götzens zeigt, ist der Schluß zu verstehen:
'Himlischc Lufft - Freyheit. Freyheit!

Elisabeth. Nur droben droben bei dir. Die Welt ist Gefängniss.
      Marie. Edler edler Mann. Wehe dem Jahrhundert das dich von sich sties.
      Lersee. Wehe der Nachkommenschafft die dich verkennt."
Die Welt, zur Zeit Gottfried von Berlichingens wie zur Zeit Goethes, ist unfrei; das 'Wehe" wird über sie gesprochen, wenn sie Götz und seine Freiheit verkennt: Die Welt bedarf seiner wie sie des Genius bedarf. Denn nur in der Erkenntnis seines Geistes ist die Möglichkeit gegeben, Freiheit als tatsachlich gelebte Wirklichkeit zu erkennen.
      Ist Größe, verstanden als persönliche Qualität, als Freiheit und schöpferische Kraft die Losung des Sturm und Drang, in der sich wesentliche künstlerische Bestrebungen der 1770er Jahre ausdrücken, so hat Goethes Götz von Berlichingen mit dieser Darstellung des freien und großen Menschen tatsächlich einen Wurf getan, der weitreichende literarische Folgen hatte. Zunächst entstanden im Gefolge des Götz zahlreiche Ritterstücke. Otto Brahm hat 38 Tutel gesammelt von Dramen, die zwischen 1775 und 1811 erschienen : Erläuterungen und Dokumente. Johann Wolfgang Goethe. Götz von Berlichingen. Stuttgart 1973 u. ö. S. 159 f.). Handelt es sich dabei um eine literarische Mode, die zumal zur Zeit der Romantik blühte, so ist mit dem Jahre 1811 die Tradition keineswegs abgerissen; sie wurde von Ludwig Unland mit Ernst, Herzog von Schwaben und Friedrich Hebbel mit Genoveva fortgeführt; Wagners Eohengrin und Parsifal sind dieser Tradition ebenso verbunden wie die zahlreichen Ritterromane. F,s gab die Gattung zwar schon lange vor Goethes Götz; ihre Anfange reichen bis zu den mittelalterlichen Versepen zurück, und um 1600 war sie in Europa so verbreitet, daß Miguel Cervantes de Saavedra sie im Don Quijotc parodierte. Aber daß der neue Ritterroman am Ende des achtzehnten Jahrhunderts in Deutschland so populär werden konnte, ist auf Götz von Berlichingen zurückzuführen. Die Anteilnahme eines breiten Publikums an einer überzeugenden Identifikationsfigur und an der eigenen nationalen Vergangenheit wurde durch die Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand erregt und lebendig erhalten.
     

 Tags:
Die  Tragödie  großen  Menschen  -  Geschichte  Gottfriedens  Berlichingen  mit  der    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com